Guten Tag zusammen, Hallo Anke,
ich kriege es nur unter einer Voraussetzung richtig zusammen wenn du, Anke, schreibst, dass Selbstbestimmung und die Kenntnis der Ursache von Geschlecht nichts miteinander zu tun haben. Sie können m.E. nur dann nichts miteinander zu tun haben, wenn die Ergebnisse der Ursachenforschung keine universelle Bedeutung haben, die auf das einzelne Individuum wirkt. Weil: Ist es nicht so, dass eine explizit festgestellte und diagnostizierbare Ursache (worin immer sie bestehen würde)innerhalb des derzeitigen Gefüges aus Mann, Frau und Passt_nicht das faktische Ende der Selbstbestimmung wäre?
Das soll nicht heissen, dass ich gegen Forschung und Erkenntnisgewinn bin, ganz im Gegenteil. Aber es sind bisher immer diejenigen, die behaupten die Ursache bzw. die Zusammenhänge zu kennen, zugleich auch diejenigen, die anderen die Richtigkeit ihrer Selbstbestimmung absprechen. Und zumindest bis heute ist es so, dass oft nach Ursachen für eine angenommene Unterschiedlichkeit gesucht wird, aber viel seltener gefragt wird, ob es vielleicht gar keinen erheblichen Unterschied gibt.
Es wird wahrscheinlich wieder "zu lang" und "zäh wie Kaugummi", aber ich möchte mich dazu an einer anderen Aussage abarbeiten. Es scheint mir wichtig zu sein (zumindest für mich

). Martina schrieb:
Was ist es denn, wenn jemand behauptet, Frauen und Transfrauen hätten da was im Gehirn, was sie weiblich macht?
Stimmt, das ist biologistisch. Diese These/Behauptung wird u.a. von einigen Menschen aus der Community und auch von radikalen Feministinnen und erzkonservativen 'Bewahrern' aufgestellt. Auch dahinter steckt natürlich die Frage, was 'ES' ist, was uns dazu bringt, anders als die anderen zu sein; irgendeinen Grund dafür könnte es ja geben. Und, Nicole hat es schon gesagt, es wäre die biologisch zementierte Berechtigung zum Brechen der Regeln, die wir brauchen, weil die Regeln noch zu oft gegen uns eingesetzt werden.
Biologistisch ist es, weil darin der Schluss gezogen wird, es sei auf der fundamentalsten biologischen Ebene jedes einzelnen Menschen unabänderlich und unbestreitbar festgeschrieben, ob man Mann
oder Frau ist. In der Regel wird dabei nämlich ein binäres System zugrundegelegt, das keine regulären Abweichungen beinhaltet, und es wird angenommen, dass es mit irgendwelchen (ggfs. auch heute noch nicht bekannten) Methoden möglich ist, diese Festlegung zu messen bzw. zu diagnostizieren.
Interessant ist, dass diese These in zwei Varianten vertreten wird. Von manchen (aus der community) wird die biologische (genetische, epi-genetische, im Gehirn verankerte, oder, oder, ....) Geschlechtsfestlegung als unabhängig von äußeren und inneren körperlichen Gegebenheiten dargestellt, während andere (Radikarlas und 'Bewahrer') die Festlegung streng an äußere und innere (organische, physische) Körpermerkmale koppeln. Die sagen, dass man keine große Diagnostik braucht, sondern einfach im Höschen nachsehen kann; ein Biologismus für den Hausgebrauch.
So wird aus einer 'Ursachenkenntnis' en passent eine Möglichkeit zur universellen Fremdbestimmung.
Ganz anders sieht die Sache aus, wenn man den körperlichen Gegebenheiten (und zwar allen, auch denen im Kopf) keine Bedeutung gibt, sondern sagt, dass alle Menschen durch die Summe ihrer individuellen Eigenschaften, einschliesslich der äußeren Einflüsse darauf, bestimmt sind und 'Geschlecht' eine sozio-kulturelle Erfindung ist (der Butler-Standpunkt). Dann sind 'wir' im Grunde gar nicht anders als die anderen, weil es 'die anderen' gar nicht bzw. nur als statistische Ansammlung von Menschen mit ähnlichen Eigenschaften gibt.
Es ist dann zwar immernoch der Fortpflanzungsfunktion eines Menschen geschuldet, wenn ihm
"regelmäßig Blut zwischen den Beinen rausläuft", dieser Mensch wird dadurch aber nicht weitergehend (als Frau) bestimmt. Diese Annahme ist die äußerste Position der Gegenthesen, die auf sämtliche biologischen Bezüge verzichtet.
Man muss diese Thesenrichtung m.E. vor dem Hintergrund sehen, dass JEDE Bestimmung als 'Frau', in allerlei Zusammenhängen und von allerlei Menschen sofort 'weitergedacht' wird. Der einfache Satz "Heute hat eine Frau ihren Wagen vor meinem Haus geparkt." setzt diese Person einer Zuweisung aus. Man hat eine Vorstellung (Vorstellung -> Erwartung -> Zuweisung) davon, wie die Person ist. Man erwartet z.B., dass sie keinen Bart, aber Brüste hat. Diese Erwartung ist eine Zuweisung bzw. Fremdbestimmung, die nur deswegen möglich ist, weil es den Kategoriebegriff 'Frau' gibt und die allermeisten Menschen meinen zu wissen, was er bedeutet.
Der Satz "Heute hat ein Hund vor meinem Haus gebellt." beschreibt zwar etwas ganz ähnliches und auch zum Begriff Hund meinen die allermeisten Menschen zu wissen, was er bedeutet. Der wesentliche Unterschied ist aber, dass wir bisher davon ausgehen, dass es den Hund nicht stört, als Hund fremdbestimmt zu werden, wir andererseits aber ganz genau wissen, dass es Menschen gibt, die durch die fremdbestimmende Zuweisung 'Frau' verletzt werden oder sich zumindest falsch beschrieben fühlen; manche bis zur Angleichung, manche ihr Leben lang.
Es ist das eine große Dilemma* der ganzen Diskussion (nicht nur dieser hier), dass wir mit Begriffen (Mann, Frau, Geschlechtsempfinden) hantieren, die unbestimmt geworden sind (oder es schon immer waren, was nur niemand bemerkt hat) und daher jeweils sehr unterschiedlich verstanden und verwendet werden. Aus meiner persönlichen Sicht ist dieses Dilemma aber auch die Anleitung zur Lösung: Solange es kein Verständnis dieser Begriffe gibt, das niemanden verletzt oder beschädigt, solange dürfen sie keine universelle gesellschaftliche Bedeutung haben, sondern nur der Selbstbestimmung dienen.
Das eigene (Geschlechts-)Empfinden könnte man dann ganz entspannt an allem festmachen, was man für sich selbst als gut und richtig empfindet; Rock oder Hose tragen, Pumps oder Wanderstiefel, Haare im Gesicht, rasierte Beine oder beides, dicke Muskeln an den Armen oder runde Hüfte, Brüste oder Penis, Shoppen oder Fussball gucken, Emphatie zeigen oder lospoltern, sich Mann oder Frau oder anders nennen, sich männlich, weiblich oder anders fühlen. Die Bestimmung des eigenen Geschlechtsempfindens, des eigenen Mensch-Seins, wäre dann der Prozess den Gabi beschrieben hat.
Das Problem dabei ist heutzutage leider (noch), dass alles was man tut wieder zu geschlechtsbezogenen Zuweisungen führt, die das eigene Empfinden verletzen können oder mit denen von anderen versucht wird, sich über die Selbstbestimmung eines Menschen hinwegzusetzen. Ich bin daher der festen Überzeugung, dass man nicht versuchen sollte, Geschlecht und Geschlechtsempfinden als etwas greifbares, universelles zu beschreiben und nach Unterschieden zu fahnden, sondern es als die Summe der individuellen (auch seiner eigenen) Eigenschaften zu sehen.
Ich finde jeder Mensch hat ein Recht darauf, dass es ihm gut geht. Mehr Berechtigung braucht es meiner Meinung nach nicht.
Absolut richtig! Dieses Recht wird aber leider noch nicht allen zugestanden. Wenn wir das geschafft haben, können alle Menschen ganz entspannt dabei zusehen, wie Forscher_innen sich damit abmühen irgendwelche Ursachen für Geschlechtsempfinden zu finden. Weil: Was immer sie an psychologischen oder epi-genetischen Penissen und Gebärmüttern finden keine Bedeutung mehr hat.
Zu lang, ich weiss. Habt es trotzdem gut
Marielle
*) Das andere große Dilemma ist, dass es zwei sich widersprechende Thesen oder Wünsche/Forderungen gibt. Die einen wollen, das die bestehenden Zuweisungen und Erwartungen an Äußerlichkeiten erhalten bleiben, weil sie eine soziale Bestätigung der eigenen Person bedeuten (können). Die anderen wollen, das die üblichen Zuweisungen und Erwartungen verschwinden, weil sie ihnen die soziale Bestätigung verweigern.
Damit werden wir uns auch beschäftigen müssen.