Hallo Anne-Mette, Guten Abend zusammen,
Marielle: Nochmal zurück zu meiner Sicht der Dinge: Könnte es vielleicht sein, dass sich 'dort draussen' etwas verändert hat?
Anne-Mette: könntest Du das noch etwas herausarbeiten und verdeutlichen?
Ich will's versuchen. Hoffentlich gelingt es.
Die Anliegen von Minderheiten gegenüber der sie umgebenden Gesamtgesellschaft, dazu gehört auch der Kampf um Rechte, die der Minderheit moralisch und/oder rechtlich schon zustehen, werden i.d.R. nach einem bestimmten Muster verhandelt, wenn sie nicht von der Mehrheit endgültig niedergeknüppelt oder einfach absorbiert werden.
Es funktioniert so ähnlich, wie es auch bei der am Ende gelungenen Lösung der Toilettenfrage* zum CSD in Lübeck abgelaufen ist (du weisst was ich meine?). Erstmal brauchte es einen gewissen Alarm, ohne den sich niemand des Problems angenommen hätte. Diesen Alarm haben die Leute mit dem Krawall auf dem CSD in Hamburg gemacht. Dann brauchte es Penetranz, damit das Problem tief genug in's Verständnis der zuständigen Leute einsickert. Die hatten zwar den Alarm gehört, das Problem aber noch nicht gänzlich verstanden. Das wurde auf dem Treffen im Flensburger Rathaus erledigt; von uns und von A. aus K. Und am Schluss brauchte es das Ringen um eine gute und praktikable Lösung, mit der alle leben konnten. Die haben die Leute aus Lübeck erdacht und erfolgreich umgesetzt.
So lief das auch mit der Atomkraft (wobei die ursprünglichen Minderheits-Anliegen schon vor dem Ende weitgehend absorbiert wurden) und auch mit den Anliegen der Feminist_innen, die allerdings noch nicht zu Ende verhandelt sind.
Wenn man das mal strukturell auf unsere Anliegen an die Gesamtgesellschaft überträgt, könnte es doch sein, dass wir zur Zeit im Übergang von der 'Penetranz' zum 'Ringen um Lösungen' sind, d.h. das die Gesellschaft zumindest schon gehört hat, dass es uns gibt und auch schon versteht, dass wir was wollen.
Die Stufe 'Alarm-Machen' haben andere Menschen vor uns schon erledigt. Von Stonewall, über LGBT-Demos und vielem mehr, bis zu Klagen vor dem BVerfGericht wurde deutlich gemacht, dass es uns gibt und das wir etwas wollen.
Die 'Penetranz-Phase' wurde (vielleicht) auch schon weitgehend abgearbeitet. Daran haben sehr viele Leute mitgearbeitet. Sicherlich hat auch Frau S., mit ihrer eingebauten, unermüdlichen Kommentarfunktion, einen erheblichen Anteil daran, dass die Leute 'draussen' jetzt ansatzweise ahnen, was wir wollen (sie war halt sehr einseitig und es ist zu befürchten, dass sie es mit der Penetranz etwas übertrieben hat, aber sie hat ihren unbestreitbaren Anteil geleistet).
Ich weiss nicht, ob diese Phase schon gänzlich zu Ende ist, aber sie ist (möglicherweise) schon so weit fortgeschritten, dass sich die öffentliche Meinung mit uns und unserem Anliegen beschäftigt. Sonst würden Welzer und Werner die besagten Texte gar nicht geschrieben haben, sonst kämen NG und WiWo nichtmal auf die Idee, dafür Druckerschwärze zu kaufen. Ich meine: Darauf sollten wir auch anstossen, anstatt nur Anstoss daran zu nehmen.
Wenn das Geschriebene bis hierher so in etwa stimmt, wären wir jetzt im Anfangsstadium der Phase 'Ringen um Lösungen'. Das ist der Verdacht, der mich beschlichen hat, was sich 'draussen' geändert haben könnte. Die wissen schon, dass wir da sind, sie wissen auch, dass wir etwas wollen. Aber sie wissen noch nicht so ganz genau. was das ist und wieviel davon sie uns geben wollen oder müssen. Das muss noch ausgehandelt werden und es wäre dann unser Job; für mindestens die nächsten hundert Jahre
Man müsste (könnte) dann Texte, wie die von Werner und Welzer, als Beiträge zu dieser Aushandlung verstehen und entsprechend diskursfähig darauf reagieren. Der Welzer (als Beispiel) ist ja nicht doof und schon gar kein rechter Ideologe. Er ist auch sehr wahrscheinlich kein trans-Hasser (ich hab ein einiges von ihm gehört und gelesen). Er ist Soziologe und denkt daher über die Gesellschaft nach; über die Gesellschaft, in der wir leben, deren (grade erst entdeckter**) Teil wir sind, von der wir was wollen und in die wir uns einpassen wollen und müssen.
Das heisst natürlich nicht, dass man sich mit jedem Ausfluss jedes Schwätzers inhaltlich auseinandersetzen muss. Mit z.B. Biggi 'Gaga' Kelle hat Diskussion meiner Meinung nach keinen Wert (überdies ist sie nicht die Stimme der Mehrheitsgesellschaft). Aber ich glaube, dass wir Leute wie Welzer (Werner kann ich einfach nicht beurteilen) nicht verprellen dürfen, sondern sie auf unsere Seite bringen müssen, indem wir mit ihnen reden.
Nachdem ich jetzt den ganzen Text geschrieben habe, denke ich, dass man es vielleicht ganz kurz beschreiben kann, was sich 'draussen' verändert haben könnte: Es könnte sein, das der 'Kampf' (endgültig oder vorläufig) zu Ende ist und jetzt die mühsame Arbeit gemacht werden muss, ohne die keine Revolution und auch keine Idee auf Dauer bei den Menschen ankommt.
Habt es gut
Marielle
PS @ Jaqueline: Da bin ich im Grunde deiner Meinung. Ich sehe allerdings beide Texte noch klar oberhalb des Stammtischniveaus (was allerdings auch eine Frage dessen sein kann, wieviel unterirdischen Schwachsinn man ansonsten schon gelesen hat) und, das ist der mir eigentlich wichtige Punkt, ich möchte zunächst unterstellen, dass es beiden Autoren schlicht an Kenntnissen über die speziellen Sachverhalte fehlt. Das ist kein nettes Urteil über Menschen, die für angesehene Zeitungen bzw. Magazine schreiben, aber es führt im Ergebnis der Bewertung zur einer anderen Reaktion, als es bei absichtlicher, vorsätzlicher Formulierung der gleichen Texte der Fall wäre.
*) Bitte, bitte: Nicht wieder auf die Klofrage versteifen. Die Sache dient hier nur als Beispiel!
**) Wenn im Beitrag Wörter wie 'Jetzt', 'Anfang', 'Ende' oder ähnliches stehen, dann sind damit Zustände oder Vorgänge bezeichnet, die, weil es geselschaftliche Entwicklungen sind, Jahre, Jahrzehnte oder Jahrhunderte dauern.