Re: "Elvira auf großer Fahrt"
Verfasst: Do 19. Mai 2022, 19:09
Kapitel 2 Teil 3
Was nun kam, holperte von Anfang an und war doch irgendwie notwendig. Jedenfalls führte es (endlich) zu einer Erkenntnis.
Ich begegnete einem "süßen Wesen", tolle Figur, nette Ausstrahlung und sie liebte (scheinbar) Röcke, Kleider, Strumpfhosen. Wie sich später heraustellte auch Korsetts (nicht nur scheinbar). Sie trug bei der ersten Begegnung Strumpfhosen unter Hot Pants und ich machte auch keinen Hehl daraus, wie sehr mir das gefiel. Die nächsten Wochen waren für mich durch die Frage bestimmt, ziehe ich zu ihr oder sie zu mir? Daß wir zusammen zu gehören schienen, war eigentlich offensichtlich.
Kurz nach unserer ersten gemeinsamen Nacht gestand sie mir ihre Leidenschaft, sich die Taille eng zu schnüren, als Kind schon mit engen Gürteln, inzwischen hatte sie auch ein paar "richtige" Korsetts zum Schnüren. Sie hatte auch eine Wäsche-Leidenschaft (um das Wort Fetisch zu vermeiden!). Ich war begeistert. Meine eigene Vorliebe für Damenwäsche schien sie zu tolerieren. Eine Zeitlang klapperten wir die Korsett-Szene ab, aber die Leute sprachen eine andere Sprache als wir. Da ging es mehr darum, den "verbotenen" Gegenstand bei festlichen Gelegenheiten auszuführen, als darum, sich eng zu schnüren, um ein enges Gefühl zu haben. Wir hatten nur ein Wort dafür Schicki-Micki und so waren auch die Preise (Eintritt, Getränke, Speisen). Da ging es wohl mehr darum, sich vom einfachen Volk zu distanzieren.
Nun denn, wir hatten auch so in unseren vier Räumen genug Spaß. Etwas BDSM, Rollenspiele und so fort.
Aber ach, es war eben nicht die "große" Liebe. Ich war zwar verzweifelt, aber ich habe es nicht geschafft, mich zu artikulieren. Ich mußte immer an meine damalige große Liebe denken. Wir haben viel unternommen, sie immer in schicken Strumpfhosen und kurzen Röcken, manchmal auch in Nylons und weniger kurzen Kleidern. Eigentlich war es ja ganz nett. Wolke 4?
Ehrlich gesagt, ich hatte die Hoffnung aufgegeben, daß man im Leben zweimal einer ganz großen Liebe begegnet.
Die Jahre gingen dahin, sie war 15 Jahre jünger als ich und als sie die 30 überschritt, fing die Uhr an zu ticken.
Hatte sie anfänglich immer gesagt, sie wolle keine Kinder, so kamen langsam aber sicher immer andere Töne mit ins Spiel.
Schließlich wurde sie schwanger und wir haben ziemlich schnell geheiratet. Es sollten "richtige" Eltern sein.
Die Schwangerschaft verlief schon nicht ganz ohne Probleme. Zweimal ging es für ein, zwei Wochen in die Klinik, weil schon Wehen einsetzten. Dann bei der Geburt die Katastrophe: das Kind (ein Junge) kam tot zur Welt!
DAS hat uns nun beide aus der Welt gerissen. Viel Mitgefühl der Umwelt, ja, aber auch viele peinliche Szenen. So manche Frau gestand uns, sie hätte auch ein Kind verloren, aber schnell aufgehört, darüber zu reden.
Das Thema ging vielen Leuten zu nahe.
Wir sind dann in eine SHG für Sternenkinder gegangen. Eine wichtige Zeit, aber andere Schicksale waren dann doch nicht so eins zu eins mit unserem vergleichbar.
Keine Frau hatte ihr Kind im neunten Monat verloren, so wie wir.
Wir flüchteten in einen Pseudo-Urlaub. Raus, andere Menschen sehen und waren uns doch vor allem gegenseitig keine Stütze, sondern eher dauernde Erinnerung an das was geschehen war.
Da hätten wir uns besser getrennt, würde ich heute sagen.
Die SHG war ausgereizt, man empfahl uns eine Paartherapie. Meine Frau wollte nicht. Auch da hätte ich schon aufhorchen müssen. Heute weiß ich, ich war ja gar nicht reif für die Welt, viel zu sehr beschäftigt mit meinem täglichen "wer bin ich eigentlich?". Da habe ich nicht eins und eins zusammengezählt.
Nun machte ich mich auf die Suche nach einer Therapie und geriet ausgerechnet an eine Spezialistin für Transition!
Zufall? Fügung? Wer weiß?
Jedenfalls hat es mir gut getan, jemanden gefunden zu haben, der dem Thema gegenüber aufgeschlossen war.
Zuerst kamen aber die Hammer-Probleme hoch. Meine Traumata (insbesondere der Unfall meiner ersten Frau), aber auch die Traumata meiner Eltern, deren Kriegs-"Karrieren" und deren Nichtbewältigung. Darüber sprach man damals nicht!
So kam dann nur zur Sprache, was ich beobachtet hatte. Die regelmäßigen Alpträume meines Vaters, der noch 40 Jahre nach dem Krieg fast jede Nacht Alpträume hatte. Die merkwürdige erstarrte Haltung meiner Mutter, wenn samstags um 12 die Sirenen gingen, als Test, ob die Sirenen noch funktionierten und als Zeichen "es ist zwölf Uhr". Aber bei ihr kamen dann immer die Erinnerungen hoch aus den Bombennächten in einer deutschen Großstadt.
Aus dem Erkennen wurde Verständnis und Verzeihen.
Erkennen hieß aber auch meine eigene eigenartige Lethargie als Folge oder Begleiterscheinung der Traumata meiner Eltern zu verstehen.
Wieder hatte ich eine Begegnung genau in dieser Zeit. Zufall? Fügung? Wer weiß?
Ich lernte eine Frau kennen, die mir nach einigen Gesprächen gestand, daß sie als Kind mißbraucht worden war und hatte es vollständig verdrängt. Erst bei einer Therapie fast 40 (!) Jahre später kamen die Erinnerungen an das Geschehene wieder hoch.
Das hat mich schon einmal sehr nachdenklich gemacht.
Im Laufe meiner eigenen Therapie mußte ich immer wieder an sie denken. Und so war es ja auch bei mir. Viele, viele Stunden Therapiegespräche haben so Stück für Stück meine eigene Traumatisierung enthüllt. Manche Tränen sind geflossen, ich wurde Stück für Stück weicher, Verhärtungen fingen an zu fließen. Erst der Tod unseres Kindes( das zweite Trauma) hatte es möglich gemacht, das Erste zu erkennen.
Ich hatte mehr als 16 Jahre lang (nach dem Unfall) wie in Trance gelebt, nur an meine Kinder gedacht und die Pflege der kranken Frau. Gefühle abgeschaltet, funktionieren war die Devise. Alltag bewältigen.
Bis auf die kurze Liebschaft. Da hatte es schon einmal einen Ausbruch meiner inneren Gefühlswelt gegeben. Der Abbruch der Beziehung hatte mich allerdings noch tiefer "erstarren" lassen. Jegliche Hoffnung aufgegeben.
Während der Therapie wurde klar: mein eigenes inneres Kind mußte lernen, auch mal auf sich selbst zu achten, sich selbst zu mögen und wie es geht, sich auch mal um sich selbst zu kümmern, anstatt immer nur um Andere.
Die Therapeutin ermunterte mich, "meine" Wäsche auch täglich zu tragen, wenn mir danach sei. Und so begann eine spannende Zeit für mich.
23/7 habe ich das genannt. Morgens und abends eine halbe Stunde Körperpflege und der Rest der Zeit meist völlig in Nylon gehüllt. DAS hat mir gut getan. Das ging so ziemlich genau sieben Jahre. Ich versorgte morgens meine Nachtwäsche und zog die Tag-Wäsche an. Abends umgekehrt. Ich ging ins Büro, zu meinem Verein, ins Kino, alles in "meine" Wäsche gehüllt. Bei jedem Schritt spürte ich, wie sich die Stoffe aneinander rieben und ich habe manche Stunde mit Näharbeiten verbracht, um Gekauftes an meine Bedürfnisse anzupassen. Ich ging positiv gestimmt in den Tag und freute mich auf den Abend, wenn ich meine Nachtwäsche anziehen konnte. Vor dem Einschlafen ging ich in Gedanke durch, was ich am nächsten Tag anziehen wollte. Alles andere war nicht mehr schwer, die Arbeit der Alltag ging leicht von der Hand.
Ich kann das Gefühl nicht anders als ein Hochgefühl beschreiben. Sexuell erregt? Nein. Aber es geschahen Veränderungen mit meiner sexuellen Empfindung generell. Ganzkörperhaft. Nicht mehr nur auf eine kleine Stelle des Körpers (den Penis) beschränkt. Erinnerungen kamen hoch, wie ich als Kind meine Ohrläppchen abends immer gestreichelt hatte. Nun (während der Therapie) wurde ich immer empfindlicher an vielen Stellen des Körpers. Klar, vor allem die Beine. Ich benutzte peelings und Creme (erst Aloe Vera, später Kakao-Butter). Meine Beine und Füße wurden glatter und glatter. Aber auch meine Brust machte erstaunliche Entwicklungen durch. Die Haut schien aufzuwachen, zu spannen, die Knospen wurden steifer und blieben es. Bei jeder Bewegung spürte ich meinen eigenen Körper in ganz neuer Weise. Die Haut schien ein einziger Empfindungs-
Eingang zu sein.
Nur schade, daß meine Beziehung zu meiner zweiten Frau so ganz und gar nicht dazu zu passen schien. Mir fiel auf (warum eigentlich erst da?), daß meine Frau nur auf input gepolt war. Sie wollte vor allen Dingen heftig penetriert werden. Mich als Mann streicheln? Allenfalls ein Blowjob.
Ich kam da nicht mit klar. Wieder mal kam mein anderes "Wesen" hervor. Meine Frau überraschte mich eines Tages damit, ich brauche meine Sachen nicht auszuziehen, wenn ich mit ihr schliefe. Ich war erst ganz froh gestimmt. Aber sie wollte lediglich ein heftiges rein raus und gut war, wie Dampf ablassen. Körperkontakt? Nur über meine Glied. Sie faßte mich nicht an und auch nicht meine Wäsche, streichelte mich nicht, merkte nicht, wie hocherogen meine Brust geworden war. Und ich schaffte es nicht, mit ihr drüber zu reden. Ich spürte nur eine große Abwehrhaltung.
Je mehr ich in der Therapie Fortschritte machte, um so mehr wurde mir klar, daß mit meiner Frau etwas nicht in Ordnung war. Aber alle Versuche, sie zur Aufnahme einer eigenen Therapie zu bewegen, scheiterten. Ich war felsenfest überzeugt, daß sie eine schwere Depression hatte.
Nach den sieben Jahren ist jedenfalls auf einmal, wie mit einem Schlag etwas von mir abgefallen.
Einerseits war das Tragen der Wäsche zur Normalität geworden. Andererseits konnte ich auf einmal auch loslassen und war nicht mehr jeden Tag ein DWT.
Es war wieder Platz für andere Dinge entstanden. Andere Interessen, die durch den Tod von unserem ersten Kind in den Hintergrund gewandert waren, kamen wieder zum Vorschein und ich hatte vor allem das Gefühl, die Traumata waren irgendwie nicht mehr so bestimmend für meine Gemütslage. Lebendiger war ich und offener für meine Umwelt.
Was wirklich mit meiner Frau los war, sollte sich dann erst später herausstellen.
(wird fortgesetzt)
Was nun kam, holperte von Anfang an und war doch irgendwie notwendig. Jedenfalls führte es (endlich) zu einer Erkenntnis.
Ich begegnete einem "süßen Wesen", tolle Figur, nette Ausstrahlung und sie liebte (scheinbar) Röcke, Kleider, Strumpfhosen. Wie sich später heraustellte auch Korsetts (nicht nur scheinbar). Sie trug bei der ersten Begegnung Strumpfhosen unter Hot Pants und ich machte auch keinen Hehl daraus, wie sehr mir das gefiel. Die nächsten Wochen waren für mich durch die Frage bestimmt, ziehe ich zu ihr oder sie zu mir? Daß wir zusammen zu gehören schienen, war eigentlich offensichtlich.
Kurz nach unserer ersten gemeinsamen Nacht gestand sie mir ihre Leidenschaft, sich die Taille eng zu schnüren, als Kind schon mit engen Gürteln, inzwischen hatte sie auch ein paar "richtige" Korsetts zum Schnüren. Sie hatte auch eine Wäsche-Leidenschaft (um das Wort Fetisch zu vermeiden!). Ich war begeistert. Meine eigene Vorliebe für Damenwäsche schien sie zu tolerieren. Eine Zeitlang klapperten wir die Korsett-Szene ab, aber die Leute sprachen eine andere Sprache als wir. Da ging es mehr darum, den "verbotenen" Gegenstand bei festlichen Gelegenheiten auszuführen, als darum, sich eng zu schnüren, um ein enges Gefühl zu haben. Wir hatten nur ein Wort dafür Schicki-Micki und so waren auch die Preise (Eintritt, Getränke, Speisen). Da ging es wohl mehr darum, sich vom einfachen Volk zu distanzieren.
Nun denn, wir hatten auch so in unseren vier Räumen genug Spaß. Etwas BDSM, Rollenspiele und so fort.
Aber ach, es war eben nicht die "große" Liebe. Ich war zwar verzweifelt, aber ich habe es nicht geschafft, mich zu artikulieren. Ich mußte immer an meine damalige große Liebe denken. Wir haben viel unternommen, sie immer in schicken Strumpfhosen und kurzen Röcken, manchmal auch in Nylons und weniger kurzen Kleidern. Eigentlich war es ja ganz nett. Wolke 4?
Ehrlich gesagt, ich hatte die Hoffnung aufgegeben, daß man im Leben zweimal einer ganz großen Liebe begegnet.
Die Jahre gingen dahin, sie war 15 Jahre jünger als ich und als sie die 30 überschritt, fing die Uhr an zu ticken.
Hatte sie anfänglich immer gesagt, sie wolle keine Kinder, so kamen langsam aber sicher immer andere Töne mit ins Spiel.
Schließlich wurde sie schwanger und wir haben ziemlich schnell geheiratet. Es sollten "richtige" Eltern sein.
Die Schwangerschaft verlief schon nicht ganz ohne Probleme. Zweimal ging es für ein, zwei Wochen in die Klinik, weil schon Wehen einsetzten. Dann bei der Geburt die Katastrophe: das Kind (ein Junge) kam tot zur Welt!
DAS hat uns nun beide aus der Welt gerissen. Viel Mitgefühl der Umwelt, ja, aber auch viele peinliche Szenen. So manche Frau gestand uns, sie hätte auch ein Kind verloren, aber schnell aufgehört, darüber zu reden.
Das Thema ging vielen Leuten zu nahe.
Wir sind dann in eine SHG für Sternenkinder gegangen. Eine wichtige Zeit, aber andere Schicksale waren dann doch nicht so eins zu eins mit unserem vergleichbar.
Keine Frau hatte ihr Kind im neunten Monat verloren, so wie wir.
Wir flüchteten in einen Pseudo-Urlaub. Raus, andere Menschen sehen und waren uns doch vor allem gegenseitig keine Stütze, sondern eher dauernde Erinnerung an das was geschehen war.
Da hätten wir uns besser getrennt, würde ich heute sagen.
Die SHG war ausgereizt, man empfahl uns eine Paartherapie. Meine Frau wollte nicht. Auch da hätte ich schon aufhorchen müssen. Heute weiß ich, ich war ja gar nicht reif für die Welt, viel zu sehr beschäftigt mit meinem täglichen "wer bin ich eigentlich?". Da habe ich nicht eins und eins zusammengezählt.
Nun machte ich mich auf die Suche nach einer Therapie und geriet ausgerechnet an eine Spezialistin für Transition!
Zufall? Fügung? Wer weiß?
Jedenfalls hat es mir gut getan, jemanden gefunden zu haben, der dem Thema gegenüber aufgeschlossen war.
Zuerst kamen aber die Hammer-Probleme hoch. Meine Traumata (insbesondere der Unfall meiner ersten Frau), aber auch die Traumata meiner Eltern, deren Kriegs-"Karrieren" und deren Nichtbewältigung. Darüber sprach man damals nicht!
So kam dann nur zur Sprache, was ich beobachtet hatte. Die regelmäßigen Alpträume meines Vaters, der noch 40 Jahre nach dem Krieg fast jede Nacht Alpträume hatte. Die merkwürdige erstarrte Haltung meiner Mutter, wenn samstags um 12 die Sirenen gingen, als Test, ob die Sirenen noch funktionierten und als Zeichen "es ist zwölf Uhr". Aber bei ihr kamen dann immer die Erinnerungen hoch aus den Bombennächten in einer deutschen Großstadt.
Aus dem Erkennen wurde Verständnis und Verzeihen.
Erkennen hieß aber auch meine eigene eigenartige Lethargie als Folge oder Begleiterscheinung der Traumata meiner Eltern zu verstehen.
Wieder hatte ich eine Begegnung genau in dieser Zeit. Zufall? Fügung? Wer weiß?
Ich lernte eine Frau kennen, die mir nach einigen Gesprächen gestand, daß sie als Kind mißbraucht worden war und hatte es vollständig verdrängt. Erst bei einer Therapie fast 40 (!) Jahre später kamen die Erinnerungen an das Geschehene wieder hoch.
Das hat mich schon einmal sehr nachdenklich gemacht.
Im Laufe meiner eigenen Therapie mußte ich immer wieder an sie denken. Und so war es ja auch bei mir. Viele, viele Stunden Therapiegespräche haben so Stück für Stück meine eigene Traumatisierung enthüllt. Manche Tränen sind geflossen, ich wurde Stück für Stück weicher, Verhärtungen fingen an zu fließen. Erst der Tod unseres Kindes( das zweite Trauma) hatte es möglich gemacht, das Erste zu erkennen.
Ich hatte mehr als 16 Jahre lang (nach dem Unfall) wie in Trance gelebt, nur an meine Kinder gedacht und die Pflege der kranken Frau. Gefühle abgeschaltet, funktionieren war die Devise. Alltag bewältigen.
Bis auf die kurze Liebschaft. Da hatte es schon einmal einen Ausbruch meiner inneren Gefühlswelt gegeben. Der Abbruch der Beziehung hatte mich allerdings noch tiefer "erstarren" lassen. Jegliche Hoffnung aufgegeben.
Während der Therapie wurde klar: mein eigenes inneres Kind mußte lernen, auch mal auf sich selbst zu achten, sich selbst zu mögen und wie es geht, sich auch mal um sich selbst zu kümmern, anstatt immer nur um Andere.
Die Therapeutin ermunterte mich, "meine" Wäsche auch täglich zu tragen, wenn mir danach sei. Und so begann eine spannende Zeit für mich.
23/7 habe ich das genannt. Morgens und abends eine halbe Stunde Körperpflege und der Rest der Zeit meist völlig in Nylon gehüllt. DAS hat mir gut getan. Das ging so ziemlich genau sieben Jahre. Ich versorgte morgens meine Nachtwäsche und zog die Tag-Wäsche an. Abends umgekehrt. Ich ging ins Büro, zu meinem Verein, ins Kino, alles in "meine" Wäsche gehüllt. Bei jedem Schritt spürte ich, wie sich die Stoffe aneinander rieben und ich habe manche Stunde mit Näharbeiten verbracht, um Gekauftes an meine Bedürfnisse anzupassen. Ich ging positiv gestimmt in den Tag und freute mich auf den Abend, wenn ich meine Nachtwäsche anziehen konnte. Vor dem Einschlafen ging ich in Gedanke durch, was ich am nächsten Tag anziehen wollte. Alles andere war nicht mehr schwer, die Arbeit der Alltag ging leicht von der Hand.
Ich kann das Gefühl nicht anders als ein Hochgefühl beschreiben. Sexuell erregt? Nein. Aber es geschahen Veränderungen mit meiner sexuellen Empfindung generell. Ganzkörperhaft. Nicht mehr nur auf eine kleine Stelle des Körpers (den Penis) beschränkt. Erinnerungen kamen hoch, wie ich als Kind meine Ohrläppchen abends immer gestreichelt hatte. Nun (während der Therapie) wurde ich immer empfindlicher an vielen Stellen des Körpers. Klar, vor allem die Beine. Ich benutzte peelings und Creme (erst Aloe Vera, später Kakao-Butter). Meine Beine und Füße wurden glatter und glatter. Aber auch meine Brust machte erstaunliche Entwicklungen durch. Die Haut schien aufzuwachen, zu spannen, die Knospen wurden steifer und blieben es. Bei jeder Bewegung spürte ich meinen eigenen Körper in ganz neuer Weise. Die Haut schien ein einziger Empfindungs-
Eingang zu sein.
Nur schade, daß meine Beziehung zu meiner zweiten Frau so ganz und gar nicht dazu zu passen schien. Mir fiel auf (warum eigentlich erst da?), daß meine Frau nur auf input gepolt war. Sie wollte vor allen Dingen heftig penetriert werden. Mich als Mann streicheln? Allenfalls ein Blowjob.
Ich kam da nicht mit klar. Wieder mal kam mein anderes "Wesen" hervor. Meine Frau überraschte mich eines Tages damit, ich brauche meine Sachen nicht auszuziehen, wenn ich mit ihr schliefe. Ich war erst ganz froh gestimmt. Aber sie wollte lediglich ein heftiges rein raus und gut war, wie Dampf ablassen. Körperkontakt? Nur über meine Glied. Sie faßte mich nicht an und auch nicht meine Wäsche, streichelte mich nicht, merkte nicht, wie hocherogen meine Brust geworden war. Und ich schaffte es nicht, mit ihr drüber zu reden. Ich spürte nur eine große Abwehrhaltung.
Je mehr ich in der Therapie Fortschritte machte, um so mehr wurde mir klar, daß mit meiner Frau etwas nicht in Ordnung war. Aber alle Versuche, sie zur Aufnahme einer eigenen Therapie zu bewegen, scheiterten. Ich war felsenfest überzeugt, daß sie eine schwere Depression hatte.
Nach den sieben Jahren ist jedenfalls auf einmal, wie mit einem Schlag etwas von mir abgefallen.
Einerseits war das Tragen der Wäsche zur Normalität geworden. Andererseits konnte ich auf einmal auch loslassen und war nicht mehr jeden Tag ein DWT.
Es war wieder Platz für andere Dinge entstanden. Andere Interessen, die durch den Tod von unserem ersten Kind in den Hintergrund gewandert waren, kamen wieder zum Vorschein und ich hatte vor allem das Gefühl, die Traumata waren irgendwie nicht mehr so bestimmend für meine Gemütslage. Lebendiger war ich und offener für meine Umwelt.
Was wirklich mit meiner Frau los war, sollte sich dann erst später herausstellen.
(wird fortgesetzt)