Jade hat geschrieben: So 4. Aug 2024, 17:41
ein bisschen Angst vor der Entwicklung hier und davor, das ich vielleicht irgendwann doch nicht mehr mitkomme.
Moin Jade,
ich habe es schon einmal geschrieben: genau hinschauen, was Angst macht und prüfen, ob das wirklich so viel Angst machen muss...
Ihr seit 40 Jahre zusammen und jetzt beginnt ein neues Kapitel. Die nächsten, spannenden 40 Jahre sind gesichert ...
Andere Perspektive: Wie viele Menschen gibt es, die das
erleben dürfen ? Ich meine damit, dass Du das Thema auch aktiv angehen kannst. Ich nehme an, Ihr wollt das schaffen und das ist doch ein guter Ausgangspunkt, den Ihr auch kommunizieren könnt. Meine Frau ist von meiner weiblichen Seite nicht gerade begeistert (genauer gesagt, bisher konnte sie nicht viel damit anfangen), aber sie zeigt mir immer wieder, dass sie mir mir zusammen sein will. Das ist für mich sehr hilfreich und gibt mir Sicherheit. Ich habe auch den Freiraum, mich auszuprobieren. So kann ich ein paar Tage alleine auf unserem Boot verbringen, was ich nutze. Ich habe einen eigenen Kleiderschrank für meine weibliche Garderobe und Damenwäsche trage ich täglich. Und ja, Gespräche sind äußerst schwierig, da u.a. da ich emotional in dieser Frage sehr empfindlich bin. Trotzdem würde ich mir wünschen, dass sie mehr auf mich zukommen und mich in dieser Frage ansprechen würde, wenn ich nicht in die Puschen komme. Es ist immer eine Gratwanderung, aber ich hoffe, die Routine kommt mit der Zeit, wenn sich beide Seiten bemühen.
Das schwierigste ist für mich, dass es schier unmöglich ist, meine Befindlichkeit verständlich auszudrücken. Wie will ich jemanden erklären, dass tief in mir eine Weiblichkeit steckt, wenn die äußeren Merkmale so ganz anders sind ? Und ja, es ist klar, dass ich keine weibliche Sozialisation habe, mein Hormonspiegel in einigen Bereichen irgendwo zwischen weiblich und männlich steht und jeder in mir den Mann sieht. Es gibt in mir etwas, das etwas ganz anderes sagt. Was das ist ? Keine Ahnung, es ist da, solange ich denken kann. Das geht vom Alltag bis in die Sexualität. Es ist für mich wirklich verwirrend. Mit der männlichen Welt kann ich nicht viel anfangen und in der weiblichen kann ich nur schwer ankommen. Vielleicht überschätzen wir auch die Bedeutung des Geschlechts. Das steht aber im Widerspruch zu meinem eigenen Empfinden. Sehr, sehr kompliziert und das zu kommunizieren, ist wirklich schier unmöglich. Und da sind ja auch die eigenen Ängste, abgelehnt zu werden und die Scham, etwas "Falsches" zu tun. Es gehört unheimlich viel dazu, das alles zu überwinden. Und gerade das Nicht-Binäre, das irgendwo zwischen den Geschlechtern stehen, ist nicht zu vermitteln. Entweder-oder geht ja noch, aber heute so und morgen anders ? Wer soll da noch mitkommen, der das nicht kennt ? Wir leben in einer binären Welt.
Mein Ideal ist es, wenn Menschen als das genommen werden, was sie sind, ohne bewertet zu werden. Mein Gefühl für Weiblicheit ist ein Talent, eine Fähigkeit, die ich, nicht nur für mich, als wertvoll einschätze. Ich habe das Gefühl, ich müsste immerzu rufen, "Leute macht doch die Augen auf, schaut, was es alles gibt", statt immerzu die ignoranten Einstellungen wahrzunehmen. Aber die Wertschätzung für die Talente von Menschen steckt bei uns wohl in den Kinderschuhen.
Ich finde Menschen so wertvoll, die versuchen, ihre eigene Sichtweisen zu hinterfragen und sich mutig mit dem zu konfrontieren, das sie verwirrt. Ich glaube, das sind die Menschen, die wir dringend brauchen, damit wir als Gemeinschaft unsere Möglichkeiten entwickeln können.