Outing im Vergleich zu anderen Lebensveränderungen
Outing im Vergleich zu anderen Lebensveränderungen - # 2

Intergeschlechtliche Menschen, Crossdresser, Transgender, Transidente: Diskussionen über partnerschaftliche Aspekte, Rat und Tat für PartnerInnen und Familie
Jade
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Re: Outing im Vergleich zu anderen Lebensveränderungen

Post 16 im Thema

Beitrag von Jade »

MiaJoanna hat geschrieben: Do 3. Sep 2026, 07:52 ....

...Ist ein Outing, bei dem man tatsächlich offen auf die Partnerin zugeht und sich öffnet nicht genau das Gegenteil ? Ein Vertrauensbeweis ? Auf die anderen Punkte gehe ich bewußt nicht ein, dieser eine Punkt war aber bei uns persönlich ein Thema daher würde mich interessieren ob das andere ähnlich sehen...
Das ist es absolut. Aber ich zum Beispiel habe das so nicht verstanden.

Das Verrückte ist, das der erste Gedanke nicht ist: "wie wunderbar das mein Partner so viel Vertrauen zu mir hat". Mein erster Gedanke war leider:" um Gottes Willen, was sollen die Nachbarn denken, wie soll das weiter gehen, lebe ich jetzt bald mit einer Frau zusammen?"
Und danach hat mein Gehirn langfristig geschlossen gehabt. Leider.

Zudem ist mein Mann eher leidenschaftlich verschwiegen. Er hat mir sozusagen "Zeichen" gegeben, die ich aber als Angriff oder vielmehr Affront verstanden habe. Nicht als "Bitte um ein Gespräch".
Das hat mir dann mal jemand gesagt. Ich solle es nicht als Affront verstehen, sondern als Gesprächsaufforderung - weil er die Worte nicht findet. Dieser Satz hat bei uns viel verändert.

Liebe Grüße
Jade
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Re: Outing im Vergleich zu anderen Lebensveränderungen

Post 17 im Thema

Beitrag von MiaJoanna »

Jade hat geschrieben: Do 3. Sep 2026, 09:28
MiaJoanna hat geschrieben: Do 3. Sep 2026, 07:52 ....

...Ist ein Outing, bei dem man tatsächlich offen auf die Partnerin zugeht und sich öffnet nicht genau das Gegenteil ? Ein Vertrauensbeweis ? Auf die anderen Punkte gehe ich bewußt nicht ein, dieser eine Punkt war aber bei uns persönlich ein Thema daher würde mich interessieren ob das andere ähnlich sehen...
Das ist es absolut. Aber ich zum Beispiel habe das so nicht verstanden.

Das Verrückte ist, das der erste Gedanke nicht ist: "wie wunderbar das mein Partner so viel Vertrauen zu mir hat". Mein erster Gedanke war leider:" um Gottes Willen, was sollen die Nachbarn denken, wie soll das weiter gehen, lebe ich jetzt bald mit einer Frau zusammen?"
Und danach hat mein Gehirn langfristig geschlossen gehabt. Leider.

Zudem ist mein Mann eher leidenschaftlich verschwiegen. Er hat mir sozusagen "Zeichen" gegeben, die ich aber als Angriff oder vielmehr Affront verstanden habe. Nicht als "Bitte um ein Gespräch".
Das hat mir dann mal jemand gesagt. Ich solle es nicht als Affront verstehen, sondern als Gesprächsaufforderung - weil er die Worte nicht findet. Dieser Satz hat bei uns viel verändert.

Liebe Grüße
Jade
Ich wage mal eine Prognose....im Verhalten Deines Mannes werden sich viele wiedererkennen...ich bin ähnlich gestrickt. Wenn meine Frau bestimmte Themen anspricht ist, obwohl absolut unnötig, sofort die Scham da...dieses Gefühl nicht darüber sprechen zu können obwohl ich das eigentlich auch will.
Ich hatte daher auch eine große Bitte an sie gestellt: hilf mir mich auszudrücken, hilf mir das raus zu lassen, was mir auf der Seele liegt. Es wird (ein wenig) besser, aber ich habe noch einiges zu lernen.
Ich weiß nicht ob das für jeden verständlich ist, ich verstehe es selbst nicht.... es ist halt schwierig für alte Hunde neue Tricks zu lernen ;)
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Re: Outing im Vergleich zu anderen Lebensveränderungen

Post 18 im Thema

Beitrag von AlessiA1985 »

Michi hat geschrieben: Mi 2. Sep 2026, 22:03 Gedanken zum längeren Verschweigen

Es gibt ja typischerweise triftige Gründe dafür, das Thema CD (oder trans*) so lange zu verschweigen:
1. Ablehnung durch die Gesellschaft, die ja zwangsläufig auch internalisiert wird, sowie die daraus resultierende Angst vor Stigmatisierung, Ablehnung durch Partnerin und Familie, sowie Ächtung durch die Gesellschaft. Gerade bei Männern ist CD so sehr stigmatisiert, dass sich wohl die meisten lange selbst verabscheut haben. Jeder CD und ebenso jede trans* Frau hat sich wohl mindestens eine Zeit lang abgelehnt und aktiv versucht oder zumindest passiv gehofft, irgendwie "normal" zu werden.
2. Ablehnung durch die Partnerin, selbst wenn diese sich bei Fremden tolerant gibt. Nicht gerade wenige haben irgendwann schon mal von ihrer Partnerin einen Satz in der Art: "... aber nicht bei meinem Mann" gehört, sofern die Partnerin sich nicht sowieso generell ablehnend zu dem betreffenden Thema (oder Kleidungsstück) geäußert hat.
Danke, du sprichst mir hier aus der Seele, genauso geht es mir (cry) Ich würde jetzt nicht sagen, ich habe diese Seite an mir verabscheut habe, aber ich habe immer gehofft, dass sie irgendwann einfach verschwindet und ich schon noch "normal" werde.

Wegen der Stigmatisierung, Diskriminierung etc. habe ich mich nicht getraut diesen Weg zu gehen. Auch Fragen über berufliche Perspektiven, dem Wunsch nach Familie etc. Ich habe das einfach als unmöglich bzw. unvereinbar für mich wahrgenommen. Es kommt also einiges zusammen.

Ich habe mich auch immer schwer mit Frauen getan und hatte vor meiner Ehefrau nur kurze Beziehungen und wurde immer enttäuscht.. Ich habe mir aus irgendeinem Grund immer eingeredet, dass diese Seite an mir verschwindet, wenn ich eine richtige Beziehung führe, dass es nur da ist, weil ich meinen Misserfolg bei der Damenwelt damit kompensiere meine eigene "Weiblichkeit" auszuleben.
Eine Weile hat das auch funktioniert, aber es ging nie weg.

Nach so langer Zeit dann damit um die Ecke zu kommen, weil es unerträglich wird ist dann schon eine Hausnummer, die ich mir nach wie vor nicht zutraue.
Der zweite Punkt den du geschrieben hast passt da sehr gut. Genauso kenne ich es auch von meiner Frau.

Wie meine Überzeugungen zu gegebenen Zeiten zu werten sind steht auf einem anderen Blatt, aber es war so und es ist nicht mehr zu ändern.
Jade hat geschrieben: Do 3. Sep 2026, 06:40 Ich finde es unglaublich schwer zu beschreiben, wie es mir ging. Im Grunde genommen ist wahrscheinlich die Antriebsfeder für all die verbalen Verletzungen und dieses "heftige Denken" Angst. Angst vor der Veränderung im Leben, die ein Outing mit sich bringt.
Angst vor dem Unverständnis der Umwelt.
Angst vor dem, was eventuell weiter passiert.
Deine Gedanken sind meinen eigenen über mich selbst gar nicht so unähnlich. Ich weiß nicht wie es anderen CD und Transpersonen geht, aber mir geht es genau so: Angst vor Unverständnis, Angst vor dem, wie es weiter geht, ja ich habe gewissermaßen Angst vor mir selbst. Das sage ich ganz frei von Bewertung.
Deswegen finde ich deine Gedanken nicht abwegig, zum einen weil ich sie selbst über mich selbst teile, zum anderen wegen Punkt 1 den Michi genannt. Die soziale Konditionierung betrifft uns nun mal alle, deswegen glaube ich nicht, dass man es den Menschen grundsätzlich vorwerfen sollte, wenn sie diese aufweisen.

Solche Grundannahmen, so moralisch verwerflich sie auch sein mögen, zu hinterfragen und sich neu zu konditionieren benötigt einen mentalen Aufwand und ich glaube viele Menschen sind dazu nicht willens, nicht fähig, zu faul, oder eine Mischung aus allem. Ich habe schon viele schlechte Überzeugungen zu dem Thema gehabt, auch weil ich es immer wieder an mir selbst nicht wahrhaben wollte und Gründe gesucht habe, warum ich nicht so bin. Im Laufe der Zeit haben sie sich aufgelöst und geändert, innerlich stehe ich nun dazu.. Immerhin, auch wenn es quält.
MiaJoanna hat geschrieben: Do 3. Sep 2026, 07:52 Ist ein Outing, bei dem man tatsächlich offen auf die Partnerin zugeht und sich öffnet nicht genau das Gegenteil ? Ein Vertrauensbeweis ?
Das ist ein interessanter Gedanke. Ich glaube die Umstände machen einen Unterschied wie es sich anfühlt. Würde ich mich z. B. einem guten Freund öffnen, würde ich Vertrauen zu ihm beweisen, dass er damit feinfühlig umgeht. Wenn ich mich aber meiner Frau gegenüber öffnen würde, würde es sich für mich persönlich nicht nach einem Vertrauensbeweis anfühlen, sondern nach einem Geständnis. Warum das so ist erklärt sich sicherlich durch den Rest meines Beitrages.
Jade hat geschrieben: Do 3. Sep 2026, 09:28 Das Verrückte ist, das der erste Gedanke nicht ist: "wie wunderbar das mein Partner so viel Vertrauen zu mir hat". Mein erster Gedanke war leider:" um Gottes Willen, was sollen die Nachbarn denken, wie soll das weiter gehen, lebe ich jetzt bald mit einer Frau zusammen?"
Und danach hat mein Gehirn langfristig geschlossen gehabt. Leider.
Ich fürchte die Gedanken meiner Frau wären in etwa genau so und ich würde es auch verstehen, wenn sie die Ehe so nicht aufrecht erhalten wollen würde. Ich könnte zum Beispiel auch nicht klar beantworten, wie weit es für mich gehen würde. Ich könnte anders herum aber auch nicht damit leben, wenn ich nicht so akzeptiert werde wie ich wirklich bin. Mir wäre es aber wichtig böses Blut zu vermeiden, zumindest soweit es in meiner Macht steht. Auf die Gefühle und Gedanken meiner Mitmenschen habe ich keinen nennenswerten Einfluss, da kann ich nur hoffen.

So sind jedenfalls meine persönlichen Empfindungen und Gedanken dazu.
"Riding hard every shooting star
Come to life, open mind, have a laugh at the orthodox
Come, drink deep let the dam of mind seep
Travel with great élan, dance a jig at the funeral

Come!"
Claudia
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Re: Outing im Vergleich zu anderen Lebensveränderungen

Post 19 im Thema

Beitrag von Claudia »

Es ist schon ungewöhnlich, aber ich habe es damals ganz anders erlebt als ihr es hier beschreibt.
AlessiA1985 hat geschrieben: Do 3. Sep 2026, 12:15 Ich habe mich auch immer schwer mit Frauen getan und hatte vor meiner Ehefrau nur kurze Beziehungen und wurde immer enttäuscht.. Ich habe mir aus irgendeinem Grund immer eingeredet, dass diese Seite an mir verschwindet, wenn ich eine richtige Beziehung führe, dass es nur da ist, weil ich meinen Misserfolg bei der Damenwelt damit kompensiere meine eigene "Weiblichkeit" auszuleben.
Diese Hoffnung hatte ich damals auch, zumal es keine Beziehungen gab. Aber wenn es denn eine gäbe, könnte das ja vorbei sein. Zu der Zeit hatte ich mich noch ganz klar als CD definiert.

Und dann bahnte sich eine Beziehung an, sehr klar in der Richtung, dass sie langfristig oder sogar dauerhaft werden könnte. Als dann so die ersten Gedankenin Richtung Ehe hoch kamen, stellte ich mir die Frage: Wird es dann wirklich aufhören? Mir wurde aber sehr schnell klar, dass die Antwort darauf ein klares Nein ist. Also immer verstecken, permanente Heimlichkeiten, immer Gelegenheiten nutzen, wenn ich mal allein wäre. So hatte ich es über Jahrzehnte erlebt, als ich noch bei meinen Eltern lebte. Und ähnlich war es auch jetzt im Studenten-Wohnheim. Tür abschließen, nicht auf Kontaktversuche reagieren, so isoliert für ein, zwei Stunden wirklich ich sein.

Diesen wichtigen Teil von mir innerhalb einer Beziehung permant zu verstecken würde ich nicht durchhalten. Zudem hätte ich es in gewisser Weise als Betrug empfunden.
AlessiA1985 hat geschrieben: Do 3. Sep 2026, 12:15 Das ist ein interessanter Gedanke. Ich glaube die Umstände machen einen Unterschied wie es sich anfühlt. Würde ich mich z. B. einem guten Freund öffnen, würde ich Vertrauen zu ihm beweisen, dass er damit feinfühlig umgeht. Wenn ich mich aber meiner Frau gegenüber öffnen würde, würde es sich für mich persönlich nicht nach einem Vertrauensbeweis anfühlen, sondern nach einem Geständnis.
Für mich fühlte es sich auch wie ein Geständnis an, aber nicht mit negativen Beigeschmack. Es das Offenlegen einer Seite von mir, die sie bis dahin nicht kannte. Dieses Geständnis war verbunden mit der Hoffnung, Überlegung, diese Seite könnte sich durch das Zusammenleben auflösen und verschwinden. Und gleichzeitig mit der Frage an sie, falls das nicht passiert: "Kannst du damit leben?" Ihre Antwort war sehr klar: "Versuchen wir es!"

Nun, es verschwand nicht und über viele Jahre konnte ich diesen Teil von mir im privaten Bereich auch wirklich leben. Wenn wir allein waren, so an den Wochenenden kam dann Claudia immer mehr hervor, nahm immer mehr Raum ein. Die Kinder sind mit Claudia aufgewachsen. Das ging über 30 Jahre sehr gut, auch wenn es mir immer schwerer fiel, dieses rein Private aufrecht zu erhalten. Der Drang nach Öffnung wurde in mir immer stärker, aber ich hatte da ein Versprechen gegeben und das musste und wollte ich einhalten.

Bis es dann an einem Nachmittag zu einem ernsten Gespräch dazu kam, wobei mich meine Frau mit einer Frage überraschte: "Ich weiß nicht, warum du nicht den ganzen Weg gehst? Du bist doch immer Claudia." Ich hatte es das immer ausgeschlossen, wollte doch die Ehe, das Zusammeleben nicht aufgeben. Wir hatten dann entschieden, dass wir auch diesen Weg gemeinsam versuchen. So suchte ich mir einen Therapieplatz, den ich damals (2011) für heute Verhältnisse überraschend schnell gefunden habe. Und dann ging es wirklich strem schnell. Schon nach dem ersten Gespräch war mir absolut klar, in der männlichen Rolle weiterleben geht nicht mehr. Also nur noch Claudia, ganz offen, in allen Lebensbereichen. Meine Kolleg:innen hatte ich während der kurzen Wartezeit auf die Therapie schon informiert, dass das kommen würde und der Rest der Welt war mir egal.

Das ging so eine ganze Weile gut, aber nach ein paar Monaten sagte mir meine Frau dann, dass sie doch so mit mir nicht mehr zusammenleben könnte. Die Zeit vorher, Claudia nur an den Wochenenden, das ging gut, aber dauerhaft mit einer Frau zusammenleben möchte und könnte sie dann doch nicht. So suchte sie sich eine eigene Wohnung, es gab die Trennung und ein Jahr später die Scheidung. Aber - und das ist das Wichtige daran - wir hatten immer sehr offen alles besprochen, es war keine Trennung im Streit, nur ging das Zusammenleben nicht mehr. Jetzt leben wir in gewisser Weise wie Freundinnen, telefonieren, haben gemeinsam mit den Kindern Austausch über WA und besuchen uns ab und zu mal.

Worauf ich damit hinaus will ist meiner Ansicht nach klar erkennbar. Von Anfang an offene Gespräche führen, die Empfindungen des Lieblingsmenschen und die eigenen beachten und daraus gemeinsame Lösungen entwickeln. So kann ich für mich nur sagen - von anderen Problemen mal abgesehen - hatte ich bisher ein glückliches Leben. Das frühe Outing war da hilfreich, wenn nicht sogar notwendig.

LG Claudia
The greatest act of courage is to be & own all that you are. Without apology.
Without excuses & without any masks to cover the truth of who you truly are.
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