Therapienotstand - aber Zwangsgutachterei...
Therapienotstand - aber Zwangsgutachterei... - # 2

Informationen, Termine und Artikel zu Transsexualität und Transidentität
Forum-Diskussionen transsexueller Menschen; Peerberatung
nicole.f
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 788
Registriert: Fr 3. Dez 2010, 11:04
Geschlecht: trans* Frau
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Siegen
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 0
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Therapienotstand „ aber Zwangsgutachterei...

Post 16 im Thema

Beitrag von nicole.f »

...also mal ehrlich, von welchem Missbrauch reden wir hier eigentlich?

Wird ein cis Mann sich ernsthaft freiwillig den Bart per Nadel entfernen lassen wollen? Eine Neo-Vagina haben wollen? Brust-Implantate? Feminisierende Gesichts-OPs? Gegengeschlechtliche Hormone nehmen? Gleiches für cis Frauen, Brüste amputieren? Die Eierstöcke entfernen? Die Gebärmutter entfernen? Eine Phallo-Plastik? Testosteron nehmen?

Also bitte, nein, das wird praktisch niemand freiwillig auf sich nehmen. Ich weiß wirklich nicht, welches seltsame Bild von Menschen dem zugrunde liegt. Ja, ich kann auch nicht 100% ausschließen, dass nicht doch solche verwirrten Typen da draußen herumspringen, die soetwas mit Vehemenz machen würden. ABER genau solche wird man mit einer psychologischen Begutachtung und auch allen anderen Siebmaßnahmen nicht ausfiltern oder ausbremsen, denn sie wissen ganz genau, welche Knöpfe sie drücken müssen (was sie sagen müssten), um ihr Ziel zu erreichen. Leider, muss man sagen, denn all zu oft sind es dann auch solche und ähnliche Personen, die dann kurz nach dem Abschluss ihres Weges doch noch von der Brücke oder vor den Zug springen. Das Problem ist immer wieder das gleiche, wir haben keinen schlagenden Beweis, weder für das Vorhandensein, noch für das Nichtvorhandensein. Niemand kann "es" beweisen.

Also wen oder was versuchen wir zu beschützen? Auf welchen Annahmen beruht dies? Und vor allem, welche Belege gibt es für eine solche Missbrauchsgefahr überhaupt?

Hinzu kommt, dass wir eine ähnliche Gefahr auch bei cis Menschen konstruieren könnten. Auch cis Frauen könnten eine Brustvergößerung wollen, schon alleine wegen der Gleichbehandlung, trans Frauen sollen sie bekommen und cis Frauen nicht? Dann schaut man mal nach und stellt fest, ja, auch cis Frauen können unter bestimmten Umständen auch heute bereits eine Brustvergrößerung beantragen und bekommen. Die Kriterien sind praktisch die gleichen, wie für trans Frauen - nur müssen sie dafür nicht zum Psychologen und schon gar nicht ein Jahr eine Begleitung machen. Gleiches gilt für Epilation etc.

Die _verpflichtende_ therapeutische Begleitung abzuschaffen bedeutet nicht, jegliche Vernunft fahren zu lassen. Natürlich bleibt immernoch zu entscheiden, ob es für eine bestimmte Person angezeigt ist, diese oder jene Maßnahme durchzuführen.

Und abschließend noch, ich bin völlig dafür, dass eine therapeutische Begleitung nach wie vor für alle möglich bleiben soll! Aber bitte eben nur für die, die es auch wollen. Wenn wir die wenigen Trans* Therapie Plätze mit denen vollstopfen, die nur ihre Zeit absitzen, dann ist klar, dass wir aktuell viel zu wenige Therapeuten dafür haben.

Liebe Grüße
nicole
Zuletzt geändert von nicole.f am Mo 26. Okt 2015, 20:40, insgesamt 1-mal geändert.
Ich bin trans* - und das ist gut so!
Homepage: http://www.dpin.de/nf
Blog: http://www.dpin.de/nf/category/trans/
Marielle
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 1857
Registriert: Do 11. Aug 2011, 10:52
Geschlecht: Mensch
Pronomen: ikke
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 0
Kontaktdaten:

Re: Therapienotstand „ aber Zwangsgutachterei...

Post 17 im Thema

Beitrag von Marielle »

Hallo zusammen,

es gibt sehr viele Vorstellungen und Forderungen dazu, was alles überflüssig, unsinnig, schädlich oder nicht rechtmässig ist und deswegen abgeschafft gehört. Und es gibt hier einen Thread, in dem es um das 'Wie' gehen soll. ( http://www.crossdresser-forum.de/phpBB3 ... 5&p=126229 ) Dort herrscht aber erstaunliche Ruhe. Die Ruhe dort kann natürlich auch andere Ursachen als das Fehlen von Ideen haben*, wir dürfen uns, so oder so, aber nicht nur mit Forderungen nach Abschaffungen in den Prozess einbringen.

Den Ansatz, die Verwaltungsakte (PÄ/VÄ) rechtlich von den medizinischen Massnahmen zu trennen, halte ich für eine gute Idee. Die notwendigen Regelungen können in das Personenstandsgesetz eingebracht werden und man könnte diese Massnahmen bei der Gelegenheit auch gleich von der Begutachtungspflicht befreien.


Es gibt aber (wohl unstrittig) eine nennenswert große Gruppe in der Trans*-community, die den Wunsch nach medizinischen Massnahmen an körperlich gesunden Menschen und dafür nach einer Kostenübernahme durch die KK hat. Nicole hat es bereits mehrmals dargelegt: Ohne irgendeine Art von TSG oder einer vergleichbaren Regelung sind diese Wünsche bzw. Notwendigkeiten rechtlich kaum zu begründen. Und auch um die genauere Spezifizierung dieser Wünsche müsste man sich Gedanken machen. Mal ganz offen und böswillig: Die Bandbreite menschlicher Physiognomien, Stimmlagen und Haarwuchseigenschaften kann relativ leicht als Argument gegen einen ganzen Teil dieser Massnahmen verwendet werden. Da sollte man schon ein gut konstruiertes Argumentengerüst haben, um nicht hinten runterzufallen. Denn egal wo und wie es irgendwann geregelt wird: Die Krankenkassen werden auch künftig nicht mit Hormonpillen und Operationsangeboten um sich werfen. Es wird vieler guter Ideen und langer Diskussionen bedürfen, um die Notwendigkeiten von Trans*menschen zu begründen und durchzusetzen. Noch ein paar mehr gute Ideen wird es brauchen, wenn das erreicht werden soll, ohne dabei anderer Leute Kinder mit dem Bade auszuschütten.

Meiner Meinung nach ist folgendes zu tun:

- Diskussion von Vorschlägen, wie das Personenstandsrecht entsprechend verbessert werden kann

- Darstellen einer geeigneten 'Diagnose' bzw. geeigneter Kriterien (NEIN, keine Abgrenzungsdefinition!), mit denen medizinische Massnahmen begründet werden können

- Diskussion und Darstellung der erforderlichen, medizinischen Massnahmen

- Entwurf von Vorschlägen dazu, wie und wo die Regelungen in die Rechtssetzung eingebaut werden, die sich auf die erforderlichen medizinischen Massnahmen und die zugehörigen Kosten beziehen

- Konzept einer Verbreitungs- (Durchsetzungs-)strategie entwickeln und umsetzen


Übrigens: Ich finde es einigermassen kurios, dass ich diesen Beitrag geschrieben habe. Mir persönlich wäre an einem zweiten Vornamen gelegen; der Rest ist nicht wirklich mein Thema. Eher wäre das die Aussonderung von Geschlecht aus dem Recht insgesamt.

Habt es gut

Marielle

*) es könnte auch, z.B., viele eingereichte 'Wunschzettel' geben, die still und leise in den Diskurs einfliessen sollen
As we go marching, marching, we bring the greater days
For the rising of the women, means the rising of the race
No more the drudge and idler ten that toil where one reposes
But the sharing of life's glories, Bread and Roses, Bread and Roses.
Anke
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 1412
Registriert: Mo 2. Jun 2014, 17:14
Geschlecht: Weiblich
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Waldenbuch
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 1 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Therapienotstand „ aber Zwangsgutachterei...

Post 18 im Thema

Beitrag von Anke »

Kornelia hat geschrieben:
Anke hat geschrieben:
Hallo,

Zwangstherapie deshalb, weil sie nicht freiwillig erfolgt. Und ich empfinde es klar als Zwang, denn ich könnte mit meiner Zeit etwas besseres anstellen.

Liebe Grüße

Amke
Und Arbeit wäre auch Zwangsarbeit, denn ich könnte mit meiner Zeit etwas besseres anstellen? Okay, das war unpassend und plump. But wait ....
Persönlich würde ich mir auch eine medizinische Versorgung wünschen die ganz meinen Bedürfnissen gerecht wird. Dazu kommt aber das ich nicht allein betroffen bin und eine standardisierte Versorgung gewährleistet sein soll, die nach Möglichkeit alle Bedürfnisse berücksichtigt. Und auch den Missbrauch verhindert ....
Hallo,

ja, das ist unpassend und plump. Deshalb verstehe ich auch nicht, warum Du das schreibst.

Zum Thema Missbrauch und TS hat Nicole bereits das passende geschrieben. Im Gesundheitswesen gibt es eine Menge Missbrauch, aber bei unserem Thema ist das einfach abwegig, davon zu sprechen.

Es gibt sicherlich einige, für die eine begleitende Therapie das richtige ist. Die sollen sie dann auch bekommen. Alle anderen sollten damit nicht noch zusätzlich belastet werden.

Eine Standardisierung darf nicht dazu führen, dass sämtliche Maßnahmen über die Betroffenen einfach so ausgeschüttet werden. Es gibt ja auch einige, die dauerhaft auf eine GAOP verzichten. Glücklicherweise ist dieser Zwang aus dem TSG herausgeklagt worden.

Besser als Gutachten und Zwangstherapie finde ich eine begleitende Beratung auf freiwilliger Basis. In diesem Rahmen können Betroffene die für sie richtigen Maßnahmen ermitteln und mit Unterstützung der Beratung einen Umsetzungsplan festlegen. Damit würde den Betroffenen optimal geholfen und in der Gesamtschau wäre dieses Verfahren auch noch kostengünstiger, als das derzeitige.

Liebe Grüße

Anke
Sentio ergo sum. - Ich fühle, also bin ich.

Les femmes sont fortes quand elles sont feminines. (Coco Chanel)

https://www.transcuisine.com

Youtube: https://www.youtube.com/channel/UCQc7XaiWBuzchBQTnGRv80g
Anke
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 1412
Registriert: Mo 2. Jun 2014, 17:14
Geschlecht: Weiblich
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Waldenbuch
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 1 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Therapienotstand „ aber Zwangsgutachterei...

Post 19 im Thema

Beitrag von Anke »

Hallo,

ganz ehrlich, ich empfinde meine Arbeit nicht als Zwang. Abgesehen davon, dass ich recht ordentlich bezahlt werde, macht es auch noch Spaß.

Im übrigen ist Zwangsarbeit ein Begriff, mit dem ich nicht herumspielen würde. Dafür ist das, was dieser Begriff verkörpert viel zu ernst und viel zu grauenhaft.

Zugang zu den Leistungen der Kassen? Der einzige Unterschied wäre, dass es keine Papierchen mehr gibt, in denen eine angebliche Diagnose steht. Und warum sollte das auch nicht so laufen. Natürlich etwas formalisierter. Die Person erklärt schriftlich, dass sie transsexuell ist und beantragt gleichzeitig die Leistungen. Dieses Verfahren wäre wesentlich ehrlicher, als das jetzige.

Liebe Grüße

Anke
Sentio ergo sum. - Ich fühle, also bin ich.

Les femmes sont fortes quand elles sont feminines. (Coco Chanel)

https://www.transcuisine.com

Youtube: https://www.youtube.com/channel/UCQc7XaiWBuzchBQTnGRv80g
nicole.f
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 788
Registriert: Fr 3. Dez 2010, 11:04
Geschlecht: trans* Frau
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Siegen
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 0
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Therapienotstand „ aber Zwangsgutachterei...

Post 20 im Thema

Beitrag von nicole.f »

Kornelia hat geschrieben:Hihihi, ich habe (wohl vergeblich) gehofft das du eine einfache Analogie erkennst.

Ich frage mich nur, was die Krankenkasse Herrn Müller sagt, wenn dieser der Krankenkasse bescheinigt er sei (eigentlich) eine Frau. Und da Herr Müller, offensichtich, gesund ist, keine Begleittherapie benötigt, frage ich mich (wirklich) wie er Zugang zu medizinischer Versorgung bezüglich seiner (anscheinenden?) Transsexualität bekommt?
Wo ist dabei das Problem?
Beispiel Hormone, und dies wird exakt und genau so in anderen Ländern erfolgreich praktiziert: Herr Müller geht zu einem Arzt, im Idealfall Endokrinolog_in, erklärt, dass er eine gegegeschlechtliche Hormonbehandlung beginnen möchte, wird aufgeklärt und beraten, muss dies bestätigen und dann geht's los. Ganz einfach. Hier findet _kein_ Trans* Bekenntnis statt, es wird nichteinmal nach Trans* gefragt, denn es trägt nichts zur Sache bei. Als Diagnose für die Verschreibung kann E34.9 statt F64.0 verwendet werden. Wenn Herr Müller selbst von sich sagt, er sei Frau Müller, dann wird _sie_ genauso behandelt, ganz genau so, wie ohne diese Selbstaussage. Gleiches gilt dann entsprechend auch für weitere Behandlungen. Einzig die Selbstaussage der Patient_innen ist entscheidend. Wenn Frau Müller dann auch psychotherapeutische Unterstützung in Anspruch nehmen möchte, dann kann sie das, muss es aber nicht. Und in den ärztlichen Unterlagen muss an keiner Stelle Trans* auftauchen, solange sie/er es nicht möchte.

Geht nicht?
Doch, geht!
Ich kenne mindestens drei Stellen in den USA und deren Ärzte persönlich: Callen Lorde in New York, Howard Brown in Chicago und Madeleine Deutsch in San Francisco.
Missbrauch? Nein.
Mehr "Regretters" (Rückkehrer)? Nein.
Probleme mit den Kassen? Nein. Sogar die Öffentlichen MediCare und MedicAid machen das mit, die Privaten ebenso. Am Howard Brown arbeiten sie gerade daran, die GaOP in den Leistungskatalog von MediCare und MedicAid zu bekommen und sind guter Dinge. Sogar die Indikationen für die GaOP werden aller Voraussicht nach keine Trans* Diagnose, noch eine ausführlich Begründung oder gar biografische Anamnese beinhalten.
Nichts von alledem, was uns hier immer wieder als Teufel an die Wand gemalt wird - und die Erfahrungen in den USA reichen teils schon über 10 Jahre zurück.

Es tut mir, dies mal in dieser Deutlichkeit zu sagen, aber viele leben hier in Deutschland hinter dem Mond! Wir haben keine Ahnung, was wirklich möglich ist, weil wir systemhörig sind. Wir glauben blind, was uns seit Jahrzehnten von allen Seiten eingetrichtert wurde und tradieren dies auch noch selbst in unserer eigenen Peer Community weiter! Wir sollten uns selbst etwas schämen. Schämen, dass wir unsere eigene Unmündigkeit nicht endlich überwinden. Und schämen dafür, dass wir diese Trägheit auch noch an unsere Nachfolger_innen weitergeben.

Wir müssen uns ohnehin daran gewöhnen, dass es bald keine Diagnose Trans* mehr gibt, ich sage nur ICD-11. Und dann? "OMG, wir werden nichts mehr von den Kassen bezahlt bekommen, weil wir dann nicht mehr krank sind!". Falsch. Denn konkrete Krankheit ist nicht die einzige Voraussetzung für eine Behandlung.

Ich glaube nicht an die Allmacht der Kostenträger, diese kann ǵebrochen werden.
Ich glaube an die Mündigkeit eines jeden Menschen! Und das jeder Mensch selbst am besten weiß, was gut und richtig für sie oder ihn ist.
Ich glaube an das Gute im Menschen! Und daran, dass Akzeptanz, Hilfe und Unterstützung viel erfolgreicher sind, als ständiges beurteilen, bewerten, abwägen und gängeln.

Und ich glaube, dass wir alle gemeinsam und jede_r für sich Veränderungen bewirken können - im Kleinen und im Großen. Es gibt keinerlei Grund, deprimiert den Kopf in den Sand zu stecken. Solange wir leben und agieren können, können wir auch etwas verändern. Vielleicht nicht den ganz großen Wurf, der alles auf einmal in eine Utopie verwandelt, aber kleine Veränderungen, Stück für Stück.

Liebe Grüße
nicole
Ich bin trans* - und das ist gut so!
Homepage: http://www.dpin.de/nf
Blog: http://www.dpin.de/nf/category/trans/
Anke
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 1412
Registriert: Mo 2. Jun 2014, 17:14
Geschlecht: Weiblich
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Waldenbuch
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 1 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Therapienotstand „ aber Zwangsgutachterei...

Post 21 im Thema

Beitrag von Anke »

Hallo,

erstmal vielen Dank an Nicole für die deutlichen Worte!

Als die Sufragetten am Anfang des letzten Jahrhunderts auf die Straße gegangen sind, um für das Frauenwahlrecht zu kämpfen, da hat auch kaum jemand daran geglaubt, dass sie Erfolg haben. Erst wurden sie verspottet, dann wurden sie bekämpft. Sie sind standhaft geblieben und haben ihr Ziel erreicht.

Wir sollten uns daran ein Beispiel nehmen. Wenn wir uns klein machen, dann werden wir auch genau so wahrgenommen und werden auch nichts erreichen. Aber wenn wir für unsere Sachen einstehen, dann werden wir es auch schaffen.

Liebe Grüße

Anke
Sentio ergo sum. - Ich fühle, also bin ich.

Les femmes sont fortes quand elles sont feminines. (Coco Chanel)

https://www.transcuisine.com

Youtube: https://www.youtube.com/channel/UCQc7XaiWBuzchBQTnGRv80g
Bente
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 81
Registriert: Do 11. Jul 2013, 17:42
Geschlecht: weiblich
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Friesland/Nds.
Hat sich bedankt: 8 Mal
Danksagung erhalten: 1 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Therapienotstand „ aber Zwangsgutachterei...

Post 22 im Thema

Beitrag von Bente »

Hallo Nicole-
Ich freue mich über Deinen Beitrag! Er spricht mir aus der Seele. Ich hoffe, es wird auch bei uns mal so!

Gruß Benny
Quercus Germanicus! (Was kümmert es…….)
Claudia-Luisa
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 145
Registriert: Mo 22. Jun 2015, 08:26
Pronomen:
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 0
Kontaktdaten:

Re: Therapienotstand „ aber Zwangsgutachterei...

Post 23 im Thema

Beitrag von Claudia-Luisa »

https://www.youtube.com/watch?v=jsY3NjhzLx8&app=desktop

Psychiater Dr. Szukaj, Unterzeichner der "Stuttgarter Erklaerung", beschreibt seine Arbeit.

Liebe Grüße
Claudia-Luisa
nicole.f
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 788
Registriert: Fr 3. Dez 2010, 11:04
Geschlecht: trans* Frau
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Siegen
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 0
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Therapienotstand „ aber Zwangsgutachterei...

Post 24 im Thema

Beitrag von nicole.f »

Liebe Lara,
im Prinzip gebe ich Dir ja gerne Recht, aber ich möchte zu Bedenken geben, dass wir auch in vielen vielen anderen Fällen von selbstverantwortlichen und eigenständigen Menschen ausgehen und eben keine psychotherapeutische Begleitung *verpflichtend* vorschreiben. Das Verpflichtende ist doch nur das, was ich und andere kritisieren. Es gibt so viele Dinge, die ein Mensch tun kann, die mindestens ebenso einschneidende Veränderungen wie eine Transition nach sich ziehen. Doch dafür wird keine psychologische Begleitung oder Begutachtung vorgeschrieben. Der aktuelle Zustand ist dahingehend schlicht unverhältnismäßig. Nur darum geht es, zumindest mir. Die Grundannahme bei den anderen Dingen (sagen wir z.B. Kinderwunsch, Heirat, größere kosmetische Operationen, Tatoo und Piercings, Hochrisikosportarten etc. etc.) ist, dass wir von autonomen, selbstverantwortlichen und eigenständigen Individuen ausgehen. Nur nicht bei Transmenschen?

Ich bin völlig bei Dir, dass manchen Menschen eine psychologische Begleitung gut tut und das diese auch weiterhin möglich sein muss. Aber es muss die Entscheidung der Person selbst sein, ob sie dies in Anspruch nehmen möchte oder nicht. Wogegen ich mich verwehre ist der Generalverdacht, dass Trans*-Personen grundsätzlich zunächst ihre Stabilität und das genuine "Verlangen" unter Beweis stellen müssen. Ich möchte sozusagen die Beweislast umkehren. Wenn eine therapeutische Begleitung oder gar Therapie indiziert wird, dann muss es dafür konkrete Gründe geben, nicht umgekehrt und trans darf keiner dieser Gründe dafür sein.

Liebe Grüße
nicole
Ich bin trans* - und das ist gut so!
Homepage: http://www.dpin.de/nf
Blog: http://www.dpin.de/nf/category/trans/
Marielle
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 1857
Registriert: Do 11. Aug 2011, 10:52
Geschlecht: Mensch
Pronomen: ikke
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 0
Kontaktdaten:

Re: Therapienotstand „ aber Zwangsgutachterei...

Post 25 im Thema

Beitrag von Marielle »

Guten Abend zusammen,

in vielem muss man Lara Recht geben, denke ich. Auch wenn man sicher lange darüber streiten kann, ob, und wenn 'Ja' warum, Trans*menschen eine gute psychologische Betreuung nötig haben. Persönlich glaube ich, dass es in der Mehrzahl der Fälle so ist, dass eine wirkliche, kritische, stützende Betreuung eine gute Wirkung hat.

Ein Trümmerbruch im Bein macht den betroffenen Menschen auch ebensowenig zu einem guten Knochendoktor, wie man durch erlebte Transidentität /-sexualität zu einer Expert_in für die psychologischen Aspekte dessen wird. Aber, und das ist m.E. das letztliche Argument gegen ein zu drängendes Therapieangebot oder gar einen Zwang zur Therapie: Es wird auch niemand gezwungen, seinen Trümmerbruch von einem Spezialisten behandeln zu lassen. Es ist aus gutem Grund das Recht des Menschen, ohne Behandlung still schreiend vor sich hin zu leiden; oder durch blossen Zuspruch und Glauben schmerzfrei und glücklich zu werden.


Ich bitte darum, mir diese, vielleicht überspitzt wirkende, Argumentation nachzusehen, hoffe aber, dass sie sich aus sich selbst heraus entschuldigt: Auch aus dem Recht auf Selbsttötung kann man eine Ablehnung des Therapiezwangs ableiten. Das ist wahrlich kein guter Gedanke und widerspricht fast allem, was ein menschliches Miteinander, ein soziales Verhalten ausmacht. Aber es ist die notwendige Folge der Anerkennung der unbeschränkten Autorität des Menschen über sich selbst.

Es kann nur (und muss) daher darum gehen, wirkliche Hilfen zu gestalten, diese effektiv verfügbar zu machen, sie den betroffenen Menschen greifbar nahezubringen und denen das Wort und die Tat abzuschneiden, die zwar auf ihre Autonomie pochen, sich aber einen Dreck um wirkliche Hilfen und Unterstützung bemühen.

Habt es ehrlich gut

Marielle
As we go marching, marching, we bring the greater days
For the rising of the women, means the rising of the race
No more the drudge and idler ten that toil where one reposes
But the sharing of life's glories, Bread and Roses, Bread and Roses.
MEL
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 737
Registriert: Mi 14. Sep 2011, 01:12
Geschlecht: Teilzeitfrau
Pronomen: Situationsbedingt
Wohnort (Name): 249..
Hat sich bedankt: 37 Mal
Danksagung erhalten: 10 Mal
Kontaktdaten:

Re: Therapienotstand „ aber Zwangsgutachterei...

Post 26 im Thema

Beitrag von MEL »

LaraC hat geschrieben:Hi Nicole,
..........................

Was mir aber wichtig ist, ist der Punkt, den wir auch schon mal diskutiert haben. Du sagst immer: "Wer leidet, dem muss ohne Frage geholfen werden." Ich denke weiterhin: ja, es muss geholfen werden, aber auf keinen Fall ohne Fragen! Wenn eine Person zu mir kommt, die so sehr unter einer Diskrepanz zwischen ihren Geschlechtsempfinden/-identität und ihrer Geschlechtsrolle bzw. ihrem (Geschlechts)Körper leidet, dass es so nicht weiter geht, dann bin ich als Behandler geradezu verpflichtet, kritische Fragen zu stellen. Auch muss ich die aus inhaltlicher Sicht sinnvollste Behandlung wählen. Und da ist eben der Patient (wie ich oben schon ausgeführt habe) nicht immer in der Lage, völlig alleine die beste Entscheidung zu treffen.

Wenn ich leide, habe ich das gute Recht, mir von der Solidargemeinschaft helfen zu lassen. Ich habe auch das gute Recht, lieber keine Hilfe in Anspruch zu nehmen. Aber ich habe nicht das Recht, mir als Laie meine Diagnose und die von mir gewünschte Behandlung einfach selbst auszusuchen und dann bezahlen zu lassen. Und da ich eine psychologische Begleitung bei einer (angestrebten) Transition in jedem Fall für sehr sinnvoll halte, sollte eine solche Begleitung auch verpflichtend in den Leitlinien auftauchen. Nicht in der Länge, Intensität und Art, wie es jetzt der Fall ist, aber dennoch als integraler Bestandteil. Transsexualität ist eben kein rein körperliches Problem, sondern hat auch einen ganz wesentlichen psychischen Anteil (aus meiner Sicht sogar hauptsächlich psychisch, aber das bin nur ich).
...................
Lara
Hallo zusammen,

also mit dem oben zitierten Passus stimme ich vollkommen überein!

Mag eine Person von der eigenen Transsexualität auch noch so überzeugt sein
und sich eigenständig und ohne psychologische Unterstützung auf den Weg zum tatsächlich empfundenen Geschlecht machen,
so können unvorhersehbare Situationen/Probleme während der Transition auftreten, die dann eben von dem/der betreffenden Person
nicht mehr eigenständig gewuppt werden können und dann der psychologischen Begleitung bedürfen.
Dann aber erst sich darum zu kümmern und eine(n) geeignete(n) Therapeut-in/-en auf die Schnelle zu finden,
stellt noch eine zusätzliche Herausforderung und Belastung dar!

Damit will ich allerdings nicht die gängige Praxis als das non plus ultra dargestellt wissen,
sondern sehe es wie Lara, dass die Leitlinien der Überarbeitung und
es eines größeren Pools qualifizierter Therapeuten bedarf.

Etwas anderer Auffassung bin ich hingegen bei nachfolgendem Zitat:
LaraC hat geschrieben:Hi Nicole,
..........................
Lifestyle-Entscheidungen (dein Beispiel von der Schönheits-OP) sollte jeder mündige Bürger selbst treffen können. Wenn eine Frau ihr Gesicht nach der Barbiepuppe umoperieren lassen möchte, dann würde ich auch eher für Psychotherapie als eine OP plädieren, aber das ist eine Entscheidung, die ich nicht zu treffen habe. Das ist bei einer Person, die ihren Penis zu einer Vagina gemacht haben möchte nicht viel anders. Auch da würde ich für psychologische Begleitung plädieren, aber das habe ich am Ende nicht zu entscheiden.

Lara
Hier von Lifestyle-Entscheidungen zu sprechen ist doch etwas gewagt, gerade wenn es sich um eine GAOP handelt!

Zumal der Bereich Schönheits-OP in der Regel aus der eigenen Tasche zu finanzieren ist, wenn nicht schwerwiegende
Gründe eine Finanzierung durch den Krankenkassenträger gebieten bzw. nach Vorliegen entsprechender fachärztlicher
nebst psychatrischer Gutachten zur Kostenübernahme empfohlen werden.

Also im Bereich der GAOP sollte m.E. auch zukünftig immer eine psychologische Betreuung in Kombination
mit fachärztlicher Expertise zu Risiken der OP als solches wie auch daraus resultierenden möglichen Spätfolgen
vorgeschrieben sein!
Denn bei allen Möglichkeiten, sich extern vorab zu informieren (wie dem world wide web o.ä.),
es bleibt ein individueller Eingriff mit ungewissem Ausgang, natürlich immer von der Hoffnung geprägt:
Es wird schon alles gut gehen und endlich bin ich dann in mir angekommen!

Aber wie hoch ist die Dunkelziffer bei denjenigen, die den letzten Schritt vollzogen haben,
bei denen sich im nachhinein körperliche Defizite und oder psychische Probleme eingestellt haben,
von denen sie zuvor nicht in schlimmsten Alpträumen geträumt haben?!
Und wer gibt öffentlich im Nachhinein preis:
"Wenn ich dies vorher hätte abschätzen können,
dann wäre ich diesen letzten entscheidenden Schritt nicht gegangen!"

Und schildert dann im Detail, welche Konsequenzen für sie/ihn daraus erwachsen sind?!
Wenn sie/er nicht schlimmstenfalls als Konsequenz daraus dem Leben ein Ende gesetzt hat!


Gut, dies meine persönliche Meinung zu diesem Thema, der allerdings selbst nicht betroffen ist,
da "nur" Transvestit/Crossdresser, der mit seinem derzeitigen Status (fast) zufrieden ist!

Wünsche noch eine schöne Woche,

liebe Grüße

MEL
Anke
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 1412
Registriert: Mo 2. Jun 2014, 17:14
Geschlecht: Weiblich
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Waldenbuch
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 1 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Therapienotstand „ aber Zwangsgutachterei...

Post 27 im Thema

Beitrag von Anke »

Marielle hat geschrieben: Ein Trümmerbruch im Bein macht den betroffenen Menschen auch ebensowenig zu einem guten Knochendoktor, wie man durch erlebte Transidentität /-sexualität zu einer Expert_in für die psychologischen Aspekte dessen wird. Aber, und das ist m.E. das letztliche Argument gegen ein zu drängendes Therapieangebot oder gar einen Zwang zur Therapie: Es wird auch niemand gezwungen, seinen Trümmerbruch von einem Spezialisten behandeln zu lassen. Es ist aus gutem Grund das Recht des Menschen, ohne Behandlung still schreiend vor sich hin zu leiden; oder durch blossen Zuspruch und Glauben schmerzfrei und glücklich zu werden.
Hallo,

ja, es darf keinen Zwang geben, so sinnvoll die Maßnahme auch sein mag.

Marielle, dein Vergleich passt leider nicht ganz, auch wenn ich deine Darstellung gut, plakativ und eindringlich finde. Der Unterschied ist zum einen, dass niemand Erfahrung mit Trümmerbrüchen hat, außer der jeweilige Knochendoktor. Deshalb sind wir bei ihm ach in guten Händen. Beim Thema Trans sieht die Welt leider völlig anders aus. Und damit meine ich nicht nur die Psychologen und Psychiater. Wenn ich mir beispielsweise ansehe, wie unbedarft viele Endokrinologen dabei zu Werke gehen, dann kommen mir erhebliche Zweifel, ob der Kompetenz und ob ich dort in guten Händen bin. Und zum anderen fange ich durch die persönliche Erfahrung und den Austausch an eigene Kompetenz zu erwerben und aufzubauen. Das ist ja nicht wie bei einem Knochenbruch ein singuläres Ereignis, mich wird das Thema Hormone meine ganzes Leben begleiten.

Mit Psychologen und Psychiater sehe ich das ganz ähnlich. Was ich da bisher gesehen und erlebt habe, ist doch ziemlich ernüchternd. Zwei davon haben sich auf das Thema spezialisiert. Und das sind keine Einzelfälle. Deshalb ist deine Kompetenzvermutung beim Knochenbruch sicherlich richtig, beim Thema trans sehe ich das komplett anders.

Liebe Grüße

Anke
Sentio ergo sum. - Ich fühle, also bin ich.

Les femmes sont fortes quand elles sont feminines. (Coco Chanel)

https://www.transcuisine.com

Youtube: https://www.youtube.com/channel/UCQc7XaiWBuzchBQTnGRv80g
eilinfox
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 246
Registriert: Mi 28. Aug 2013, 21:50
Geschlecht: weiblich
Pronomen:
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 0
Kontaktdaten:

Re: Therapienotstand „ aber Zwangsgutachterei...

Post 28 im Thema

Beitrag von eilinfox »

Wahrscheinlich ist meine Meinung mal wieder exklusiv.
Aber sie begründet sich auf meinem eigenen empfinden.
Ich habe nichts gegen die bisherigen Regelungen des TSG und auch gegen die psychologische Betreuung kann ich nichts negatives einbringen.
Das TSG bot mir die Möglichkeit, relativ unkompliziert meinen Namen und meinen Personenstandes anzugleichen.
Und was die Gutachten anbelangt fühlte ich mich von beiden Gutachtern in keinster Weise diskriminiert - im Gegenteil, es war für mich die abschließende Aufarbeitung meiner ungeliebten Vergangenheit.
nicole.f
registrierte BenutzerIn
Beiträge: 788
Registriert: Fr 3. Dez 2010, 11:04
Geschlecht: trans* Frau
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Siegen
Hat sich bedankt: 0
Danksagung erhalten: 0
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Therapienotstand „ aber Zwangsgutachterei...

Post 29 im Thema

Beitrag von nicole.f »

Hallo Ihr Liebe,

zuerstmal möchte ich mich bei allen hier herzlich bedanken! Es ist ein schöner Austausch!
Man merkt auch sehr schön, wer hier aus welcher Richtung kommt - die mit psychologischer Ausbildung, Betroffene mit guten Erfahrungen, Betroffene mit schlechten Erfahrungen, andere Erfahrungen... sehr schön!

Mittelfristig fände ich es super, wenn wir das auch mal irgendwie zusammenfassen könnten? Eine Art Paper/Positionspapier, dass wir alle unterschreiben könnten? Damit könnte man echt etwas anfangen.

Dann noch etwas zum Thema... ich habe den Eindruck, wir kreisen eigentlich um zwei Themen und ein Drittes hat immer wieder Einfluss auf die Diskussion. Ich würde gerne diese drei zunächst getrennt diskutieren wollen, denn sonst haben wir immer wieder eine sehr komplizierte Vermischung:

1. Eingriff in die persönliche Entfaltungsfreiheit
2. Notwendigkeit der therapeutischen Begleitung von Trans*
3. Die Kostenträger

1. Eingriff in die persönliche Entfaltungsfreiheit
Ich denke es ist völlig unstrittig, dass jeder Mensch das Recht hat, sich selbst frei zu entfalten, in jeder Art und Weise, wie es für die Person erstrebenswert erscheint. Einzige Einschränkung, es darf nicht andere in ihrer freien Entfaltung einschränken. Dies ist in dieser Form von Artikel 2 des Grundgesetzes als Grundrecht geschützt.
In unserem Fall bedeutet dies, wenn sich eine Person dazu entschließt, zur Entfaltung ihrer geschlechtlichen Identität Veränderungen anzustreben, so ist dies, solange sie damit nicht Dritte behindert oder einschränkt, bedingungslos anzunehmen.

2. Notwendigkeit der psycho therapeutischen Begleitung von Trans*
Per-se kann und sollte dies nicht unterstellt werden. Ja, keine Frage, es gibt Personen, für die eine psycho therapeutische Begleitung ganz sicher sinnvoll wäre, doch es gibt noch unendlich viel mehr Dinge, die jemand anderes für eine bestimmte Person als sinnvoll erachten könnte und die es vielleicht auch wären. Dennoch darf daraus nicht pauschal eine Verpflichtung erwachsen. Es gibt ganz klare Richtlinien und Grenzen, wann z.B. eine psychotherapeutische oder psychiatrische Behandlung verpflichtend wird, Selbstgefährdung zum Beispiel. Ohne Frage wäre z.B. für viele depressive Personen eine therapeutische Begleitung sehr sinnvoll, dennoch ist sie nicht verpflichtend, solange nicht klar erkennbar ist, dass sich die Person ohne eine solche Begleitung / Behandlung selbst gefährden würde - erkennbare Suizidgefahr zum Beispiel. Im Sinne von 1. und Artikel 2 des Grundgesetzes heißt dies verkürzt gesagt, es liegt in der freien Entscheidung einer Person und ist geschützt durch ihre Grundrechte, Hilfen nicht anzunehmen, so sinnvoll diese auch sein mögen.

3. Die Kostenträger
Dies ist der verzwickteste Teil, denn hier vermischt sich leider, so habe ich den Eindruck, die medizinische Notwendigkeit (und auch Behandlungshoheit) mit vorauseilendem Denken an die Kosten. Aus einer Einschätzung der Notwendigkeit einer Behandlung zur Beurteilung, ob denn die Solidargemeinschaft dafür aufkommen solle, sollte nicht automatisch folgen, dass eine solche Einschätzung per-se notwendig sei. Ich denke, dies ist klar zu trennen. Wenn eine Person die Solidargemeinschaft (=Krankenkasse) für ihre Behandlung in Anspruch nehmen möchte, dann gibt es auch eine Verpflichtung einen Nachweis zu erbringen, dass diese medizinische Behandlung unbedingt notwendig ist - genau wie bei jeder anderen Behandlung und Hilfsmitteln auch. Würde die Person aber für alle Kosten selbst aufkommen wollen und können, so darf es ihr eigentlich nicht verweigert werden, es sei denn es ist absehbar, dass sie sich damit selbst gefährdet. Wie eine solche Beurteilung aussehen könnte, darüber bin ich mir auch noch unschlüssig - und auch, für welche Maßnahmen welche Art von Beurteilung vertretbar wäre.

Stand heute ist dies aber in Deutschland nicht möglich. Wenn ich zu Ärzten gehe und möchte, auch auf eigene Kosten und Risiko, eine HET beginnen, so wird dies praktisch _kein_ Arzt machen. Schon gar nicht würde irgendein Operateur eine GaOP machen, selbst wenn ich sie selbst bezahlte. An dieser Stelle kann ich dies leider auch aus eigener Erfahrung sagen, als privat Patientin verlangte meine Kasse *keine* psychologische Gutachten, Indikationen oder gar eine Begleitung, dies hatte ich sogar schriftlich. Dennoch kam ich ohne eine Indikation eines Psycho* keinen Schritt weiter. Die Psycho* wiederum halten sich sklavisch an die "Richtlinien", mit denen sie dann in der Regel die der gesetzlichen Kassen meinen. Hier wird dann ärztliche Behandlung und Regelwerke der Kostenträger auf, wie ich finde, unzulässige Art und Weise, vermischt. Wenn ich, als eigenverantwortliche und aufgeklärte Person, die Behandlung wünsche, meine Kasse die uneingeschränkte Kostenübernahme schriftlich erklärt, warum sollte ich dann die Behandlung nicht bekommen? Dies ist aber Stand heute der Fall. Der andere Teil ist eine ausführliche Diskussion der zuvor genannten "Beurteilung der Notwendigkeit", bei der ich geneigt bin gewissermaßen Lara Recht zu geben, dass vermutlich die Psycho* die einzigen sein werden, gerade große Eingriffe wie eine GaOP, korrekt einschätzen zu können. Hier ist dann nur die Frage, wie solch eine Evaluation aussehen könnte. Kleinere Dinge, wie eine HET, sähe ich hingegen klar in den Möglichkeiten eines Informed Consent des Behandlers. Mehr als eine gute Aufklärung und Beobachtung des_der Patient_in, um die Urteilsfähigkeit zu bewerten, ist hier nicht nötig und sollte auch nicht verlangt werden. Andere Maßnahmen, wie Epilation, Hilfsmittel wie Perücke oder Epithesen, werden dann schon ganz schön knifflig. Doch nur weil es knifflig ist, sollte man auch nicht aufgeben :)

Liebe Grüße
nicole
Ich bin trans* - und das ist gut so!
Homepage: http://www.dpin.de/nf
Blog: http://www.dpin.de/nf/category/trans/
Anne-Mette
Administratorin
Beiträge: 27296
Registriert: Sa 24. Nov 2007, 18:19
Geschlecht: W
Pronomen: sie
Wohnort (Name): Ringsberg
Forum-Galerie: gallery/album/1
Hat sich bedankt: 198 Mal
Danksagung erhalten: 2246 Mal
Gender:
Kontaktdaten:

Re: Therapienotstand „ aber Zwangsgutachterei...

Post 30 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Moin,

ernsthafter Hinweis (inzwischen keine Bitte mehr): das Abgleiten in persönliche Ebenen und Beurteilungen ist zu unterlassen, wenn darum gebeten wird.

Gruß
Anne-Mette
Antworten

Zurück zu „Transsexuelle Menschen: Transsexualität - Transidentität, trans“