Rabea-Marie hat geschrieben: So 27. Okt 2019, 09:39
Aber was ist dann mit all jenen, deren- Identität- nicht in dieses Schema passt? Sollen diese Menschen totgeschwiegen werden, nur damit die "normale" Gesellschaft nicht überfordert wird? Und wie lange soll die Gesellschaft Zeit haben sich an uns (was eigentlich?) zu gewöhnen?-
Meiner Meinung nach ganz hart und ungeschönt, ja genau das sollen sie.
Wenn du das Thema Frauenrechte als Beispiel anführst greif ich das dann hierfür auch auf. Vom Frauenwahlrecht bis zur Frauenquote waren wieiviel Jahre?
Ich wiederhole das hier mal "man muss erstmal ein Fundament setzen wenn man einen Wolkenkratzer erichten will und kann nicht mit der Spitze anfangen."
Wie lange das so gehen soll? Meiner Meinung nach bis wir wenigstens so weit sind dass wir als LGBT*IQ Community unsere Grundbedürfnisse öffentlich und ohne Angst vor Konsequenzen befriedigen können, wie den Gang zur Toilette.
Wenn wir diesen Grundstein erreicht haben, können wir meiner Meinung nach facettenreichere Bedürfnisse erstreiten.
Soweit ich mich in der Geschichte der verschiedenen Bewegungen für gleiche Rechte, faire Behandlung etc auskenne, hatten alle so eine Appeasementphase, in der vorsichtig angefragt wurde, doch bitte nicht totgeschlagen, oder aus den basalen Chancen für Broterwerb, Familie, Bildung und Gesundheitsversogung ausgeschlossen zu werden.
Meine Beobachtung: Diese Form alleine hat nie etwas bewirkt, und zwar über Generationen hinweg. Generationen, währenddessen ganze Gesellschaftssysteme verändert, Grenzen verschoben, aus- und eingewandert, völlig neue Technologien selbstverständlich wurden. An den Benachteiligungen hat sich aber immer erst dann etwas verändert, wenn sie ihre Rechte und Bedarfe umfassend, laut und vielfältig eingefordert haben. Mit moderaten und radikalen Gruppen, grundlegenden und sehr spezifischen Forderungen. Und selbst dann ging es immer nur in Mikroschritten. Wie Luna schrieb: Du musst die ganze Hand fordern, um höchstens den kleinen Finger zu kriegen.
Und selbst dann! Frauenrechte? Formal ja, praktisch nunja. Siehe wiederkehrende Quotendiskussionen, weil sich einfach nichts tut. Oder den Aufruhr noch 2018?19?, wenn eine Schiedsrichterin ein Fussballspiel mit Männermannschaften pfeift. Das Thema Gleichstellung von Frauen ist über 150 Jahre alt! Und ein Mario Barth füllt ganze Stadien mit seinem Sexismus. Der bügelt an einem Abend mehr gesellschaftlichen Fortschritt weg, als drei Gleichstellungskommissionen in Jahren wieder aufbauen können. Wie lange soll das denn noch dauern?
Und da soll ich mich als nicht-binärer Mensch hinten anstellen? Weil da erst mal das Fundament gelegt werden müsste?
Oder schau dir mal die Geschichte zum -§175 bis jetzt zur Ehe-Gleichstellung an. Eine rechtlich-offizielle Diskriminierung mit absolut keiner sinnvollen Begründung. Spätestens nach 1969 (Große Strafrechtsreform, Frage des verletztens Rechtsguts) hätte der 175 komplett gestrichen werden müssen. Tatsächlich hat es bis 1994 gedauert, also eine ganze Generation.
Ebenso das Eheverbot, bei dem es ja auch um Versorgungsgemeinschaften, Patientenrecht, Erbrecht, etc geht. Die erste Aktion Standesamt war 1992. Es hat wieder eine Generation (25 Jahre) gedauert, weil nicht nach Sinn und Verstand, sondern nach "Bauchgefühl" agiert wurde. Kann 1 sich den Frust und die Verbitterung von Menschen vorstellen, die ihr ganzes Leben mit dem Warten auf Verbesserung verbringen?
Die "Ehe für Alle" (die ja nocht keine ist) bzw das frühere Eheverbot hat übrigens auch Auswirkungen auf uns. Die Zwangsscheidung und die Zwangssterilisierung im ursprünglichen TSG beruhen auf der panischen Angst der Gesetzgebenden, durch die Hintertür eine gleichgeschlechtliche Ehe mit eigenen Kindern zu kriegen. Einige meiner Freundinnen haben das noch durchmachen müssen. Vor 10 Jahren noch hätte ich mich für meine Personenstandsänderung auch scheiden lassen müssen. Und immer noch gibt es massive Probleme beim Thema trans Elternschaft.
Zum Thema trans im Verhältnis zu den anderen Buchstaben in LGBTIQA* empfehle ich die Doku "Screaming Queens" (
YT) und Quellen zu den Stonewall Riots. Ich bin sehr für Solidarität und Inklusivität im queeren Spektrum. Das bedeutet aber auch, dass alle ihre Bedürfnisse hörbar äussern dürfen und irgendwie berücksichtigt werden. Sonst gehen die nämlich nicht nur in der Aussengesellschaft unter, sondern auch "unter uns". Deshalb sind auch scheinbare Randthemen wie Gendermarkierungen auf Hygieneprodukten nicht völlig unwichtig.
Fazit also: Leise treten, klein anfangen, erst mal nur Minimalforderungen, etc bewirkt nichts zu Lebzeiten, sondern erst, wenn die Generation "das war schon immer so" ausgestorben ist. Sorry, das ist mir zu lang, denn mal ganz deutlich: Es gibt keinen legitimen Grund, anderen Menschen das Leben ohne Not schwerer zu machen als nötig. Also "Bauchgefühl" ist jedenfalls keiner.
Das Fundament ist längst gelegt. Das Grundgesetz jetzt fast 3 Generationen alt. Die Rechtsphilosophie dahinter noch ein bis zwei älter. Die grundlegenden Forderungen werden seit Jahrzehnten wiederholt, aber sie wurden immer wieder ignoriert, rausgehalten, vertröstet, während anderes im Vergleich dazu blitzschnell durchkam. Es ist höchste Zeit, wirklich deutlich zu machen, wie vielfältig Menschen sind und wo ihnen ohne sinnvollen Grund ständig auf die Zehen getreten wird. Es gibt keine sinnvolle Hierarchie der Forderungen. Gleichstellung aller Gender überall, OP-Verbot an inter Kindern, klassistische Bildungsbenachteilung, usw sind nicht gegeneinander abwägbar. Emanzipationsbewegungen aufzusplittern und gegeneinander auszuspielen hat zu lange funktioniert. Wir verteilen aber keinen Kuchen. Berechtigte Ansprüche haben keine Reihenfolge. Der Rest nennt sich gesellschaftliches Aushandeln und findet nach meiner Beobachtung noch viel zu wenig statt.
*steigt von der soap box und nimmt sich erst mal nen Kaffee*
