Michi hat geschrieben: Mi 2. Sep 2026, 22:03
Gedanken zum längeren Verschweigen
Es gibt ja typischerweise triftige Gründe dafür, das Thema CD (oder trans*) so lange zu verschweigen:
1. Ablehnung durch die Gesellschaft, die ja zwangsläufig auch internalisiert wird, sowie die daraus resultierende Angst vor Stigmatisierung, Ablehnung durch Partnerin und Familie, sowie Ächtung durch die Gesellschaft. Gerade bei Männern ist CD so sehr stigmatisiert, dass sich wohl die meisten lange selbst verabscheut haben. Jeder CD und ebenso jede trans* Frau hat sich wohl mindestens eine Zeit lang abgelehnt und aktiv versucht oder zumindest passiv gehofft, irgendwie "normal" zu werden.
2. Ablehnung durch die Partnerin, selbst wenn diese sich bei Fremden tolerant gibt. Nicht gerade wenige haben irgendwann schon mal von ihrer Partnerin einen Satz in der Art: "... aber nicht bei meinem Mann" gehört, sofern die Partnerin sich nicht sowieso generell ablehnend zu dem betreffenden Thema (oder Kleidungsstück) geäußert hat.
Danke, du sprichst mir hier aus der Seele, genauso geht es mir

Ich würde jetzt nicht sagen, ich habe diese Seite an mir verabscheut habe, aber ich habe immer gehofft, dass sie irgendwann einfach verschwindet und ich schon noch "normal" werde.
Wegen der Stigmatisierung, Diskriminierung etc. habe ich mich nicht getraut diesen Weg zu gehen. Auch Fragen über berufliche Perspektiven, dem Wunsch nach Familie etc. Ich habe das einfach als unmöglich bzw. unvereinbar für mich wahrgenommen. Es kommt also einiges zusammen.
Ich habe mich auch immer schwer mit Frauen getan und hatte vor meiner Ehefrau nur kurze Beziehungen und wurde immer enttäuscht.. Ich habe mir aus irgendeinem Grund immer eingeredet, dass diese Seite an mir verschwindet, wenn ich eine richtige Beziehung führe, dass es nur da ist, weil ich meinen Misserfolg bei der Damenwelt damit kompensiere meine eigene "Weiblichkeit" auszuleben.
Eine Weile hat das auch funktioniert, aber es ging nie weg.
Nach so langer Zeit dann damit um die Ecke zu kommen, weil es unerträglich wird ist dann schon eine Hausnummer, die ich mir nach wie vor nicht zutraue.
Der zweite Punkt den du geschrieben hast passt da sehr gut. Genauso kenne ich es auch von meiner Frau.
Wie meine Überzeugungen zu gegebenen Zeiten zu werten sind steht auf einem anderen Blatt, aber es war so und es ist nicht mehr zu ändern.
Jade hat geschrieben: Do 3. Sep 2026, 06:40
Ich finde es unglaublich schwer zu beschreiben, wie es mir ging. Im Grunde genommen ist wahrscheinlich die Antriebsfeder für all die verbalen Verletzungen und dieses "heftige Denken" Angst. Angst vor der Veränderung im Leben, die ein Outing mit sich bringt.
Angst vor dem Unverständnis der Umwelt.
Angst vor dem, was eventuell weiter passiert.
Deine Gedanken sind meinen eigenen über mich selbst gar nicht so unähnlich. Ich weiß nicht wie es anderen CD und Transpersonen geht, aber mir geht es genau so: Angst vor Unverständnis, Angst vor dem, wie es weiter geht, ja ich habe gewissermaßen Angst vor mir selbst. Das sage ich ganz frei von Bewertung.
Deswegen finde ich deine Gedanken nicht abwegig, zum einen weil ich sie selbst über mich selbst teile, zum anderen wegen Punkt 1 den Michi genannt. Die soziale Konditionierung betrifft uns nun mal alle, deswegen glaube ich nicht, dass man es den Menschen grundsätzlich vorwerfen sollte, wenn sie diese aufweisen.
Solche Grundannahmen, so moralisch verwerflich sie auch sein mögen, zu hinterfragen und sich neu zu konditionieren benötigt einen mentalen Aufwand und ich glaube viele Menschen sind dazu nicht willens, nicht fähig, zu faul, oder eine Mischung aus allem. Ich habe schon viele schlechte Überzeugungen zu dem Thema gehabt, auch weil ich es immer wieder an mir selbst nicht wahrhaben wollte und Gründe gesucht habe, warum ich nicht so bin. Im Laufe der Zeit haben sie sich aufgelöst und geändert, innerlich stehe ich nun dazu.. Immerhin, auch wenn es quält.
MiaJoanna hat geschrieben: Do 3. Sep 2026, 07:52
Ist ein Outing, bei dem man tatsächlich offen auf die Partnerin zugeht und sich öffnet nicht genau das Gegenteil ? Ein Vertrauensbeweis ?
Das ist ein interessanter Gedanke. Ich glaube die Umstände machen einen Unterschied wie es sich anfühlt. Würde ich mich z. B. einem guten Freund öffnen, würde ich Vertrauen zu ihm beweisen, dass er damit feinfühlig umgeht. Wenn ich mich aber meiner Frau gegenüber öffnen würde, würde es sich für mich persönlich nicht nach einem Vertrauensbeweis anfühlen, sondern nach einem Geständnis. Warum das so ist erklärt sich sicherlich durch den Rest meines Beitrages.
Jade hat geschrieben: Do 3. Sep 2026, 09:28
Das Verrückte ist, das der erste Gedanke nicht ist: "wie wunderbar das mein Partner so viel Vertrauen zu mir hat". Mein erster Gedanke war leider:" um Gottes Willen, was sollen die Nachbarn denken, wie soll das weiter gehen, lebe ich jetzt bald mit einer Frau zusammen?"
Und danach hat mein Gehirn langfristig geschlossen gehabt. Leider.
Ich fürchte die Gedanken meiner Frau wären in etwa genau so und ich würde es auch verstehen, wenn sie die Ehe so nicht aufrecht erhalten wollen würde. Ich könnte zum Beispiel auch nicht klar beantworten, wie weit es für mich gehen würde. Ich könnte anders herum aber auch nicht damit leben, wenn ich nicht so akzeptiert werde wie ich wirklich bin. Mir wäre es aber wichtig böses Blut zu vermeiden, zumindest soweit es in meiner Macht steht. Auf die Gefühle und Gedanken meiner Mitmenschen habe ich keinen nennenswerten Einfluss, da kann ich nur hoffen.
So sind jedenfalls meine persönlichen Empfindungen und Gedanken dazu.