Eine Geschichte aus dem Berlin der 1970er: ELLI
Eine Geschichte aus dem Berlin der 1970er: ELLI - # 2

Crossdressing und selbst Erlebtes... Erdachtes
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Anne-Mette
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Re: Geschichte: ELLI

Post 16 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Es trafen viele weitere Polizeiwagen ein und ich sah aus der Ferne, dass Leute verhaftet wurden. Ob Elli auch unter den Verhafteten war? Die Polizei verfuhr wohl nach dem Motto: "Die sehen so aus, als könnten sie dazugehören" und drängte viele junge Leute in die großen Polizeiwagen.
Ich wollte versuchen, den Kurfürstendamm zu erreichen. Zunächst ging ich mit meiner Wegert-Tüte, die mich eher als Touristen zeigte und nicht als Demo-Teilnehmer, am Preußenpark vorbei, dann die Konstanzer Straße entlang und erreichte unbehelligt den Kurfürstendamm, auf dem die Demo schon in vollem Gange war. Ich reihte mich einfach ein und marschierte mit. Als ich mich umsah, bemerkte ich in unserem Block recht viele Vermummte, die ziemlich schwer an ihren Rucksäcken zu schleppen hatten. Mein Bedarf an Abenteuern war für diesen Tag schon gestillt. Deshalb ließ ich mich zurückfallen und landete in einem Block, der ÖTV-Transparente mit sich trug. Eine Frau bat mich, die Tragestange zu übernehmen und hakte sich bei mir unter. Das längere Tragen ging in die Armme, sodass ich gut verstehen konnte, dass sie die Aufgabe an mich übertragen hatte.
Wir erreichten den Endpunkt der Demo. Es wurden verschiedene Ansprachen gehalten, von denen hinten nichts zu verstehen war.
Da ich keine Lust mehr hatte, weiter dort zu bleiben, gab ich die Tragestange an die Frau zurück, die darauf ihrem auf der anderen Seite stehenden Kollegen etwas zurief. Sie legten das Transparent auf den Boden und rollten es ein.
Als ich über eine Seitenstraße den nächsten U-Bahnhof erreichen wollte, traf ich paar Leute von meiner Schule. Durch die Ereignisse am Fehrbelliner Platz war unsere Gruppe auseinandergesprengt worden und jeder war mehr oder weniger für sich gelaufen. Das Transparent konnte leider auch nicht eingesetzt werden.
Von unserer Schule war keiner verhaftet worden, aber viele Leute waren sauer auf Elli und wollten sie zur Rede stellen. Ich konnte aber nichts über ihren Verbleib sagen.
Einer machte den Vorschlag, ein Bier trinken zu gehen. Ich sah in meinen Parka. Ein paar Markstücke hatte ich noch.
So blieben wir eine ganze Weile in einer kleinen Eck-Kneipe und diskutierten. Er war spät abends, als ich nach Hause wankte.
Am nächsten Tag schlief ich erst einmal aus.
Montag saßen wir wieder in unserer Klasse. Es war keine gute Stimmung. Ein Mitschüler hatte eine Zeitung vor sich. "Chaoten gefährden Friedens-Demo" war die Schlagzeile. Er wollte wohl jeden Pfennig seiner Investition aus der Zeitung rauslesen und las sogar die Anzeigen. Als er lange still vor sich hin gelesen hatte, guckte er über seinen Brillenrand und sah zur mir rüber. "Wohnst Du nicht in der Schleiermacher Straße?... im Puff?"
Ich: "Was?"
"Na, steht doch hier:- freundliche junge Damen erwarten Sie in der Schleiermacher Straße. Das ist doch da, wo ich dich vor ein paar Tagen zur Arbeitsgruppe abgeholt habe!"
Daran hatte ich noch nicht gedacht. Ich hatte zwar häufiger mal "Damen" gesehen, aber ich war wohl zu naiv, um gerade daran zu denken.
Der Lehrer erschien und sagte uns, dass wir ein neues Fach "Medien" bekommen würden. Wir sollten den Umgang mit Videogeräten, das Fotografieren und das Vergrößern lernen.
Ich musste an mein Vorpraktikum denken. Ein anderer Praktikant filmte mit der sündhaft teueren Schwarzweißanlage, mit der man nicht zu sehr in die Sonne halten durfte, um sie nicht zu beschädigen. Er war voll mit der Kamera beschäftigt, als ein paar Kinder hinter ihm herliefen, um ihn zu necken. "Was soll ich denn jetzt machen?" fragte er, "eines kann ich doch nur, entweder die Kamera bedienen oder mich um die Kinder kümmern!"
Er entschied sich für die Kinder und schaltete die Kamera aus.
Unsere Klasse wurde in zwei Gruppen aufgeteilt. Eine sollte mit der Videoarbeit in einem Studio in Kreuzberg beginnen. Die andere Gruppe kümmerte sich um das Thema "Fotografie und Entwicklung". Wir bekamen ein Thema gestellt, sollten fotografieren und anschließend entwickeln und eine Ausstellung im Mensabereich vorbereiten.
Ich tat mich mit Frieda zusammen, mit der ich mich schon ein paar Mal unterhalten hatte. Meine Auswahl hatte einen weiteren Hintergrund. Sie sah gut aus und ich hatte die heimliche Hoffnung, sie vielleicht als Modell zu gewinnen; denn am Wochenende hatte ich einen Brief aus Dänemark. Ich sollte so langsam mal mit meinen Fotos in Gang kommen.
Bei einem Kaffee überlegten wir, wie wir das Thema "alte Menschen" angehen sollten. "Friedhof und Markt", sagte Frieda, "dort werden wir alte Menschen finden, also los!"
Wir machten uns auf den Weg. Da kein Markt-Tag war, besuchten wir einen Friedhof in Kreuzberg. Wir kamen uns wie die Detektive vor, als wir mit unseren Kameras hinter den Hecken auf alte Menschen warteten. Groß war unsere Ausbeute nicht. So verabredeten wir uns für den nächsten Samstag und wollten gemeinsam auf einem Markt fotografieren, vielleicht etwas einkaufen und anschließend zusammen kochen. Die Woche verging ohne weitere Vorkommnisse - jedenfalls fast.
In der Wohnung unter der meinigen wohnten zwei Männer, die einen recht handfesten, ja manchmal gewalttätigen Eindruck machten. Sie waren jeden Tag schon früh unterwegs und kamen abends spät zurück, sodass ich sie selten sah. Jeden Freitag schienen sie jedoch zu feiern. Es wurde sehr laut. Oftmals kam es auch zu Prügeleien, die sich im Hausflur fortsetzten.
So auch an jenem Freitag. So schlimm war es noch nie gewesen. Ich fürchtete um meine Sicherheit und schlich mich in Bad und holte die Pistole, die ich immer noch unter der Duschwanne aufbewahrte. Ich öffnete die Wartungsluke und ergriff das kalte Metall. Ich hatte natürlich nicht vor, auf jemanden zu schießen, aber ich steckte auch die Packung mit den Patronen ein.
Es klingelte an meiner Tür. Ein Mann lallte:- "Mach auf, Du schwuler Kommunist!"
Unten hörte ich eine andere Stimme: "Hör auf, Kurt, mach keinen Ärger, sonst fliegen wir noch aus der Wohnung!"
Er schien sich an die Bitte seiner Gastgeber zu halten und entfernte sich. Ich wollte die Pistole schon wieder ins Bad bringen, stopfte sie dann aber samt der Patronen in die Ritze zwischen meinem Bett und der Wand.
Es wurde ruhiger unten; so konnte ich einschlafen.
Als der Wecker klingelt, hatte ich die Ereignisse der letzten Nacht schon fast vergessen. Ich musste mich beeilen; denn Frieda wartete sicher schon auf mich. Schnell hetzte ich los. Sie hatte sich jedoch auch verspätet. Gut gelaunt machten wir uns daran, möglichst viele Aufnahmen von alten Menschen zu machen. Wir fotografierten Frauen, die sich mit schweren Tüten abschleppten, Männer, die in Gruppen zusammenstanden und sich unterhielten, ein altes Ehepaar, das sich gegenseitig stützte, einen alten Mann mit einem kleinen Jungen - sicher sein Enkelkind. So verging die Zeit wie im Fluge. Wir mussten an den eigenen Einkauf denken. Es gab leckere Gemüsesorten, sodass wir uns kaum entscheiden konnten. Schließlich waren unsere Tüten gut gefüllt und wir machten uns auf den Weg in meine Wohnung.
Beim Kochen öffneten wir eine Weinflasche, teils, um das Essen damit zu verfeinern und teils zum eigenen Genuss. "Kann ich bei Dir duschen?" fragte Frieda .
Warum wollen nur alle bei mir duschen...?
Ich hatte nichts dagegen. "Bei uns in der WG geht das warme Wasser nicht", fügte sie als Erklärung hinzug.
Sie verschwand im Bad, während ich den Reis aufsetzte.
Als sie zurück kam, hatte sie ein Handtuch wie einen Turban auf ihrem Kopf - und meinen Bademantel an. "Nein, sagte ich gleich, einen Föhn habe ich nicht!"
"Wie kommst Du darauf, dass ich einen möchte", fragte sie, "ich föhne meine Haare nie!"
Das Essen war lecker; der Wein auch. Gut, dass wir noch eine Flasche hatten. "Ich würde zu gern wissen, wie sie ohne den Bademantel aussieht", dachte ich gerade. Als sie aufstand, um eine neue Platte aufzulegen, zog sie ihn aus und setzte sich auf mein Bett. Ich folgte ihr.
Wir erzählten von dem, was wir neben der Schule so machten, von unseren Plänen, von unserer Zeit vor der Ausbildung. So kam es, dass ich auch über mein Erlebnis in Dänemark berichtete. Einiges habe ich lieber ausgespart. Wenn ich ehrlich bin, erzählte ich mehr oder weniger nur vom Fotoauftrag.
Der Wein hatte mich mutig gemacht und so fragte ich sie geradeaus:- "darf ich mit Dir ein paar Probefotos machen?"
"Aber nicht für einen Porno!" sagte sie entrüstet, "nur für Dich und mich - zum Üben!"
Ich war begeistert und holte die Olympus. Gut, dass ich genügend Filme gekauft hatte. Ich fotografierte sie unter der Decke sitzend, was lustig aussah, dann zog ich die Decke schrittweise herunter und diese gab einen Blick auf ihre Brüste frei. Dann lag sie ganz frei. Ich war beeindruckt.
Da fiel mir ein, dass es eigentlich in der Fotoserie für die Dänen um Dessous gehen sollte. Halterlose Strümpfe hatte sie bestimmt nicht angehabt unter ihrer Hose. Ich fragte aber nach ihrem Slip und ihrem BH. Sie verschwand kurz im Bad. Sie hatte, als sie zurück kam, einen grauen, verwaschenen BH und eine geblümte Unterhose angezogen, so wie sicherlich viele andere Frauen rumliefen.
Ich war etwas enttäuscht. Nach Dessous sah das nicht aus. Trotzdem machte ich ein, zwei Fotos. Da klemmte auch schon der Aufzugshebel der Kamera und zeigte an, dass der Film voll war. Gut!
Wir verzogen uns wieder ins Bett. Ich fragte sie, ob ich ihr die beiden Sachen wieder ausziehn durfte. "Klar, mach nur", sagte sie und dann saß sie schon auf mir.
Wir hatten Spaß und waren danach so erschöpft, dass wir einschliefen, ohne "gute Nacht" zu sagen.
In der Nacht wurden wir von einem schrecklichen Gepolter geweckt. Ich dachte erst an meine Nachbarn unten und an deren Gäste, als die Tür splitternd aus den Angeln gehoben wurde. Etliche Männer in Kampfanzügen standen plötzlich vor unserem Bett. Frieda zog sich schnell Slip und BH an;- beides lag noch auf dem Bett.
Einer der Männer kam auf mich zu und hielt mir ein Foto entgegen, das ich jedoch, weil es fast dunkel im Zimmer war, nicht sehen konnte. Ich wollte meine Nachttischlampe anmachen. Die Bewegung interpretierte er jedoch falsch und hielt mir seine Dienstpistole entgegen:- "Keine unbedachte Bewegung".
"Licht", krächzte ich heiser.
Einer der Männer, der an der Tür stand, machte die große Lampe an, deren helles Licht mich blinzeln ließ. "Noch einmal", sagte er, "kennen Sie diese Person und können Sie etwaws über ihren Verbleib sagen?"
Ja, es war Elli auf dem Foto. Das zu leugnen würde keinen Sinn machen. "Flüchtig", sagte ich, "ein paar Mal getroffen".
Dann erst bemerkte ich, dass die anderen Polizisten meine Wohnung durchsuchten. Ich wollte protestieren, sagte etwas von "Durchsuchungsbefehl", aber derjenige, der bisher als einziger mit mir gesprochen hatte, lachte nur und meinte "Gefahr im Verzuge".
Frieda hatte sich die Bettdecke ganz hochgezogen. Trotzdem zitterte sie, wie ich bemerkte, als ich ihr Bein berührte.
"Fund" hörte ich auf einmal.
Einer der Männer kam aus dem Bad. Ich dachte schon an die Pistole. Er hielt jedoch zwei Päckchen Fixierpulver in der Hand. Das Pulver hatte ich bereit gelegt, um schon mal fertigen Fixierer anzurühren. Da ich die billige Sorte genommen hatte, waren die Tütchen nicht beschriftet. Im Laden hatte ich noch überlegt: "Sollte ich nur für den Namen ILLFORD das Doppelte bezahlen?" Das wäre vielleicht doch besser gewesen und hätte mir einige Schwierigkeiten erspart.
Wir sollten unsere Ausweise zeigen. Frieda hatte keinen dabei.
"Fund" rief wieder jemand und mir hielt tatsächlich jemand die linken Postillen vor die Nase, die ich neulich in einer Kneipe mitgenommen hatte.
"Sie sind festgenommen - beide!"
Das konnte doch nicht wahr sein! "Ich möchte mich anziehen", sagte meine Freundin, "gehen Sie bitte so lange raus!"
"Wir stellen hier die Bedingungen!" meinte darauf der Polizist und packte sie am Arm und zog sie aus dem Bett.
"Lassen Sie das!" meinte ich darauf, da packte mich einer der anderen Männer und drückte mich auf das Bett. Dann verdrehte er mir den Arm und legte mir Handschellen an. "Ich nehme Sie fest wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetztes und wegen Unterstützung einer kriminellen Vereinigung" sagte er und führte mich ab. Ich durfte mich nicht einmal anziehen. Wie gut, dass ich immerhin eine Unterhose anhatte. Einer der Männer legte mir eine Wolldecke über die Schulter.
Meine Freundin wurde auch zum Auto geführt, genau so wenig bekleidet wie ich.
Als wir aus dem Hausflur traten, blitzte es. Da stand doch tatsächlich ein Fotograf und fotografierte die Szene. "Freund oder Feind?" dachte ich. Da die Polizisten ihn nicht fort schickten, war es wohl eher "Feind".
Mit Blaulicht und Signalhorn ging es zur Polzeiwache.
Wir wurden getrennt verhört.
Die beiden Beutel mit dem Fixierer sollten untersucht werden.
Ein Mann kam hinzu, der sich als Anwalt vorstellte, als Strafverteidiger. Nach einer Weile besprach er mit dem Polizisten, der das Verhör führte, dass er mit mir etwas unter vier Augen zu bespechen hätte. Der Polizist ging für ein paar Minuten hinaus. "Die Vorwürfe wiegen schwer", sagte der Anwalt. "Allein der Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz wird eine Freiheitsstrafe bedeuten!" Ich lachte.
"Da gibt es nichts zu lachen", meinte er darauf, "und Ihre Verbindung zu einer gewissen Person, die intensiver ist, als Sie bisher zugegeben haben im Zusammenhang mit dem Besitz kommunistischer Schriften und Material zum Vorbereiten von Anschlägen wird die Lage wesentlich verschlimmern!"
Ich dachte schon, sie hätten die Pistole gefunden, hatte ich doch deutlich gehört, dass sie sich im Bad und an der Duschwanne zu schaffen gemacht hatten. Ich warf einen Blick in den Karton mit der Aufschrift "Sicherstellung zum Aktenzeichen ...".
Ich konnte nichts erkennen, was man zur Vorbereitung von Anschlägen benutzen sollte. Der Anwalt griff in den Karton und zeigte mir eine Flasche Nitro-Verdünner und einen Lappen. "Es ist besser, Sie gestehen; dann kann ich für Sie vielleicht etwas raushandeln!".
Auf dieses fragwürdige Geschäft wollte ich nicht eingehen. Als auch der Anwalt für einen Moment rausging, sicherlich um mit dem Polizisten zu sprechen, ging ich frech ans Telefon. Eine Null vorweg - und der Weg ins öffentliche Telefonnetzt war frei.
Ich rief unseren Sozialkundelehrer an, der mal gesagt hatte, wir sollten uns seine Telefonnummer einprägen, er wäre immer für uns da.
Ich hatte gerade wieder aufgelegt und ein festes Versprechen für schnelle Hilfe im Ohr, da kamen Anwalt und Polizist wieder ins Büro.
"Nun gut", meinte der Polizist, "wenn Sie keine Kooperationsbereitschaft zeigen, dann werden sie erst einmal unser Gast bleiben. Ihre hübsche Freundin ist übrigens schon wieder frei".
Dann brachten mich zwei andere Beamte in eine übel riechende Zelle, wo ich ein paar Stunden warten musste.
Endlich, es war schon Nachmittag, erschienen wiederum Beamte, um mich zu holen. Ich wurde wieder in das Verhörzimmer gebracht.
Diesmal war ein anderer Anwalt dabei. "Ich soll sie schön grüßen...", waren seine ersten Worte.
Danach zerpflückte er das Machwerk der Anschuldigungen Stück für Stück.
Zum Schluss blieb nichts übrig, was einen Verbleib in Untersuchungshaft rechfertigen würde. Das sah auch der Beamte ein.
Ich wurde "vorläufig" auf freien Fuß gesetzt. Der Anwalt besorgte mir eine alte Jacke und eine alte Hose aus den Beständen der Polizei mit der Auflage, die Sachen am nächsten Tag dort wieder abzuliefern. Dann gab er mir 2 Mark für die U-Bahn und seine Visitenkarte und verabschiedete sich. Ich bedankte mich und fuhr in meine Wohnung. Die Tür war in einem schlimmen Zustand, jedoch hatten die Polizisten sie notdürftig zugenagelt. Wie sollte ich da hineinkommen? Wohl oder übel - ich musste zu meinen Nachbarn gehen und mir Werkzeug leihen.
Ich klingelte bei ihnen. Unfreundlich dreinschauend öffnete einer der beiden die Tür. "Na, Dir haben sie ja übel mitgespielt", sagte er nach einer Weile jedenfalls halbwegs freundlich.
Sie liehen mir einen großen Schraubenzieher, einen Hammer und Zangen. So konnte ich die Tür öffnen und meine verwüstete Wohnung aufräumen. Mit Hilfe der beiden Nachbarn konnte ich die Tür sogar wieder so weit reparieren, dass sie verschließbar war.
"Wenn das mal keinen Ärger mit dem Vermieter gibt", meinte einer der beiden Männer, "Du solltest Dir eine Bescheinigung von der Polizei holen, dass Du nichts mit der Beschädigung zu tun hast. Die werden bestimmt für den Schaden aufkommen müssen.
Montag ging ich wie gewohnt in die Schule.
Frieda war noch nicht da.
Der eine Mitschüler las wieder in einer Zeitung.
Plötzlich blickte er wieder über den Rand seiner Brille zu mir rüber. "Wohnst Du nicht in der Schleiermacher Straße? Da haben sie am Wochenende zwei Leute festgenommen. Leider ist das Foto in dieser Zeitung hier sehr klein. Einer sieht Dir ähnlich. ... und wo ist eigentlich Frieda?"
Anne-Mette
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Re: Geschichte: ELLI

Post 17 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Frieda kam etwas später, schien aber keinen Schaden genommen zu haben. Sie lächelte, als sie in den Klassenraum trat und nickte mir zu. Es ergaben sich allerdings wenig Gesprächskontakte und ich wollte das Wochenenderlebnis auch nicht in der Öffentlichkeit diskutieren. Unser Zeitungsleser war mir schon ein wenig zu neugierig geworden. Er beobachtete besonders mich in der letzten Zeit sehr wachsam.
Der Tag schleppte sich so hin - und nach diesem mühsamen Start entwickelte sich die Woche auch nicht mehr so richtig erfreulich. Sogar unser Foto-Projekt kam ins Stocken.
An einem Nachmittag kam ein Hausmeister und reparierte meine Tür provisorisch.
Ich wollte gern Kontakt zu Elli herstellen, aber sie war nie in ihre Wohnung anzutreffen. Beim Leierkastenmann war sie auch nicht gewesen. Keiner hatte etwas von ihr gehört.
Freitag gegen Abend klingelte es. Ich war misstrauisch, dachte noch an das Erlebnis mit den Polizeikräften. Auch erwartete ich niemanden. Als es wieder klingelte, öffnete ich die Tür einen kleinen Spalt. Draußen stand ein junger Mann in Jeans, T-Shirt und Turnschuhen. Von ihm schien keine Gefahr auszugehen;- sicher jemand aus der Nachbarschaft. "Ja bitte...?"
"Schönen Gruß von Elli, darf ich reinkommen?", flüsterte er. Ich warf einen Blick ins Treppenhaus. Niemand war zu sehen. So war mein Besucher sicherlich allein gekommen.
Ich bat ihn in meine Wohnung. Einen Kaffee nahm er dankend an. "Elli fällt für eine ganze Weile aus", erzählte er, ohne das näher zu begründen, "und nun stecken wir in Schwierigkeiten. Elli hat aber mal von Dir erzählt und uns auch gesagt, dass Du ganz froh bist, wenn Du mal ein wenig Geld verdienen kannst".
Ich nickte zustimmend. Die letzten Tage hatte ich sparsamer gelebt, als ich es mir gewünscht hatte.
"Es ist nicht viel Arbeit, aber etwas speziell", fuhr er fort, "aber ihr Schüler und Studenten habe doch eh 'ne Macke, dann ist es für Dich genau die richtige Arbeit!"
"Na, na", mein Protest kam relativ leise.
"500 Mark sind drinnen", erklärte er mir. "Zweihundertfünfzig gibt es gleich und den Rest, wenn alles erledigt ist. Die Aufgabe ist nicht schwer;- Du musst Dich nur ein wenig verkleiden und eine Wochenend-Ausfahrt unternehmen!"
"Jetzt gleich?" frage ich ihn, aber die Aktion sollte erst am nächsten Wochenende sein. Er griff in seine Hosentasche und zog ein Bündel Geldscheine heraus. 5 Fünfziger gab er mir ohne Zögern in die Hand und meinte:- "Die Aktion muss vorbereitet werden, am besten ist, Du schreibst Dir alles auf.
Ich holte einen Zettel. "Du besorgst Dir ein Kleid". Seine Stimme war fast flüsternd.
"Am besten so ein langes, weites, Flatterzeug, wie es die Hippies tragen, Größe 40/42 wird Dir passen. Dazu kaufst Du Frauen-Unterwäsche, einen BH in 85 D und Plastiksandalen, wie sie Frauen und Männer tragen können". Ich guckte ihn fragend an. "Was soll ich mit all den Sachen?"
"Anziehen" antwortete er kurz angebunden.
"Einen BH anziehen? Wozu?" Der würde doch nur "leblos" an mir herunterhängen.
"Du musst Dir etwas zum Ausstopfen basteln", antwortete er, "Du hast ja Zeit genug, Dich vorzubereiten. Es muss aber gut und stimmig aussehen; nichts darf herausfallen oder auffallen - und Du musst tadellos rasiert sein!" Er fuhr mit seinem Handrücken durch mein Gesicht. "So geht es nicht!"
Ich schüttelte mich. "Lassen Sie das!"
"Ach, Du bist empfindlich? Für 500 Mark hätte ich ein wenig mehr Begeisterung erwartet.
Fast hätte ich vergessen", fuhr er fort, "dass Du auch ein Kopftuch oder Stirnband brauchst, ich hoffe, Du vergisst nichts. Nächste Woche Samstag wird Dich ein Wagen abholen. Der Fahrer wird Dir dann erklären, um was es geht". Er trank seinen Kaffee aus, stellte die Tasse in den Abwasch und spülte sie aus. Dann verabschiedete er sich.
Ich hielt das Geld noch in der Hand. Zweihundertfünfzig Mark an einem schönen Freitagabend. Vorher hatte ich fast nichts gehabt. Selbst wenn ich an diesem Abend Essen gehen würde, hätte ich noch ein Vielfaches von dem, was mir vorher geblieben war. Das machte mir Appetit auf eine Pizza. Ich rief einen Kumpel an, weil ich keine Lust hatte, allein zu gehen. So verbrachten wir einen gemütlichen Abend bei Pizza und Bier. Eigentlich wollte ich noch etwas mehr von dem Geld umsetzen, überlegte es mit dann aber anders und wankte nach Hause.
Am nächsten Morgen hatte ich Mühe, in die Gänge zu kommen. Nach einer längeren Weile unter der Dusche fiel mir jedoch ein, dass ein paar Aufgaben auf mich warteten. Ich frühstückte in ziemlicher Eile. Ich weiß nicht, wie es kam, dass ich in froher, aber gespannter Erwartung war, als ich mich mit dem Gedanken beschäftigte, Frauenbekleidung zu kaufen und sogar anzuziehen.
Da mich draußen freundliches Wetter begrüßte und ich den Wunsch hatte, auszulüften, ging ich zu Fuß zum Mehringdamm zu Hertie. Hier hoffte ich, alles erwerben zu können.
Zuerst ging ich in die Unterwäsche-Abteilung. Unterhosen fand ich sehr schnell in einem Fach für Sonderangebote und nahm gleich ein Dreierpack. Mit den BHs war es etwas schwieriger. Diese waren an Ständern auf ganz kleinen Bügeln aufgehängt worden und es schien eine unheinlich große Artenvielfalt in vielen verschiedenen Größen zu geben. Es dauerte recht lange, bis ich eine gewisse Systematik in der Anordnung erkannte und die richtige Größe fand. Neben mir war nur noch ein Mann am Suchen. Immer wieder erhielt er neue Kommandos aus einer der Kabinen: "Nein, der kneift, bitte eine Nummer größer - nein, jetzt sind die Körbchen viel zu groß - Du stellst Dich aber auch an...". Der Mann machte schon lange keinen begeisterten Eindruck mehr.
Auch etliche Frauen waren am Suchen. Auch für sie schien es eine zeitaufwändige und frustrierende Tätigkeit zu sein; denn sie sahen sehr genervt aus. Die jüngeren Mädchen und Frauen suchten nicht dort, wo ich fast fündig geworden war, sondern bei kleineren Größen. Nun hatte ich die Wahl: schwarz oder weiß - und welche Marke?- In der Vorabendreklame war mir mal der Begriff Triumph aufgefallen; andere kannte ich nicht. So zog ich einen schwarzen und einen weißen BH vom Ständer. "Nimm den schwarzen", meinte ein Verkäufer, der mich schon länger beobachtete, "der wird die Mutti erfreuen!"
Sicherlich bin ich rot geworden, aber ich hatte Glück. Ein paar Schritte weiter plärrte ein Kind in einer Sportkarre und zog die Aufmerksamkeit der Anwesenden auf sich. Zügig nahm ich den schwarzen BH, suchte noch ein Unterhemd aus und ging dann zur Kasse. Als ich bezahlt hatte, war ich fast hundert Mark los. Das Kleid hätte ich fast vergessen. Ich kämpfte mich durch in die richtige Abteilung, fand aber nicht, was ich suchte, sondern alle möglichen Kleider, die mir jedoch ungeeignet erschienen. Es war nichts dabei, was auch nur annähernd wie ein Hippie-Kleid aussah.
Was heißt überhaupt "was ich suchte?" Natürlich suchte ich nicht, sondern sollte die Sachen besorgen. Das ist ein Unterschied.
Da ich dort oben nichts fand, fasste ich meinen ganzen Mut zusammen und sprach eine junge Frau an, die so ein Kleid trug. Sie war erst überrascht, dass ich sie wegen ihres Kleides ansprach und hatte bestimmt gedacht, es wäre eine blöde Anmache. Ich sagte ihr, meine Schwester würde sich schon lange so ein Kleid wünschen und ich wollte ihr eines zum Geburtstag schenken. Sie lächelte gerührt. "Hier wirst Du so etwas nicht finden", meinte sie, "aber am Nollendorfplatz im stillgelegten U-Bahnhof ist eine Art Flohmarkt, die haben solche Sachen - oder Du guckst mal in eine der Boutiquen in den Seitenstraßen des Kudammes!"
Ich bedankte mich. Boutique?- Das klang teuer. Dabei wollte ich möglichst viel von dem Geld für mich behalten und es nicht für so unnütze Klamotten ausgeben.

Ich machte mich auf den Weg zum Nollendorfplatz. Erst dachte ich, ich wäre völlig falsch, weil ich Stände mit Antiquitäten und allerlei Tand in dem U-Bahnhof entdeckte, aber dann war ich am Ziel. Eine Frau, die aus einem Plattencover von den Les Humphries Singers entsprungen sein konnte, sprach mich freundlich an: "Na, was darf es sein?"
"So etwas änliches, wie Sie anhaben", antwortete ich, "meine Schwester möchte so ein Hippie-Kleid".
Sie lächelte noch strahlender. Neben mir stand ein kleiner Junge und drehte an der Kurbel einer kleinen Spieluhr. "Für Eilise" konnte ich mich noch an eine Stunde unseres Musikunterrichtes erinnern.
"Welche Größe hat deine Schwester?" fragte sie mich. Dabei betonte sie das Wort "Schwester" ganz eigentümlich. "40-42 hat sie gesagt", sagte ich etwas verschämt, "meine Schwester ist ungefähr so groß wie ich!"
"Na, dann probier mal", sagte sie lachend, "dann musst Du nicht noch einmal kommen, falls es ihr nicht passt". Wieder betonte sie "ihr". Ich lehnte jedoch dankend ab. "Wenn es nicht passt, musst Du eben noch einmal kommen", sagte sie zum Abschied, "oder Du bringst Deine Schwester mit".
Ich gab ihr das Geld und packte das Kleid in die Hertie-Tüte.- 
Zügig eilte ich nach Hause.
Mich erfasste wiederum eine gespannte Unruhe. Mich erregte die Vorstellung, die Sachen in meiner Wohnung auszuprobieren. Schwungvoll zog ich die Haustür auf und ging in den Seitenflügel. Ich zählte die Stufen bis nach oben und nahm manchmal gleich zwei auf einmal . So aufgeregt war ich.
Kaum hatte ich die Türe aufgeschlossen, war eingetreten und hatte die Tüte auf mein Bett geschmissen, da klingelte es.
Ich öffnete und war mir eigentlich sicher, dass es nur die Nachbarin sein konnte, die vielleicht für mich ein Paket angenommen hatte.
Es war aber ein Mitschüler aus meiner Klasse, der mich zu einer spontanen Arbeitsgruppe abholen wollte. "Ach ja", sagte er, "ich soll dir sagen, es würde nichts schaden, wenn Du etwas Wein oder Bier mitbringen könntest!"
Ich hatte keinen Wein im Haus - und die zwei Flaschen Bier wären höchstens ein Tropfen auf einem heißen Stein gewesen.
"Wir könnten unterwegs kurz anhalten und bei Bolle einen kleinen Kasten Bärenpils kaufen", kündigte ich an.
So machten wir es auch.

Auf die Arbeitsgruppe konnte ich mich nicht so richtig konzentrieren. Immer wieder dachte ich an das, was mir bevorstand. Als wir fertig waren und auch das Bier geleert war, wollten die meisten aus der Gruppe noch einen Zug durch die Gemeinde machen, wie sie es ausdrückten. Ich aber lehnte dankend ab und gab vor, müde zu sein. "Dann komme ich mit zu Dir", meinte darauf eine Frau, "ich habe auch keine richtige Lust heute aufs Nachtleben - und zu Dir wollte ich immer schon einmal. Eine Zahnbürste habe ich dabei!"
So ein Angebot wollte ich natürlich nicht ablehnen, obwohl ich eigentlich ganz Anderes im Sinn hatte. Unterwegs dachte ich daran, wie ich meine Einkaufstüte verstecken konnte;- denn ich wollte nicht, dass das, was ich vorhatte, in der Klasse seine Runde machte. Zwischendurch schweiften meine Gedanken immer wieder ab und ich dachte an meine Begleiterin, fragte mich, ob ihre Schambehaarung wohl ebenso rot sein würde wie ihr Haupthaar. In Gedanken zog ich sie aus und beschäftigte mich mit damit, was wir miteinander machen würden.
Schon standen wir vor meiner Haustür - und blitzschnell waren wir oben, ohne dass wir von den Nachbarn gesehen wurden.
Sie stand hinter mir;- ich drehte mich um und wollte sie küssen, aber sie sagte:- "nun mach schon auf, ich muss mal!
Was ist denn mit Deiner Tür passiert?"
"Ach nichts", sagte ich, nur eine kleine Beschädigung und das Schloss hakt nun, aber es ist nicht so schlimm!"
Endlich konnte ich die Tür öffnen und wir traten in meine Wohnung. Sie verschwand gleich, nachdem ich ihr die Richtung gezeigt hatte, im Bad - und ich in meinem Schlafzimmer und steckte die Einkaufstüte einfach ins Regal und legte ein paar Zeitungen darüber. Ich hörte die Wasserspülung und dachte daran, ob ich mich schon mal ausziehen sollte. Gleich würde sie nackt vor mir stehen...
Sie stand vor mir, aber wenn ich es genau beschreiben soll, dann neben mir, aber keinesfalls nackt, sondern in voller Montur. Ich muss etwas merkwürdig geguckt haben und fragte sie: "wollen wir vorher noch etwas trinken?"
Sie blickte mich mit feuchten Augen an. "Vorher?"
"Nein, ich meine natürlich...", ich stottere herum und musste mich erst einmal fassen. Schließlich hatte ich mir einen Satz zurechtgebastelt: "Du hast gesagt, dass Du heute nicht ausgehen möchtest, weil Du müde bist und nun wollte ich Dich fragen, ob Du, bevor wir ins Bett gehen, noch etwas trinken willst".
Sie schluckte etwas gefasst. "Ja", antwortete sie, "und eigentlich bin ich überhaupt nicht müde!"
"Und uneigentlich - und wo ist das Problem?" wollte ich fragen. Ob sie plötzlich ihre Tage bekommen hatte? Oder ob sie die Pille nicht benutzte? Zur Not wäre ich schnell hinunter gegangen und hätte Kondome geholt.
"Gut", sagte ich, "wenn Du doch noch nicht müde bist, können wir noch etwas quatschen und eine Platte auflegen". Sie lächelte und folgte mir in die Küche. "Gut, dass Du nicht so einer bist", sagte sie, was mich ziemlich verblüffte. "So einer???" Ich weiß nicht, ob ich tatsächlich gefragt habe, jedenfalls sagte sie:- "Die meisten wollen nur mit den Mädchen ins Bett, heute ist es die und morgen die andere. Deshalb bin ich auch nicht mit der Gruppe los heute, Uwe ist schon die ganze Zeit hinter mir her und scheint nicht zu verstehen, dass ich nichts von ihm will - und das nicht nur von ihm, sondern von überhaupt keinem Mann!"
"Aha, sie will sich aufheben", dachte ich mir, doch sie sagte: " ich bin mit einem Mädchen zusammen in der Stadt, in der ich vorher gewohnt habe. Ich mache mir nichts aus Männern!"
"Und was willst Du denn hier?"- Wie gut, dass ich das nur gedacht habe; sonst hätte ich sie sehr verletzt. Ich fühlte mich als Grobian und schämte mich, als sie mich freundlich anlächelte.
Sie wollte nicht, dass es Klassenthema werden würde und ich sicherte ihr äußerste Verschwiegenheit zu. Es wurde ein netter Abend, aber nicht so, wie ich eigentlich gedacht hatte.
Sie wollte nicht mit, aber bei mir schlafen. Das war schon ernst gemeint gewesen.
Als wir uns ausgezogen hatten und sie sich über das Regal beugte, um die Anlage etwas leiser zu stellen, rutschten die Zeitungen vom Regal - und als sie nach ihnen griff, fiel auch noch die Tüte mit den Anziehsachen auf den Boden. "Ach, warst Du einkaufen?" fragte sie.
"Ja, ein paar Sachen für meine Schwester", antwortete ich möglichst unaufgeregt.
"Das ist ja niedlich", sagte sie darauf, "zeig mal!"
"Das ist nichts besonderes", gab ich zu bedenken.
Doch sie gab sich damit nicht zufrieden und drehte die Tüte auf den Kopf, sodass die Sachen herausfielen. Das Kleid bewunderte sie, hatte selbst ein ähnliches. Die Unterhosen legte sie achtlos beiseite. Beim BH wurde sie stutzig. "Der soll Deiner Schwester passen? Der ist ja riesig".
Ich wollte das Thema möglichst schnell beenden und fragte sie etwas über ihr Verhältnis zu ihren Geschwistern, aber sie hatte wohl den Braten gerochen und wusste, dass an meiner Erkläung etwas nicht stimmte.
Dann erzählte ich ihr, dass es um eine Verkleidungsaktion ging - und das war ja wirklich nicht gelogen. Ich erklärte ihr, dass ich die Sachen anziehen sollte, ich aber nicht genau wüsste, wie ich das mit dem BH machen sollte. Sie lebte richtig auf, erzählte mir, dass sie gerne nähen würde und ich sollte doch mal...
Zuletzt ließ ich mich breitschlagen und versuchte den BH anzuziehen. Das war aber nicht so einfach mit den Häkchen auf dem Rücken. Sie zeigte mir, dass man ihn auch erst so drehen konnte, dass man ihn von vorn bediente, um ihn anschließend nach hinten zu drehen. Das erschien mir aber noch umständlicher. Irgendwie schaffte ich es, die Häckchen einzuhaken. Wie ich es vermutete, hing der BH aufgrund fehlender weiblicher Formen etwas merkwürdig und es sah eher lächerlich aus. "Womit können wir ihn füllen?" fragte ich sie.
"Kleine Kissen wären gut", meinte sie, "hast Du keine, Puppenkissen?" Nein, damit konnte ich nicht dienen. Was sollte ich auch mit Puppenkissen.
Sie versprach mir, zwei Kissen zu nähen, die ich dann mit einem geeigneten Material füllen sollte.
"Zieh mal das Kleid an!" Ich zog es über den Kopf. Es passt wie angegossen - bis auf, ja etwas Oberweite hätte dem Ganzen eine fast perfekte Form gegeben. "Kannst Du anlassen", sagte sie, steht Dir gut - so als hättest Du schon immer Kleider getragen".
Den BH- steckte sie ein als Muster und versprach mir, die notwendigen Kissen an einem der nächsten Tage - auf alle Fälle vor dem nächsten Wochenende - mitzubringen. "Das bleibt auch unter uns", sagte ich, als wir Arm in Arm einschliefen.

Schon am übernächsten Tag brachte sie mir eine kleine Tüte mit in die Schule und meinte zu mir:- "Hier ist das Ergebnis einer kleinen, aber feinen Bastelarbeit!" Ich bedankte mich. Unser Leser beobachtete wieder alles und kommentierte die Szene:- "Eure gemeinsame Übernachtung war ja wohl sehr befruchtend!"
Wir reagierten nicht darauf.
Natürlich zeigte ich keinem den Inhalt der Tüte.
Zuhause wollte ich gleich ausprobieren, was sie mir gebastelt hatte. Die beiden kleinen Kissen konnte man mit kleinen Häkchen an den Schalen des BHs befestigen. Nun musste ich Füllmaterial finden und ich erinnerte mich daran, dass ich zwei Mullwindeln besaß, die ich eigentlich färben und als Halstuch benutzen wollte. Sie waren gut geeignet und füllten die Kissen und damit auch die Körbchen gut aus. Ich machte mich an eine neue Anprobe. Wiederum fiel es mit schwer, den BH-Verschluss auf dem Rücken zu verschließen. Ich zog das Kleid über den Kopf und betrachtete mich im Spiegel. Ich entdeckte ein Mischwesen: durchaus eine weibliche Gestalt, aber Bartstoppeln und männlicher Haarschnitt. Irgendwo musste ich doch noch das bunte Tuch haben, das eine Freundin bei mir vergessen hatte. Ich fand es und probierte verschiedene Möglichkeiten aus, es um den Kopf zu binden. Endlich fand ich eine Art und Weise, wie ich es schon einmal auf einem Foto gesehen hatte. Ich war zufrieden, aber eigentlich nur fast. Meine Beine waren zwar blond behaart, aber etwas stoppelig. Da war eine Rasur fällig. Meine Hausschuhe passten auch nicht ganz zu dem Kleid. Stimmt - ich sollte doch noch Plastiksandalen kaufen. Am nächsten Morgen beschloss ich, die erste Stunde ausfallen zu lassen und erst einmal in die Markthalle zu fahren; denn ich wusste, dort gab es einen Stand mit solchen Schuhen.
Endlich Freitag. Ich sagte allen, dass ich am Wochenende unterwegs sein würde, also keine Zeit hätte - weder zur Arbeit noch zum Vergnügen.
Samstag stand ich früh auf und hatte genug Zeit, mich auf das Abenteuer vorzubereiten. Als es klingelte, war ich schon fertig und hatte gefrühstückt.
Mein Fahrer stellte sich als Bernd vor. Mit seinem alten Opel Caravan ging es die Heerstraße hinunter. Wir sollten wohl den gleichen Weg nehmen so wie ich ihn damals mit Elli genommen hatte. Was sie wohl machte? Ich fragte den Fahrer. Der guckte etwas merkwürdig und meinte nur "Elli? - ich kenne keine Elli! Sonst weiß ich auch nicht viel. Ich soll Dich über die B5 bis nach Quitzow bringen".
Was sollte ich in Quitzow? "Für mich geht es dann weiter nach Hamburg", sagte der Fahrer. Du sollst in die Raststätte gehen und das Damen-WC aufsuchen. Die Kabine ganz hinten am Fenster sollst Du benutzen. Auch wenn das Schild "besetzt" zu sehen ist, wird sich die Tür öffnen lassen. Dort wirst Du weitere Instruktionen erhalten".
Mir war ein wenig mulmig zumute. So blieb ich während der gesamten Fahrt ziemlich wortkarg. Die erste Zeit hatten wir Radioempfang und hörten Rias 2 - später drückte Bernd eine Cassette mit lauter selbst aufgenommenen Stücken in den Cassettenschacht.
Ich wurde aus meinen Tagträumen gerissen, als wir auf den Parkplatz rumpelten. "Nun los!" Bernd öffnete die Tür. Er schien froh zu sein, mich los zu werden. Ich steuerte die Raststätte an. Mich empfing ein nicht zu überhörender Lärmpegel und eine Wolke von Essensdunst und Zigarettenrauch. Ich war froh, dass ich das WC-Schild schnell entdeckte. Im Damen-WC war ich nicht allein. Ich wollte schon wieder hinausgehen, aber wollte mich nicht verdächtig machen. Auch waren so viele Leute in der Gaststube, dass wohl immer jemand hier sein würde.
Ich ging nach hinten zu der Kabine, die ich benutzen sollte. BESETZT zeigte das Schild. Vorsichtig drückte ich trotzdem auf die Klinke. Ich bemerkte, wie jemand das Schloss fast lautlos entriegelte und trat in die Kabine.
"Psst!" Eine Frau in ungefähr meiner Größe stand so hinter der Tür, dass sie von außen nicht zu sehen war.
Sie trug einen mittellangen, hellblauen Rock, eine weiße Bluse und eine Jacke, die sie sicherlich selbst gestickt hatte. "Ausziehen!" wiederum flüsterte sie. Ich gucke sie fragend an. Sie zog die Jacke aus und knöpfte die Bluse auf. Sie trug einen weißen BH, der seine Mühe hatte, ihre schweren Brüste zu halten. Ich musste an den Artikel denken, den ich kürzlich gelesen hatte. Der Autor war zu dem Ergebnis gekommen, dass DDR-Frauen größere Brüste hatten als Westfrauen. Das schrieb er einer höheren Dosierung der "Wunschkind-Pille" zu.
"Na, mach schon!"
Als ich mich noch immer nicht bewegte, klemmte sie sich die Sachen, die sie gerade ausgezogen hatte, zwischen die Knie und zog mir das Kleid über den Kopf und ich stand in Unterwäsche vor ihr. Sie öffnete den Verschluss meines BH und entnahm die beiden Kisen. Dann öffnete sie ihren BH. Ihre Brüste gaben der Schwerkraft nach und sackten merklich nach unten. Sie drückte mir ihren BH in die Hand und flüsterte etwas unwirsch:- "Mach hinne, wir wollen hier nicht übernachten!"
Ich zog ihren BH an und hatte wiederum große Mühe mit dem Verschluss. Ich dachte, sie würde wieder meckern, aber sie sagte nichts. Sie steckte mir die Kissen in die Körbchen, die allerdings nicht voll ausgefült wurden. Dann gab sie mir die Bluse. Als ich alle Knöpfe zugeknöpft hatte, war sie fertig mit dem BH, den sie von mir bekommen hatte. Donnerwetter - das sah richtig sexy aus und ich streckte meine Hand aus. Sie machte aber ein wütendes Gesicht und eine Bewegung, als wollte sie mir auf die Finger hauen. Das machte sie dann aber nicht, sondern zog sich das Kleid über. Dabei sah ich, dass sie auch solche Plastiksandalen trug wie ich.
Sie fummelte unter dem Kleid herum und förderte einen Slip zutage - fast so einen wie auch ich anhatte. Dann bedeutete sie mir, meinen auszuziehen, weil wir tauschen mussten. Das war mir unangenehm und ich zögerte. "Wenn Du Dich jetzt nicht beeilst, dann schreie ich", meinte sie darauf, dann kannst Du Bekannstschaft mit unseren Vopos machen!"
Ich tat endlich, was sie von mir erwartete. Zuletzt zog ich den Rock an und die Strickjacke über, die leidlich passte. Was sollte nun die Maskerade?
Eine Antwort gab sie mir nicht auf meine unausgesprochene Frage. Stattdessen drückte sie mir ein kleines Schächtelchen mit der Aufschrift "Rosa Extra" in die Hand. Das sollte ich sichtbar in der Hand halten. Ein Mann würde mich ansprechen und fragen, warum es so lange gedauert hat. "Du weest doch, wenn ich meine Tage habe", sollte ich antworten und dann dem Mann folgen. "Halt", flüsterte sie noch und rückte mein Kopftuch zurecht. Vorsichtig trat ich hinaus und war froh, der engen Kabine entwichen zu sein. Ein paar Frauen wuschen sich die Hände, aber schienen mich nicht zu beachten.
Ich ging nach draußen und blieb mit der Schachtel in der Hand vor der Toilettentüre stehen. Eine Frau guckte mich milde lächelnd an.
Bald darauf erschien ein etwa 40-hähriger Mann und sagte: "Mutti, wo bleibst Du nur?"
Ich antwortete:- "Du weeßt doch, wenn ich meine Tage habe".
Der Mann gab mir ein Zeichen, ihm zu folgen. Unbehelligt konnten wir die Raststätte verlassen. Wir standen auf dem Parkplatz und ich sah gerade noch, dass Bernd mit meiner Doppelgängerin davonbrauste.
"Meine Güte - sie haben meinen Ausweis", dachte ich gerade, als mich mein Begleiter, der sich als Horst vorstellte, ansprach:- "dann wollen wir mal!" Er öffnete die Tür von seinem Trabbi und machte mir Zeichen, auch einzusteigen. Eng war es in der Kiste. Der Rock rutschte mir höher als wollte. Da war mir das Kleid schon lieber gewesen; denn das reichte bis zu den Knöcheln - und im Sitzen immer noch weit über die Knie. Was, wenn Horst nun...
Ich schwitzte in den Sachen. Ich fragte Horst, wo es hingehen sollte und was meine Aufgabe sein würde. Er lächelte geheimnisvoll. "Aufgabe? Du kommst für ein paar Stunden mit - und gegen Abend machen wir das alles wieder retour.
Das machte mich nicht viel schlauer.
Anne-Mette
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Re: Geschichte: ELLI

Post 18 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Moin,
wann gehts weiter??
... wie's kommt...

Die letzte Folge ist doch erst wenige Tage alt (smili)

Gruß
CPG
exuser-2014-01-13

Re: Geschichte: ELLI

Post 19 im Thema

Beitrag von exuser-2014-01-13 »

cpg hat geschrieben:Moin,
wann gehts weiter??
... wie's kommt...

Die letzte Folge ist doch erst wenige Tage alt (smili)

Gruß
CPG
Zwei Tage!! das ist schon lange! ;-)

Gruß
Petra
exuser-2014-01-13

Re: Geschichte: ELLI

Post 20 im Thema

Beitrag von exuser-2014-01-13 »

wann geht es denn weiter *neugierigguck*
wollo_ks

Re: Geschichte: ELLI

Post 21 im Thema

Beitrag von wollo_ks »

...hab mir die Tage mal die ganze Story reingezogen, ist sogar 2 Uhr morgens oder so geworden, also Kompliment zunächst mal!

Allerdings hatte ich gehofft oder mir gewünscht, dass zwischen Elli und dem Protagonisten, na ja, wie soll ich sagen, noch "etwas" passiert (-;

LG aus Kassel
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Re: Geschichte: ELLI

Post 22 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Moin,

ja, ein paar Zeilen sind schon entstanden - es geht bald weiter.
Bei dem Sauwetter (wo) ist man ja auf Innendienst angewiesen (smili)

Gruß
Anne-Mette
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Re: Geschichte: ELLI

Post 23 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Es geht weiter:

Mit dem Trabbi knatterten wir durch spärlich besiedeltes Land. Als der Motor nicht mehr ganz so den Takt hielt und schließlich nur noch unregelmäßig tuckerte, hielt Horst am Straßenrand an. "Bestimmt ist die Kerze verdreckt", meinte er, "ich habe von einem Kumpel Sprit bekommen, der wohl nicht ganz sauber war".
Ich dachte erst an einen Trick und sah mit Erschrecken, dass der Rock sehr hoch gerutscht war und Horst auf meine Oberschenkel guckte.
"Keine Angst," sagte er, "ich stehe eher auf richtige Frauen;- aber Deine Beine sind schon mal nicht schlecht".
Ich musste mir Mühe geben, mit einem Lächeln zu antworten.
Horst schraubte etwas am Motor, schimpfte schließlich. Er hatte sich an der heißen Zündkerze die Finger verbrannt.
Irgendwie schien er das Problem aber trotzdem zu lösen;- denn nach kurzer Zeit stieg er wieder ein und startete den Motor mit einem breiten Grinsen. "Wurde auch Zeit", meinte er, "ich will hier nicht so lange stehen bis die ersten Neugierigen kommen oder womöglich eine Streife.
Wir fuhren durch einen Wald. Anschließend wurde das Land karg. "Wie in der Lüneburger Heide", dachte ich gerade - da sah ich eine ausgeprägte Heidelandschaft. Mein Fahrer schien sich nicht an der Landschaft zu erfreuen. Er blickte konzentriert auf die Straße und fuhr mit mäßiger Geschwindigkeit.
Endlich bog er in einen kleinen Landwirtschaftsweg. An dessen Ende waren wir am Ziel. Ein relativ verfallener Bauernhof zeigte sich.
Auf der großen, staubigen Fläche vor dem Haupthaus waren Hühner unterwegs. Sie nahmen sich in Acht vor dem großen Schäferhund, der angekettet war.
Als wir ausstiegen, bellte dieser laut und zerrte an der Kette. "Ruhig, Harras", der Hund quittierte die Äußerung mit einem Jaulen.
"Immer rein in die gute Stube", Horst machte eine einladende Armbewegung und drängte mich sanft die kurze Treppe hinauf. Die Haustür stand offen.
Ich trat in den dunklen Flur. Es roch nach Eintopf. Weitere Personen waren zunächst weder zu sehen noch zu hören.
Mir war immer noch nicht klar, was ich auf dem Hof sollte und was das Ganze zu bedeuten hatte.
Meine weitere Frage zu diesem Thema beantwortete Horst nur mit dem Spruch: "Du musst eigentlich nur hier Deine Zeit absitzen, bis es wieder zurück geht". Plötzlich grinste er und fügte hinzu: "...wenn es für Dich ein Zurück gibt, schließlich ist das abhängig davon, ob der Rücktausch klappt!"
"Mach keinen Mist," stieß ich hervor. Mir war nicht gerade wohl bei dem Gedanken, ohne gültige Papier aufgegriffen zu werden und in der DDR bleiben zu müssen. Das bedeutete sicherlich allergrößte Probleme. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Aussichten sich für mich in so einem Fall besonders gut entwickeln würden.
"Keine Angst", fügte Horst hinzu, "wird schon klappen;- bisher ist es jedenfalls immer gut gegangen!"
In einem der Nebenräume hörte ich Stimmen, aber es hörte sich nicht nach Personen an, die in sich in dem Zimmer aufhielten, sondern eher nach einem Hörspiel. Ich muss fragend geguckt haben; denn Horst sagte:- "Komm mal mit, kannst ruhig etwas lernen!"
Er ging voran und ich folgte ihm. Er öffnete die Tür zu einem kleinen, recht dunklen Zimmer. Es dauerte eine Weile, bis ich mich orientieren konnte. "Du kannst ruhig mehr Licht machten", sagte Horst, "sonst kann unsere Besucherin nichts sehen". Der Mann, der mit einem Kopfhören auf den Ohren auf einem Bürostuhl saß, sagte nichts dazu, schaltete aber mit einem Schalter, der in die Arbeitsplatte eingelassen war, das Licht ein.
Nun sah ich, dass sich auf der Arbeitsplatte ein ziemliches Chaos versammelt hatte. Neben mehreren Lötgkolben, etlichen Messeräten und Oszilloskopen standen dort viele Radios mit geöffneten Gehäusen.
"Na zeig ihm mal, wie er seine Programmvielfalt erweitern kann!" Horst grinste. Der andere Mann, der sich immer noch nicht vorgestellt hatte, nahm einen kleinen Schraubendreher und fummelte an zwei Schrauben des Drehkondensators, der für die Senderauswahl zuständig war. Dann zeigte er mir, wie sich das Band auf dem Anzeiger immer weiter nach links verschob. "Ist doch klar", sagte er, "wenn Du den Bereich sensibel verschiebst, kannst Du ganz neue Sendern empfangen. Na, die Sender sind natürlich nicht neu - aber sie gewinnen Dich als neuen Hörer!" Er grinste breit.
Als ich fragend guckte, fuhr er mit seinem Erklärungen fort:- "auf UKW kommst Du gut in den Polizeifunk, Flugfunk und der heißen Welle der Feuerwehr und auf Mittelwelle kannst Du den Bereich so verschieben, dass Du die Grenzwellenfrequenzen von Norddeich-Radio erwischt. Probier es mal aus - es ist ganz interessant. ... und natürlich Rügen-Radio", fügte er hinzu.
Noch bevor ich mich nach weiteren Einzelheiten erkundigen konnte, meldete sich jemand an seiner Handfunke. Ich konnte Einzelheiten nicht verstehen, aber bei dem Gespräch ging es wohl um mich. "Wir sind früher fertig heute", sagte er darauf, "Horst wird Dich gleich wieder zur Raststätte fahren, da folgt der Rücktausch". Zum Abschied gab er mir die Hand und empfahl mir noch, wenn ich Spaß am Radiobasteln gewinnen würde, einige Bücher von Heinz Richter zu lesen.
Horst brachte mich mit seinem Knatterauto zurück zur Raststätte. Dort sollte ich wieder - natürlich auf die Damen-Toilette gehen.- 

Der Rücktausch spielte sich so ab wie der erste Tausch - nur natürlich umgekehrt. Meine Tauschfrau hielt sich wieder in der selben Toilette auf. Die Prozedur war fast die selbe. Besonders gerne zog ich die von ihr getragenen Sachen nicht an, aber ich beeilte mich und war neugierig, ob Bernd draußen auf mich warten würde.
Wir verabschiedeten uns mit einem kurzen Nicken. Ich ging hinaus auf den Parkplatz. Tatsächlich - Bernd wartete auf mich. "Na wo bleibst Du???" warf er mir zu Begrüßung entgegen, aber dann lachte er. "Ich habe gut darauf aufgepasst!" Er hielt mir meinen Ausweis entgegen. "Danke" - ich war wirklich erleichtert. Er startete den Motor und wir machten uns auf die Rückfahrt. "Sachte", sagte ich, "guck mal da vorn, dieser kleine Hügel neben der Standspur, da steht bestimmt ein Blitzer!"
Tatsächlich - als wir mit gedrosselter Geschwindigkeit vorbeifuhren, sah ich den Lada und ein kurzes Stück weiter die "Kassierstelle". Ein Porsche und ein Mercedes standen dort. "Die werden sie besonders gern anhalten", meinte Bernd, "der Klassenfeind auf Rädern!"
Auf der weiteren Fahrt sprachen wir nicht viel. Bernd lieferte mich wieder an meiner Wohnung ab. Ich ging nach oben und schloss hinter mir ab. Die Nachbarn weiter unten waren wieder recht laut zugange. Doch das störte mich nicht. Ich riss mir erst einmal die Kleider vom Körper und ging unter die Dusche. "Ich rieche immer noch nach Plaste und Elaste", sprach ich zu mir selbst und gönnte mir einen weiteren Durchgang unter dem Dusch-Strahl. Danach fühlte ich mich schon besser und zog mir einen Bademantel über;- denn ich wollte nicht mehr ausgehen.

In der Schule ging alles seinen Gang;- langsam breitete sich Routine aus und ich hatte irgendwie den Eindruck, als könnte ich es schaffen. Die Arbeitsdisziplin war insgesamt mäßig. Da ich ziemlich regelmäßig zum Unterricht kam, zählte ich zu den besseren Schülern, ohne zu glänzen. Einer aus unseren Reihen schaffte es sogar, die 50%-Anwesenheitshürde zu verpassen. Die Schulleitung blieb stur und er wurde aus dem weiteren Unterricht ausgeschlossen. Manchmal beschäftigte ich mich mit den Büchern über Transsexualität. Ich fand allerdings sehr schwierig, mich in die Betroffenen hineinzuversetzen.
Als ich gerade etwas knapp bei Kasse war, weil ich eine ziemlich hohe BEWAG-Nachzahlung leisten sollte, erhielt ich wieder einen Auftrag. Das Kleider-Wechsle-Dich-Spiel sollte noch einmal gemacht werden - unter den gleichen Voraussetzungen wie beim letzten Mal.
Es sollte wieder am Wochenende losgehen - und Bernd würde auch dieses Mal als Fahrer auftreten. Vorher wollte ich Elli besuchen, die ich schon lange nicht gesehen hatte. Als ich abends bei ihr klingelte, dauerte es recht lange, bis sie die Tür öffnete. Sie machte einen ziemlich deprimierten Eindruck und schimpfte über alles, was ihr in den letzten Wochen widerfahren war. Sie hatte sich mit den dänischen Pornoproduzenten gekracht, die sie nur als "das tyske Pimmelmädchen" sahen. "Am besten wäre es, ich schneide ihn ab", sagte Elli und Griff nach einem Käsemesser, das zufällig auf dem Tisch lag. "Mach keinen Scheiß!" Der Schreck fuhr mir in die Glieder. "Nein", sagte Ellli, "ich drehe noch einen Film mit den Dänen. Dafür gibt es mehr Geld als für die Heftchen. Dann fliege ich nach Casablanca und lasse mich operieren". "Operieren?" fragte ich. "Ja, bist Du schwer von Begriff? Schwanz ab - eine schöne, kleine Möse - und fertig ist die richtige Ellli. Und dann mache ich etwas aus meinem Leben!
Und Du?"
"Alles soweit ok bei mir", antwortete ich, "aber ich muss sehen, dass wieder ein wenig Geld reinkommt!" "Hast Du die Waffe noch?" fragte Elli, "ich könnte sie für Dich verkaufen". "Nein", log ich, "die habe ich bei meinen Eltern deponiert". "Schade", Elli seufzte.
"Ich mache wieder 'ne Tour ins Plaste und Elasteland", sagte ich darauf, "Bernd wird mich am Samstag fahren". "Pass gut auf Dich auf". Elli schaute ganz nachdenklich, "das ist nicht ungefährlich!"
"Das mit Casablanca ist doch ein Scherz, oder?" fragte ich. "Nein", sagte Elli, "das ist mein voller Ernst". "Bestimmt auch nicht ungefährlich", sagte ich darauf, " gibt es da überhaupt Ärzte, die das können? Bei Casablanca denke ich in erster Linie an Hitze, Dreck und Fliegen!"
"Du wirst Dich noch wundern". Elli zwang sich zu einem Lächeln.
Als ich abends in meiner Wohnung saß, musste ich an meinen letzten Besuch in der DDR denken und an die Empfehlung, an meinem Radio rumzubasteln, um den Sendebereich zu verschieben. Ich holte mein altes Koffer-Radio aus der Kammer und öffnete den Deckel. Der Drehkondensator war schnell zu lokalisieren. Er hatte aber mehr Schrauben als diejenigen, die sie mir gezeigt hatten. Ich schaltete das Gerät ein und drehte so weit, dass ich bei 108 das Ende der Skala erreicht hatte. Mit einem kleinen Phasenprüfer drehte ich vorsichtig an den Schrauben des Kondensators - aber ich hörte weder Flug- noch Polizeifunk. Ich war enttäuscht.
Aber wer hatte gesagt, dass dieses das "richtige Ende" sein sollte? Ich drehte zurück bis zum Anfang der Skala, wo groß 86 stand. Ganz vorsichtig fummelte ich wieder an den Schrauben - und auf einmal tönte es - viel zu laut - "Wagen 21 verstanden" aus dem Lautsprecher. Schnell drehte ich leiser. Eine Weile hörte ich noch zu, aber außer Routinemeldungen wie "ruhestörender Lärm" und "hilflose Person in der Turmstraße" war dem "Bullenfunk" nicht viel zu entnehmen und ich verlor zunächst das Interesse.
"Casablanca" - ich musste an den Film denken. "Elli spinnt doch und nächste Woche wird alles ganz anders sein", waren meine Gedanken, bevor ich einschlief.
Bianca D.
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Re: Geschichte: ELLI

Post 24 im Thema

Beitrag von Bianca D. »

Moin Anne-Mette,

Schön,daß du deine Geschichte doch noch fortführst. Die langen Pausen sind sicher nicht ganz glücklich,da muß man sich immer wieder erst neu in die Story hinein denken.Aber es bleibt spannend!

LG Bianca
Ick wees nüscht,kann nüscht,hab aba jede Menge Potenzial
Anne-Mette
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Re: Geschichte: ELLI

Post 25 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Endlich Wochenende.
Ich hatte mir richtig Mühe gegeben mit meiner Verwandlung zur "Austauschfrau". Ein klein wenig freute ich mich sogar darauf, wieder in Frauenkleidung unterwegs sein zu können. Es war mir auch nicht mehr so fremd wie beim ersten Mal. Mit dem BH hatte ich wieder etwas Mühe, aber schließlich gelang es mir, die Häkchen sogar auf dem Rücken zu schließen und anschließend die kleinen Kissen zu deponieren. "Etwas Schminke könnte ich mir mal gönnen", dachte ich gerade; da kam mein Fahrer.
Mir fiel auf, dass Bernd sehr nervös war, als er mich abholte. Fast hätten wir beim Ausparken ein Auto gerammt, das gerade vorbeikam. "Alles in Ordnung?" fragte ich ihn. "Ja, alles paletti!" Er versuchte ein Lächeln, aber es wirkte gekünstelt. Auch auf der Fahrt auf der gut frequentierten Heerstraße war mir nicht ganz wohl. Sehr unsicher wechselte er die Spuren, fuhr mal langsam, mal viel zu schnell; obwohl man hier immer wieder mit Blitzern rechnen musste.
"Soll ich lieber fahren?" fragte ich ihn. "Nein danke", er winkte ab. Endlich wurde der Verkehr weniger und Bernd entspannte sich etwas.
Die Grenzformalitäten wurden ohne Probleme bewältigt. Dann rumpelten wir auch schon über die "Bundesstraße". Die finstere Russenkaserne lag natürlich noch unverändert auf der linken Seite. Grimmige Soldaten schoben Wache. Bernd wollte lustig sein und erzählte einen Witz. "Weißt Du, warum die Sportfunktionäre der DDR bei internationalen Sportveranstaltungen eigenes Bier mitbringen?" "Nein", antwortete ich wahrheitsgemäß. "Na, weil sie im Ausland verpflichtet sind, eine eigen Fahne zu haben!" Bernd lachte - ich schmunzelte höflich. Auf der weiteren Fahrt wurde nicht viel gesprochen. So war ich froh, als wir endlich die Raststätte erreichten, auf der wir die bekannte Prozedur wieder durchführen sollten.
Tatsächlich spielte sich alles wieder so ab wie beim ersten Mal. Nur kam es mir so vor, als wäre auch meine Tauschfrau sehr nervös - oder eben von Natur aus unhöflich und mürrisch. Viel mehr als "mach hinne" sagte sie nicht.
Ich freute mich, als wir den Kleidertausch endlich hinter uns gebracht hatten und ging hinaus, wo Horst auf mich wartete. Warten passt zu Wartburg - mit so einem kam er. Immhin saßen wir in diesem wesentlich bequemer als im Trabbi. "Geklaut, oder 30 Jahre gewartet?" scherzte ich, aber Horst war wenig begeistert über meine Äußerung. "Steig ein", sagte er nur.
Wir fuhren den gleichen Weg wie beim letzten Mal. Selbst die Szene mit dem Wachhund spielte sich wieder ab - mit der leichten Veränderung, dass der Hund sich zurückzog und mit einem großen Knochen spielte, als er mit den Worten "ruhig, Harras" begrüßt wurde. Wir gingen in das Haus. Oben waren wieder Lautsprecherstimmen zu hören und wir stiegen gleich nach oben. "So, alles klar", sagte Horst zu seinem Kollegen. Der deutete, ohne ein Wort zu sagen, auf eine Thermoskanne und eine Tasse. Dankbar griff ich diese und wollte mir Kaffee einschänken - aber sie war ziemlich schmutzig. Mein Entsetzen interpretierte er richtig und zeigte auf ein Waschbecken in der Ecke, das nicht wesentlich sauberer als die Tasse war, aber immerhin in guter Nachbarschaft mit einem wasserspendenden Hahn lebte. So konnte ich mir die Tasse einigermaßen sauber machen. "Meech jibt et nich", sagte er schließlich "und Zucker musst Du unten holen!" "Nein danke", antwortete ich und dachte mir "lieber keine Milch im Kaffee als schlechte!".
"Na, hast Du mal ausprobiert, was ich Dir gezeigt habe?" Er wurde richtig gesprächig. Ich erzählte von meinen Versuchen mit dem Polizeifunk und er versprach mir weitere Hinweise, die mir ganz neue Möglichkeiten eröffnen sollten. "Spielst Du Schach?" fragte er schließlich. "Ja, ein wenig", gab ich zur Antwort. "Ich spiele sonst nur mit Horst", sagte er darauf, "und da weiß ich schon jeden Zug, der bei ihm kommt!"
"Immerhin kann ich Schach spielen - im Gegensatz zu Dir", sagte Horst darauf.
Der Elektroniker holte ein kleines Reiseschspiel aus Plastik hervor, das so klein war, dass man kaum die Firguren unterscheiden konnte. "Weiß oder schwarz?" "Egal", sagte ich. Er wählte die schwarze Seite und wir begannen das Spiel. Schlecht war er nicht. Ich musste mich ganz schön anstrengen, um schließlich zu gewinnen. Es war aber knapp und hätte auch anders ausgehen können.
Natürlich wollte er eine Revanche, die ich ihm gewährte. Er gewann das Spiel und freute sich. Ich war nicht mehr so konzentriert gewesen, hatte auch immer wieder auf die große Ruhla Uhr geschielt, die an der Wand hing. Es war schon ziemlich spät. Endlich war ein Knacken im Laustsprecher des einen Funkgerätes zu hören und dann eine Stimme: "Oma kommt gleich mit dem Bus, könnt ihr sie abholen?"
"Auf geht's" Horst wusste die Botschaft zu deuten. "Übe schön", sagte der Elektroniker, "wir spielen bestimmt bald wieder". "Bestimmt nicht!" dachte ich und sagte aber:- "ja, bei Gelegenheit!" Horst und der Elektroniker lachten. Dann fuhren wir zrück zur Raststätte. Ich wollte mich gerade von Horst verabschieden, da gab es auf einmal einen ziemlichen Lärm und eine Aufregung, die ich in dem Maße nie erwartet hätte. Ich sah Bernd davonrasen - auf dem Beifahrersitz meine Tauschfrau. Mehrere Lada folgten ihm. Leute, die auf dem Parkplatz standen, rannten in Panik in die Raststätte. Die Leute ließen alles stehen und liegen, sogar die Familie, die auf der vorderen Haube ihres Trabbis gerade den Kaffeetisch gedeckt hatte. Der Kaffee dampfte und selbstgebackener Streusselkuchen schien nur darauf zu warten, gegessen zu werden.
"Nichts wie weg", raunte Horst mir zu, "ab zum Wagen". Wir stiegen wieder ein. In gemächlicher Geschwindigkeit fuhren wir zurück zum Haus. Unterwegs kam uns ein Streifenwagen entgegen, der mit hoher Geschwindigkeit fuhr, sich aber nicht um uns kümmerte. Ich hatte Angst.
Vor dem Haus stand ein Kleinbus, dem deutlich anzusehen war, dass er schon durch viele Hände gangen war. "Ach ja", sagte Horst zu mir, "heute ist eine Jugendgruppe hier. Wir sagen einfach, Du bist ein Gast und dass wir über Dich nicht viel sagen dürfen".
Mir kam das recht merkwürdig vor. Als wir ins Haus kamen, waren die Jugendlichen schon dabei, sich in den Zimmern einzurichten, in denen sie übernachten wollten. Ein Betreuer war auch dabei und fragte uns, ob wir Lust hätten, mit der Gruppe zu essen. Wir nahmen dankend an, doch ich wollte in erster Linie erfahren, wie ich wieder nach Hause kommen sollte. Deshalb bat ich Horst, mit mir kurz vor das Haus zu kommen. "Ich glaube, es ist etwas mit dem Hund", sagte ich ihm, "lass uns mal gucken!"
Horst folgte mir nach draußen. "Was ist mit dem Hund?" fragte er mich. "Nichts - aber ich hätte gerne gewusst, wie ich aus diesem Schlamassel hier wieder rauskommen soll!"
"Du musst schon ein oder zwei Tage hierbleiben", kündigte Horst mir an. "Wir haben nur einen präparierten Wagen, den wir anfordern können und der Dich nach Lauenburg bringt. Bei dem kannst Du mitfahren auch ohne Ausweis und Transitvisum". Er grinste. "Ausweis ist ein gutes Wort", sagte ich ihm empört, "wie soll ich wieder nach Berlin kommen?"
"Betriebsrisiko", sagte er darauf, "Du glaubst doch wohl nicht, dass wir so viel Geld für nichts bezahlen?" Ich wollte ihm gerade recht wütend etwas entgegnen, da kam einer der Jugendlichen und holte uns zum Essen. Der Eintopf schmeckte nicht schlecht. Ein oder zwei Tage sollte ich hier bleiben? Außer Schachspielen und sich mit dem Elektroniker unterhalten konnte man dort nicht viel machen. Spaziergehen wäre wohl zu gefährlich. Ich schwitzte in meinen Anziehsachen. "Andere Klamotten würde ich auch mal wieder gerne anziehen", flüsterte ich Horst zu, aber der meinte nur:- "das wird schon so gehen, Du siehst doch gut aus!"
Nach dem Abwaschen hatten die Jugendlichen eine Versammlung. Sie schienen sehr angestrengt zu diskutieren. Der Elektroniker hatte mich zu einem weiteren Schachspiel überredet. Neben der Konzentration auf das Spiel dachte ich daran, wie ich die nächsten Tage überstehen sollte. "Matt", sagte der Elektroniker, "noch ne Revanche?" "Nein", ich lehnte dankend ab.
Die Jugendlichen hatten inzwischen Gitarren herausgeholt und spielten und sangen. Vieles klang sehr "sozilistisch" - so etwa wie beim "Atze-Fest" in Berlin. An diesen Gruppen war ich bisher immer vorbeigelaufen und hatte mich eher den anderen Bands zugewandt.
Einer spielte nun "blowin' in the wind". Weil alle mitsangen, selbst Horst und der Elektronker, stimmte auch ich mit ein. "Ich weiß nun nix mehr", sagte der eine Gitarrist, als wir fertig waren, "vielleicht kann unser geheimnisvoller Gast etwas zu unserem Singkreis beitragen".
Ich griff mir die Gitarre, obwohl ich mich nicht unbedingt als guten Gitarrespieler bezeichnen würde. Ein einfaches Lied? "Heute hier - morgen dort", fiel mir ein - sogar passend zu meinem Abenteuer. Die Jugendlichen schienen es zu kennen und sangen mit. Was noch? "Angie" fiel mir ein - und dann wurden mir einige Titel von den Beatles zugerufen;- aber ich musste die Gruppe enttäuschen - ich konnte nur wenige spielen.
Irgendwann zogen sich die Jugendlichen zurück. Horst, der Betreuer, der Electroniker und ich saßen noch eine Weile zusammen und tranken Bier aus Halbliterflaschen. Die Unterhaltung plätscherte so dahin. Immer, wenn der Betreuer mich etwas fragte, dann antwortete Horst. Mir war langweilig und ich war müde. Ich fragte nach einem Schlafplatz.
Horst zeigte mir ein kleines Zimmer, eher eine Rumpelkammer - voll mit allerlei Polstern und Matratzen und meinte, da müsste auch noch eine Decke sein. Es war kalt. So war ich froh, dass ich die Decke aus "Volkseigentum" fand. Ich zog sie ganz bis oben, obwohl sie ziemlich muffig roch. Die Nach verlief ruhig. Horst kam am nächsten Morgen mit einer guten Nachricht:- "das präparierte Auto steht schon heute zur Verfügung. Wir fahren nachher zur Raststätte. Es wird jemand auf dem Parkplatz sein, der die Aufmerksamkeit der Leute auf sich zieht. Das ist die Gelegenheit für Dich. Du steigst in einen viertürigen Opel Rekord. Die Vordersitze sind so gestaltet, dass Du dich darunter verstecken kannst". Ich guckte ungläubig. "Und dann?" "Ja, dann bringen sie dich rüber in den Westen. Du musst dann gucken, wie Du weiter kommst." "Und das Geld?" Ich hatte keinen Pfennig dabei. "Das Geld bekommst Du später, wir haben nichts hier". Damit war Horst fertig. Die Zeit verging einfach nicht - aber Schachspielen konnte ich nicht, so nervös war ich. Die Jugendlichen waren abgefahren. Sie hatten eine Gitarre vergessen - oder sie gehörte zum Haus. Ich griff sie mir und schrammelte ein wenig darauf herum. Ich war froh, als Horst kam und meinte: "es kann losgehen". Als ich die Gitarre wieder auf das zerschlissene Sofa legte, merkte ich, dass meine Hände zitterten.
Irgendeiner musste den Wartburg abgeholt haben;- denn wir fuhren mit dem Trabbi, den wir schon bei meinem ersten Besuch genutzt hatten. Horst sagte nicht viel. In mir sprudelte es - aber ich sagte trotzdem nichts. Wir erreichten die Raststätte. Horst zeigte auf einen hellblauen Opel mit 4 Türen. Ich sollte hinten auf der Beifahrerseite einsteigen und mich sofort unter die Vordersitze begeben. Da wäre ein Hohlraum. Sehr vertrauenerweckend sahen die beiden älteren Leute nicht aus, die scheinbar teilnahmslos in dem Auto warteten. Sollte das Ganze eine Falle sein? Ich hatte keine Zeit mehr, darüber nachzudenken; denn mit großem Getöse kam ein Traktor und knatterte über den Rastplatz. Er schein seine besten Tage bereits hinter sich gehabt zu haben;- denn heftiger blauer Qualm kam aus seinem Ausfpuff. Das hinderte den Treckerfahrer nicht daran, immer wieder Gas zu geben. Schließlich hielt er an, genau vor einer Mülltonne und kippte deren Inhalt auf eine kleine Ladefläche, die sich hinten am Trecker befand. Irgendwie hatte er aber die rückwärtige Klappe nicht geschlossen, sodass, als er den Traktor wieder bestiegen hatte und Gas gab, alles hinten herausfiel. Das hatten ein paar Leute bemerkt und fuchtelten wild mit den Armen. Er hielt an, ließ aber den Motor laufen. Eine Frau redete laut auf ihn ein. Er stieg wieder auf seinen Fahrersitz und setzte zrück. Dabei achtete er nicht auf ein Schild, das er allerdings nur knapp streifte. Trotzdem kamen mehrere Leute zusammen, die nun mit ihm schimpften. Von wo auch immer - auf einmal erschien sogar ein Wachtmeister und baute sich vor dem Traktorfahrer auf. Er wies ihn an, endlich den Motor abzustellen. Der Fahrer machte eine umständliche Prozedur daraus. "Jetzt", Horst gab mir einen Klaps auf die Schulter. Ich öffnete die Tür des Opel und kroch in den Fußraum. Dann drehte ich mich so, dass ich mich genau in den Hohlraum schmiegte. Ich sah, dass mit Bändseln oben eine Art Decke aus Skai gehalten wurde, die an den Seiten Druckknöpfe hatte. Das Gegenstück dieser Druckknöpfe entdeckte ich am Sitz - an beiden Seiten. Dort musste ich die Decke wohl festmachen, die fest gepannt die Illusion einer Sitz-Rückwand darstellte. In meiner Höhle war das ein sehr schwieriges Unterfangen. Gerade an die Knöpfe an meinem Fußende kam ich sehr schlecht heran. Unter Aufbietung aller Kräfte schaffte ich es schließlich. Ich befand mich nun in einem fast abgeschlossenen Raum. Ich hatte das Gefühl, kaum Luft zu bekommen. Hinzu kam, dass ich immer Stöße von oben erfuhr, wenn die Leute auf ihren Sitzen hart einfederten - und das taten sie recht häufig beim schlechten Zustand der Straße.
Sie redeten fast nichts. Die Zeit verging unendlich langsam. Irgendwie schafften wir es doch. Wir fuhren nur noch Schrittgeschwindigkeit - dann blieben wir ganz stehen. "das ist die Grenze - oder es ist nun ganz aus, weil sie dich gelinkt haben", dachte ich mir. Da kurbelte der Fahrer die Scheibe herunter und reichte die Papiere nach draußen. "Zwei Personen?" fragte jemand. "Jawohl, zwei Personen", hörte ich eine Männerstimme antworten. "Funkgeräte, Waffen?" fragte der Grenzer wieder. "Nein, keine Funkgeräte, keine Waffen!"
"Und wozu ist das?" Der Schreck fuhr mir in die Glieder. "War irgendetwas von mir zu sehen?"
"Was?" fragte unser Fahrer. "Na das hier!" Der Grenzer klopte von außen an irgendein Teil des Autos. "Das ist der Fuß einer DV27". "Stimmt", meinte darauf der Fahrer, "als meine Frau und ich das Auto gekauft haben, war ein Funkgerät eingebaut, das haben wir aber nicht übernommen. Wir haben nur den Antennenfuß dran gelassen, damit wir nicht so ein hässliches Loch in der Karosserie haben".
"Ist gut", antworte der Grenzer, "bis zur Linie vorfahren - und dann weiterfahren, wenn sie dazu aufgefordert werden!"
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Re: Geschichte: ELLI

Post 26 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Moin,

bevor ich eine neue Geschichte in Angriff nehme, kommt hier das vorletzte Stück von "ELLI".
Wenn alles komplett, ist, füge ich die Teile zu einer ganzen - am Stück zu lesenden Geschichte zusammen.



Es ging weiter. Sie mussten die Aufforderung bekommen haben. "Wohin soll"™s gehen?" hörte ich eine Stimme, die sehr leise an mein Ohr drang, offensichtlich von einem Grenzer.
"Hamburg", und nach kurzem Zögern "die Schwiegermutter besuchen!":
"Na, dann viel Spaß". Das verständnisvolle Grinsen des Grenzers konnte ich zwar nicht sehen, aber mir gut vorstellen. Mit einem "na dann gute Fahrt" wurden wir verabschiedet.
Das Auto setzte sich in Bewegung: "Geschafft", wollte ich schon brüllen, aber da trat unser Fahrer so auf die Bremse, dass ich gegen die Wand meines Versteckes gedrückt wurde.
Aus und vorbei?
Nein — es ging weiter. "Natürlich wieder ein Mercedes, der sich vordrängeln musste", hörte ich die Beifahrerin sagen. Der Fahrer murmelte etwas, was ich nicht verstand. Wir hielten noch einmal kurz an und er kurbelte die Scheibe herunter. "In Ordnung", hörte ich nur eine Stimme; dann fuhren wir weiter. So langsam musste ich mal aus meinem Versteck hervorkommen. Ich fühlte schon jeden Knochen im Leib, schwitzte — und konnte mich selbst bald nicht mehr riechen.
Unser Auto wurde mit mäßiger Geschwindigkeit gefahren — so viel konnte ich hören. Noch wollte ich keine Anstalten machen, mich selbst aus dem Versteck zu befreien, aber der Fahrer schien meine Gedanken erraten zu haben, bremste ab, ich hört das "klick-klick-klick" des Blinkers, dann wurden wir noch langsamer, rumpelten über eine sehr schlechter Wegstrecke, mir wurde schlecht — und dann hielten wir an.
Der Fahrer kam nach hinten und öffnete die Abdeckung von meinem Versteck.
"Endlich!" wollte ich ihm jubelnd entgegenrufen, aber das Wort blieb mir im Halse stecken. Er hatte eine ziemlich rostige Pistole in der Hand und meinte trocken: "so, meine Kleine, Deine Reise ist hier zuende!"
Ich kroch aus dem Versteck heraus. Meine Augen mussten sich erst an die Umgebung gewöhnen; schließlich war ich die ganze Zeit im Dunklen gewesen. Aber ich hatte Glück; wir befanden uns in einem recht dichten Wald — und es war so spät, dass es schon recht dunkel war.
"Was ist mit dem Geld, das mir versprochen wurde?" fragte ich empört, "ohne Geld komme ich nicht fort von hier! Außerdem war abgemacht, dass ihr mich dort absetzt, wo ich allein weiterkomme!"
"Die Regeln haben sich geändert", antwortete der Fahrer, "das hast Du Elli zu verdanken. Wo Deine Reise hingeht, da braucht man kein Geld!" Dabei pfiff er — relativ falsch, aber es war gerade eben noch zu erkennen, die Melodie: "das letzte Hemd hat leider keine Taschen" von Hans Albers.
"Guck ja nach, ob er nicht noch etwas im Versteck liegen hat", meldete sich die Beifahrerin, "nicht, dass uns eine Kleinigkeit verrät. Es kommt auf jedes Detail an!"
"Das könnte ihm — nein ihr — so passen", meinte er darauf, "dass ich mich herabbeuge und sie entwischt. Komm Du und kontrolliere alles!"
Sie stieg aus und drückte die Tür fast lautlos zu, ohne sie zuzuschlagen. Sie hatten wohl Angst vor Entdeckung und wollten möglichst leise sein. Irgendwie hatte die Frau jedoch dabei ihre Jacke eingeklemmt und blieb hängen. "Mist", schimpfte sie, "meine neue Jacke, "jetzt ist sie voller Öl von dem Schloss!"
Ich nutzte das kleine Durcheinander, als ich sah, dass der Mann einen Moment unaufmerksam war und versetzte ihm einen Tritt genau dorthin, wo Männer nicht gerne getroffen werden. Er jaulte und griff sich an den Schritt. Ich versuchte, ihm die Pistole aus der Hand zu schlagen — und sie fiel tatsächlich auf den Boden. Ein Griff — und ich war der neue Eigentümer.
Anschließend konnte ich meine sportlichen Fähigkeiten als Läufer unter Beweis stellen. Ich achtete allerdings nicht auf den Stil — die "B-Note", sondern rannte, was die Lunge hergab — immer tiefer in den Wald. Sie folgten mir, aber schienen nicht so fit zu sein; denn bald hörte ich sie nicht mehr hinter mir.
Mit der Pistole in der Hand fühlte ich mich stärker und mutig. Ein kühner Gedanke schoss mir durch den Kopf: warum nicht einen Bogen schlagen und vorsichtig zurück zum Auto? Vielleicht wäre es möglich, es ihnen abzunehmen.
Aus meinem nun leichten Trab wurde eine ganz vorsichtige Gangart. Ich versuchte jedes Geräusch zu vermeiden und auf einem Schleichweg zurück zum Auto zu gelangen. Das schien mir tatsächlich zu gelingen; denn bald hatte ich den Anfangspunkt meiner Flucht erreicht. Da sah ich das Auto schon stehen. Die hintere und die Fahrertür waren noch offen. Wo waren die beiden Insassen? "Wer nicht wagt, kann nicht gewinnen", dachte ich mir und bewegte mich einer Katze gleich auf das Auto zu. Wie sollte ich es starten, wenn ich es überhaupt unbeschadet erreichen sollte? Ich hatte noch nie ein Auto kurzgeschlossen und ich würde sicherlich genau so wenig Erfolg damit haben wie beim Öffnen von Türen mit einer Plastik-Karte. Beides sieht in den Filmen immer so einfach aus.
Nun stand ich vor dem Wagen. "Sind die blöd", wollte ich rufen; denn im Lenkradschloss steckte der Schlüssel. Es war aber nicht an der Zeit, wertvolle Sekunden durch unnötige Gedankengänge zu verschwenden; denn ich hörte meine beiden Widersacher laut schimpfend und schnaufend schnell näherkommen.
So sprang ich auf den Fahrersitz und startete den Motor, der erst beim zweiten Versuch seine Arbeit aufnahm. Ich spielte mit dem Gaspedal und würgte den Rückwärtsgang rein; denn wir standen halb unter einer Fichte. Ich setzte ein paar Meter zurück. Da klopfte es schon auf das Autodach. Sie hatten mich erwischt. In meiner Aufregung hätte ich den Motor beinahe abgewürgt, aber dann fand ich den ersten Gang und gab Gas. Der Mann schimpfte noch wütender. Ich war ihm wohl versehentlich mit dem hinteren Reifen über den Fuß gefahren. Aber durch den weichen Waldboden hat er sich bestimmt nicht schlimm verletzt. Ich schaltete das Licht an. Der Weg mündete in eine kleine Straße. "Links oder rechts" fragte ich mich selbst. "Rechts!" entschied ich. Irgendwo dahinten muss Hamburg sein.
Als ich rund dreißig Kilometer gefahren war, kam tatsächlich ein Hinweisschild, das "Hamburg - 40 Kilometer" ankündigte, also noch fast eine Stunde zu fahren. Zeit genug, mir zu überlegen, wie es weitergehen sollte.
Ohne Geld waren die Aussichten nicht gerade hervorragend. Der Tankanzeiger zeigte einen immer kleiner werdenden Benzinvorrat an, sodass er mir ohne Nachtanken spätestens ab Hamburg wertlos werden würde. An einem geeigneten, etwas versteckten Rastplatz wollte ich erst einmal das Auto untersuchen. Vielleicht war etwas Geld in den Besitztümern meiner Transporteure. Ich fand aber nur ihre Ausweise. Falls die echt waren, handelte es sich um ein Ehepaar: Elfriede und Otto Schmidt.
Wie einfallslos!
Geld war nicht im Auto; auch sonst nichts, was ich brauchen konnte. Miserable Aussichten. Hamburg würde ich erreichen — aber was dann? Ich kannte niemanden in Hamburg und hatte nicht einmal Geld, um Hilfe herbei zu telefonieren.
Die Stadt konnte ich nun schon etwas spüren. Die Straße wurde breiter und besser. Mehr Verkehr. Da musste etwas passiert sein: Blaulicht schuf eine bedrohliche Szenerie. Sicherlich ein Unfall. Sicherheitshalber legte ich die Pistole unter den Beifahrersitz.
Hinter mir tauchte ein weiterer Wagen mit Blaulicht auf; einen Polizeiwagen konnte ich erkennen, als er näher kam. Dann folgte noch einer. Das musste ein wirklich sehr schwerer Unfall sein. Das Polizeifahrzeug setzte sich direkt neben mich, obwohl doch sicherlich mit Gegenverkehr zu rechnen sein musste. Der Beamte auf dem Beifahrersitz gab Zeichen, dass ich rechts an den Straßenrand fahren sollte. Bestimmt war die Straße vorne wegen des Unfalls gesperrt und ich sollte eine Umleitung fahren.
Ich ließ das Auto ausrollen und zog die Handbremse an. Ein Beamter stieg aus, trat an das Auto heran und klopfte gegen die Scheibe. Ich kurbelte sie herunter. Inzwischen war der Fahrer auch ausgestiegen. Er kam näher — und dann hörte ich ein hässliches und metallisches Geräusch; er entsicherte seine Waffe.
"Aussteigen und Hände auf das Wagendach! Keine falsche Bewegung!" Nach einer Warnung vor einem Unfall oder einer Kontrolle der Papiere sah es nicht aus und hörte sich auch nicht so an. Zögerlich stieg ich aus und mir schoss durch den Kopf, wie eine "falsche Bewegung" aussehen sollte. Aber ich konnte kaum zuende denken, da drückte mir der eine Beamte die Hände auf das Wagendach, während der andere mich durchsuchte. "Sauber" meinte er. Das verstand ich im ersten Moment nicht, war ich doch ganz schön durchgeschwitzt und fühlte mich schmutzig.
Als ich mich etwas gefasst hatte, fragte ich, was sie von mir wollten. Sie antworteten nicht, aber der eine Beamte sprach in ein Funkgerät — und bald darauf kamen weitere Polizeifahrzeuge und ein Abschleppwagen. Mir wurde bedeutet, dass ich in einen VW-Bulli einsteigen sollte. Wohl war mir bei der Weisung nicht; schließlich zielte der eine Beamte immer noch mit der Waffe auf mich. Es blieb mir wohl nichts anderes übrig; so bewegte ich mich auf den Bulli zu. Der Mitarbeiter des Abschleppers hatte eine Art Auffahrbühne herabgelassen und fuhr den Opel auf den Wagen. "Wohin?" fragte er die Polizisten. "Frag die Einsatzleitung", meinten die, aber bestimmt erst einmal in die KTU.
Als ich kurz vor dem Bulli stand, packte mich der eine Beamte und drehte mir die Hände auf den Rücken. Metallische Geräusche ließen vermuten, dass er seine Handschellen herausfummelte. Auch das noch! Er legte mir tatsächlich Handschellen an. Dann drängte er mich, nachdem er die Schiebetür mit ihrem charakteristischen Geräusch geöffnet hatte, in den Wagen, in dem schon zwei Kollegen saßen. Sie waren dick bepackt mit ihren schusssicheren Westen. So langsam wurde mir die Ernsthaftigkeit meiner Lage bewusst, obwohl ich doch, wenn ich es richtig betrachtete, mich keiner gravierenden Vergehen schuldig gemacht hatte. Naja — ohne Führerschein und Ausweis unterwegs in einem "geliehenen" Auto, Leute im Wald zurückgelassen, eine etwas merkwürdige Einreise in die DDR, Frauenklamotten an"¦
"Spezialeinheit T" konnte ich auf der Weste des etwas freundlicher wirkenden Polizisten lesen. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen (viel war davon nicht übrig geblieben) und fragte ihn, was das zu bedeuten hätte und was der Grund für meine Festnahme wäre.
"Terrorismusbekämpfung" — und nach kurzem Zögern fügte er hinzu: Sie sind in einem gestohlenen Auto unterwegs. Außerdem stehen Sie in Verdacht der Unterstützung einer terroristischen Vereinigung. Ich musste schmunzeln. Ich als Terrorist? Ein Witz!
Ihnen wird das Lachen schon noch vergehen", meinte sein Kollege, "wir haben bisher jeden weichgekocht". Er ballte die Fäuste und betonte "jeden". Der andere Kollege sagte nichts dazu, blinzelte mich aber mit einem Auge an. Dieses Signal wusste ich nicht zu deuten.
Endlich setzte sich unser Bulli in Bewegung. Wir fuhren kreuz und quer durch Hamburg. Ich war mir sicher, dass wir zu einer Polizeiwache unterwegs waren. Wir fuhren aber letztendlich auf ein ziemlich für sich liegendes Firmengrundstück, das mit einer mittelgroßen Halle bebaut war. Hinter der Halle — das sah ich erst, als wir um die Ecke bogen, befand sich ein kleineres Haus, ich dachte an ein Büro- oder Wohngebäude. Wie eine Polizeiwache sah es jedenfalls nicht aus.
Als wir anhielten, wurde ich in das Haus gedrängt, in dem sich schon mehrere Leute aufhielten. Einige trugen Uniform, andere nicht. Ich wurde in einen Raum geführt, in dem ein in zivil gekleideter Mann hinter einem Schreibtisch saß. Vor dem Schreibtisch stand ein Stuhl aus Holz, der ungepolstert war. Mir wurde bedeutet, dass ich mich setzen sollte.
Ich kam der Aufforderung nach, fragte aber gleich, warum sie mich festhalten würden; außerdem beklagte ich mich über Hunger und Durst und ich ließ mich zu dem blöden Satz hinreißen, den ich wohl irgendwo mal gehört hatte: ""¦ und außerdem möchte ich meinen Anwalt anrufen!"
"Die Fragen stellen wir, Essen gibt"™s hier nicht und Telefon auch nicht!" Sagte der Mann hinter dem Schreibtisch in einem sehr bestimmten Ton, sodass ich meine Entrüstung und Entgegnung schnell wieder herunterschluckte.
Ich fror in meinen Frauenklamotten. Außerdem klebten sie auf der Haut und meine "Brüste" saßen auch nicht mehr so, wie sie eigentlich sollten.
Die Tür wurde aufgerissen. Ein Mann in zivil stürmte herein. "Habe ich nicht gesagt, dass ich nicht gestört werden möchte?" brüllte der Mann hinter dem Schreibtisch ihn an. "Außerdem: schon mal was von Anklopfen gehört?"
"Ist wichtig, Chef", sagte der andere Mann. Er trat dicht an ihn heran und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Ich nahm nur das Wort "Waffe" wahr. Dann mussten sie wohl schon einen groben Blick auf den Opel geworfen haben.
Der Mann verschwand wieder.
"Das Netz zieht sich zusammen", meinte der "Chef" zu mir, "was haben Sie zur Waffe zu sagen?"
"Ich kann alles erklären", sagte ich darauf leise.
"Ich bitte darum", entgegnete er, "fangen Sie an, wir haben viel Zeit. Er stellte eine Thermoskanne, die sich auf dem Boden befunden haben musste, auf den Schreibtisch und schenkte sich einen Kaffee ein. "Ich habe leider nur einen Becher", sagte er mit einem süffisanten Lächeln zu mir. "Schießen Sie los!" Schlürfend trank er einen ersten Schluck und meinte dann: "so etwas sollte man zu Leuten wie Ihnen allerdings nicht sagen, schon überhaupt nicht, wenn sie eine Waffe im Auto versteckt haben! Die Waffe war geladen; aus ihr sind kürzlich Schüsse abgefeuert worden — und 3 Kugeln fehlen!
Erzählen Sie mir die Wahrheit", sagte er zum Schluss, "dann kann ich mich für Sie einsetzen!".
"Wer"™s glaubt", sagte ich zu mir selbst und überlegte krampfhaft, "welche" Wahrheit ich ihm erzählen sollte; denn die wahre Geschichte war und klang so abenteuerlich, dass er sie mir nicht glauben würde.
"Mich interessiert vor allen Dingen, was Sie mit der Waffe gemacht haben und was Sie damit noch vorhatten — und natürlich, wer Ihre Hintermänner sind!"
"Hintermänner?" so eine Spinnerei — aber ich musste mir eine plausible Erklärung ausdenken. "Gefunden" sagte ich — und mir fiel ein, dass ich mit "gefunden" schon einmal ganz gut gefahren war, als ich einer Behörde etwas erklären sollte.
"Sie haben also die Waffe gefunden", fragte er mit ernster Miene "Wo?"
"Im Auto" log ich. "Aha, im Auto. Ist das Ihr Opel?"
"Nein antwortete ich wahrheitsgemäß, den habe ich auch gefunden — in einem Waldstück nahe der Zonengrenze. "Grenze zur DDR" meinte der darauf — und "da kann man so einfach ein Auto finden? Dann gehe ich da auch mal hin, mein R4 wird mir langsam zu klein, außerdem ist er schon etwas klapprig!"
Er winkte mich zu sich heran; der Kaffeeduft stieg mir in die Nase. Ich guckte auf seinen Becher. "Vergessen Sie"™s", meinte er, wir haben noch viel Arbeit vor uns. Aus einem Schub seines Schreibtisches holte er eine Straßenkarte. Umständlich faltete er sie auseinander. Offensichtlich wollte er, dass ich ihm zeigen sollte, wo ich das Auto gefunden hatte.
Ich blickte von der Seite auf die Karte, konnte mich nach einer Weile orientieren und zeigte auf einen Punkt: "da muss es gewesen sein!"
Aha — er nahm ein kleines Diktiergerät, das auf seinem Schreibtisch lag und sprach hinein: der Beschuldigte gibt an, den Opel in einem Waldstück gefunden zu haben. Ungefähre Koordinaten"¦"
Dann schien er zu überlegen und fragte mich: der oder die Beschuldigte, Sie sind doch ein Mann, oder?"
"Ja" antwortete ich, "es war eine Wette!"
"Eine Wette?"
"Ja, wir haben gewettet, ob ich wohl als Tramperin mit einem Lastwagen durch die Zone — DDR verbesserte ich mich schnell — komme und bis Hamburg mitgenommen werde".
"Von Berlin?"
"Ja, in Berlin ging es los".
"Und wie haben Sie das angestellt? Ihre Stimme hätte Sie doch sofort verraten!"
"Pappschild", sagte ich. Immer wieder hatte ich die Tramper in der Nähe der Grenze gesehen, die Pappschilder mit "Hamburg", "Hannover" oder "Köln" vor den Brustkorb hielten, wenn sich ein Lasti näherte. Ein Witzbold hatte sogar "nach Hause" auf sein Schild geschrieben.
"Ich habe HAMBURG auf ein Pappschild geschrieben und es hat sogar einer angehalten", beschrieb ich ihm meine Vorgehensweise.
"Und er hat nichts gemerkt?" fragte der Verhörer.
"Doch", sagte ich, "aber ich habe erst gesprochen, als wir schon in der DDR waren — und da konnte er mich nicht zurücklassen; das hätte ihn sonst selbst in Schwierigkeiten gebracht'".
"Ach ja — Ihren Ausweis bitte! Wir müssen Ihre Identität einwandfrei feststellen!"
"Den habe ich verloren", log ich.
"Sie sind ein wahrer Finder und Verlierer", meinte er darauf, "aber Sie haben sich verbessert: Ausweis verloren und Auto gefunden! Das ich nicht lache.
Ich beschrieb ihm, dass es zuerst mit dem Lastwagenfahrer ganz gut ging. Er schien nicht besonders sauer zu sein, dass ich keine "echte" Frau war. Wir unterhielten uns sogar ganz gut.
Doch nachdem wir die Grenze "geschafft hatten", wurde er ganz anders, fuhr von der Bundesstraße ab und in ein Waldstück. Er wollte zudringlich werden und sagte: "wollen wir doch mal sehen, ob Deine Titten echt sind".
"Ich konnte ihm aber entkommen", fügte ich hinzu, "und in den Wald hineinlaufen. Leider musste ich dabei meinen Ausweis zurücklassen. Schließlich fand ich den Opel, der mit offenen Türen halb unter einer Fichte stand. Der Zündschlüssel steckte. Und dann bin ich in Richtung Hamburg gefahren — und den Rest kennen Sie ja".
"Was war das für ein Lastwagen und wie hieß der Fahrer?" wurde ich gefragt.
"Kurt", sagte ich, "mehr weiß ich nicht. Seinen Ausweis habe ich nicht gesehen; er hatte beide, also auch meinen in seiner Mappe, in der auch die Frachtpapiere waren.
Ich kenne mich mit Lastwagen nicht aus", fügte ich hinzu, "aber ich glaube, es war ein MAN!"
Jemand klopfte an die Tür — und stürmte gleich ins Zimmer, ohne auf ein "Herein" zu warten.
Bianca D.
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Re: Geschichte: ELLI

Post 27 im Thema

Beitrag von Bianca D. »

Moin,

daß es nach mehr als drei Jahren noch eine Fortsetzung der Story gibt... wer hätte das gedacht! Sehr schön! Ich hoffe mal, daß der nächste Teil nicht wieder so lange dauert?

LG Bianca
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Re: Geschichte: ELLI

Post 28 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Moin,

neee - ich will eine neue Geschichte anfangen und dann wird diese vorher ordentlich beendet.

Was macht das Bass-Spielen? )):m

Ich habe wohl morgen Abend Gelegenheit, mal wieder Gitarre zu spielen )):m

Gruß
Anne-Mette
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Re: Geschichte: ELLI

Post 29 im Thema

Beitrag von Bianca D. »

Anne-Mette hat geschrieben:Was macht das Bass-Spielen? )):m
Moin,

liegt im Moment auf Eis, was nix heißen soll.Mein Benz hat im Moment nur ein ziemliches Loch in die Kasse gerissen (Zündschloß,Reifen und noch ein paar Kleinigkeiten),da muß der Bass erstmal anstehen. Dafür bin ich mit dem Synthie weiter am üben,Oxygene IV klappt schon einigermaßen.

LG Bianca
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Re: Geschichte: ELLI

Post 30 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Draußen gab es einen Tumult. Schließlich kamen noch zwei Männer, die sich ziemlich abmühten, eine heftig um sich schlagende Frau zu uns zu bringen.
"Da habt ihr aber einen Fang gemacht!" sprach der Mann, der mich verhörte. Ich traute meinen Augen kaum, denn die Frau war"¦
"¦ Elli!
"Nehmt den — oder die mit raus", sprach er — und zeigte auf mich, "wir machen später weiter".
Die beiden Männer griffen fest zu und führten mich in den Flur. Sie zogen sich zurück und ließen mich auf dem harten Holzstuhl sitzen. Ich spitzte meine Ohren, aber ich konnte nur hören, dass im Verhörzimmer laut gesprochen wurde. Nicht ein Wort, nicht einmal verwertbare Wortfetzen drangen an mein Ohr. Elli hatte keine Regung gezeigt, obwohl sie mich bestimmt erkannt hatte.
Zuerst alle paar Minuten guckte einer der beiden Männer um die Ecke, die mich in den Flur gebracht hatten und vergewisserten sich, ob ich noch da war; dann wurden die Kontrollen immer seltener. Wo sollte ich auch hin?
Mein Magen knurrte und ich war müde. Es musste hier doch wohl etwas zu essen geben! Keiner der anwesenden Leute machte Anstalten, mir etwas zu bringen. Überhaupt: nach einer Weile schienen sie mich vergessen zu haben. Das weckte meinen Freiheitsdrang. Vorsichtig stand ich auf und bewegte mich in Richtung auf den Hauseingang zu. Eine Wache hatte ich beim Betreten des Hauses nicht gesehen. Ich konnte es kaum glauben, als ich um die Ecke blickte: die Haustür stand offen. Mit wenigen Schritten war ich draußen und orientierte mich erst einmal. Die Mauer zur rechten Seite war nicht sehr lang, dann folgte eine Ecke — und hinter der Ecke sah ich bläulichen Rauch. Stimmen waren zu hören.
"Nicht die richtige Richtung", dachte ich — und wählte LINKS. Ganz vorsichtig schlich ich mich hinaus. Fast wäre ich über einen Aschenbecher gestolpert, der bestimmt früher einmal eine große Bodenvase gewesen war. Nun war er voll mit Kippen.
Ein Gebüsch bot mir Deckung. In einiger Entfernung sah ich die hellen Lichter einer Tankstelle. Die erschienen mir verheißungsvoll. Insgeheim sah ich mich schon dort sitzen und mich am Imbiss stärken, aber wie sollte das ohne Geld möglich sein?
In Gedanken war ich schon fast am Ziel, da schlugen mir die Äste und Zweige schmerzhaft ins Gesicht. Ich musste mehr Vorsicht walten lassen!
Diese Ecke des Grundstücks schienen die Polizisten bisher sträflich vernachlässigt zu haben; denn der Zaun, der sich an das Gebüsch anschloss, bot ziemlich große Lücken, sodass ich ohne Probleme hindurchschlüpfen konnte.
Vor mir zeigte sich nun der Parkplatz, hell beleuchtet und ziemlich ungeschützt. Ich musste mich aus dem Sichtfeld eventueller Verfolger entfernen und schlich mich zu den langen Reihen schräg parkender Lastwagen.
Die Fahrer schienen nicht anwesend zu sein oder zu schlafen, jedenfalls traf ich keinen Menschen. Aus einer Fahrerkabine dudelte leise Musik: "Griechischer Wein"¦", "würde ich auch gern haben", dachte ich — "oder ein Bier und ne Frikadelle!"
Ich dachte darüber nach, wohin die Lastwagen wohl fahren würden, wenn die Fahrer ihre Pause beendet hatten. Und ich dachte an meine Ziele — oder überhaupt erst einmal an mein nächstes Ziel. Ich musste dringend etwas essen und trinken, ich musste aus meinen dreckigen und durchgeschwitzten Frauensachen raus — und ich brauchte dringend Papiere; denn ohne Ausweis würde ich nicht wieder nach Berlin kommen.
Eine Wagentüre wurde aufgerissen — und ein Fahrer sprang aus seiner Kabine. Daran hatte ich nicht gedacht, er hatte mein Schleichen um die Wagen bestimmt im Rückspiegel gesehen.
"Na, Kleene", rief er, "Willste klauen, oder suchste ne Tour? Wir können aber auch für nen Heiermann Hochzeit machen; mehr würde ich für so einen Dreckspatz nicht ausgeben!"
Dabei grinste er breit. "Schwein", dachte ich.
Ich wollte gerade die Beine in die Hand nehmen, wie man so schön sagt, und davonlaufen, da bemerkte ich drüben auf dem Lagergrundstück, das ich gerade mit Müh und Not verlassen hatte, hektische Betriebsamkeit. Die hatten mein Verschwinden sicherlich inzwischen bemerkt.
Während ich noch stumm dastand und überlegte, was am besten zu tun wäre, kam ein Ford Transit mit offener Ladefläche, auf der sich etliche Säcke befanden. Ein Mann im Blaumann stieg aus, nachdem er den Wagen gestoppt hatte. "Ratsch", hörte ich noch die Handbremse. Den Motor hatte er laufengelassen, stürzte hektisch hinter einen belgischen Lastwagen, der da stand — und dann hörte ich es auch schon plätschern. Das weckte mich aus meinen Träumen, ich rannte hinüber zum Transit, riss die Tür auf, stieg hinein — und schon gab ich Gas, noch bevor ich die Handbremse löste. Schreiend rannte der Mann hinter dem Transit her. Als ich die Handbremse endlich gelöst hatte, machte der Wagen einen richtigen Satz nach vorn. Fast hätte ich einen Opel gerammt, der gerade an einer der Tanksäulen zum Tanken abgestellt wurde.
Gerade noch einmal gut gegangen! Ich befand mich auf dem Wege zur Ausfahrt. Dann sah ich auch, wo ich war: südlich von Hamburg und unterwegs in nördlicher Richtung. Das war erst einmal ziemlich gut. Der Tansit eierte ein wenig herum, ich drosselte die Geschwindigkeit und schwamm im Verkehr einfach mit. Bloß nicht auffallen!
Ich war eine gute halbe Stunde unterwegs und näherte mich dem Innenstadtbereich. Mich hatte zwar keiner verfolgt — jedenfalls konnte ich niemanden entdecken, aber den Wagen musste ich irgendwie wieder loswerden.
"Achmed"™s Autobasar"; fast hätte ich das Schild und den Platz übersehen, so dunkel war es da. Das war die Gelegenheit! Ich parkte den Transit direkt hinter einem Bulli , so fiel er kaum auf. Ich stieg aus.
"Was machen Sie da?" sprach mich ein älterer Mann in Uniform an. An seiner Jacke war ein Emblem angebracht: "Hanse Wachdienst".
"Ich sollte den Wagen hier abstellen, Achmed weiß Bescheid", sagte ich, "den Schlüssel soll ich in den Kasten werfen".
"Den Schlüssel kannst Du gleich mir geben", meinte der Wachmann, "und die Papiere?"
"Papiere bringe ich morgen mit, wenn ich das Geld hole", sagte ich. "Gut", meinte darauf der Wachmann,"viel gibt es für die Schrottkarre bestimmt nicht!"
Ich gab ihm die Schlüssel und verschwand in der Dunkelheit. Der Hund knurrte. "Ruhig, Harras", hörte ich noch.
Nicht weit von hier hatte ich ein U-Bahn-Schild gesehen. Ich musste nicht weit laufen, dann fand ich den Eingang. Aber wohin?
Erst einmal weiter — möglichst weit weg von hier!
"Altona", fiel mir ein — den letzten Zug auf die Insel müsste ich doch noch erreichen!
"Aber ohne Geld — kommst Du nicht weit!" sagte ich zu mir selbst.
Da fiel mir ein, dass der Schaffner der letzten Tour es oft nicht so genau mit der Kontrolle nahm. Er war so spät am Abend selbst müde und froh, wenn keiner etwas von ihm wollte. Darin sah ich meine Chance.
Ich erreichte tatsächlich den Bahnhof Altona, ohne dass ich kontrolliert wurde. Jeder döste vor sich hin; so erregte ich kein Aufsehen — und andere Menschen sahen auch "ganz schön fertig aus".
So ein Glück hatte ich lange nicht gehabt: der Zug stand noch da. Der Schaffner unterhielt sich mit dem Lokführer, der sich aus dem Fenster seiner V200 hinauslehnte. Als eine Personengruppe auftauchte und in den letzten Wagen einstieg, flutschte ich mit hinein und hoffte, dass der Schaffner mich nicht gesehen hatte.
Ich ging einen Wagen weiter nach vorn und setzte mich so hin, dass ich einen guten Blick durch das Fenster in der Tür in den Wagen davor hatte.
Es erfolgte eine Durchsage — und ruckelnd setzte der Zug sich in Bewegung. Wir rumpelten über viele Weichen und fuhren an einem Bahn-Ausbesserungswerk vorbei, in dem noch helles Licht brannte. Lichterbögen von Schweißgeräten zeigten, dass dort noch gearbeitet wurde.
Die Fahrt wurde ruhiger. Die Müdigkeit übermannte mich fast, aber noch musste ich wachsam sein. Der Schaffner hatte seine erste Runde noch nicht gemacht.
Eine leichte Bremsung holte mich aus meinen Gedanken. Der Zug wurde langsamer. Bald darauf hielt er an. "Was, schon Elmshorn?"
Viel war da nicht los. Einer stieg ein — in meinen Wagen. Drei Leute stiegen aus. Alles machte einen verschlafenen Eindruck. Noch bevor der neue Passagier sich setzen konnte, stand ich auf, ging einen Wagen weiter vor, und in den Toilettenraum. Die Tür verschloss ich nicht — ganz im Gegenteil: ein kleiner Spalt blieb offen. Ich stellte mich so hinter die Tür, dass ich von außen nicht zu sehen war. Richtig kalkuliert: ich hörte, wie die Tür des Wagens zugeschlagen wurde. Vorher ertönte ein Pfiff — und ich musste an die Schaffner-Ausrüstung denken, die ich als Kind zu Weihnachten bekommen hatte. Ich musste mich abstützen; denn der Zug setzte sich ruckelnd in Bewegung — fast wie es Fahranfänger mit dem Auto machen, wenn sie den richtigen Gebrauch der Kupplung noch nicht kennen.
"Dass die Leute nie die Tür vom Klo zumachen können", hörte ich ihn rufen — und dann schloss sich die Tür meiner "Notunterkunft" und wurde mit Nachdruck ins Schloss gezogen. "Geht doch", hörte ich ihn sagen. Dann zog der die Tür zum Abteil auf und ich konnte leise "die Fahrkarten bitte" erraten.
Kurze Zeit später war er zurück, was an den typischen Geräuschen der Schiebetür leicht zu erkennen war. Er ging weiter nach vorn — und ich war beruhigt. Nach ein paar Minuten ging ich zurück in das Abteil und setzte mich. Bald darauf war ich eingeschlafen.
Ich wachte erst auf, als wir in Heide hielten. Auch hier war wenig los, es stiegen aber etliche junge Männer aus — und keiner ein. Dann war erst einmal nicht mit einem weiteren Besuch des Schaffners zu rechnen.
Dabei blieb es auch. Ich hatte Glück: auch an den Folgebahnhöfen stieg niemand in unseren Wagen.
Die Landschaft flog vorbei. Es war wenig zu sehen. Ich musste an früher denken, auch daran, dass ich meine Klassenkameraden manchmal am Wochenende besuchte und so einige dieser kleinen Orte kennenlernen konnte. "Marschenland im November bei Regen oder Nebel ist eine ernsthafte Prüfung und birgt die Gefahr einer Verschlimmerung einer Depression", musste ich denken.
Niebüll: hier hatte ich viele Tage meines Lebens wartend verbracht, wenn nach der Schule der Zug erst eine Stunde später fuhr. Ich dachte an die Bahnhofswartehalle, in der wir warteten, wenn wir kein Geld hatten — und an die Eisdiele, in der wir Flipper spielten, wenn wir Geld hatten.
Es stieg doch noch jemand zu. So musste ich auf den letzten Kilometern noch einmal wachsam sein. Der Schaffner kam aber nicht; sicherlich hatte er keine Lust auf eine weitere Runde durch den Zug.
Emmelsbüll — Klanxbüll — und dann rauschten wir auch schon, nachdem wir den Deich überquert hatten, über den Hindenburgdamm. Auf der Insel waren ein paar Lichter zu erkennen — trotzdem war die Abendbeleuchtung nicht zu vergleichen mit dem Lichtermeer einer Stadt.
Westerland! Ich hatte es geschafft! Nun noch vorsichtig am Bahnpersonal vorbei.
Auch das gelang mir. Auf dem Bahnhofsvorplatz hielt ich Ausschau, ob jemand in "meine Richtung" fahren würde, den ich kannte. Fehlanzeige!
So machte ich mich auf den Fußmarsch. Gut 7 Kilometer lagen vor mir. Es begann zu regnen. Zum Schimpfen war ich zu müde.
Nach einer guten Stunde erreichte ich mein Elternhaus. Meine Eltern konnte ich mitten in der Nacht nicht wecken — und schon überhaupt nicht in diesem Aufzug.
Da fiel mir ein: meine Schwester hatte ein kleines Gartenhäuschen für sich, damit alle Zimmer im Haus an Gäste vermietet werden konnten. Da sollte ich es versuchen! Sie würde doch wohl hoffentlich keinen Besuch haben?
Vorsichtig klopfte ich ans Fenster, erst zaghaft — dann etwas lauter. "Bis Du es, Manfred", hörte ich die Stimme meiner Schwester, die gleich darauf an die Türe kam und mir mit einer Taschenlampe ins Gesicht leuchtete.
DU???
Mit mir hatte sie nicht gerechnet. "Wie siehst Du denn aus? Komm erst einmal rein!"
Nichts lieber als das.
In Kurzform erzählte ich ihr alles, was zu meinem Kommen geführt hatte. Oft schüttelte sie den Kopf und meinte: "Du machst Sachen!"
Ich fragte sie, ob sie etwas Essbares übrig hätte und wie es mit Duschen wäre. Sie gab mir ihren Bademantel und meinte: "Du weißt, wo die Dusche ist. Haarwasch- und Duschmittel stehen auf der Fensterbank. Ich hole Dir inzwischen etwas zum Essen.
"¦ und ein Bier?"
Diese Frage hätte sie nicht stellen müssen, die beantwortete sich von allein. Mit leuchtenden Augen meinte ich "gern!"
In der Dusche wusch ich alles ab, was ich in den letzten Tagen erlebt hatte, die Angst, den Frust, das "gerade noch einmal davongekommen Gefühl". Als ich wieder vor meiner Schwester stand, war ich "runderneuert".
Nun wollte meine Schwester genau wissen, wie ich zu den Frauensachen gekommen war und was das alles auf sich hatte. Je mehr ich erzählte, desto mehr verstand sie.
Zwischendurch warf sie ein: "Unsere Eltern sind ein paar Tage mit dem Boot unterwegs und ich passe den Betrieb hier. Gut, dass sie dich nicht so sehen. Unser Vater wäre nicht begeistert!"
"Ich muss sehen, dass ich bald wieder nach Berlin komme", sagte ich meiner Schwester, " ich muss meine Ausbildung fortsetzen. Ich hoffe nur, dass Elli nicht meine Identität verraten hat, aber sie wird schon dichthalten". Meine Schwester stöhnte.
"Sie ist mit allen Wassern gewaschen", fügte ich hinzu, "ich kann mich bestimmt auf sie verlassen".
Trotz meiner Müdigkeit überlegte ich, wie ich am besten zu neuen Papieren kommen könnte. Ein Freund fiel mir ein, der eine etwas langweilige Ausbildung in einer Amtsverwaltung angefangen hatte. Eigentlich war er mir noch einen Gefallen schuldig. Könnte er mir nicht Ersatzpapiere besorgen? Er hatte mir oft von seinem Chef erzählt, der, wenn er Freitagnachmittag schon reichlich aus dem Ordner "SONSTIGES-2" genossen hatte, fast alles unterschrieb.
Das besprach ich mit meiner Schwester. Aber sie hatte eine andere Idee. Sie hatte sich kürzlich einen Reisepass besorgt, weil sie mich in Berlin besuchen wollte. "Unsere Familienähnlichkeit sollten wir nutzen", schlug sie mir vor, "dann müssten wir nicht andere Leute mit hineinziehen. Du nimmst meinen Reisepass und schickst ihn mir später zurück. In Berlin sagst Du, dass Dein Ausweis gestohlen wurde oder verloren gegangen ist und beantragst einen neuen. Alles kein Problem!"
"Kein Geld ist auch ein Problem", wollte ich gerade einwerfen, aber mir fiel ein, dass ich für Notfälle meine alte Spardose bei meinen Eltern aufbewahrte, in der noch fast zweihundert Mark sein mussten. So war auch von finanzieller Sicht her alles in Ordnung.
Meine Schwester zeigte mir ihren Reisepass, den sie aus ihrer Tasche herauskramte. "Den bekomme ich aber zurück; denn nächsten Monat will ich Dich besuchen, wenn Frank Zappa in der Deutschlandhalle spielt", meinte sie, "das habe ich mir doch wohl verdient als "Fluchthelfer".
"Fluchthelfer" — das Wort konnte mich nicht begeistern.
"Nun schlafen wir — und morgen machen wir Dich schön", sagte sie abschließend. Es klang nicht, als würde sie eine Widerrede dulden. Ich hatte inzwischen aufgegessen und zwei Bier getrunken. Die Zähne wollte ich noch schnell putzen und suchte noch einmal das kleine Bad auf.
"Meine" Wäsche lag noch da. Fast wollte ich sie in den Eimer für die Schmutzwäsche werfen, da fiel mir ein, dass ich hier nicht mehr zu Hause war und dass diese Wäsche bestimmt Misstrauen bei meiner Mutter hervorgerufen hätte.
Meine Schwester war schon fast eingeschlafen, als ich in die Hütte trat. Sie hatte mir das Ausziehsofa zurechtgemacht. "Wer ist eigentlich Manfred?" fragte ich sie, bekam aber keine Antwort.
Als ich wieder aufwachte, war meine Schwester schon verschwunden, hatte sicher drüben im Haus mit den Gästen zu tun.
Frühstück hatte sie mir auf den Tisch gestellt.
Im Bademantel ging ich hinüber in die Werkstatt, in der immer ein paar alte Hausmeisterkittel hingen. Ich griff mir einen und hängte den Bademantel meiner älteren Schwester wieder an seinen Haken in der kleinen Wohnung.
Gegen 11 kam meine Schwester. Sie hatte wohl inzwischen das Frühstück für die Gäste hinter sich gebracht. "Nachher kommt Elke", meinte sie, "dann wollen wir Dich schön machen. Schließlich sollst Du der Person, die im Reisepass beschrieben ist, ähnlich sehen". Sie lachte.
"Ich suche Dir schon einmal die Passende Bekleidung. Die Bluse, die ich beim Fotografen anhatte, könnte auch Dir passen — und am besten wäre, Du ziehst einen Rock mit Gummizug an, dann haben wir keine Probleme mit der Größe". Dann wühlte sie in ihrer Schublade mit der Unterwäsche. "Das wird schon schwieriger werden", murmelte sie, ""¦ und mach mir ja nichts kaputt. Ich will alles wiederhaben: gewaschen und gebügelt!"
Dann fügte sie hinzu: "Nicht, dass Du noch auf den Geschmack kommst und die Sachen behalten willst".
Sie fand keine passenden Slips und keinen passenden BH. "Ich muss nachher noch nach Westerland", sagte sie, "dann gehe ich schnell zu Hellner und kaufe Dir etwas. Welche Größe hast Du?"
Ich wurde rot, als ich ihr antwortete: "Slip 40, BH 90A, Hemdchen 44".
"Gut kennst Du dich aus!" Sie lachte.
Ich bat sie, mir meine Spardose zu holen, die im Büro in einem verschließbaren Schrank für mich aufgehoben wurde. Sie kam gleich damit zurück. Das kleine Bildchen und der Schriftzug RAIFFEISEN KEITUM waren noch gut zu erkennen.
Der Inhalt überraschte mich. Es waren fast dreihundert Mark in der Spardose. Jemand musste sie gefüttert haben. Ich lächelte dankbar.
Fünfzig Mark gab ich meiner Schwester für die Unterwäsche und 100 Mark Fahrkarte. Da ich in Berlin in meiner Wohnung noch Geld hatte, wollte ich die Spardose nicht ganz schröpfen.
"Dann fahre ich morgen um 10, wenn alles klappt", sagte ich zu ihr, "der Zug geht sogar durch und ich muss nicht umsteigen. Bringst Du mir eine Karte mit?".
"möglichst mit Sitzplatz-Reservierung", rief ich ihr noch hinterher.
Sie verschwand kurz im Haupthaus und kam dann mit einer alten Jeans von mir zurück, die ich immer noch dort gelassen hatte, falls ich meinen Eltern während der Ferien zur Hand gehen sollte. Sie war zwar ein wenig mit Farbe bekleckert, aber durchaus noch zu gebrauchen. "Poppig" nannte mein Vater die immer und sagte "ihr Blumenkinder" wenn er über unsere Altersgruppe sprach.
Meine Schwester hatte ein T-Shirt für mich, das ihr zu groß war.
"Falls Du ein wenig auf der Insel rumgucken möchtest, kannst Du meinen Wagen nehmen", bot sie mir an, sei aber um zwei wieder hier, dann will ich nach Westerland".
"Lass mal", antwortete ich, "ich bleibe lieber hier und gehe ein wenig am Watt spazieren".
Sie hatte im Haus zu tun — und ich ging die wenigen Schritte zum Wasser hinunter. Ich setzte mich auf einen Hügel und blickte auf das Wasser, das sich langsam aus der Bucht zurückzog. Ein paar Stunden später wäre hier nur noch der Wattboden zu sehen.
Am Ufersaum spielten Kinder. Sie hatten einen kleinen Kanal und einen Hafen ausgehoben und ließen ein kleines Plastikboot darin schwimmen. Immer wieder mussten die den Kanal verlängern, um Wasser-Nachschub zu bekommen, aber es war vergebliche Mühe. Bald hatten sie ihre Lust verloren. "Warten wir, bis die Flut kommt", rief eines der Kinder, "dann machen wir weiter".
"Gestern, als die Flut kam, haben die Wellen alles kaputtgemacht, auch die große Burg", rief ein anderes Kind, "das ist blöd, wir können lieber Fußball spielen!"
Die Kinder verschwanden.
Mein Blick schweifte wieder in die Ferne. Rechts war der Damm deutlich zu sehen, noch weiter rechts die Kirche. Ich dachte an früher, dachte an meinen Schulweg am Watt entlang, dachte an das Hausboot, das auf halber Strecke bei Klentertal lag, dachte an Abenteuer beim Angeln und Segeln.
Ich sah mich wieder im Watt herumstreifen, Ofenrohre entleeren, die Aale räuchern, die ich damit gefangen hatte"¦
Ich sah hinüber zum Hafen. Alles sah aus wie früher.
Was heißt wie früher? So sehr lange war ich noch nicht fort. Der Muschelkutter von Fritz lag an seinem Platz, das Boot von Schüler"¦
"Alles hat seinen Platz", wiederholte ich flüsternd für mich und eine tiefe Traurigkeit erfasste mich. Tränen rannen über mein Gesicht und wollten nicht versiegen. Ich begann zu schluchzen.
"Alles hat seinen Platz — und ich bin heimatlos", erweiterte den Satz.
"Schuld sind nur"¦ "¦ist nur", wollte ich denken, aber korrigierte mich streng: "Du hast Dir alles selbst ausgesucht, nun werde mal nicht komisch!"
"Aber"¦" wollte ich fortsetzen
"Nichts aber" sagte eine zweite innere Stimme, "es ist schon alles so, wie Du es Dir ausgesucht hast".
"Aber ich weiß nichts mehr", sagte ich zu mir selbst, "ich weiß nicht, wo ich hingehöre, ich weiß nicht einmal, ob ich Mann oder Frau bin!"
"Heimatlos" ich musste an die Romane von Knut Hamsun denken.
Wer einmal seine Heimat verlassen hat, ist heimatlos.
Stimmt das wirklich?
Raum und Zeit und ICH — mir war alles durcheinandergeraten. Ich begann zu sortieren. Mir wurde bewusst, dass das Abenteuer, das mich auf die Insel geführt hatte, noch nicht lange dauerte, also kein Grund zur Panik.
Ich war doch erst Freitag mit Bernd aufgebrochen — und nun hatten wir Montag.
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