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Re: Wie erkläre ich es meinen Eltern?

Verfasst: Mi 12. Apr 2017, 04:31
von lilijana
Hallo Atalanta,

sehr analytische und rationale Betrachtungsweise die du zur Beantwortung deiner Fragestellung da heranziehst.

Wie würde dein Herz entscheiden?

Grüße
Lilijana

Re: Wie erkläre ich es meinen Eltern?

Verfasst: Mi 12. Apr 2017, 17:35
von Lina
@Atalanta
Wie gesagt, mein größter Stein bei der Transition ist die nicht absehbare Reaktion meiner Eltern.
Im besten Fall verspreche ich mir Unterstützung und Akzeptanz.
Schön wäre wenigstens, wenn sie es akzeptieren können, ggf. mit Einschränkung "Wir verstehen nicht, warum usw., aber du bist unser Kind."


Ich verstehe, was du meinst. Aber egal, was ihre Haltung dazu ist, wird es ja nichts an deinem Handeln ändern.
Es ist dann auch ihre eigene Offenheit, die dafür entscheidend ist, wieviel du sie daran Teil haben lässt.

Re: Wie erkläre ich es meinen Eltern?

Verfasst: Mi 12. Apr 2017, 20:10
von dooris
Hallo ihr Lieben,

ich komme vom Thema nicht weg.
Meine Mutter war die Erste die bemerkte, das ich Strumpfhosen meiner Schwester anzog, da war ich gerade 6 oder 7 Jahre alt.
Solange ich Zuhause wohnte, kam es öfter vor, das sie mich erwischte, oder Sachen bei mir im Zimmer fand. Irgendwann erlaubte sie mir Strumpfhosen zu tragen.
Da war ich vielleicht 11 oder 12 Jahre. Heute kommt sie zu uns zu Besuch, und ich trage nicht nur meine geliebten Strumpfhosen.
Vor meinem Vater kann ich mich nicht mehr outen, da er vor 5 Jahren gestorben ist, und meiner Mutter, was soll ich ihr erzählen.
Ich glaube in meinem Fall brauche ich mich nicht groß outen.
Sie lächelt höchstens noch, wenn ich zu ihr in eindeutigen Frauensachen zu Besuch bin. Aber sie freut sich, das ich zu Besuch komme, wie, ist ihr glaube ich sogar egal.
Mama weiss, das meine Kabel nicht richtig verlötet sind.

P.S.: Liebe Kerstin, wenn deine Eltern schon früher mitbekommen haben, das du lieber Frau wärst, ist es halb so schwer. Mama vergisst sowas nicht.

Liebe Grüße
Doris

Re: Wie erkläre ich es meinen Eltern?

Verfasst: Mi 19. Apr 2017, 10:56
von Michi
Hallo Atalanta,

nach dem ich schon mehrmals gedanklich Anlauf zu deiner Frage genommen hatte, scheint es jetzt zu klappen.
Ich habe mich vor fast genau meinen Eltern anvertraut, und dass, obwohl ich zuvor starke Bedenken und Ängste hatte.

Ehrlicherweise muss ich dazu sagen, dass ich gewissermaßen in einer Zwangslage war, und die Flucht nach vorn angetreten habe.
Ich war wegen Problemen mit Kreislauf und Blutdruck beim Hausarzt, und wurde von dort kurzerhand per Rettungswagen mit Verdacht auf einen Herzinfarkt ins Krankenhaus eingewiesen. Da brauchte ich natürlich Kleidung, Waschzeug und so, aber ich wollte nicht, dass meine Eltern beim Öffnen meiner Schränke überraschend Dinge sehen, die Fragen aufwerfen, auf die sie sich dann irgendwas schlimmes und wirres zusammen reimen. Also habe ich sie erst mal zu mir bestellt, mich mit ihnen raus auf eine Bank gesetzt, und ihnen in Ruhe erklärt, was Sache ist. Mein Vater, vor dessen Reaktion ich mehr Bammel hatte, hat ruhig zugehört und ganz toll reagiert. Meine Mutter war eher skeptisch, leicht distanziert, und hat sich dann meinem Vater angeschlossen, als der sagte, dass ich trotz allem immer ihr Kind bleibe.

In der Zwischenzeit haben wir zwar nicht wieder darüber gesprochen, und ich weiß auch nicht, ob und was sich meine Mutter in einen Schränken so alles angeschaut hat. Aber wir haben seit dem ein viel entspannteres Verhältnis. Davor war es immer irgendwie schwierig, denn obwohl ich meine Eltern sehr liebe, stand eben etwas zwischen uns, und ich war ständig damit beschäftigt, es zu verbergen, mich bloß nicht irgendwie zu verraten. Viele von uns wissen ja, wie anstrengend das auf Dauer ist.

Ich hoffe, ich konnte dir oder auch anderen mit meiner persönlichen Erfahrung irgendwie weiterhelfen.


Liebe Grüße
Michi

Re: Wie erkläre ich es meinen Eltern?

Verfasst: Mi 19. Apr 2017, 11:49
von Tatjana_59
Atalanta hat geschrieben: Mi 19. Apr 2017, 08:05

Es wäre keine Frage, wenn ich homosexuell wäre, da sie das akzeptieren gelernt haben.


LG
Atalanta
Bist du dir dessen sicher?
Ich kenne einige Leute für die Homosexualität kein Problem ist, bzw. war. So lang bis sie plötzlich persönlich im Bekanntenkreis oder Verwandtenkreis selbst betroffen waren.
Für meinen Bruder war vor ein paar Jahren TS etwas ganz normales, er ist Psychotherapeut, O Gott, plötzlich war alles anders, der eigene Bruder, (Schwester) betroffen.die eigene Familie.... Todsünde....
Gott sei Dank ist mittlerweile alles OK.

Gruß Tatjana

Re: Wie erkläre ich es meinen Eltern?

Verfasst: Mi 19. Apr 2017, 12:36
von Michi
Hallo Tatjana,

da sprichst du einen wichtigen Punkt an. Wenn es in der "eigenen Sippe" passiert, dann zeigt sich,
wie weit die Menschen tatsächlich sind, der große Unterschied zwischen Toleranz (bloßer Duldung) und Akzeptanz (wirklicher Annahme).

Man kann einen fremden, räudigen Hund dulden, aber nicht Menschen, mit denen man sich auf Augenhöhe bewegt.
Diese muss(!) man annehmen. Nur Akzeptanz kann dauerhaft funktionieren.

Dazu habe ich auch ein sehr passendes Zitat - vielleicht für manche überrraschend - von Johann Wolfgang von Goethe:

"Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: sie muß zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen."

Re: Wie erkläre ich es meinen Eltern?

Verfasst: Mi 19. Apr 2017, 13:16
von ab08
Hallo meine Lieben,

zu obigem Aspekt:
Im Dezember heiratete ja meine Jüngste -> Schwiegersohn und Schwiegereltern hatten / haben keine Probleme damit.
Bei meiner jüngsten Tochter ( "Was denkt die Umgebung?") ist das nach wie vor leider anders...
Es hängt halt immer auch von der betreffenden Person und ihrer persönlichen Einstellung zum Leben ab... :oops:

Liebe Grüße
Andrea )))(:

Re: Wie erkläre ich es meinen Eltern?

Verfasst: Fr 21. Apr 2017, 10:24
von Anja
Moinsen Atalanta,
Atalanta hat geschrieben: Fr 21. Apr 2017, 09:44 Nun leben meine Alten eine Tagesreise (egal mit welchem Verkehrsmittel) entfernt, von mir aus gesehen in einem anderen Land. Ich kann nur selten da sein, wir haben aber ständig Telefonkontakt.
Mir ging es ähnlich wie dir. Auch meine Eltern wohnen in größerer Entfernung, zwar keine ganze Tagesreise, aber mehrere Stunden Fahrt immerhin.
Ich habe mich bewußt übers Telefon (mit Abstand!) geoutet.
Ich habe meine Mutter angerufen, da ja Frauen i.d.R. so eine Information besser aufnehmen als Männer. Ich habe bewußt einen Zeitpunkt gewählt, von dem ich wußte, das mein Vater nicht anwesend sein würde.
Dann habe ich fast eine Stunde mit ihr telefoniert. Und sie zum Schluss gebeten, mit meinem Vater darüber zu sprechen (da sie ihn nun mal am Besten kennt).
Genauso verfuhr ich mit meinen Schwiegereltern. Bei mir hat es gut funktioniert.
Das einzige Problem, ich vergaß darauf hinzuweisen, das sich sonst nichts ändert. Für meinen Vater brach eine Welt zusammen, weil er davon ausging, das ich mich nun scheiden lassen müsste und die Familie wegen mir zerbricht.
Das hätte ich gleich klarstellen sollen, das alles andere davon nicht betroffen ist, dann hätte er sich erstmal weniger Sorgen gemacht. Er hat bestimmt 1-2 Monate gebraucht um mit dem Gedanken überhaupt klarzukommen und sich das erste Foto anzuschauen. Und ich war froh, das ich beim Outing nicht anwesend war, dann hätte es sicher "geknallt"...

Grüße
die Anja

Re: Wie erkläre ich es meinen Eltern?

Verfasst: Fr 21. Apr 2017, 10:43
von Tatjana_59
Atalanta hat geschrieben: Fr 21. Apr 2017, 10:08
Für meinen Bruder war vor ein paar Jahren TS etwas ganz normales, er ist Psychotherapeut, O Gott, plötzlich war alles anders, der eigene Bruder, (Schwester) betroffen.die eigene Familie.... Todsünde....
Gott sei Dank ist mittlerweile alles OK.
Gut, dazu meinen Glückwunsch!
Und Psychotherapeuten sind halt auch Menschen. :) Ich habe allerdings seit langem keine Illusion darüber, dass die Psychotherapieausbildung wie auch die Ausbildung der Mediziner in LGBT-Fragen durchweg schlecht ist. Eigentlich sollte man auf deren Seite ja von Anfang an Verständnis erwarten, aber dem ist wohl nicht so. Und dass sich bei Praktikern die damit verbundenen und nötigen wissenschaftlichen Erkenntnisse verbreiten, geschieht offenbar schleppend mit Jahren (oder Jahrzehnten!) Verzögerung.
Genau diese Aussage machte mein Bruder auch, während seinem Studium wurde das Thema gerade mal gestriffen.
Allerdings schult sich mein Bruder seit meinem Outing speziell in diesem Bereich, bisher hat er betroffene weitergeleitet zu anderen Therapeuten.

Gruß Tatjana

Re: Wie erkläre ich es meinen Eltern?

Verfasst: Fr 21. Apr 2017, 10:59
von Anja
Hallo Tatjana,

finde ich ja cool von deinem Bruder, das er das Thema nun nicht mehr stiefmütterlich behandelt, sondern im Gegenteil, sich dem ganzen interessiert und offen zeigt.
Da hast du ja richtig was bewegt (smili)

Grüße
die Anja

Re: Wie erkläre ich es meinen Eltern?

Verfasst: Fr 21. Apr 2017, 12:17
von Michi
Hallo Atalanta,
Atalanta hat geschrieben: Fr 21. Apr 2017, 09:44 Sicher, so eine Situation wie Du sie er- (und glücklicherweise über)lebt hast, wäre eine Art positive "Brechstange". :)
Klar war das eine Gelegenheit, bei der ich auch ein gewisses "Druckmittel" hatte. Jeder Mensch mit ein wenig Vernunft reagiert in so einer Situation, gegen über einem Kranken weniger impusiv, und hört mehr zu.

Ich muss noch ergänzen, dass ich mich in den Wochen und Monaten davor schon ernsthaft damit getragen habe, meine Eltern einzuweihen. Ich wusste nur noch nicht wie. Im Moment bin ich gedanklich daran, mit meiner Schwester zu sprechen, hatte gestern auch schon Anlauf dazu genommen. Allerdings war noch eines ihrer Kinder in der Wohnung und konnte jeder Zeit dazu kommen, was ich in dem Moment nicht gebrauchen konnte, und das Wetter war nicht so, dass man mal 1-2 Stunden draußen rumlaufen konnte.
Atalanta hat geschrieben: Fr 21. Apr 2017, 09:44 Nun leben meine Alten eine Tagesreise (egal mit welchem Verkehrsmittel) entfernt, von mir aus gesehen in einem anderen Land. Ich kann nur selten da sein, wir haben aber ständig Telefonkontakt. Und eine wichtige Sache über's Telefon zu berichten oder rein schriftlich per altmodischem Brief oder E-mail - nein, ich muss Menschen sehen können, um die Reaktionen evtl. abfangen zu können!
Ich schreibe zwar auch gern und viel, aber in diesem Falle bevorzuge ich eindeutig den persönlichen Kontakt, und das, obwohl es mir nicht so leicht fällt, spontan zu reagieren. Aber ich denke dennoch wie du, dass ich so viel besser auf die Reaktionen eingehen kann. Ich kann die Information Stück für Stück geben, und mein Gegenüber beobachten. Bei einem Brief kann man dagegen kreuz und quer lesen.
Atalanta hat geschrieben: Fr 21. Apr 2017, 09:44 Als ich schwer erkrankte (Krebs), aber mit nur wenigen äußeren Problemen, wäre das eine solche Situation gewesen. Ich war aber da mental nur auf das Überleben ausgerichtet und dass die beiden nicht an ihrer Sorge wegen mir leiden mussten. Ich habe sie bald nach Diagnose besuchen können und auch während der Chemo. Auch wenn alles gut ging, war während dieser Zeit und noch länger danach, meine ganze Transeigenschaft weitgehend untergetaucht, also der innere Druck war sehr gering und in der ersten Zeit habe ich gar nicht daran gedacht. Mir war aber immer klar, dass es nur eine Zeitfrage war, bis es zurückkehrt.
Auch das kann ich gut nachvollziehen. Es ging/geht mir genau so, dass ich in bestimmten Situationen keinen einzigen Moment an meine weibliche Seite gedacht habe.
Atalanta hat geschrieben: Fr 21. Apr 2017, 09:44 Im Rückblick habe ich da wohl einen guten Zeitpunkt versäumt.
Also, verpasste Chance und einen Notfall markieren kann man ja nicht (wäre auch unehrlich).
Was meinst du, wie viele Chancen ich in meinem Leben diesbezüglich verpasst habe. Also gräme dich nicht deswegen. (ki)


Liebe Grüße
Michi