Hallo,
ich gebe meinen Status als stille Mitleserin nur ungerne auf, aber einige Beiträge bilden genau die Ängste ab, denen ich mich stellen musste:
dunkles_sternchen hat geschrieben: Mi 24. Jan 2018, 22:17
Ich kann nur jedem raten, der mit dem Gedanken der Transition spielt und keine 20 mehr ist, für sich genau zu überdenken, ob man auch damit leben kann, wenn es nicht so oder gar nicht klappt. Manchmal ist es vielleicht doch einfacher den Kerl zu spielen, als sich täglich für seinen Körper schämen und auf vieles verzichten zu müssen.
Als
es bei mir losging, hatte ich die 20 schon um 25 Jahre überschritten. Dank meiner großherzigen Eltern war meine Transidentität durch ständiges Unterdrücktwerden und schlussendliche Gewaltandrohung gegen mich bereits in sehr früher Kindheit quasi totgemacht worden. Meine Psychologin vermutet ein schweres Kindheitstrauma, in dessen Folge die Transidentität komplett im Unterbewusstsein verschwand, um dann erst im fortgeschrittenen Erwachsenenalter wieder aufzutauchen.
Ich hatte demnach keine Chance, mit 20 etwas anzustreben, was ich nicht wusste. Ich wusste nur, dass
etwas nicht stimmte, weshalb ich mir mein falsches Männerleben bis ins Unerträgliche versauerte. Damit war von einer Minute zur anderen Schluss, als ich endlich wieder wusste, eine Frau zu sein. Doch diesem großen Glück folgte genau die hier beschriebene Kernfrage:
Hätte ich überhaupt eine Chance, jemals das Äußere dem Inneren anzugleichen? Würde ich es schaffen, mich frei und ungezwungen draußen bewegen zu können, ohne dem Spott der Leute ausgesetzt zu sein und jeden Respekt zu verlieren?
Wie Delfinium sah ich nur zwei Möglichkeiten: Entweder würde ich das schaffen oder mich umbringen.
Komischerweise beeinträchtigte dieser Entschluss nicht meine positive Einstellung zum neu gewonnenen Leben, sondern tauchte nur ab und an wie ein Schatten auf, der einen kurz zweifeln und weinen lässt, um danach voller Energie weiterzumachen.
Mein Körper tat (ohne HET oder Wundermittel), was er konnte, um der Wunscherfüllung, von der ich mein Leben abhängig gemacht hatte, zu entsprechen: Wie durch mehrer Blutbilder festgestellt wurde, fuhr ich innerhalb weniger Monate das Testo bis an den durchschnittlichen Minimalwert in den Keller und die Östrogene bis zum durchschnittlichen (männlichen) Maximalwert hoch. Das reichte anscheinend aus, um massive äußere Veränderungen auszulösen (Gesichtszüge, Fettverteilung, erhebliche Gewichtsabnahme) sodass meine gesamte Statur und Erscheinung kaum wiederzuerkennen waren. Während sich Kolleg_innen wunderten und meine Chefin mit Fragen belagerten, bekamen Familie und Freunde schlichtweg Angst, was da vor sich ging.
Glücklich und dankbar für die Veränderungen, zwangen mich diese jedoch zu einer achterbahnähnlichen Geschwindigkeit auf meinem Weg: Das Outing in der Familie, bei Freunden und im Job folgten in kurzen Abständen, was mir enorme Kräfte abverlangte. Als ich das erste Mal komplett
en femme auftauchte, waren meine Kolleg_innen erleichtert: "Jetzt können wir deine Veränderungen endlich einordnen und wissen, was los ist!" Einige hatten Tränen in den Augen. Ich auch.
Nach nur 8 Monaten war ich "Vollzeitfrau" - der schreckeinflößende Schatten war fort. Kurz danach fing ich mit der HET an. Nach 2 Monaten hatte ich einen weiblichen Hormonspiegel und das Brustwachstum setzte ein. Heute bewege ich mich frei in der Bahn, in Geschäften, Restaurants, Tanzclubs, sitze für meine Kolleg_innen ganz selbstverständlich als Frau auf Arbeit, die sich ernsthaft manchmal fragen: "Wie sah sie / er eigentlich früher mal aus?" Aber für mich ist die rasante Entwicklung alles andere als
selbstverständlich. Ich denke oft an den geplanten Selbstmord im Falle des Scheiterns, bin extrem dankbar und glücklich, endlich leben zu können.
Aus diesen Gründen kann und will ich niemand den Mut nehmen, welche die 20 überschritten hat. Letztlich lässt sich der Erfolg oder Misserfolg immer nur feststellen, wenn der Weg auch eingeschlagen wird. Für mich stellte das allerdings keine echte Wahlmöglichkeit dar, denn ich
musste den Weg in Richtung Frau gehen, um überhaupt weiterleben zu können. Da dürfte ich kaum die Einzige sein.
Delfinium hat geschrieben: Mi 24. Jan 2018, 23:59
Den Punkt halte ich für sehr wichtig, da ich selber übherhaupt nicht damit klarkommen würde wenn es nicht "perfekt" ist. Zu mir wird jetzt schon gesagt dass alles perfekt weiblich an mir ist aber ich habe trotzdem manchmal noch Angst dass irgendwo etwas männliches durchschimmert, wäre dieses männliche am äußeren viel größer als das weibliche würde ich mich glaube ich garnichtmehr nach draußen trauen, geschweige denn mich irgendwie mögen können so wie ich dann bin.
Perfekt ist keine Frau. Irgendwie wird bei einer Transfrau immer etwas Männliches durchschimmern als Beitrag zum Unperfektsein. Davor habe ich keine Angst. Bedrohlich wäre es für mich, ständig angeglotzt und / oder ausgelacht, angepöbelt zu werden: "Verkleideter Kerl, angemalter Clown, Möchtegernfrau" u.ä. Das ist zum Glück nicht der Fall. Ich bin seit über 4 Monaten als Frau im Alltag unterwegs, war auch mit Familie im Urlaub (Hotel), und hatte kein einziges negatives Erlebnis. Oft ist es so, dass im Bus oder der vollen Bahn kein Einziger kuckt. Dann witzele ich vor mich hin und denke: "Hallo Leute, hier steht eine preOP Transfrau, hallooo!"
Solange mir Biofrauen die Tür zum Damenklo aufhalten, ist die Welt für mich in Ordnung ...
Delfinium hat geschrieben: Mi 24. Jan 2018, 23:59
Wäre ich nichtmehr so jung hätte ich genau aus diesen Grund mehr darüber nachgedacht was ich tun soll wenn es nun doch nicht so toll wie erwartet wird... Aber naja deshalb fing ich auch so schnell an jetzt mit 19 alles zu machen weil ich wusste die Zeit rennt mir Weg und je jünger ich bin desto höher ist die Warscheinlichkeit dass das Ergebnis der Hormontherapie annehmbar wird.
Alles auf eine Karte zu setzen und ausschließlich auf die HET zu vertrauen, halte ich auch für gewagt. Für mich ist die HET letztlich eine Art Bonus, durch den ich vollenden will, was mein Körper bereits aus eigener Kraft in Gang gesetzt hat. Delfinium, wenn ich mir dein Avatarbild anschaue, könnte es bei dir ähnlich sein. Vielleicht hast du einfach nur zu viele Zweifel? Mein tägliches Ritual ist, dass ich nach Styling und Schminken in den Spiegel schauen und sagen kann: "Du bist schön!" Dann gehe ich raus - und stehe bis abends meine Frau.
Aus dem Selbstvertrauen erwächst Sicherheit und daraus ein natürliches Auftreten. Wie ich aus eigenen Erfahrungen bestätigen kann, ist das Auftreten ebenso wichtig wie das Aussehen - darum: Aussehen ist längst nicht alles!
Delfinium hat geschrieben: Mi 24. Jan 2018, 23:59
Auch hier wieder, wer einen weiblichen Körper "braucht", den macht er glücklich, aber viel wichtiger ist es erstmal zu klären ob man das wonach man sich sehnt überhaupt bekommen kann? Also alles was im Rahmen des Möglichen ist...
Weiblicher Körper ist mir als Zielsetzung ganz ehrlich zu hoch. Was der derzeitige Stand der GAOP im Bestfall als Ergebnis liefern kann, reicht nach meiner Meinung kaum an eine Vagina heran, insbesondere "funktionell". In dieser Beziehung werde ich nie einen
weiblichen Körper haben können. Ähnlich sehe ich das mit Silikonbrüsten (Implantate), die mich bei Biofrauen ebenso abschrecken wie bei allen anderen. Was dort nicht natürlich wächst, ist eben nicht da.
Mein Ziel ist es, das Äußere dem Inneren bestmöglichst anzugleichen, auch wenn kein 100% weiblicher Körper dabei herauskommen kann. Voraussetzung dafür ist, dass das Innere ein klares Ziel hat. Was sollte sonst bei so einer Anpassung herauskommen?
Ich will authentisch sein, alles rauslassen, was ich als verkleideter Kerl unter Verschluss hielt. Dadurch kommen weibliche Gesten / Gang / Gewohnheiten ganz von selbst. Wenn ich jetzt ein paar Oktaven höher spreche und plötzlich eine neue andere Lache habe, dann ist das kein "Verstellen der Stimme", sondern es ist
meine Stimme. Als Mann hab ich absichtlich krampfhaft tief gesprochen und damit ist jetzt Schluss. Wenn ich bei Telefonaten in ungeahnte Höhen vordringe, dann ist das keine Schauspielerei, sondern ich lasse raus, was ich bin - endlich!