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Re: Gedanken zum Outing

Verfasst: Sa 22. Aug 2026, 18:08
von Ninadieflocke
Liebe Alessia,
wenn ich das richtig verstehe, befindet ihr euch gerade in der dritten Schwangerschaft. Das ist ja an sich schon eine ziemlich herausfordernde Zeit. Nach meinem Dafürhalten könnte ein Outing vielleicht besser noch etwas warten, bis ihr - dann Fünf - euch etwas miteinander eingerichtet habt. Drei Kinder sind noch einmal etwas völlig anderes als zwei! Zu viele Baustellen könnten vielleicht nicht gut sein. Nur meine bescheidene Meinung.
Viel Glück und halte durch!
Nina

Re: Gedanken zum Outing

Verfasst: So 23. Aug 2026, 08:03
von AlessiA1985
Liebe Nina,

ich gebe Dir völlig Recht mit zu vielen Baustellen. Davon haben wir mehr als genug. Ich werde es behutsam angehen und nichts übers Knie brechen. Um die Schwangerschaft und Eingewöhnungszeit bin ich da sehr vorsichtig.

Ich möchte mich zunächst mental darauf vorbereiten, mich selbst besser verstehen und mich austauschen, darauf zielen auch meine Fragen aus meinem letzten Beitrag ab.

Liebe Grüße
Alessia

Re: Gedanken zum Outing

Verfasst: So 23. Aug 2026, 10:59
von Violetta-TransFlower
AlessiA1985 hat geschrieben: Fr 21. Aug 2026, 15:14 Obwohl es so brennt, fällt es mir schwer, insbesondere weil sie mir schon öfter gesagt hat, dass sie nicht mehr mit mir zusammen sein könnte, wenn ich als Frau leben wollen würde. Sie möchte mit einem Mann zusammen sein. So eine Äußerung kam z. B. als der Sohn einer Arbeitskollegin sich als Transgender geoutet hat und eine Hormontherapie anfing, es war also nicht zu 100% auf mich gemünzt, auch wenn sie manchmal Anspielungen macht, die suggerieren, dass sie etwas ahnt. Jedenfalls respektiere ich das, es ist ja schon sehr einschneidend, wenn ich ihr eröffne was in mir vorgeht und wohin es führen kann. Ich muss sagen, dass ich langfristig vermutlich damit leben könnte, wenn unsere Ehe nicht hält.. Aber es ist das "Wie". Wenn es einvernehmlich endet, wir uns über die Kindererziehung usw. einig sind, dann wäre es hart, aber okay. Ich würde immer mit ihr zusammenarbeiten wollen, denn unsere Kinder werden uns immer einen, selbst wenn keine Liebesbeziehung mehr da wäre.
Liebe AlessiA,

Eine sehr schwierige Situation in Deinem Leben.

Ich denke, Du wirst nicht umhin kommen, Dich Deiner Partnerin zu offenbaren.
Es wird wohl auch in Zukunft mit 3 Kindern im Haus wohl nie einen geeigneten Zeitpunkt geben, an dem es gerade mal passt.

Ich lese aus Deinen Beiträgen schon einen großen Leidensdruck heraus.
Der wird noch größer werden, wenn Du alles in Dich hineinfrisst und niemanden etwas erzählst.
Unterschätze diese Dynamik nicht.

In Bezug auf Dein Verhalten gegenüber Deiner Partnerin kann ich Dir keine großen Ratschläge geben.
Meine Beziehung war zum Zeitpunkt meiner ganzen Offenbarungen schon lange beendet, zum Glück.

Ich habe es immer so gehalten, dass ich es Allen persönlich erzählt und erklärt habe, wenn dies möglich war.
Ich finde das persönliche Gespräch immens wichtig.
Briefe wären für mich in Bezug auf Familie und nahestehende Freunde nicht in Betracht gekommen.
Das ist auch heute noch meine Meinung dazu, da ich in der Vergangenheit gemerkt habe, das die persönlichen Offenbarungen einfach sehr gut verlaufen sind.

viewtopic.php?t=30178#p395320

Ich wünsche Dir viel Glück für Deine Zukunft
Deine Violetta 💜 🌺

Re: Gedanken zum Outing

Verfasst: So 23. Aug 2026, 13:19
von Knäckebrötchen
AlessiA1985 hat geschrieben: Fr 21. Aug 2026, 15:14Die Tage gab es wieder so eine Situation, in der meine Frau mir eine Vorlage gemacht an, in der ich meine Neigung hätte zugeben können, aber anstatt ein Gespräch in die Richtung zu bringen, habe ich den Kommentar weggelächelt und mit den Schultern gezuckt.
AlessiA1985 hat geschrieben: Fr 21. Aug 2026, 15:14weil sie mir schon öfter gesagt hat, dass sie nicht mehr mit mir zusammen sein könnte, wenn ich als Frau leben wollen würde. Sie möchte mit einem Mann zusammen sein.
AlessiA1985 hat geschrieben: Fr 21. Aug 2026, 15:14wenn sie manchmal Anspielungen macht, die suggerieren, dass sie etwas ahnt
Hallo Alessia,

ich wäre vorsichtig mit der Vermutung, deine Frau würde auf etwas anspielen und dir (heimlich) Vorlagen liefern. Das würde bedeuten, sie möchte dich zu einer Reaktion provozieren - anstatt die Frage selbst offen zu stellen. Dann wäre für mich die Frage: warum sollte sie das in dieser Situation tun? Sie hat an dieser Stelle im Grunde genommen nur zu verlieren. Insbesondere dann, wenn sie dir gegenüber sehr deutlich formuliert hat, was die Beziehungsperspektive in einem solchen Fall ist: Trennung.

Vielleicht wäre eine sinnigere Reaktion beim nächsten Mal, sie direkt darauf anzusprechen und sie zu fragen, ob/was sie mit dieser Aussage meint? Dann wird sie dir schon sagen müssen, ob sie "etwas ahnt", oder ob es nur ein Zufall war, den du auf dich beziehst, weil Du dich eben gedanklich damit beschäftigst und es dann oft leicht fällt, Dinge und Sätze auf sich zu beziehen.

Einen vergleichbaren Effekt hast Du z.B. bei Horoskopen, Bunte-HörZu-Psycho-Tests oder Traumdeuten.
AlessiA1985 hat geschrieben: Fr 21. Aug 2026, 15:14Wenn es einvernehmlich endet, wir uns über die Kindererziehung usw. einig sind, dann wäre es hart, aber okay. Ich würde immer mit ihr zusammenarbeiten wollen, denn unsere Kinder werden uns immer einen, selbst wenn keine Liebesbeziehung mehr da wäre.
Ich kenne weder Dich noch deine Frau noch die Situation, in der ihr euch als Familie befindet, darum nur ein Rückblick auf meine eigene Situation damals: meine (inzwischen Ex-)Frau steckte in einer recht schwierigen beruflichen Situation, die sie und uns sehr gestresst hat. Mein Thema hat sich unabhängig davon in der Zeit eher zufällig so sehr in den Vordergrund gedrängt, das ich keine andere Möglichkeit gesehen habe, als mich ihr zu offenbaren. Das hat sie mir dann auch bis heute zum Vorwurf gemacht, dass ich ihr in dieser für sie so stressigen Phase noch ein Thema extra aufgelastet habe und es ihr dann noch schlechter ging. Und das trägt nicht wirklich zu einem einvernehmlichen Getrenntsein bei. Zum Rest kann und will ich dir gar nicht viel Spekulation mitgeben, das müsst ihr als Erwachsene aushandeln. Ich drücke Dir aber die Daumen, dass ihr dann, sollte es soweit kommen, zu einer guten Lösung für euch und die Kinder findet.
AlessiA1985 hat geschrieben: Sa 22. Aug 2026, 17:19Weitere Frage: Hat jemand die Thematik auch mal therapeutisch aufgearbeitet? Ich habe dazu die Gelegenheit, habe aber selbst in diesem geschützten Umfeld Schwierigkeiten damit, wie ich es anspreche, zumal ich einiges aufzuarbeiten habe. Identität ist da bei weitem nicht allein und ich habe ohnehin eine recht aufwendige Reise vor mir, die schon vor vielen Wochen begonnen hat.
Viele hier, die dann in die Transition gegangen sind, sind früher oder später auch mal therapeutisch an das Thema ran, und wenn es nur war, um eine Indikation für HRT und/oder GAOP zu bekommen (bzw. nach dem alten TSG alles). Persönlich kann ich das empfehlen, mir hat es geholfen. Andere sehen das anders. Ich wollte aber keine Erlaubnis, ich hatte Fragen und wollte einen Austausch. Den hätte ich so sicherlich auch in einer SHG bekommen, das hätte mir in meiner Situation vermutlich genauso viel geholfen. Wenn Du also eh dran bist, deine Themen (so wie Du schreibst, klingt es, als ob es da noch mehr gäbe) zu besprechen, dann gib dem ganzen doch vielleicht einfach die Zeit, die es braucht. Und dann kannst Du dich auch in dem Rahmen darüber austauschen, wie und wann Du es deiner Frau erzählst. Es gibt auch die Möglichkeit, deine Frau mal zu einem solchen Termin einzuladen und das dann in diesem Rahmen zu tun. Jedenfalls sind viele Therapeut:innen zu sowas bereit.

Ihr geht jetzt in eine aufregende und potentiell belastende Zeit, mit einem dritten Kind verändert sich nochmal enorm viel (wir haben 4), auch je nachdem wie alt die beiden älteren Kids sind. Schon allein weil auch das viel Kraft und Aufmerksamkeit erfordert, wünsche ich Dir, dass Du die Kraft für Dich findest, das Thema erstmal soweit in den Griff zu kriegen, dass es dich nicht zerreißt. Es bei einer Therapie anzusprechen kann dir etwas Dampf aus dem Kessel nehmen, oder mehr Druck drauf geben (wir hatten hier schon so einiges an merkwürdigen Reaktionen seitens der Therapeut:innen). Das hilft Dir vermutlich alles nicht viel weiter, aber aus der Ferne lassen sich solche Sachen leider sehr schlecht beurteilen.

Ein weiterer Gedanke, den ich dir mitgeben möchte: Du denkst an Dich, deine Bereitschaft, die Ehe auch scheitern zu lassen - da sind aber auch zwei Kinder, die dich als Vater kennen und dich als Beziehungsperson brauchen (eine gute Vaterrolle ist nicht zu unterschätzen, am Ende zählt aber die Beziehung zwischen euch). Die werden auch mit deiner Veränderung und der Trennung klar kommen müssen. Selbst wenn ihr euch einvernehmlich trennt und alles weitgehend prima läuft - es wird für die Kinder zu einem Thema werden und es ist nicht zu unterschätzen, wie unterschiedlich Kinder da regieren. Je nachdem gibt es auch noch mehr Familie (Großeltern und so), auch deren Reaktion wird Einfluss auf eure Kinder haben. Das kannst Du nicht wirklich kontrollieren oder steuern und vorhersehen schon gar nicht. Aber dein Verhalten und dein Umgang wird viel Einfluss haben und je sicherer Du dir bist, desto stärker und ruhiger kannst Du auch mit den kommenden Herausforderungen umgehen.

Plus: das noch ungeschlüpfte No.3 wird dich im worst case niemals wirklich als Bezugsperson kennenlernen. Stell Dir vor, Du gehst in die Trennung, bevor das Kind halbwegs abgestillt ist (sofern das ein Ding bei euch ist), dann kann ein Umgang unter Umständen erstmal gar nicht erfolgen, oder nur kurzzeitig und das reicht nicht aus, um eine Beziehung wurzeln schlagen zu lassen.

Kurz: lass Dir Zeit. Du bist wichtig, deine Bedürfnisse sind wichtig. Die nötige Souveränität erlangen noch wichtiger. Deine Beziehung zu den Kinder: unbezahlbar.

Re: Gedanken zum Outing

Verfasst: So 23. Aug 2026, 14:39
von Momo58
Hallo Alessia,

Lass dir Zeit, egal wie lange es dauert. Ich habe zuerst ein Inneres outing gebraucht, um festzustellen, dass ich nicht, wie von mir selbst viele Jahre vermutet, Crossdresser bin. Erst als ich feststellte, dass es sich um Transidentität handelt, habe ich therapeutisch Hilfe in Anspruch genommen. Schon die Auswahl eines Therapeuten war total verrückt. Ich bin an einen Therapeuten geraten, der mir schon beim ersten Termin sagte: "Ich mache aus ihnen einen ganzen Kerl". Dieser Therapeut sah mich nie wieder. Dann kam ich durch Zufall an eine Therapeutin, die war Oberärztin in einer psychologischen Klinik. Sie hatte gerade Dienst in der psychiatrischen Institutsambulanz. Zum ersten Termin ging ich im Männermodus. Ich sagte ihr: "ich glaube, ich bin transsexuell". Sie antwortete mit einer Gegenfrage: "und warum kommen die nicht als Frau zu mir"? Von diesem Tag an gab es für mich nur noch meine weibliche Seite. In der Therapie betrachtete ich mein ganzes Leben, von der Geburt bis heute. Das geschah zum einen durch eine Familienaufstellung, zum anderen durch eine tiefenpsychologische Behandlung nach C.G. Jung. Zutage kam eine transgenerationäre Familiengeschichte. Meine Grosstante war lesbisch. Darüber durfte nie geredet werden, weil zu diesem Zeitpunkt die NSDAP an der Macht war. Eine Tante war lesbisch und ging nach einem heftigen Familienstreit im Jahr 1958 zur Heilsarmee um suchtkranken Menschen zu helfen. Selbst nach ihrer Berentung blieb sie der Heilsarmee bis zum 88 Lebensjahr treu. Eine weitere Tante war ebenfalls lesbisch und hat es bis zum Tod verschwiegen. Nur ich und mein Mann wussten Bescheid. Gegenüber der Familie outete sie sich erst mit ihrem Tod und hat ihr outing auf die Rückseite des Grabsteins in Stein einmeisseln lassen.
Auch die Rolle meiner Oma, eine brutale Familienpatriarchin wirkte auf meinen Erzeuger, der aus Angst seine weibliche Seite unterdrückte, so massiv, dass es auch auf mich und meine Tochter transgenerationäre Auswirkungen hatte. Mein Outing gegenüber meinem Erzeuger erfolgte schriftlich. Ich habe den Brief dann mit zu seinem Grab genommen und ihn dort eingegraben.

Das Hauptziel meiner Therapie war nicht das Outing. Das hatte ich zuerst mit meiner damaligen Frau und später bei Freunden, Kollegen und Nachbarn. Therapeutisch war es mir wichtiger, auf Angriffe von rechtsextremer Seite gut vorbereitet zu sein. Ein weiterer Aspekt war dann auch die Indikation für die Hormonbehandlung.


LG Manuela