Hallo Anke,
Anke hat geschrieben: Mo 4. Mai 2020, 12:18
Wenn ich einen neuen Act verwirkliche, dann plane ich in der Regel 500 bis 1.000 € für das Kostüm ein. Manchmal ist es auch mehr und ich komme auf 1.500 €. Das sind nur die Kosten für Materialien (Stoff, Federn, Strass, Perlen, etc.) bzw. Zukäufe (Kleider, Schuhe, Hüte, ...).
Aber setzt du dich damit nicht selbst zu sehr unter Druck? Ich hätte jetzt auch nicht gedacht, daß du so viel Geld in ein Kostüm steckst - denn umgerechnet sind das gute 3000 DM. Ich liebe auch tolle Tanz-Konstüme, keine Frage, aber glaubst du, daß die Zuschauer das realisieren, bzw. wissen wieviel Arbeit und Geld hinter so einem Kostüm steckt?
Anke hat geschrieben: Mo 4. Mai 2020, 12:18
Dann entwerfe ich eine Choreographie probiere sie aus, hole mir Feedback von anderen und korrigiere sie. Wenn ich zufrieden bin, dann wird diese Choreografie solange geübt bis sie sicher sitzt, ich alle möglichen Fehlerquellen (bei den meisten Auftritten passiert etwas) identifiziert und entsprechende Maßnahmen dagegen gefunden habe. Der Aufwand liegt hier auch bei rund 100 Stunden oder mehr.
Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie schwer es ist eine Choreographie zu entwickeln, ich selbst habe ich mich da nie rangetraut! Eine solche Choreographie muß ja auch einstudiert werden, was ein Tanzstudio verlangt - was für dich weitere Kosten nach sich zieht...Studiomiete??? Oder wie funktioniert das? Wo "trainierst" du? Das würde mich wirklich interessieren.
Anke hat geschrieben: Mo 4. Mai 2020, 12:18
Bis jetzt habe ich nur investiert. Wenn ich dann einen Auftritt bekomme, dann heißt das Packen und Vorbereiten und Anreisen. Vor Ort findet dann meist eine Probe statt, jede Bühne ist anders und ich muss den Act entsprechend anpassen. Dann mache ich mein Bühne-Make-Up (dauert ca. 1 Stunde) und das Warten auf den Auftritt beginnt. Irgendwann ist es dann soweit, der Act dauert ca. 5 min, manchmal sind es auch 2 Acts, danach wieder Warten auf den Curtain Call. Dann wird zusammengepackt und ich fahre nach Hause. Für die Show am Samstag werde ich voraussichtlich um 17:00 das Haus verlassen und bin vermutlich um Mitternacht wieder zu Hause.
Genau, diese 5 Minuten sind es, die das Publikum wahrnimmt und gar nicht weiß, welche Arbeit, Vorbereitung, Schweiß und Training dahintersteckt. Man investiert 100te Stunden an Training (plus Ideen für eine Choreographie) und tanzt seine Show in 5 - 10 min auf der Bühne. Hier fehlt natürlich die Relation zwischen Vorbereitung und eigentlicher Darbietung. Letztendlich bekommt das Publikum immer nur das Ergebnis zu sehen - glaubst du, daß deine Zuschauer doch den ganzen Aufwand dahinter kennen?
Anke hat geschrieben: Mo 4. Mai 2020, 12:18
Bühnenkunst verschlingt eine Menge Ressourcen, hinter jeder Minute Aktivität auf der Bühne steckt sehr viel Zeit, Geld, Kreativität und Engagement. Die Mehrzahl der Menschen, die sich dieser Kunst verschrieben hat, tut es nicht wegen des Geldes. Aber sie müssen eben auch davon leben können, sonst müssen sie andere Jobs annehmen und es gibt keine Bühnenkunst mehr.
Das würde ich etwas "geteilt" sehen: zum einen gibt es Tanzschulen die dankbar für jeden kleinen Auftritt (bsw. auf Volksfesten) sind und einfach nur aus Spaß am Tanzen dabei sind. Auf der anderen Seite gibt es die großen Ballett-Akademien wo sehr wohl das Geld im Vordergrund steht. Hier tanzen Profitänzer die von Auftritten leben und junge Tänzer schon in der eigenen Akademie auf eine Profikarriere vorbereitet werden - natürlich schafft das nicht jede/r. In Deutschland gibt es einige dieser Akademien und bisher halten sich diese "recht" gut - jedenfalls ist mir von keiner Schließung in nächster Zeit bekannt. Da verwundert mich es schon, daß das Deutsche Fernsehballett nicht überleben konnte - aus welchen Gründen auch immer.
Ich denke auch an das was du geschrieben hast:
"Die Mehrzahl der Menschen, die sich dieser Kunst verschrieben hat, tut es nicht wegen des Geldes." Tanz ist eine ganz eigenen Kunst - so schön und wundervoll anzuschauen, bzw. es selbst zu leben. Wenn man einmal auf der Bühne stand und den Applaus der Zuschauer vernommen wird, dann kommt man nicht mehr davon los!
Anke hat geschrieben: Mo 4. Mai 2020, 12:18
Die meisten sichern sich den Lebensunterhalt durch den Unterricht, den sie geben. Ihr könnt euch also vorstellen, dass viele Künstlerinnen und Künstler in den letzten Wochen praktisch nichts verdient haben. Daher hoffe ich sehr, dass hier ein wenig Geld zusammen kommt, dass einigen über die nächsten Wochen hilft.
Das stimmt natürlich und ist einfach furchtbar. Ich sehe das ja auch an Plauen. Wir haben so ein schönes Theater mussten aber mit dem Theater Zwickau fusionieren und den Betrieb aufrechtzuerhalten. Und was ist mit Auftritten? Die verteilen sich über das Jahr - ist nicht so, daß jeden Tag eine Aufführung stattfindet. Das bedeutet, daß das Theater viele Tage ungenutzt bleibt, wobei Kosten für Mitarbeiter, Miete, Strom/Wasserkosten, etc. weiterlaufen...
Anke hat geschrieben: Mo 4. Mai 2020, 12:18
ja, das ist sehr schwer für diese Schulen. Kunst wird leider auch sehr schlecht entlohnt.
Zum Schluß möchte ich noch etwas von meinen Erlebnissen schreiben. Während meiner Schulzeit gab es in der DDR sogenannte AGs - ich war in der Turn-AG aktiv und machte da Bodenturnen. Nach meiner Schulzeit interessierte ich mich immer mehr für Ballett, fand aber lange Zeit keine Schule die das unterrichtete. Irgendwann hatte ich dann doch eine gefunden. Wir waren eine kleine Gruppe - alles Mädels und ich der einzige Junge. Das Niveau des Unterrichts würde ich als Semi-Professionell einordnen. Sprich, das war mehr oder weniger hobbymäßig ausgelegt, aber schon mit einer Spur Professionalität der Lehrerin. Was hat man beigebracht bekommen, natürlich die Grundlagen aber darüber hinaus ging es nicht wirklich. Was fiel für mich an Kosten an? Eine monatliche Gebühr ans Tanzstudio und alle paar Wochen neue Schläppchen - die verschliessen sich recht schnell - kein Wunder, ist ja auch nicht viel an den Schuhen. Wir hatten auch kleinere Auftritte, wobei für das Studio nur geringe Kosten anfielen: jeder fuhr selbst an den Veranstaltungsort und das Einstudieren der Choreo bezahlten wir mit unserem Monatsbeitrag. Blieben also für das Tanzstudio/Lehrerin nur die Kosten für die Zeit um eine Choreo zu entwerfen und die Kostüme. Letztere stammten aber immer aus dem Kleidungsfundus des Studios und sollten schon lange abgezahlt gewesen sein...

Und an einem Ballett-Outfit ist ja nicht wirklich viel dazu: Trikot, Strumpfhose, Schläppchen.
Das ganze hat mir viel Spaß gemacht, aber dennoch fühlte ich mich nicht "ausgereizt". Man muß ja bedenken, daß nicht gezielt trainiert wurde - es war eher ein Allgemeintraining. Später habe ich dann die Chance bekommen an einem "Jungs/Männer-Ballett-Intensivkurs" teilzunehmen. Dieser fand in Leipzig statt und ging über 10 Tage. Das Prinzip dieses Kurses stand darin den Schülern zu zeigen, wie an Akademien trainiert wird, ohne eben dabei an einer zu studieren. Ich fand diese Chance einmalig und habe mich dazu eingeschrieben. Das war ein völlig anderes Trainieren, hier herrschte Strenge und Disziplin wurde hier in jeder Sekunde verlangt. Zudem gab es einen Dress-Code, also die Tanz-Kleidung wurde hier gestellt. Man übernachtet direkt in der Schule, duschte und aß gemeinsam - ein komplett durchgeplanter Stundentag also. Auch wenn ein strenger Ton herrschte so fühlte ich mich dort pudelwohl, da ich viel gelernt habe.
Das ist nun gute 20 Jahre her und heute? Möchte man heute Ballett in Plauen tanzen geht das wiederum nicht. Ich habe mit dem Tanzstudio Merhaba ein mehr oder weniger "brauchbares" Tanzstudio gefunden. Deren Fokus liegt zwar auf Bauchtanz, aber hin und wieder findet dort auch verschiedene Workshops statt, bzw. gibt es auch immer mal Burlesque Tanzblöcke. Hierbei sucht sich Melanie (die Lehrerin) immer ein Lied aus und kreiert dazu eine Choreo - in einer Gruppe das einzustudieren ist immer spaßig, wobei nicht jede eine Transe an ihrer Seite haben möchte...

Aber auch hier ist das Studio gerade geschlossen und meine lust am Tanzen ist gerade grenzenlos...hoffe, daß es hier bald weiter geht.
Das war mal wieder viel Text. Im Grunde wollte ich nur aussprechen, wie sehr ich Tanzen/Ballett liebe und es mir aber nicht ganz vergönnt war, dies voll und ganz zu erlernen. Ich bin jetzt 43 würde aber sofort bei einer Erwachsenen-Ballettgruppe einsteigen - nur leider wird es sowas hier nicht geben...Habt ihr da in den Großstädten ein Glück...!!!
Jennifer