Cybill hat geschrieben: Mo 14. Nov 2022, 21:57
Falls es jemand mitbekommen hat:
Das war "genderneutrale" Sprache ohne zu gendern.
Tja, nein. In der deutschen Sprache lässt sich, sobald von Personen die Rede ist, realistisch nichts formulieren, ohne Standpunkt zum Thema Gender und Sprache zu beziehen. Egal ob absichtlich neutral, mit Sternchen oder generischem Maskulin: Wir können gar nicht nicht gendern. Es ist immer eine mehr oder weniger bewusste Entscheidung, ob wir Menschen inkludieren, sie uns egal sind oder wir sie absichtlich ausgrenzen.
Zu den anderen Statements: Es gibt keine "kleine akademische Minderheit", die "Sprache von oben herab verordnen" will. Das sind Schauermärchen von Bild, Welt, von Storch und Co. Die einzigen, die von oben herab verbieten wollen, sind jene, die selbst Empfehlungen und Freiheiten unterdrücken wollen. Und die zielen eigentlich, siehe Punkt 2 im CDU Antrag, auf die Zementierung des Zwei-Geschlechter-Systems auf biologisch-essenzialistischer Grundlage: Sprich: Es soll nur Männer und Frauen geben, unveränderbar, biologisch. Nix trans, nix nonbinär. Darum geht es ihnen eigentlich. Für die sind wir alle hier Perverse, die am besten nicht existieren sollten.
Spassigerweise gibt es seit Jahrzehnten Sprachregelungen von oben herab. Wer mag kann mal die Aufregung um die mehreren Rechtschreibreformen nachlesen - die übrigens vom Rat für deutsche Rechtschreibung kamen, also einer akademischen Minderheit, die die CDU Thüringen jetzt als Referenz heranzieht
Die Folge waren Prognosen des Untergangs der Sprachkultur, der Bildung usw. von den gleichen Gruppen und Medien, die jetzt nicht nur gegen Sternchen, sondern gegen die Diskussion über geschelchtliche Vielfalt generell wettern. Auch damals versuchten selbsternannte Rettys der deutschen Sprache gesetzliche Verbote.
Aber: Es ist nix untergegangen. Stattdessen ist eine gewisse Vielfalt eingekehrt. Behörden machen teilweise unterschiedliche Vorgaben, manche Schulbehörden regulieren mehr als andere, einige Redaktionen sind stoisch bei der ungeänderten Form geblieben, andere haben nur eine Reform mitgemacht. Und der Duden, der ja Sprachgebrauch dokumentiert, lässt Delfine und Delphine zu, Grafik und Graphik, Porte-mon-naie und Port-mo-nee. Im Duden steht auch wieder die Gästin, die zu Goethes Zeiten noch gängig war, dann aus der Mode kam und bei Wiedereinführung - weil das Wort in der Bevölkerung wieder benutzt wurde - Konservative auf die Palme trieb.
Im Gegensatz dazu gab es meines Wissens nirgendwo verpflichtende Vorgaben, mit Sternchen zu schreiben, lediglich Empfehlungen und auch die nur für offizielle Schreiben. Wer ohne Sternchen neutral oder inklusiv schreiben kann: prima.
Die ganze Diskussion über Sprache ist aber nur Stellvertretung, Lackmustest und canary in the coal mine. Klar geht es um sprachliche Sichtbarkeit, aber die soll ja zur Gleichstellung und Berücksichtigung in allen Lebensbereichen führen. Und an der Stelle sind der Spass und die Geduld langsam zu Ende. Seit Jahrzehnten wird von gemässigten politischen Kräften, lies: Liberale, Sozialdemokraten, tw Grüne, nur vertröstet. Seid ruhig und nett, nicht zu laut, wir müssen die Leute langsam mitnehmen. Gleichzeitig tun sie aber praktisch nichts, höchstens ein paar Reden, während "Konservative" bis hin zu den religiösen und rechtsextremen Netzen massiv und konzertiert Hetze und Falschinformationen verbreiten, Strohpuppen aufbauen, usw.