So wie Vicky_Rose es in
Post 19 beschreibt lässt sich die Betrachtung wirklich am besten einfach mal umdrehen: Einige Menschen haben den Wunsch, den eigenen Körper so zu verändern, dass er für sie stimmiger ist, sie mit sich im Alltag besser klarkommen und wohl auch mit anderen Menschen. Weshalb machen wir da immer noch einen Unterschied, ob zum Beispiel Brüste durch körpereigene Hormone gewachsen sind oder der Mensch dazu externe nimmt? Ob naturgewachsene vergrössert/verkleinert oder auf Wunsch ganz entfernt werden?
Im einen Fall nennen wir es Schönheits-OP, über die schlimmstenfalls im Bekanntenkreis gelästert wird, im anderen muss sich der Mensch einer psychiatrischen Untersuchung stellen. Der Wunsch nach bestimmten körperlichen Features wird pathologisiert, nach dem Motto "wer sowas will kann wohl nicht bei Sinnen sein". Es muss eine "Störung" vorliegen, bei der sich die medizinisch/psychiatrische Fachwelt nicht anders zu helfen weiss, seit ihnen wegsperren und Elektroschocks verboten wurden. Also kriegen sie, als Ausnahmeregelung und nach ausführlicher Zerlegung ihres Seelenlebens, ihren Willen. Aber nur, wenn sie auf einer Testskala mit völlig willkürlichen Fragen einen bestimmten, völlig willkürlichen Wert erreichen.
Warum ist es so schwer eine Hormontherapie zu beginnen und irgendwann zu entscheiden, ob das wirklich gut ist? Das ist alles erfahrbar. Ja, manche Effekte sind nicht so einfach reversibel. Aber die vom Rauchen, vom Kinder kriegen oder den falschen Job zu erwischen auch nicht. Aber weil es um diesen wisch-waschi-Komplex Geschlecht geht, um Rollen, die wir spielen sollen und auch um Sexualität und am Ende um eine klare Hierarchie von männlich vs weiblich, wird jede Veränderung körperlicher Aspekte, die mit Geschlecht zu tun haben, eingekastelt und geächtet.
In einigen Ländern gibt es informed consent Zugang. Es gibt Aufklärung und Beratung, dann die Unterschrift, dass dies verstanden wurde und dann eine medizinisch begleitete Versorgung mit dem, was die Person will und solange sie es will. Absolut kein Problem. Es ist auch kein Problem, wenn sie es irgendwann absetzt. Vielleicht weil die Ergebnisse jetzt so sind, wie sie will. Oder weil sie doch nicht so sind wie gewollt. Das sind eben die Konsequenzen. Unser ganzes Leben besteht daraus. Wenn sich irgendwer die falsche Paste in die Haare schmiert und daraufhin keine mehr hat, so well. Die Folgen einer Hormontherapie sind letztlich nicht gravierender als das.
Ich gehe auch weiter und beziehe OPs mit ein. Die macht nämlich auch kein Mensch mal zwischen Tür und Angel. Spätestens, wenn das im Vorgespräch mal alles aufgezeigt wird. Umgekehrt kenne ich Menschen, die sehr kreativ mit ihrem Körper umgehen, um es mal so auszudrücken. Und das dürfen sie, bzw andere dürfen es an ihnen tun - solange es keine "Heilbehandlung" ist.
Es gibt IMHO keinen plausiblen Grund, weshalb Menschen durch Pathologisierung und Selbstherrlichkeit von Gutachtys, die im Grunde genau wissen, dass sie gar nichts wirklich ertesten können, daran gehindert werden, sich ihren Körper wohnlich zu machen oder auch mit ihm zu experimentieren. Wir könnten "trans" komplett depathologisieren und Menschen einfach einen Anspruch auf alle Prozeduren geben, wenn sie meinen, dass das für sie gut ist. Es würde nichts ändern, ausser dass einige Therapeutys mehr Zeit für andere Dinge hätten. ICD11 ist da auf dem Weg, DSM5 noch nicht.
Übrigens kann es durchaus gleichzeitig eine pathologische und eine nicht-pathologische Form geben, wie zum Beispiel bei Paraphilien. Die Pathologie liegt im Leidensdruck, sie nicht integrieren oder leben zu können. Es wird nicht die Paraphilie behandelt, sondern der problematische Umgang. Genausogut kann eine trans Person mit Zugang zu den gewünschen Massnahmen wunderbar ohne Psychiatrie klar kommen, während eine andere einen Leidensdruck nicht durch das trans sein selbst hat, sondern durch internalisierte Ablehnung, sozialen Druck, usw. Es ist eine Umkehrung der Perspektive, bzw wo das eigentliche Problem liegt.
Und zum Thema Wissenschaftsfreiheit: Es ist eine Sache, an etwas herumzuforschen, Thesen aufzustellen, mehr oder weniger gut zu begründen. Es ist eine andere, verwerfliche, sich einfach irgendwelcher Thesen für Entscheidungen über Menschen zu bedienen. Und es ist eine dritte, noch verwerflichere, sich anzumassen, überhaupt über Menschen und deren Verhältnis zu ihrem Köper urteilen zu dürfen. Es geht sie schlichtweg eigentlich nichts an.
Es steht aber der Wissenschaft tatsächlich auch nicht zu, an beliebigen Thesen herumzuforschen, bzw sie zu propagieren. Ganz klares Beispiel: Phrenologie und mit ihr verwandt die Idee, Menschen nach äusserlichen Merkmalen sozial zu klassifizieren. Völliger Bullshit, lange wiederlegt, völlig unzureichende Herangehensweise, die wesentliche Faktoren unterschlägt. Angrenzendes Beispiel: "Rassenkunde". Grober, aber in der Regel interessengeleiteter Unfug. Oder, drittes Beispiel, es könnten ja Ökonom*innen auf die Idee kommen, wie sich das Bruttoinlandsprodukt steigern liesse, wenn bestimmte "Kostenfaktoren" nicht mehr da wären. Alte, Kranke, Behinderte, Menschen ohne Perspektive auf einen Job. Die Ingenieurwissenschaften könnten aufspringen und die Umsetzung durchrechnen und Logistik liefert effiziente Pläne dazu.
Ist klar, wohin das das führt oder? Es gibt ethische Grenzen der Wissenschaft. Spätestens, wo die Würde von Menschen oder andere Grundrechte verletzt werden.
Das ist beim Thema Anpassung des eigenen Körpers an die eigene Befindlichkeit, "geschlechtlich" oder nicht, auch die wesentliche Frage: Auf welcher ethischen Grundlage nehmen sich Medizinys oder Therapeutys(1) überhaupt das Recht, da irgendetwas zu entscheiden oder nicht zu geben? Und erweitert: Wieso wurde ihnen von anderer Seite diese Macht zugebilligt? Das steht ihnen meiner Meinung nach ebensowenig zu, wie über anderer Leute Haarfarbe oder Schuhwerk zu entscheiden.
(1) es gibt einige, die keine "Gutachten" mehr schreiben, weil sie den Unfug mit dem eigenen Berufsethos nicht vereinbaren können.