Jaddy hat geschrieben: Sa 19. Feb 2022, 20:08
Glückwunsch, Wally, dass alles geklappt hat. Ich kenne das Gefühl. Als ich 2019 meinen Eintrag ändern lassen habe, bin ich auch so euphorisiert aus dem Standesamt gekommen. Sehr zu meiner eigenen Überraschung. Die neue Geburtsurkunde fühlte sich unglaublich validierend an.
Danke, Jaddy - und gleich mal voraus hohen Respekt dafür, dass Du Dich hier ernsthaft auf eine faire Sachdiskussion einlässt, anstatt - wie einige hier - bloß ad personam zu stänkern. Deshalb habe ich mich auch gleich ganz offiziell für Dein Posting bedankt.
Trotzdem bin ich da grundsätzlich anderer Meinung als Du; ich will versuchen, das im Einzelnen zu begründen:
Jaddy hat geschrieben: Sa 19. Feb 2022, 20:08
Aber nachdem ich dieses Gefühl genossen hatte und mal in Ruhe drüber nachdenken konnte, wurde mir die Absurdität des bürokratischen Akts und meines Gefühls dazu bewusst.
Das war mir vorher schon klar
Jaddy hat geschrieben: Sa 19. Feb 2022, 20:08
Was genau unterscheidet dich, jetzt mit Urkunde, von dir davor? Was unterscheidet dich, vorher, nachher, von Tessa Ganserer, die seit vier Jahren öffentlich und offen als trans Frau lebt?
Gar nichts - soweit es um das praktische Leben im Alltag geht.
Aber ganze Welten, sobald es um politische Einstellungen und Entscheidungen geht. Wobei das in diesem speziellen Fall eben
nicht "bloß" irrelevante Stammtischparolen sind: Tessa Ganserer übt als BtA ganz konkret Macht über mich und alle anderen Bürger dieses Staates aus, und zwar m.E. rechtlich und demokratisch
illegitim. Rechtlich illegitim deshalb, weil sie rechtlich immer noch höchst eindeutig ein Mann namens *** ist, der folglich nicht rechtsgültig als Frau mit Vornamen Tessa Bundestagsabgeordnete sein kann; in unserem aktuell gültigen Rechtssystem, an das Frau Ganserer wie jeder andere Bürger gebunden ist, schließt sich das gegenseitig aus. Und demokratisch illegitim deshalb, weil Frau Ganserer sich eben
als Frau - via Quote mit eben diesem Geschlecht als wichtigstem Vehikel - bei den Wählern um diesen Job beworben hat, obwohl sie das
objektiv -
nämlich aus der Sicht der Mehrzahl ihrer Wähler, allein darauf kommt es hier nach demokratischen Spielregeln an -
gar nicht ist: biologisch
kann sie es nicht sein, und juristisch könnte sie es zwar sein,
will das aber erklärtermaßen gar nicht.
Natürlich kann man jetzt fragen, warum denn dieselbe, formale Geschlechtsidentität, die beim Wursteinkauf im heimatlichen Dorfladen sowas von schnuppe ist, im Bundestag plötzlich ein entscheidendes Kriterium sein soll. Nun: im Dorfladen begegnet man sich persönlich, man kennt einander wenigstens zum Teil auch persönlich, und man kann jedenfalls im Regelfall davon ausgehen, dass jemand für den persönlichen Einkauf - und NUR dafür, nicht für irgendwelche kriminellen Zwecke - den Laden betritt und mit echtem Geld bezahlt, über das er auch rechtmäßig verfügt. Gegen die trotzdem vorkommenden Ausnahmefälle gibt's wirksame Maßnahmen; man braucht dafür nicht die Übereinstimmung von Vornamen und Geschlecht im Perso mit dem Outfit zu vergleichen, das wäre auch gar nicht hilfreich, weil ein Betrüger schon aus Eigeninteresse bemüht sein wird, nicht völlig unnötig ausgerechnet durch sowas aufzufallen.
In der Politik ist das sehr anders: Politiker geben nicht bloß ihr privates Geld für ihre persönlichen Zwecke, sondern vor allem auch UNSER STEUERGELD (beim höchsten Steuer- und Abgabensatz der Welt - weit mehr, als uns selber zur freien Verfügung bleibt!) stellvertretend IN UNSEREM NAMEN für Zwecke aus, die angeblich in unserem wohlverstanden Interesse sein sollen, sie machen Gesetze und erlassen Regeln, die unsere Freiheit z.T. massivst einschränken (aktuell z.B. Corona-Einschränkungen/Impfpflichten). Ob das alles auch wirklich zu unserem Besten als Bürger und nicht bloß zur privaten Bereicherung gewisser PolitikerInnen

dient, das können wir leider nur sehr eingeschränkt nachprüfen. Wir sind da als Bürger fast ausschließlich auf VERTRAUEN gegenüber den (uns meist persönlich völlig unbekannten) Politikern angewiesen. Der Wahlschein alle paar Jahre ist nichts anderes als ein Blankoscheck, den wir den von uns gewählten Politikern bzw. Parteien ausstellen - als
einziges Mittel, demokratischen Einfluß auszuüben; was anderes haben wir als Wähler de facto nicht.
Wo das Vertrauen des Wählers gegenüber ihm i.d.R. persönlich unbekannten Personen eine so grundlegende, entscheidende, die gesamten Lebensverhältnisse bestimmende Bedeutung hat wie in einer Demokratie, da sind rechtliche und demokratische Formalismen letztlich das EINZIGE (!), was uns von Diktaturen, kriminellen Kleptokratien und korrupten Bananenrepubliken unterscheidet und vor dem in solchen Staaten typischerweise geschehenden Unrecht wenigstens teilweise bewahren kann. Das Vertrauen des Wählers gründet sich darauf - und NUR darauf, dass ein Politiker sich vor dem Wähler unter eben diesen Aspekten auch als vertrauens
würdig erweist. Deshalb ist die strikte Einhaltung von Rechtsnormen in der Politik so wichtig, selbst wenn sie im Einzelnen als sachlich unsinnig und im privaten Rahmen als völlig irrelevant erscheinen mögen: es erweist sich darin die demokratische Grundhaltung eines Politikers, seine ehrliche und seriöse Motivation.
Wenn ich den mir persönlich als nett, verlässlich und hilfsbereit bekannten Nachbarn *** im Dorfladen antreffe, und er trägt da plötzlich Rock und Pumps und möchte "Tessa" genannt werden, dann tue ich ihm in Gottes Namen den Gefallen, selbst wenn ich es nicht verstehe; für mich ist das dann halt eine harmlose Marotte, die mich weiter nichts angeht und an dem positiven Gesamtbild, das ich mir aus Erfahrung von diesem Menschen gemacht habe, auch nichts Grundlegendes ändert. Es kostet mich nichts weiter als ein Lächeln, "sie" mit "Frau Ganserer" anzureden.
Wenn aber eine mir persönlich völlig unbekannte Tessa Ganserer sich explizit
als Frau über einen exklusiv für Frauen reservierten Listenplatz der Grünen in den Bundestag wählen läßt - und dann stellt sich heraus, dass "die" in Wirklichkeit biologisch ein Mann ist und sich noch nicht mal auf rechtlicher Ebene korrekt um den weiblichen Status gekümmert hat, den sie politisch vorgibt (und das nicht nur als persönliche Identität, sondern auch noch als damit via Quote verbundenes, politisches Programm!) - wie, bitte, kann ich als Wähler dann einen solchen HERRN Ganserer noch von einem kriminellen Betrüger unterscheiden, der unter falschem Namen Millionen Euro von
meinem Steuergeld in obskure Kanäle leitet? Außer der teilweise getürkten Identität weiß ich als Wähler doch so gut wie NICHTS über diesen Menschen...
Wenn ein Politiker sich - soweit nachweisbar - strikt an die aktuell gültigen, rechtlichen und demokratischen Regeln hält, dann schützt mich das als Wähler zwar leider auch nicht vor politischen Täuschungen und Betrügereien; das kommt auch in den besten Kreisen vor, wirklich sicher ist man davor nie. Wenn einer aber schon bei solchen Basics wie der eigenen Identität flunkert, sich in Widersprüche verwickelt und sich um eine seriöse Beachtung rechtlicher wie demokratischer Normen erkennbar schon von vornherein gar nicht erst schert - dann kann man als Wähler ziemlich sicher sein, dass der programmatisch erst recht ganz andere Ziele verfolgt als die, für die er sich wählen ließ. Der ist dann schlicht
nicht vertrauenswürdig.
Puh... Das wurde jetzt mal wieder ein (viel zu) langer Text - dabei habe ich noch nicht mal auf die Hälfte Deines Postings angemessen geantwortet; da steckt noch so vieles drin, was mich zum Widerspruch reizt. Ist leider unvermeidlich, wenn zwei Menschen aus so unterschiedlichen Sichtweisen kommen wie wir beide: dann muß man quasi bei Adam und Eva anfangen, um das halbwegs verständlich aufzudröseln. Ich schreibe dann morgen weiter. Gute Nacht [hier fehlt ein Gähn-Smiley]