Vicky_Rose hat geschrieben: Fr 20. Apr 2018, 07:52
Hallo in die Runde,
man liest häufiger von Forenmitglieder, wie sie sich fühlen, nachdem sie das erste Mal auf die Straße "getraut" haben. Wir lesen aber viel weniger darüber, wie sich das weiter entwickelt. Meine Idee ist, eine Sammlung von Erfahrungen zu haben, was es Euch längerfristig bedeutet, en femme auf die Straße zu gehen. Vermisst Ihr das Gefühl des Aufregenden oder ist eine Art "innere Ruhe" eingetreten ? Was hat es mit Euch gemacht ?
Das ist wirklich eine sehr interessante Frage und die zahlreichen Antworten spiegeln eine schöne Bandbreite von der TZF über CD, TV bis TS und Vollzeitfrau wider.
Bei mir ist alles noch ziemlich frisch, wusste ich doch vor 16 Monaten noch nicht mal, was "Transgender" oder "transident" bedeutet, erst recht nicht, dass ich mich selbst dazu zählen kann. Da denke ich oft: Vor einem Jahr ... war ich gerade zum dritten Mal überhaupt
en femme draußen.
Als ich mich nur ein halbes Jahr nach dem "ersten Mal" zuletzt im Job outete, alle Männersachen wegschmiss und ohne überhaupt mit HET / Epi usw. angefangen zu haben, fortan nur noch als Frau zu leben begann, war das eine unbeschreibliche Erlösung. Das Doppelleben war binnen kürzester Zeit zu einer enormen Last geworden und besonders Freund_innen und Kolleg_innen hatten meine Veränderungen seit Jahresbeginn mit stetig größer werdenden Fragezeichen im Gesicht verfolgt, ohne sich zu trauen nachzufragen. Deshalb brachte das komplette Coming Out Erleichterung auf allen Seiten. Jetzt konnten sie zuordnen, wohin meine Entwicklung ging.
Die Aufregung rauszugehen, war nun von anderer Art. Innerhalb kurzer Zeit war ich von der Party/Freizeit- ich nenne mich mal "Zara" - zur "Alltags-Zara" geworden. Das fing beim Inhalt des Kleiderschranks an, in dem 99% Tanzkleider und sexy Outfits hingen, mit denen ich keinesfalls arbeiten gehen konnte ... Die Achterbahn nahm ziemlich Fahrt auf und ich kann mich eigentlich gar nicht mehr erinnern, wie ich am Anfang so schnell jobtaugliche Klamotten beschaffte.
Die Aufregung ging weiter beim Schminken, denn plötzlich musste ein dezentes Make-up her, das nicht nur eine Nacht bei stetig schwächer werdender Beleuchtung, sondern über 12 Stunden am hellichten Tage halten musste. Wie oft erwischte ich mich dabei, morgens smokey eyes schminken zu wollen oder den blutroten Lipstick zu zücken ...
Aufregend war auch die Zeitplanung, denn plötzlich gab es nicht mehr endlose Zeit am Nachmittag, um sich für Abend und Nacht aufzuhübschen, sondern alles verlagerte sich in grausam frühe Morgenstunden.
Der Schritt in den Alltag hat also keineswegs für weniger, sondern für viel mehr Aufregung gesorgt. Ich musste mich ganz neuen Herausforderungen stellen und der Stolz, wenn ich dem gerecht werden konnte, war nicht geringer, als wenn mich Leute nachts beim Tanzen bis zur Erschöpfung anfeuerten. Es hat einige Monate gedauert, bis ich die neue Routine zeitlich und technisch beherrschte, doch das Lernen hat nie ein Ende! In jeder Woche bekomme ich neue Tipps von Bio-Freundinnen und ich darf nicht vergessen, dass sie nun mal das Frausein von der Pieke auf - und vor allem viel länger - lernen konnten. Witzig ist, dass
ihre Sorgen und Nöte oftmals auch nicht viel anders sind als meine.
Jasmine hat geschrieben: Sa 21. Apr 2018, 14:23
Nach meinem Outing gegenüber meiner Partnerin war das erste Mal rausgehen wie eine Befreiung für mich. Endlich konnte ich so leben, wie es
für mich richtig ist, sich
für mich richtig anfühlt. Nach vielen "Auf" und"Ab" (Freud und Leid) bin ich aber schon seit längerer Zeit im Alltag angekommen. Für uns (Menalee und mich) ist es eigentlich ganz normal geworden, das ich Jasmine bin und so lebe.
Liebe Grüße Jasmine
"Normal" oder "Innere Ruhe" wäre ja soo langweilig

In der zweiten Pubertät scheint das ohnehin ausgeschlossen. Und die dauert auch Monate nach Erreichen des weiblichen Hormonspiegels unvermindert an ...
Als "Freizeit-Zara" hab ich zwar viel verrücktere Dinge gemacht, über die ich heute den Kopf schüttle, aber die "Alltags-Zara" hat doch ganz entschieden ein spannenderes Leben. Das wahnsinnige Glücksgefühl, vollständig authentisch zu sein, 100% echt von früh bis spät, wenn auch niemals äußerlich wie eine Biofrau, ist überwältigend. Dadurch merke ich, wie arm und voller unsinniger, überflüssiger Komplexe und Konflikte mein Männerleben ohne Identität war.
Dieses Glück gibt die Kraft, mit den neuen Problemen fertig zu werden, die sich - von der transphoben Familie mal abgesehen - unterm Strich als geringer erweisen als vermutet. Ich hoffe nicht, dass die gelebte Freiheit jemals ihren Zauber verliert!
Theresa hat geschrieben: Sa 21. Apr 2018, 13:24
Das neue Oberteil, mit Beratung und Anprobe gekauft, wirkte an mir wie ein Walkürengewand. So fühle ich mich nicht wohl. Ich hake es als erneuten Fehlkauf ab.
Ich finde es sehr schwierig für mich, wie ich mich fühle, kleidungsmäßig umzusetzen. Un das bringt Stress und unbehagen.
Nicht schön, so etwas.
Das Thema wird im Alltag noch wesentlich wichtiger. Das Kaufen von Klamotten ist für mich eine Dauerbeschäftigung geworden, die obendrein viel Spaß macht. Die armen Kerle mit ihren Einheits-Outfits! Das Leben als Mann war zwar wesentlich billiger, aber modetechnisch viiiel langweiliger. Den eigenen Stil zu finden, ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe, mit der auch Bio-Frauen zu kämpfen haben. Ist der
erste Stil einigermaßen gefestigt, muss schon wieder der nächste her, denn Frau muss schließlich
vier Jahreszeiten lang schön sein! Strenggenommen sind demnach 4 Stile vonnöten, davon mindestens 5 Outfits für den Job und einige Wochenend-/Urlaubsoutfits.
Die wichtigste Voraussetzung für das Finden "des" Stils hast du ja: Selbstkritik. Auch wenn die beste Freundin meint, es sehe so toll aus, musst du dich selbst gut drin fühlen. Wenn du Stress und Unbehagen gegen Beharrlichkeit und Begeisterung tauschen könntest, würde die Sache vielleicht besser glücken. Von Biofrauen bin ich jeglicher Hoffnung beraubt, dass die stilistische, modische Verortung jemals einen Ruhepunkt finden könnte. Ich verbringe oft Stunden, in denen ich mich mit dem Inhalt des stetig voller werdenden Kleiderschranks beschäftige, um Outfits zusammenzustellen. Das Erprobte ist zwar schön, aber dennoch bin ich viel zu neugierig und unruhig, um irgendwas auf sich beruhen zu lassen. Dazu packe ich mehrmals pro Woche meinen gefühlten Kubikmeter Handtascheninhalt um, weil die Handtasche möglichst gut zum Rest passen soll.
Das ganze Thema scheint eine Lebensaufgabe zu sein, jedenfalls für mich und die meisten anderen Frauen, die ich kenne. Es gibt Ausnahmen, die täglich in Jeans, T-Shirt und Turnschuhen rumlaufen, aber genau das hab ich ja als Kerl gehasst und wäre schön blöd, das als Frau erneut zu leben, ohne dass es mangels anderer Möglichkeiten notwendig wäre.
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Wenn ich abends in mein Haus zurückkehre, in dem (Noch-)Ehefrau und Kind regungslos vor der Glotze hängen, mich frech angrinsen oder gar regelrecht auslachen, weiß ich, dass wir in verschiedenen Welten leben. Seitdem ich draußen bin, bin ich noch nie von irgendwem ausgelacht oder nur provokant angeguckt worden. Aber die enttäuschten Hoffnungen und Gefühle der Partnerin führen eben zu Aggressionen und Verletzungen, die mir noch nicht mal Fremde, erst recht keine Kolleg_innen antun würden. Und ein Kind gibt ohnehin nur wieder, was es von den Erwachsenen permanent eingetrichtert bekommt, vor allem wenn es sich um banale Herabwürdigungen handelt.
Meine glückliche Stimmung ist dann - wider besseren Wissens - manchmal in Sekundenschnelle komplett in den Keller gestürzt. Wenn ich dann obendrein noch schlecht schlafe, brauch ich am nächsten Morgen viel Kraft, um beim Stylen und Schminken die Selbstsicherheit zurückzugewinnen, um überhaupt rauszugehen. Da ich in der Öffentlichkeit und erst recht auf Arbeit 100x besser behandelt werde als von der eigenen Familie, hab ich mich meist schon in der vollen Bahn komplett erholt und ein neuer, glücklicher Tag kann beginnen ...
LG
Semele
