EmmiMarie hat geschrieben: Mi 16. Mär 2022, 14:42
Hey Jaddy...
von vorne bis hinten richtig und eloquent.
Danke
EmmiMarie hat geschrieben: Mi 16. Mär 2022, 14:42
Mhm, es geht um Psychologie und es geht auch um Selbstbestimmung..
Hilft eine Angst-Therapie? Ab wann geht Beratung in Richtung Konversionstherapie?
Darf man so tief in eine Person eingreifen?
Hm. Ja, nein
Selbstbestimmung ja. Einerseits. Andererseits die Verantwortung für die Allgemeinheit.
Es ist meiner Ansicht nach nicht pauschal entscheidbar, sondern gesamtgesellschaftliche Aushandlung. D.h. jedes individuelle Verhalten hat einen bestimmten Anteil Sozialkosten. Die steigen möglicherweise nicht linear mit der Anzahl der Menschen. Konsequent angewandt wären sonst wohl Tabak und Alkohol verboten, Fast food vielleicht auch, Fleisch hoch besteuert, fossile Treibstoffe, usw. Es gibt da aber eine Art Konsens, oder mindestens Kräftegleichgewicht, was wir an Sozialkosten zu tolerieren bereit sind für ein bestimmtes Verhalten.
Wichtig finde ich aber auch, welches Konzept von Selbstbestimmung wann toleriert werden kann. Darf das in jedem Fall ein willkürliches "Nein" sein, zum Beispiel bei einer Anforderung zugunsten der Allgemeinheit?
Oder dürfen wir generell eine plausible, rationale Begründung verlangen, und zwar umso belastbarer, je höher die Sozialkosten sind? Ich meine: ja. Einfach "weil ich nicht will" halte ich also zum Beispiel im Fall Impfung nicht für ausreichend.
EmmiMarie hat geschrieben: Mi 16. Mär 2022, 14:42
Ich wünsche mir, das sich die Menschen informieren dürfen und sagen dürfen, wenn sie es
möchten, nein ich möchte mich nicht impfen lassen-egal was dafür die Basis ist.
Ich nehme nicht irgendein Medikament weil ein Arzt sagt: das ist gut.
Die meisten machen das so und nehmen es
Ich lese nach, schaue wie ging es anderen und wenn es mir nicht passt, frage ich nach
was gibt es noch? Die meisten meiner Ärztys wissen, das ich schon mit genauen Vorstellungen
komme um darüber zu reden...
Die Frage der informierten Entscheidung. Sorry, aber da traue ich den allermeisten Menschen nicht viel zu. Mir auch nicht. Beispiel Corona: Wer von uns hat die einzelnen Studien gelesen? Wer hat sie auch geprüft? Also das Design der Studie, Auswahl der Versuchspersonen, Methoden, Qualität der Rohdaten, wurde irgendwas gefiltert? Wer hat sie gemacht, mit welchem Background, welcher Finanzierung?
Oder einfach mal: Gibt das jeweilige Paper überhaupt die getroffenen Aussagen her? Ist das plausibel zu anderen Ergebnissen? Sind die Ergebnisse signifikant?
Wer kann das ohne Studium in Virologie, Epidemiologie, Infektiologie usw. überhaupt prüfen? Wer hat schon allein das Grundwissen in Statistik, um Signifikanz, Konfidenzintervalle usw zu beurteilen?
(Tipp dazu: Mai Thi Nguyen-Kim, "
Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit", besprochen
hier)
Also: Wir nicht-Expertys müssen uns irgendwie auf Expertys verlassen. Aber auch nicht auf beliebige. Deren Qualität können wir schon beurteilen anhand ihrer Aussagen. Dafür hat Carl Sagan sein berühmtes
Baloney Detection Kit vorgestellt (das ganze
Buch ist lesenswert).
Michael Shermer, ansonsten manchmal mit Vorsicht zu geniessen, hat es zu
10 Fragen zur Erkennung von Pseudoscience umgearbeitet (ausführliche Beschreibung auf englisch in der Quelle):
1. Wie zuverlässig ist die Quelle der Behauptung?
2. Stellt diese Quelle oft ähnliche Behauptungen auf?
3. Wurden die Behauptungen von einer anderen Quelle überprüft?
4. Wie passt die Behauptung zu dem, was wir darüber wissen, wie die Welt funktioniert?
5. Hat sich jemand die Mühe gemacht, die Behauptung zu widerlegen, oder wurden nur unterstützende Beweise gesucht?
6. Weist die überwiegende Zahl der Beweise auf die Schlussfolgerung der Behauptung oder auf eine andere Schlussfolgerung hin?
7. Wendet die Person die anerkannten Regeln der Vernunft und die Instrumente der Forschung an, oder wurden diese zugunsten anderer Methoden aufgegeben, die zu der gewünschten Schlussfolgerung führen?
8. Liefert die Person eine Erklärung für die beobachteten Phänomene oder leugnet sie lediglich die bestehende Erklärung?
9. Wenn die Person eine neue Erklärung vorschlägt, erklärt sie dann genauso viele Phänomene wie die alte Erklärung?
10. Werden die Schlussfolgerungen von den persönlichen Überzeugungen und Vorurteilen der Person bestimmt oder umgekehrt?
Im Deutschen gibt es die Abkürzung
PLURV für ein Abchecken auf
unwissenschaftliche, mglw manipulative Argumentation, mit einer
Liste der häufigsten Techniken und Fallen. Siehe auch Wiki:
Wissenschaftsleugnung.
Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/ ... ugnung.jpg
In der Impfdebatte sind meiner Ansicht nach neben simplen Falschinfos ohne Basis (bspw die angeblich massenhaften Impfschäden oder gar Tote) und ebenso basislosen Verschwörungsmythen vor allem
Rosinenpicken und
false balance mit Pseudo-Expertys wichtig.
Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/ ... enheit.png
Die false balance laste ich allerdings auch vielen Medien an. Teilweise vielleicht unabsichtlich, teilweise wegen Quote (Bild) und teilweise mit offensichtlicher Absicht zur Desinformation und Destabilisierung (RT).
Und da kann ich meiner Ansicht nach schon von durchschnittlch gebildeten Menschen erwarten, nicht Leuten wie Bakhdi, Naidoo, Schiffmann mehr zu glauben, als einem überwältigenden weltweiten wissenschaftlichen Konsens von echten Wissenschaftlys, die sich auf dem jeweiligen Fachgebiet auskennen und tatsächlich forschen und überprüfbare Ergebnisse liefern.
Nach durchschnittlich menschlichem Ermessen eines nicht-Expertys ist also ziemlich klar, dass Drosten, Ciesek, Wieler & Co die plausibleren und seriöseren Aussagen liefern, basierend auf hunderten von überprüften Studien. Und damit lösen sich die gängigen Argumente gegen die Corona-Schutzimpfung in ziemlich nichts auf, um nicht zu sagen: Nebelkerzen.
Das heisst die
fringe "Argumente" wie zB Bedenken gegen mRNA und so können langsam ebenso aus der Diskussion ausgeschlossen werden, wie die Nebelkerzen in der Klimadiskussion, der Tabakdiskussion, usw. (die btw aus kommerziellen Interessen bewusst ge-"spindoctored" wurden).
(Hitchens' Rasiermesser: ""Außergewöhnliche Behauptungen erfordern außergewöhnliche Beweise, und was ohne Beweise behauptet werden kann, kann auch ohne Beweise zurückgewiesen werden." - sprich: braucht auch nicht widerlegt zu werden. (
Quelle,
Wiki))
Es bleibt also das Bauchgefühl auf der einen Seite vs Anspruch der Allgemeinheit auf eine machbare Normalisierung auf der anderen.
Angesichts der Sozialkosten der hohen Verweigerungsquote (20%) ist meiner Ansicht nach in diesem Fall ein willkürliches, weil objektiv nicht begründbares "Nein" nicht hinnehmbar.