doppeldoppelx hat geschrieben: So 13. Sep 2020, 20:32Ich beziehe mich auf den Aspekt der Gendermedizin. Dass eine Frau im Punkt Autismus nicht wie ein Mann diagnostiziert und behandelt werden kann, wenn es nach der Theorie zwei verschiedene Arten von Gehirnen gibt, ist begründend.
Ich fürchte, ein wesentliches Problem liegt im Übergang von Satz 1 zu Satz 2.
Gendermedizin im Sinne von physiologisch messbare Unterschiede aufzeigen und berücksichtigen ist sinnvoll und notwendig. D.h. Satz 1 lässt sich an Beispielen klar zeigen.
Aber bei Gehirnen sind die messbaren Unterschiede nach aussen - eigene Wahrnehmung und Verhalten - hauptsächlich psychologisch und weniger physiologisch. Gehirne werden so stark durch Erlebnisse, Gedanken und Erinnerungen in ihrer Funktion verändert, dass physiologische Unterschiede ausgeglichen werden können. Wenn du auf der Suche nach Studien bist, dann guck doch mal nach solchen, die mit fMRT und anderen funktionalen Tests neurodiverse Personen aus dem Asperger/Autismusspektrum und neurotypischen (wer auch immer in die Sparte fällt...) untersuchen _und_ nach chromosomalem Geschlecht _und_ Gender differenzieren.
Ich wette drauf, dass die Abweichungen neurodiverser VP im Bezug auf chromosomales Geschlecht und_oder Gender nicht signifikant sind. Sprich: Ich bezweifle, das schon irgendwer einen Chromosomen- oder Gender-Unterschied innerhalb der neurodiversen Gruppe gegenüber den neurotypischen überhaupt zeigen konnte. Daher gehst du bei Satz 2 meines Wissens von einer reinen Hypothese aus.
Das heisst nicht, dass es solche Unterschiede nicht geben könnte oder das einzelne Personen und Untergruppen nicht differenzierter behandelt werden sollten. Ich würde aber nach Pareto erst mal die 80% angehen, d.h. Autismus generell und dann erst nach den Feinheiten gehen. Und! Ich würde nicht versuchen, _alles_ an einer Ursache festzumachen. Weder an Chromosomen, noch am Autismus.
Persönliche Meinung aufgrund von Erfahrungen mit mir und vielen anderen Menschen, sowohl trans, als auch neurodivers: Die Ursache ist irrelevant für die Lösung. Die Ursache in der Vergangenheit - Chromosomen oder hormonelle Schwankungen in der Schwangerschaft oder (die aktuell unbekannte Ursache für) Autismus oder was auch immer - kann nicht aus dem Jetzt heraus beseitigt werden. Und sie liefert auch keine Hilfestellung, jetzt und in Zukunft damit umzugehen.
Das heisst, ich empfehle die Fragestellung zu ändern, von "warum bin ich so geworden" zu "a) wie bin ich eigentlich und b) wie würde ich gerne sein". Und dann pragmatisch an eine experimentelle Strategie gehen. Experimentell heisst, diese beiden Fragen a und b regelmässig neu zu stellen und die Lösungsansätze und ihre Ergebnisse danach zu beurteilen und zu modizifieren. Das eigene Leben als Forschungsobjekt.
P.S. vorderste Forschungsfront zum Thema Neurodiversität und Gender: Es gibt möglicherweise unter trans Personen überproportional viele neurodiverse Menschen. Ob es aber einen funktionalen Zusammenhang in die eine oder andere Richtung gibt - "trans macht autistisch" / "autistisch macht trans" - oder zum Beispiel eine Testverzerrung(1) oder ob bei NT aufgrund der anderen Verarbeitung und Einordnung sozialer Signale die Wahrnehmung von Gender einfach weniger Sinn ergibt oder... - das ist wohl noch nicht klar. Deshalb ist das zwar möglicherweise ein interessanter Fakt, der aber eben nichts zur eigenen Lebensbewältigung beiträgt.
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(1) seit einiger Zeit wird vermehrt auch Asperger/Autismus getestet, trans Personen kriegen für die Indikation auch die aktuellen Standardtests wg Komorbiditäten, werden also mehr getestet als die nicht trans Bevölkerung...