Die Erlebnisse der Jenina K. in einer anderen Welt
Die Erlebnisse der Jenina K. in einer anderen Welt - # 2

Crossdressing und selbst Erlebtes... Erdachtes
Michi
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 5917
Registriert: Mo 19. Dez 2016, 09:45
Pronomen: sie
Forum-Galerie: gallery/album/11
Hat sich bedankt: 665 Mal
Danksagung erhalten: 804 Mal
Kontaktdaten:

Re: Die Erlebnisse der Jenina K. in einer anderen Welt

Post 16 im Thema

Beitrag von Michi »

heike65 hat geschrieben: Mi 27. Dez 2017, 11:25
Jenina hat geschrieben: Mo 25. Dez 2017, 10:06 Wie Jenina zu ihrem Namen kam

. Und so gibt es Foren
im Netz, wo sich Menschen tummeln, die Transvestismus als
Sexuelle Obsession ausleben wollen. Auch sie brauchen ein
Pseudonym und da sind sie sehr kreativ, was Abartigkeit angeht.
Die Mädels unseres Netzes sind davon eher abgestoßen. Schließlich
wollen sie ernsthafte Teilhabe an einer Gemeinschaft, die helfen
soll und kann. Da sind sexuelle Anspielungen mehr als daneben.
Somit sind auch die Transvestiten unseres Netzwerkes gehalten,
sich Gedanken zu machen um einen Namen, mit dem sie sich
wiederfinden.
Was für eine Anmassung jemanden der Abartigkeit zu bezichtigen
Ich sehe nicht, dass hier irgend jemand konkret der Abartigkeit bezichtigt wurde, und es würde auch keinen wesentlichen Unterschied machen, wenn man statt Abartigkeit das Fremdwort Devianz gebraucht. Jenina hat lediglich ihre Beobachtungen und Gefühle beschrieben, die ich ebenso gemacht habe und teile. Ich wurde da mit Sachen konfrontiert, die selbst mich als sehr umfassend informierten und verständnisvollen Menschen sehr unangenehm berührten. Gleichwohl kann ich mir nicht vorstellen, dass derartige Pseudonyme als Membernamen hier im Forum akzeptieren würden. Würdest du Anne-Mette für derartige Entscheidungen ebenso verurteilen?

Wikipedia weiß zur Abartigkeit:
[...]
In der Soziologie beschreibt Abartigkeit generell das Abweichen von einer gesellschaftlichen Norm im Bezug auf Verhalten oder stigmatisierte Eigenschaften. In diesem Fall spricht man synonym von Devianz. Genutzt wird der Begriff zudem häufig wertend im Kontext eines von der Norm abweichenden Sexualverhaltens.

Beste Grüße
Michi
Wenn dir jemand auf den Fuß tritt, schreist du "Aua" und erwartest eine Entschuldigung.
Mir treten andere dauernd auf die Füße und erwarten, dass ich mich dafür entschuldige, dass es mir weh tut.
heike65

Re: Die Erlebnisse der Jenina K. in einer anderen Welt

Post 17 im Thema

Beitrag von heike65 »

Abartigkeit ist eine Substantivierung des Adjektivs abartig, dem ein Bedeutungsspektrum von "abweichend" bis "pervers" zugeordnet wird.[1] Als Grundlage des Adjektivs wird eine Zusammenbildung zum Wort "Art" angenommen, "entarten" gilt demgegenüber als Präfixableitung von "Art".[2]
so, das ist dann der erste Satz bei wikipedia, der vollständigkeit halber.
Nein es wurde niemand konkret bezichtigt, aber eine Allgemeinheit im Netz. Nahezu jeder Sexualmediziner wird behaupten es gibt keine Normalität in der Sexualität, und somit auch keine Abartigkeit oder Perversion solange niemand anderes dabei geschädigt wird.

Ich mag auch diese wertende Aussage auch nicht "Die Mädels unseres Netzes sind davon eher abgestoßen. Schließlich
wollen sie ernsthafte Teilhabe an einer Gemeinschaft, die helfen
soll und kann." als wenn sexuelles Interesse an irgendwelchen genderspielchen weniger wert wären als Transfrau oder Transmann zu leben, jedem/jeder das seine.
Michi
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 5917
Registriert: Mo 19. Dez 2016, 09:45
Pronomen: sie
Forum-Galerie: gallery/album/11
Hat sich bedankt: 665 Mal
Danksagung erhalten: 804 Mal
Kontaktdaten:

Re: Die Erlebnisse der Jenina K. in einer anderen Welt

Post 18 im Thema

Beitrag von Michi »

Hallo Heike,

ich verstehe schon, worauf du hinaus willst. Ich verstehe aber auch, dass Jenina eine Abgrenzung unterschiedlicher Interessen und Bedürfnisse versucht hat, um ihre eigene Position, ihr Sein besser erklären zu können. Ich selbst habe oft genug erlebt, dass mir mangels des dringenden Bedürfnisses, meinen Körper operativ angleichen und ausschließlich als Frau leben zu wollen, immer wieder sexuelle Motivation unterstellt wurde - gerade auch von Menschen, die es eigentlich besser wissen könnten. Ich akzeptiere sehr wohl, dass es Menschen gibt, die Frauenkleidung einzig zur Befriedigung des Sexualtriebs tragen. Aber ich empfinde mich nicht so, und möchte daher nicht in diesen Topf geworfen werden. Und ich denke, all das wollte Jenina mit wenigen Worten zum Ausdruck bringen.

Bedenke auch, dass der Text bereits vor einigen Jahren geschrieben wurde.

Beste Grüße
Michi
Wenn dir jemand auf den Fuß tritt, schreist du "Aua" und erwartest eine Entschuldigung.
Mir treten andere dauernd auf die Füße und erwarten, dass ich mich dafür entschuldige, dass es mir weh tut.
Jenina
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 751
Registriert: Sa 26. Aug 2017, 10:45
Geschlecht: männlich
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Jena
Hat sich bedankt: 149 Mal
Danksagung erhalten: 130 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Die Erlebnisse der Jenina K. in einer anderen Welt

Post 19 im Thema

Beitrag von Jenina »

heike65 hat geschrieben: Mi 27. Dez 2017, 14:49 ....
so, das ist dann der erste Satz bei wikipedia, der vollständigkeit halber.
Nein es wurde niemand konkret bezichtigt, aber eine Allgemeinheit im Netz. Nahezu jeder Sexualmediziner wird behaupten es gibt keine Normalität in der Sexualität, und somit auch keine Abartigkeit oder Perversion solange niemand anderes dabei geschädigt wird.

Ich mag auch diese wertende Aussage auch nicht "Die Mädels unseres Netzes sind davon eher abgestoßen. Schließlich
wollen sie ernsthafte Teilhabe an einer Gemeinschaft, die helfen
soll und kann." als wenn sexuelles Interesse an irgendwelchen genderspielchen weniger wert wären als Transfrau oder Transmann zu leben, jedem/jeder das seine.
Liebe Heike,

mit Worten ist das so eine Sache. Wir werden hier noch mal darauf zurück kommen, was Worte anrichten können. Mit dem Ansatz bin ich auch selber nicht so ganz glücklich, weil wahrscheinlich nicht so ganz klar wird was gemeint ist wenn er so aus dem Zusammenhang eines ganzen Buches herausgeschnitten wird.

Eigentlich war nicht die sexuelle Seite des trans* Seins an sich gemeint sondern vielmehr die Auswüchse einer Art von sexueller Anmache wie sie eigentlich unwürdig ist - was für alle Arten von primitiver Anmache gilt: siehe #metoo. Wir wissen doch was für ein Forum gemeint ist und ich glaube, dass den allermeisten hier das auch nicht gefällt. Und deshalb gibt es bei bestimmten Foren wie diesem hier auch Regeln. Anne-Mette sei Dank, dass es so ist.

Auch zum Thema Sexualität und trans* hat sich Jenina Gedanken gemacht und wir werden hier ebenfalls später davon lesen können. Also besänftige bitte Deinen berechtigten Zorn und bleibe weiter dran, gerne so kritisch wie möglich.

Jenina
Disclaimer: Dies ist eine persönliche Meinung, sie ist möglicherweise inkompatibel mit Deinem Glauben/Lifestyle/Parteiprogramm!
Jenina
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 751
Registriert: Sa 26. Aug 2017, 10:45
Geschlecht: männlich
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Jena
Hat sich bedankt: 149 Mal
Danksagung erhalten: 130 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Die Erlebnisse der Jenina K. in einer anderen Welt

Post 20 im Thema

Beitrag von Jenina »

Mädels!

Es lässt mir einfach keine Ruhe. Heike hat mit ihrer berechtigten Kritik an die Macht der Worte erinnert.

Neulich hatten wir in einem anderen Thread über verbotene Wörter gesprochen. Ich hatte dabei auf Victor Klemperers "LTI - lingua tertii imperii" hingewiesen. Verdammt, das Buch habe ich doch schon als 18jähriger gelesen (was also 40 Jahre her ist...) und vollkommen verinnerlicht. Auch gerade eben habe ich es wieder gelesen. Und dann steht das Wort "ABARTIG".

Das ist aber nun eines der Hauptwörter der LTI. Und es ist das Wort, das tatsächlich Menschen umgebracht hat. Es hat begründet warum Juden zu einer anderen Art gehören, die man beseitigen muss. Es hat die Eutanasie begründet, die das unwerte Leben wegen seiner "Abartigkeit" beseitigen durfte. Weil die Sprache des dritten Reiches eben auch die Taten des dritten Reiches rechtfertigte.

Klemperer sagt "es ist die Sprache die für dich denkt". Somit habe ich ich mich schuldig gemacht, denn ich habe nicht nachgedacht! Ich habe ein Wort verwendet, das schon einmal getötet hat, in einem Zusammenhang in dem das völlig unangemessen war.

Dieses Nachdenken über Worte lässt mich dazu entschließen, jetzt noch einmal etwas aus meinem Buch zu zitieren. Damals hatte ich mir auch über Worte Gedanken gemacht, allerdings eher harmlose, nicht tödliche Worte, die aber trotzdem Verletzungen hervorrufen können. Obwohl es doch nur Worte sind...

Da es etwas länger ist werde ich das auf mehrere Teile strecken.

Jenina
Disclaimer: Dies ist eine persönliche Meinung, sie ist möglicherweise inkompatibel mit Deinem Glauben/Lifestyle/Parteiprogramm!
Jenina
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 751
Registriert: Sa 26. Aug 2017, 10:45
Geschlecht: männlich
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Jena
Hat sich bedankt: 149 Mal
Danksagung erhalten: 130 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Die Erlebnisse der Jenina K. in einer anderen Welt

Post 21 im Thema

Beitrag von Jenina »

Keulen und Retter

Man kann Menschen mit Worten genauso erschlagen wie mit einer
Keule. Diesen Satz hat Jenina entlehnt, einem Ausspruch von
Heinrich Zille nämlich. Dieser Künstler und Sozialrevolutionär
sagte das von einer typischen Berliner Proletarierwohnung. Im
Angesicht der katastrophalen sozialen Verhältnisse der auf ihrem
Höhepunkt im Untergang befindlichen Wilhelminischen Ära hielt er
sich nicht heraus aus den Kämpfen seiner Zeit. Und er wusste,
dass man auch mit dem Wort "Proletarier" erschlagen werden
konnte. Wie schnell war man ganz unten angekommen. Und wer einmal
aus dem Blechnapf frisst - das hat uns Hans Fallada ebenso
eindrucksvoll geschildert.
So ist heute so mancher Proletarier und will es nicht wissen,
denn er ist sich bewusst, dass ihn dieses Wort erschlagen kann.
Wie die wirtschaftlichen Blasen und deren platzen in den Zeiten
Zilles, Falladas und Döblins, so gibt es diese Blasen bis heute.
Mit schönen Worten werden sie umschrieben, doch sie sind nur
gewöhnlicher Kapitalismus. Seine permanente Krise ist auch die
Krise der Menschen, die sich partout nicht als Proletarier
bezeichnen lassen wollen, obwohl sie es doch schon längst sind.
Diejenigen, die die 99 Prozent sind, die sich eigentlich empören
müssten. Bloße Worte halten sie davon ab, Worte, die Keulen sind.

So verwundert es nicht, dass auch genügend Keulenwörter für
unsere transidenten Freunde, oder besser Freundinnen,
bereitstehen. Manchmal hauen sie sich diese sogar gegenseitig
über die perückengeschützten Schädel. Vor allem aber werden sie
von der ach so guten Gesellschaft damit geschlagen, die mit
diesen stereotypen Keulen ihre Vorurteile pflegt.

Das allerschlimmste Schimpfwort zuerst, es ist die "Tunte". Das
besondere daran ist, dass dieses kleine Wort eine so große
Vielfalt von Assoziationen auslöst. Die Bedeutungen sind
allermeistens herabwürdigend und sogar beleidigend gemeint.
Tuntig zu sein ist etwas, was man niemals im Leben sein möchte.
Und das gilt auch für die, die die sogenannten "Normalen"
ebenfalls als Tunte bezeichnen. Es taugt auch als Schimpfwort bei
Transgendern unter sich. Dabei ist kurios, dass die Definition
für das Tuntige äußerst schwammig ist. Es liegt im Auge des
Betrachters und dessen derzeitiger Stimmung. Das macht wie gesagt
vor gestandenen Transgendern nicht halt.

Nicht mal vor den abgeklärtesten und tolerantesten Freundinnen.
Eines Tages war ein Fernsehauftritt von Marlene zu sehen.
Sie ist ein recht berühmter Transvestit und Autor eines schön zu
lesenden und anzuschauenden Buches. In der Zeit, als das Buch
erschien wurde auch ein wenig geklappert, weil das zum Handwerk
dazu gehört. Und so trat Marlene in einem Fernsehinterview auf.
Zuvor hatte man einen Beitrag gezeigt, in dem man sie in
beiderlei Gestalt bewundern konnte. Ein echter Transvestit eben
mit allem was dazugehört, als Frau ziemlich schön anzuschauen und
als Mann einer wie du und ich, manchmal unrasiert, also
stinknormal. Und nun saß Marlene in Männergestalt als Bernd im
Studio. Vorher war sie noch in Gestalt von Marlene unterwegs
gewesen, also super glatt rasiert und die Schminke war noch nicht
aus allen Poren verschwunden. Dazu trug Bernd einen
Rollkragenpullover. Und dieses Erscheinungsbild bezeichnete
unsere Freundin plötzlich als tuntig. Der Gott der Transgender weiß,
wie sie darauf gekommen ist, aber so ist es eben mit dem Urteil
über Äußerlichkeiten.

Tuntig meint vieles, ein affektiertes lautes Auftreten,
unnatürlich verstellte Stimme, Frauenkleider, von der männlichen
Tunte möglichst geschmacksfrei kombiniert und getragen, über
mäßige Schminke, seltsam übertrieben feminin wirken sollender
Gang und was weiß ich noch alles. Das beobachtet man durchaus bei
Menschen beiderlei Geschlechts. Nur Männern ist das nicht zu
verzeihen. Sie sind auf jeden Fall auch schwul, was sonst.
Fertig.

Dabei ist an letzterem auch etwas dran, woran die schwulen Tunten
selber schuld sind. Sie haben sich in Berlin -- wo sonst! --
nämlich einstens selber als Tunten bezeichnend. Ein paar schwulen
Transvestiten war es leid, sie wählten das Schimpfwort als
Bezeichnung für das, was sie sein wollten. Sie wollten schwul
sein und in Frauenkleidern herumlaufen. Für die "Superschwulen"
der gerade in großem Aufwind befindlichen Homosexuellenbewegung
eine eine absolute Unmöglichkeit. Man sah das Image der Schwulen
beschädigt. So war man doch nicht! Man war doch eher wie Max
Mustermann, dem Oberhaupt aller Kleinbürger, obwohl man sich in
der Öffentlichkeit eines kuriosen und völlig unreflektierten
Mixes von Versatzstücken aus feministischer und neomarxistischer
Rhetorik zugelegt hatte, in ihrer Albernheit nicht zu
übertreffen, fast schon tuntig. So wie die konnte man doch nie
von den anderen Kleinbürgern in ihre Eiapopeiawelt aufgenommen
werden. Das war ihre große Sehnsucht, die von den Tunten gestört
wurde. Die ließen sich das nicht gefallen und kämpften gegen ihre
eigenen Verbündeten. Sie drehten die Bedeutung, es wurde
versucht, ein Geusenwort daraus zu machen. Was das ist? Wir
werden es sehr bald erfahren, weiter unten werden wir auf diese
speziellen Worte näher zu sprechen kommen.

Und so ist Tunte immer noch ein Schimpfwort und wird es wohl auch
eine ganze Weile noch bleiben. Man braucht ja auch ein
Schimpfwort hin und wieder. Und ganz im Sinne der Negation kann
man es einsetzen, wenn der Kontext stimmt und verstanden wird.
Das gelingt nur Eingeweihten. Wenn Jenina vor dem Rechner sitzt
kommt ihre Frau manchmal vorbei. Da hat sie öfter auch einmal
unser Netzwerk auf dem Bildschirm. Ist ja auffällig genug. Und da
fragt doch unsere liebe Else ganz unschuldig und mit freundlichen
und ironischem Unterton: "Na, was gibts denn Neues bei deinen
Tunten, streiten sie sich wieder?" Dabei streiten sich die Mädels
im Forum doch niemals! Und so ist das Wort Tunte bei den Beiden
zu einem Signalwort geworden für das ganze Gegenteil, so wie sie
auch sagen, wenn es etwas besonders leckeres zu Essen gab, "das
war aber wieder ein Schweinefraß". Nachsicht liebe Leserin,
lieber Leser, das nennt man Humor. Sind sie Engländerin oder
Engländer wird ihren das Verstehen dieser seltsamen Menschen
etwas leichter fallen, anderenfalls: üben, üben, üben!

Und Nachsicht auch, wenn das schlimmste aller Schimpfworte für
Transgender fällt. Affekt oder Intoleranz, Dummheit oder Ironie,
wer weiß schon immer, wie der Kontext ist, wie die Stimmung ist,
in dem es ausgesprochen wird. Und oft am liebsten von Sprecher
schnell wieder verschluckt würde, wenn er könnte. Es ist nicht
alles Gewalt, was laut daherkommt. Begegnen wir Schimpfworten
einfach mit unserem Panzer aus Selbstvertrauen, dann prallt es ab
und fällt dahin, wo es hingehört, zu dem Kot auf der Straße.

wird fortgesetzt...
Disclaimer: Dies ist eine persönliche Meinung, sie ist möglicherweise inkompatibel mit Deinem Glauben/Lifestyle/Parteiprogramm!
Jenina
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 751
Registriert: Sa 26. Aug 2017, 10:45
Geschlecht: männlich
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Jena
Hat sich bedankt: 149 Mal
Danksagung erhalten: 130 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Die Erlebnisse der Jenina K. in einer anderen Welt

Post 22 im Thema

Beitrag von Jenina »

Fortsetzung von "Keulen und Retter"

Haben wir den Panzer noch nicht, dann verletzen wir uns sehr
leicht. Auch mit ganz harmlosen Keulen schon. Sie verletzten halt
einfach unser angeschlagenes Gefühlskostüm. Auch wenn es schon
aus weiblicher Kleidung besteht. Und verletzender noch, wenn es
von Menschen kommt, die genau dasselbe sind wie man selber. Wenn
ein Transgender einen anderen "Stubentranse" nennt, dann ist das
nicht freundlich gemeint. Es klingt wie Waschlappen, Feigling,
Angsthäsin. Die Stubentranse ist eine bestimmte Spezies der
Transgender. Meistens ein Transvestit, meistens verheiratet. In
seiner knapp bemessenen Zeit allein frönt er seiner Leidenschaft.
Der Befriedigung, die ihm diese Leiden schafft. Kein schönes
Gefühl, Angst vor Entdeckung bestimmt das Tun, bei dem die
Wirkung nicht einsetzen will. Denn die Zeit ist bemessen, der
Raum beschränkt. Niemand weiß davon, gar niemand außer einem
selbst. Einsamkeit. Schuldgefühl. Angst. Gefangenschaft.
Stubentranse. Man traut sich nicht heraus, nicht aus sich selber
und schon gar nicht aus den Mauern der Wohnung. Man ist Transe,
ja schon, aber eben nur in der Stube. Eigentlich ist doch gerade
das, was wir hier beschrieben haben, ein Bild des Schreckens, des
psychischen Terrors gegen sich selbst. Es müsste doch eher
Bedauern auslösen als Häme und Herabwürdigung. Muss man
überheblich werden, nur weil man einen kleinen Schritt noch nicht
gewagt hat? Ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein
großer für einen einzelnen Menschen, der Stubentranse ist.
Ermutigung ist hier gefragt anstatt Beschimpfung.

Und so wollen wir hier eine Lanze brechen für die Spezies der
Stubentransen. Es sind wertvolle Mitglieder unser Gemeinschaft
der Transgender. Sie üben noch, sind in den Startlöchern für den
großen Schritt. Stubentransen sind die selbstbewussten
Transvestiten von morgen, sie sind unsere Zukunft. Denn es sind
verdammt viele. Die im Dunklen sieht man nicht, wir wissen es aus
dem Lied der beiden großen Künstler, in dem sie den Verbrecher
besingen, der nur einer ist von vielen und nur ein kleines Licht
gegenüber den eigentlichen Verbrechern. Verbrecher sind Transen
nun mal gar nicht, ganz im Gegenteil. Und deshalb gehören sie
auch aus dem Dunklen heraus. Das Dunkle, das sogar die Ehre hat
eine eigene Ziffer zu besitzen. Diese Ziffer ist groß, größer als
Lieschen Müller und Max Mustermann sich vorstellen können. Noch
sind sie gefangen, doch sie werden befreit werden, werden sich
selber befreien. Und deshalb sind die Stubentransen eine Spezies,
die es zu schützen gilt. Packen wir die Keulen ein. Lassen wir
dem Wort allenfalls die Chance der Ironie. Vor allem, lasst es
uns nicht gegen uns selbst gebrauchen.

Einst hat Jenina ein Buch gelesen über Aufklärung, nein, nicht
über Rousseau oder Kant sondern über die sexuelle Aufklärung.
Mann und Frau intim also. Da kamen solche Sachen vor wie
Masochismus, Transvestismus und hast-du -nicht-gesehen. Und das
in einem Buch, das Jugendliche lesen sollten. Sodom und Gomorrha!
Und dann steht da noch, dass das zwar nicht dem
durchschnittlichen Verhalten, was wir normal nennen, entspricht,
aber das es ganz natürlich sein soll. Igitt, Igitt! Und da stand
ein Wort, dass Jeninas Leben gerettet hat: Devianz. Das bedeutet
Normabweichung, nicht mehr und nicht weniger. Jenina wusste ja,
dass irgendwas nicht richtig war mit ihr, dass sie eben nicht "
normal" war. Und nun muss sie erfahren,dass sie nicht etwa krank
war, nein, sie war deviant. Da gab es nichts zu behandeln und
wegzutherapieren. Freilich musste sie mit dem Wissen darum selber
zurecht kommen, aber so war es ihr eben leichter. Und das hat ein
gutes Buch getan und ein Autor, der fortschrittliche Wissenschaft
populär vermitteln konnte. Siegfried Schnabl heißt der große
Mann, Jenina verneigt sich in Dankbarkeit.

Ja, Jenina hatte Angst. Angst schwul zu sein, etwas sehr
schreckliches, es war die Verdammung. Und zehn Prozent der Männer
sollten ja schwul sein. Jenina schaute sich um unter ihren
Klassenkameraden und konnte ja rechnen. Sie war immer gut in
Mathe. Und da sie anders war und zehn Prozent - da konnte es doch
nur sein, dass ihre blöden Neigung nach den Mädchensachen,
Schmuck und Schminke ein Ausdruck war, dass es sie getroffen
hatte. Das Schicksal nämlich. Das Wort schwul war ihre Keule.
Damals gab es noch keine Oberbürgermeister, die in aller
Öffentlichkeit verkündeten, was sie sind und dass das gut so sei.
Die Rettung war das andere Wort: Devianz. Und die Tatsache
freilich, dass nur wenige Transvestiten, was sie ja offenbar war,
auch gleichzeitig schwul sein müssen. Damit konnte sie ihren Kopf
unter der Keule hervorziehen. Das Leben war wieder lebenswert. In
einem Alter, wo man alles viel zu wichtig nimmt, vor allen sich
selber. Und doch ist sie stolz darauf, es selber geschafft zu
haben, sich mit Hilfe eines einfachen, fremdartigen Wortes zu
befreien.

...

Wir hatten immer über die abwertende Bedeutung dieser Worte
gesprochen, die gerade diese Worte beinhalten. Das betrifft viele
andere Wörter im Bereich des mehr oder weniger sexuellen
Umfeldes. Devianzen sind eben eine Abweichung und Abweichung muss
verbal bekämpft werden, wenn man es schon mit den Fäusten nicht
darf. So denken offenbar einige Menschen, nicht immer nur solche,
denen es erheblich an grauer Masse im Köpfchen mangelt. Was macht
man am besten mit einem Schimpfwort? Man benutzt es!

Und zwar so, dass man dieses böse Wort ganz selbstverständlich,
selbstbewusst und stolz auf sich selber und sein Tun anwendet.
Man nennt so etwas "Geusenwörter". Die Bezeichnung geht auf
niederländische Freiheitskämpfer zurück. Sie kämpften im
sogenannten 80 jährigen Krieg 1568 bis 1648 für ihre Freiheit und
ihre Rechte. Herablassend wurden sie als "geuzen" bezeichnet,
abgeleitet vom französischen gneux für Bettler. Was als
Schimpfwort des Adels für die Hungerleider gedacht war, die es
sich erlaubten, gegen die gottgewollte Herrschaft des Adels zu
rebellieren, wurde zum stolzen Begriff für die mutigen Rebellen.


wird fortgesetzt...
Disclaimer: Dies ist eine persönliche Meinung, sie ist möglicherweise inkompatibel mit Deinem Glauben/Lifestyle/Parteiprogramm!
Michi
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 5917
Registriert: Mo 19. Dez 2016, 09:45
Pronomen: sie
Forum-Galerie: gallery/album/11
Hat sich bedankt: 665 Mal
Danksagung erhalten: 804 Mal
Kontaktdaten:

Re: Die Erlebnisse der Jenina K. in einer anderen Welt

Post 23 im Thema

Beitrag von Michi »

Schwule tun es, Huren und Nutten auch. Selbst Menschen mit SPG habe ich schon erlebt,
die sich fröhlich von Rollstuhl zu Rollstuhl mit "Hallo Spasti" begrüßten.


Und doch ist der Eigengebrauch des Wortes "Transe" gerade innerhalb der Gemeinde
in hohem Maße von Ablehnung gekennzeichnet. Nicht selten hatte ich den Eindruck,
dass es mehr Schrecken erzeugt, als wenn Fremde uns so bezeichnen.
Jahaaa ... denen sieht man es unter Umständen nach, die wissen es ja nicht besser,
sind nur noch nicht richtig aufgeklärt. Da läuft die Gemeide zur Bestform auf ...

Aber du, die du (also auch ich) das pöse pöse Wort in den Mund genommen hast,
wirst sogleich mit Schimpf und Schande, mit Verachtung belegt.
Die Beißreflexe sind so sicher wie das Ahmen in der Kirche.
Ach was sind wir doch für ein selbstgefälliger Haufen.
So lange wir uns nicht grundlegend ändern,
haben wir es wohl auch nicht besser verdient.

Ich sage: Nehmt den Worten den Schrecken. *)

Ich werde mich dennoch weiter stolz als Transe bezeichnen!
Und ich werde mich auch nicht verbiegen,
dies gelegentlich als Allgemeinbezeichnung zu gebrauchen.

Anderes ist eine Normalität nicht zu erreichen.


Kämpferisch
Michi

*) Euphemismus und Dysphemismus
Euphemismus-Tretmühle und Dysphemismus-Tretmühle
Wenn dir jemand auf den Fuß tritt, schreist du "Aua" und erwartest eine Entschuldigung.
Mir treten andere dauernd auf die Füße und erwarten, dass ich mich dafür entschuldige, dass es mir weh tut.
Joe95
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 3425
Registriert: Fr 22. Jan 2010, 14:27
Geschlecht: Frau
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Gummersbach - Niederseßmar
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 3 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Die Erlebnisse der Jenina K. in einer anderen Welt

Post 24 im Thema

Beitrag von Joe95 »

Stimmt dass das Wort "Transe" eher negativ belegt ist, trotzdem benutze ich es auch positiv für mich.
Die meisten anderen Begriffe werden von vielen, die weder etwas über Trans* wissen noch etwas drüber wissen wollen, eh mit "Transe" übersetzt.
Sei vorsichtig mit deinen Wünschen, sie könnten in Erfüllung gehen.
Natürlich ist das wahr, es steht doch im Internet!

Du hast ne Frage, brauchst Rat oder Hilfe?
Ohren verleih ich nicht, aber anschreiben darfst du mich jederzeit...
Tatjana_59
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 4269
Registriert: So 1. Jan 2012, 20:07
Geschlecht: Frau
Pronomen: Sie
Hat sich bedankt: 695 Mal
Danksagung erhalten: 477 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Die Erlebnisse der Jenina K. in einer anderen Welt

Post 25 im Thema

Beitrag von Tatjana_59 »

Ich kann das Wort Transe überhaupt nicht leiden.
Verwende es auch mich selbst betreffend nicht.
Wer schon mal auf unterster Schiene mit diesem Wort im Ursprung beleidigt wurde kann das vielleicht eher nachvollziehen.

LG Tatjana
Der Kopf denkt und gibt Rat.
Das Bauchgefühl gibt Rat.
Doch das Herz spricht, höre auf dein Herz!
Tatjana_59
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 4269
Registriert: So 1. Jan 2012, 20:07
Geschlecht: Frau
Pronomen: Sie
Hat sich bedankt: 695 Mal
Danksagung erhalten: 477 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Die Erlebnisse der Jenina K. in einer anderen Welt

Post 26 im Thema

Beitrag von Tatjana_59 »

Saari hat geschrieben: Mo 1. Jan 2018, 13:20 Ich schrieb in diesem Forum schon einmal, dass ich das Wort: "Transe" unangebracht bzw. beleidigend finde.
Leider fand ich damals keine Mitstreiter zur Vermeidung und Ächtung dieses abträglichen Wortes.
Ich habe gegenüber Michi vor etwas längerer Zeit auch schon mal erwähnt dass das Wort für mich absolut unangebracht ist.
Damals meinte sie mir gegenüber dazu.
Eigentlich dachte ich du bist da drüber schon lange weg und stehst da drüber, so oder so ähnlich war die Aussage damals von ihr.

Soll jede für sich selbst entscheiden, für mich gibt es keine Transe, Stubentranse oder ähnliches, auch mich betreffend nicht, niemals!

Gruß Tatjana
Der Kopf denkt und gibt Rat.
Das Bauchgefühl gibt Rat.
Doch das Herz spricht, höre auf dein Herz!
Jenina
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 751
Registriert: Sa 26. Aug 2017, 10:45
Geschlecht: männlich
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Jena
Hat sich bedankt: 149 Mal
Danksagung erhalten: 130 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Die Erlebnisse der Jenina K. in einer anderen Welt

Post 27 im Thema

Beitrag von Jenina »

Fortsetzung "Keulen und Retter"
In der Bewegung der Lesben und Schwulen raffte man sich auf.
Die Gemeinschaft gab Mut und das Selbstbewusstsein wuchs.
Und so traute man sich in die Öffentlichkeit, versteckte sich n
icht länger und trat vor das Volk, dass das nicht begreifen konnte,
wie man sich so etwas trauen konnte, wenn man doch so krank
und pervers war.
Und so fing man an, sich selber mit den Worten zu bezeichnen die dieses
Volk sich zur Beschimpfung gedacht hatte. Man trug für sich
selbst stolz die Bezeichnung wie eine Standarte vor sich her. Das
Wort war Retter geworden für die Unterdrückten. Die Bedeutung
wurde gedreht. Und so kam es, dass einer Oberbürgermeister werden
konnte und sein Anderssein nicht verstecken musste. Und dass er
sich vor alle Öffentlichkeit stellen konnte und sagen "Ich bin
schwul und das ist gut so!". Ein bisschen theatralisch war das
schon, auch das mit Absicht, schließlich ist man Politiker. Aber
wagt nun noch jemand, der sich nicht als völlig gestrig
abstempeln lassen will, das Wort "Schwuler" als Schimpfwort zu
gebrauchen? Die ewig gestrigen gibt natürlich immer noch und über
die bodenlose Dummheit einiger Fanatiker haben wir uns ja auch
schon ausgelassen.

...

Jenina hat lange gebraucht, ehe sie Frieden finden konnte mit
Worten. Das Wort Transvestit war auch für sie ein Schimpfwort,
noch bis zu ihrem Outing vor ihrer Frau. Angemeldet hat sie sich
im Netzwerk unter der Kategorie Crossdresser. Das erschien ihr
unverfänglicher, unbelasteter. Mit der Selbsterkenntnis, wie sie
ihre Transidentität leben wollte, kam dann langsam das
Selbstbewusstsein. Und so ist sie heute schon soweit, dass sie
regelrecht stolz von sich sagt, dass sie ein Transvestit ist. In
der Öffentlichkeit klappt das noch nicht. Aber vielleicht wird
sie ja durch dieses unwürdige Büchlein einmal sehr berühmt.
Womöglich wird sie durch die Medien gezerrt, wo sie sich doch
durch das Pseudonym ein wenig verstecken wollte. Was soll sie
dann tun? Es wird schwer werden. Doch wenn das unglaubliche
passieren sollte wird ihr nichts weiter übrigbleiben als es zu
tun. Sie wird es tun, sie will es tun. Fragt man sie, was sie
denn nun eigentlich darstellt, will sich hinstellen vor ihre
Frager und verkünden, allen die es hören wollen, und denen die es
nicht hören wollen erst recht; sie wird sagen "Ich bin
Transvestit und das ist gut so!"

Und so ist ein Traum von Jenina, dass alle diese Worte ihre
Funktions-Keule verlieren. Sie mögen die Schar der Geusenwörter
vervollständigen und schmücken. Es sind nur Worte.

Was lässt sich lernen aus bloßen Worten. Worte haben Macht, wenn
man etwas daraus macht. Das trifft immer und überall zu. Als
Keulen dienen den Unterdrückern, denen, die alles so lassen
wollen wie es ist, denn es ist ihre Macht über andere, die sie so
gut leben lässt. Egal, ob wir Transgender sind oder Proletarier
oder gar beides. Wir müssen ihnen die Keulen wegnehmen um sie
selbst zu gebrauchen. Wie die niederländischen Geuzen müssen wir
uns emanzipieren von allem, was uns einengt. Wie die Worte ist
alles Kultur und jede Kultur ist veränderbar. Die Gesellschaft
ist veränderbar. Wir müssen uns mit Wörtern wappnen, die unsere
Retter sind und die Keulen benutzen, die uns bis jetzt zugedacht
waren.

Ende
Disclaimer: Dies ist eine persönliche Meinung, sie ist möglicherweise inkompatibel mit Deinem Glauben/Lifestyle/Parteiprogramm!
Michi
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 5917
Registriert: Mo 19. Dez 2016, 09:45
Pronomen: sie
Forum-Galerie: gallery/album/11
Hat sich bedankt: 665 Mal
Danksagung erhalten: 804 Mal
Kontaktdaten:

Re: Die Erlebnisse der Jenina K. in einer anderen Welt

Post 28 im Thema

Beitrag von Michi »

Tatjana_59 hat geschrieben: Mo 1. Jan 2018, 12:19 Wer schon mal auf unterster Schiene mit diesem Wort im Ursprung beleidigt wurde kann das vielleicht eher nachvollziehen.
Hallo Tatjana,

ob du es mir nun glaubst oder nicht, ich kann das sehr gut nachvollziehen.

Dennoch ist es die Entscheidung jeder Einzelnen von uns, was sie aus dieser Erfahrung macht.

Jahrelang bin ich innerlich zusammengezuckt, wenn nur das Wort oder ein ähnliches irgendwo aufgetaucht ist. Ich habe ebenso wie Jenina die Bezeichnung "Transvestit" vehement abgelehnt und mich lange an die Bezeichung Crossdresser geklammert. Auch bei mir war das Buch von Siegfried Schnabl die hilfreichste Lektüre meiner Jugendzeit im Bezug auf meine Fragen über mein Anders-Sein. Aber mit verschiedenen dort dargestellten Aspekten des Transvestiten-Daseins, etwa dem triebhaften Stehlen der Unterwäsche von den Wäscheleinen der Nachbarinnen konnte ich mich überhaupt nicht identifizieren, und so entwickelte ich meine Ablehnung.

Ich werde dir nicht absprechen, die Bezeichnung für dich selbst abzulehnen.
Das habe ich dir bestimmt schon gesagt.
Es ist deine Freiheit, dein gutes Recht.
Du selbst bestimmt, in welche Richtung du dich entwickelst.

Man kann es gerne tun, aber es hilft nicht, zu ignorieren, wie Sprache nun mal funktioniert. Euphemismen und Dysphemismen und die damit verbundenen Tretmühlen-Effekte sind unabhängig von der eigenen Wahrnehmung Realität. Man kann sich davon entweder beherrschen lassen oder man nutzt die Gegebenheiten für sich. Man hat immer eine Wahl.

Sprechverbote und der erzwungene Nicht-Gebrauch bestimmter Worte, wie hier gern gefordert, bringen leider NULL(!) Verbesserung.

Bestes Beispiel dazu ist doch das Antidiskriminierungsgesetz. Es ist verboten, diskriminierende Ablehnungsgründe anzugeben. - Und was ist das Ergebnis? Diskriminierung wird nicht verhindert, sondern deren Sichtbarkeit. Doch gegen etwas, was nicht mehr sichtbar ist, kann man sich auch nicht mehr wehren.

Siehe dazu die Berichte von "Andrea aus Sachsen" zur Arbeitsplatzsuche.
Hätte man ihr schreiben dürfen, dass man sie wegen ihrer Transsexualität nicht will, hätte Andrea die Möglichkeit gehabt, gezielt nachzuhaken, und die Menschen zum Nachdenken zu bewegen. Aber so denken die Menschen nur darüber nach, wie sie derartige Angriffspunkte vermeiden, um keine Klage gegen das Unternehmen auf Basis des Antidiskriminierungsgesetzes zu riskieren.

Man muss konstatieren: Der Schuss ist nach hinten losgegangen.

Noch ein Beispiel aus der Lebenswirklichkeit:
Als gelernter DDR-Bürger wusste man, kritische, verbotene Sachverhalte so auszudrücken, dass man sich dabei im Rahmen des offiziellen Sprachgebrauchs bewegte. Musiker, Liedermacher, Kabarettisten waren große Meister darin, Gesellschaftskritik in Worte zu fassen die jeder verstand, und durch die sie dennoch nicht für die Stasi fassbar waren.

Und genau deshalb sollte man meiner Meinung nach das Vorgehen neu überdenken.

Ich werde nicht behaupten, dass ich bereits die ultimative Lösung habe.
Doch wenn wir nicht offen darüber reden, wird sich auch nichts verbesseren.
Dann werden wir uns auch noch in 20-30 Jahren vor unseren uralten Dämonen fürchten.


Liebe Grüße
Michi
Wenn dir jemand auf den Fuß tritt, schreist du "Aua" und erwartest eine Entschuldigung.
Mir treten andere dauernd auf die Füße und erwarten, dass ich mich dafür entschuldige, dass es mir weh tut.
Jenina
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 751
Registriert: Sa 26. Aug 2017, 10:45
Geschlecht: männlich
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Jena
Hat sich bedankt: 149 Mal
Danksagung erhalten: 130 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Die Erlebnisse der Jenina K. in einer anderen Welt

Post 29 im Thema

Beitrag von Jenina »

Mädels,

ja die böse "Transe". Das ist tatsächlich als Schimpfwort gedacht. Genau so wie "Schwuchtel". Man kann sich nun darüber aufregen dass es viele Menschen, besonders ganz junge, völlig unerfahrene, gibt die diese Worte im Mund führen und sie für ihre Machtkämpfe in ihren Cliquen gebrauchen.

Genau darum geht es bei der Verwendung solcher Worte: um Macht zu bekommen über andere. Und darum müssen wir diese Worte benutzen um sie für uns selber zurückzugewinnen. So wie oben beschrieben.

Nun weiss ich natürlich, dass es für viele Transsexuelle noch mal etwas ganz anderes ist. Das widerspricht dem Selbstverständnis ihrer Identität. Deshalb ist es natürlich dann besonders schwer wenn man nicht nur mit einem Schimpfwort bedacht wird sondern auch noch falsch eingeschätzt wird. "Transe" impliziert ja unterschwellig auch so etwas wie "Spassveranstaltung" in der Denkweise der meisten Menschen. Wir müssen aber bedenken, dass diese Menschen nichts von den Tatsachen und Varianten der sexuellen Identität wissen. Sie wissen also nichts über spezifische Gefühlswelten von Transsexuellen und Transvestiten.

Im Übrigen ist es auch für eine Transvestiten keine "Spassveranstaltung". Ich kenne nur welche, denen es bitterer Ernst ist so zu sein wie sie sind. Auch wenn es ihnen einen Heidenspass macht wenn sie unter Leute gehen. Aber der Hintergrund ist eben ein ernster. Leider gibt es auch TS denen das nicht bewusst ist...

Darum müssen wir offensiv damit umgehen wie man uns bezeichnet und dies für uns ausnutzen. Ich glaube ich habe die Geschichte schon mal erzählt, aber trotzdem noch mal:

Wir waren in größerer Gruppe in einer bedeutenden nordhessischen Stadt unterwegs und standen wartend irgendwie so unverbindlich mitten in der Fussgängerzone herum. Da wurden zwei junge Männer auf uns aufmerksam, keineswegs selber so ganz unauffällig: gefärbtes Haar und heftige Piercings. Man sah wie sie erst verstohen zu uns hinsahen und tuschelten. Da fasste sich der eine ein Herz und kam auf uns zu. Er fragte "Entschuldigung, sind Sie Transvestiten?". Da das auf die Mehrheit zutraf riefen wir fast im Chor "Ja!". Das machte den jungen Mann völlig verdutzt, aber er erholte sich schnell und bat uns um ein Selfie, was wir auch gerne mit uns geschehen ließen. Die beiden waren jedenfalls sichtlich beeindruckt und haben bestimmt etwas gelernt fürs Leben.

Und damit alle etwas lernen aus unserem Leben für ihres, nämlich tolerant zu sein und neugierig für neue Erkenntnisse und für mehr Empathie, müssen wir selbstbewusst auftreten und uns nicht von so blöden kleinen lächerlichen Wörtern klein kriegen lassen. Meinetwegen auch in gendergerechter Sprache...

Jenina
Disclaimer: Dies ist eine persönliche Meinung, sie ist möglicherweise inkompatibel mit Deinem Glauben/Lifestyle/Parteiprogramm!
Jenina
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 751
Registriert: Sa 26. Aug 2017, 10:45
Geschlecht: männlich
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Jena
Hat sich bedankt: 149 Mal
Danksagung erhalten: 130 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Die Erlebnisse der Jenina K. in einer anderen Welt

Post 30 im Thema

Beitrag von Jenina »

Mädels,

aus gegebenem Anlass mal wieder ein kleiner Ausschnitt aus meinem Buch. Dieses Mal will ich eingehen auf eine Replik einer lieben Foristin :
Hat dir schon einmal jemand gesagt, dass Sätze wie die da oben nicht nur dümmlich klingen ("Philosophie zum Selbstzweck ist wie Selbstbefriedigung"), sondern auch eine Zumutung für andere Menschen hier im Forum darstellen, die möglicherweise keine sozialistische Kaderschulung durchlaufen haben und deshalb eine diametral andere Auffassung vom Sinn und Zweck von Philosophie, Kunst und Wissenschaft vertreten?
Nun, dummerweise habe ich auch Arthur Schopenhauers Büchleien "Eristische Dialektik - Oder -Die Kunst Recht zu behalten" gelesen. Unsere liebe Foristin beginnt hier also gleich mal mit Regel Nummer 38 von 38, dem "argumentum ad personam". Auf Deutsch: sie wird gleich persönlich. Wo es doch zunächst um das "argumentum ad rem" oder "argumentum ad hominem" hätte gehen solle.

Ihr seht, ich kann auch ganz schön klugscheißerisch sein. Und sarkastisch dazu. Wer das nicht verstehen will sollte mal wieder meinen Disclaimer in der Signatur lesen...

Wie ich schon schrieb, ist das nicht der erste Angriff zu diesem Thema und deshalb habe ich eine kleine Parabel geschrieben zu Bildung und dem Willen dazu.

Die Wanderer am Berg

Eine Parabel

Es waren einmal eine Gruppe von Menschen, die hatten von einem schönen Land gehört, von weiten Landschaften, Sonne und einem leichten Leben. Dahin wollten sie aufbrechen.
Also wanderten sie los, durch weite Ebenen. Doch da kamen sie an einen steilen Berg. Dahinter sollte das verheißene Land liegen. Was nun ? Sie beratschlagten.
Da fassten sich die stärksten und mutigsten ein Herz und stiegen den steinigen und schwierigen Weg bergan. Sie mussten viele unbekannte Prüfungen bestehen und sich sehr anstrengen. Doch endlich waren sie auf dem Gipfel angelangt.
Da riefen die im Tal zurückgebliebenen "Wir wollen auch in das gelobte Land !" Da besannen sich die auf dem Berg nicht lange und warfen lange Seile ins Tal. "Kommt mit herauf, wir helfen euch !".
Und so machten sich die nächsten auf den Weg. Ihnen wurde tatkräftig geholfen, aber sie mussten immer noch selber genug tun. Bald waren auch sie oben und nun ging es immer leichter, denn es waren mehr Leute zum ziehen am Seil auf dem Berg.
Schließlich war nur noch eine kleine Gruppe übrig geblieben. "Kommt doch endlich herauf, wir helfen euch doch!". "Nein wir haben keine Lust. Es strengt zu sehr an. Kommt gefälligst herunter und grabt uns einen Tunnel unter dem Berg !"
Da beratschlagten sich die oben eine Weile und riefen dann " Das können wir nicht. Wir haben nicht das Werkzeug, kein Dynamit. Aber wir ziehen euch. Kommt doch endlich !". Doch von unten kam nur immer wieder ein lautes "Nein, wir wollen nicht!".
Schweren Herzens zogen die auf dem Berg weiter. Doch sie ließen die Seile zurück. Sie kamen bald in das schöne Land und es war noch schöner als sie sich je vorgestellt hatten. Nun hatten sie das Leben, dass sie sich immer gewünscht hatten. Die zuerst aufgestiegen waren, freuten sich, dass sie das große Wagnis eingegangen waren und dass sie den anderen helfen konnten. Die anderen freuten sich, dass sie Hilfe erhalten hatten und selber mithelfen konnten.
Und so zogen sie noch einmal zurück auf den Berg und errichteten einen hohen Turm, von dem man das wunderschöne Land überblicken konnte. Und daran schrieben sie in großen Buchstaben "Denk-mal".
Die aber auf der anderen Seite des Berges waren immer noch nicht weiter. Sie schrien "Du böser, blöder Berg. Du allein bist schuld, dass wir nicht in das gelobte Land kommen !" Und sie ergehen sich in Selbstmitleid und Schmerz. Und sehen doch nicht die hilfreichen Seile, die sie nur zu fassen brauchen.
Der Berg aber heißt der Berg des Wissens und wer ihn erklimmt, wird schönere und bessere Landschaften schauen und Freude erfahren mit anderen Menschen.


Jenina

P.S. Leider kann ich erst mal eine Woche nicht mit Euch streiten, Jenina fährt in Urlaub und hat nur das Tablet mit, mit dem ist es etwas mühsam...
Disclaimer: Dies ist eine persönliche Meinung, sie ist möglicherweise inkompatibel mit Deinem Glauben/Lifestyle/Parteiprogramm!
Antworten

Zurück zu „(Eigene) Berichte und Geschichten“