MichiWell hat geschrieben: Mi 29. Jan 2025, 00:26
Wally hat geschrieben: Di 28. Jan 2025, 21:56
Wir erleben gerade den Beginn eines genderpolitischen Backlash, den wir uns m. E. aufgrund heftiger Übertreibungen großenteils selber zuzuschreiben haben; deshalb warne ich ja auch hier schon seit Jahren davor, dass wir es mit unseren Forderungen nicht gar zu weit treiben sollten, und plädiere dafür, dass wir es auch mal gut sein lassen und uns der Gesellschaft dankbar für das Erreichte zeigen sollten.
Diesen Quatsch höre/lese ich immer wieder .. von Homosexuellen, Transidenten, Crossdressern, Transvestiten, sogar von Fetischisten .. gerichtet gegen die eigene Gruppe und/oder gegen andere der genannten Gruppen.
Gibt es in allen Gruppen. Menschen, die sich gerade bequem genug eingerichtet haben und gerade - aktuell - keine Diskriminierung erleben - oder nicht (mehr) wahrnehmen. Die irgendwie den Blick dafür verloren haben, dass sie nur momentan in einer windgeschützten Stelle stehen, während um die nächste Ecke andere dem Unwetter ausgesetzt sind. Menschen, die auch den prinzipiellen Unterschied und die Gemeinsamkeit mit jenen übersehen, die sie "zu viel" nennen. Das originale Stockholm-Syndrom ist zwar ein Mythos (und zwar ein ganz übler in dem Fall), aber diese Art entsolidarisierenden Mitlaufens und sich-nicht-betroffen-fühlen existiert leider überall.
Meine Frage in die Runde: Was genau ist denn "zu viel"?
Das betrifft alle nicht-ganz-Hetero- und nicht-ganz-Cis-Personen. Also alle, die eines der Label aus der Buchstabensuppe für sich claimen - oder von aussen aufgedrückt bekommen. Es geht um simple gleiche Teilhabe. In Ruhe so leben können wie die anderen auch. Gleiche Chancen im Job und bei der Wohnungssuche. Familie sein wie Heteros, auch mit Kindern. Ins Schwimmbad und zum Sport gehen. Unbehelligt in der Öffentlichkeit mit und ohne Partner*in. Sichtbar und berücksichtigt in Sprache, Räumen und Strukturen, Formularen und Abläufen. Nicht beleidigt, geschlagen, ausgegrenzt, übergangen, diskriminiert zu werden, weil wir sind wer bzw was wir sind oder andere uns dafür halten.
Das sind die Forderungen. Was daran ist "zu viel"?
Es geht nicht darum, dass andere wie wir sein sollen. Viel Spass im cis-hetero-binären Leben. Kein einziges Leut muss sich neue Namen oder Pronomen suchen, wenn es das nicht will. Kein Leut muss oder sollte überhaupt Sex oder Partnerschaft haben, die es nicht will. Aber respektiert gefälligst meine, so wie ich eure.
Gruppen und Aktivist*innen ackern seit vielen Jahrzehnten und mehreren Generationen dafür. Nicht nur im queeren Spektrum. Das gleiche gilt ja für Frauenrechte, Behinderte, usw.
Diese Gleichstellung passiert einfach nicht. Trotz rechtlicher Fortschritte, die wirklich mühsam mit viel Kraft, Zeit und Geld erreicht wurden über Gerichte und sehr viel Aktivismus. Immer noch wird vertröstet und wir sollen doch bitte langsam machen und die Leute "mitnehmen" und nicht verstören. Währenddessen hat sich die Welt in allen anderen Belangen um Größenordnungen verändert. Smartphones sind keine 20 Jahre alt, also keine Generation.
Social media (Twitter, Facebook) keine 25 Jahre.
Also bitte: Dieses "nicht so schnell" heisst eigentlich "am besten gar nicht" (oder nur, wenn es sich (durch die "normative Kraft des Faktischen") wirklich nicht mehr verhindern lässt).
Und was ist das für eine Argumentation mit dem "zu viel"? Das heisst doch eigentlich "kein Wunder, dass sie uns die Gleichstellung (s.o.) verweigern, wenn ihr so bunte Klamotten tragt". Also wie angepasst und unsichtbar sollen wir denn sein oder unsere Unterschiedlichkeit so verstecken, dass sie nicht mehr als Begründung für "zu viel" herangezogen wird?
Generationen vor uns haben versucht, "stealth" zu leben. Ständig in der Furcht, "enttarnt" zu werden. Nicht nur trans Personen, Crossdressende usw, sondern auch Lesben, Schwule, bi-, pan-, sonstwas-sexuelle. Und mit der "Enttarnung" war dann alles vorbei. Familie, Karriere, Freundys, Umfeld. Was hat letztlich geholfen, also zumindest einen großen Schub gegeben für nicht-heteros? Sichtbarkeit in allen Formen. Öffentlich auftreten und Selbstverständlichkeiten offen einfordern. Sowohl im Privaten, wie auf der Bühne und der Öffentlichkeit, im "bürgerlichen" Outfit, aber auch in all unseren Formen und Farben. Ihr macht Karneval aus Spass, wir machen CSD, weil wir ansonsten wenig Spass haben.
Aber noch mal ganz klar: Es geht queerfeindlichen Kräften nicht um ein "zu viel". Es geht ihnen um "generell".
Sie beseitigen, was sie können und woran sie nicht aktiv und kraftvoll gehindert werden. Auch in Deutschland reichen solche Bestrebungen bis in "die Parteien der bürgerlichen Mitte" hinein. In ihnen wirken Gruppen und Netzwerke mit den gleichen Zielen wie Trump, Meloni, Orban, usw. Ihre Absichten sind konkret.
Sie machen auch tatsächliche Politik, wo sie können. Die Union hat doch absichtlich jede TSG Reform maximal lange blockiert und will maximale Restriktionen und Gatekeeping, um die Zahlen klein zu halten und die Leute unsichtbar zu machen. Am besten gar keine trans Personen, und nichtbinär schon mal gar nicht. Deshalb war ja §45b so restriktiv medizinisch. Sie machen doch keine Sprachverbote wegen Lesbarkeit, der heiligen Grammatik oder Rücksicht auf Menschen mit schwachen Deutschkenntnissen. Sie wollen genau so alles unsichtbar machen, was nicht ihrem Weltbild enstpricht, wie die Book Bans und "don't say gay" Gesetze in den USA, Ungarn, Rumänien, usw.
Die CxU hat der "Ehe für (fast) alle" nur zugestimmt, weil es im Wahlkampf 2017 nach der SPD-Initiative sonst massiv Stimmen gekostet hätte, aber hinter den Kulissen ist das noch lange nicht durch. Sie wollten die Adoption für nicht-het Paare durch jahrelange "Studien" verzögern[sic!], obwohl der wissenschaftliche Konsens bereits völlig klar war: Kinder in queeren Familien geht es genauso gut. Die Probleme und die Ablehung kommen aus dem Umfeld; geschürt doch eben diese nicht einfach "skeptische", sondern erklärte anti-Politik.
AgD und BSW wollen laut Wahlprogramm ebenfalls das SBGG abschaffen. Die AgD will auch die "Homoehe" und Regenbogenfamilien sowieso abschaffen (was Weidel wohl solange nicht betrifft, wie ihre Familie in der Schweiz wohnt). In Österreich hat die FPÖ genau das erklärt und wird sich aktiv daran machen. In Italien werden nicht-hetero Ehen tw annulliert und die Kinder "zu ihrem Schutz" weggenommen (USA ebenso, bei Eltern, die ihr trans Kinder unterstützen).
Queerfeindliche Gruppen machen letztlich keine Unterschiede. "I never thought leopards would eat MY face". Egal ob du sie gewählt hast oder nicht, ob du sie unterstützt hast oder nur versuchst dich unauffällig anzupassen. Dein Sein als nicht-ganz-cis und_oder nicht-ganz-hetero-Person reicht als Ansatzpunkt, um dich jederzeit in den Fokus zu nehmen.