Die Anstrengung ist fast unmenschlich. Jeden Tag steht Willi schon früh vor der Tür, um Hedwig abzuholen.
Das Haus ist leer geräumt; nur noch wenige Sachen befinden sich im Keller. Die wollen sie später holen. "Da stehen noch einige Schätzchen", erzählt Willi mit leuchtenden Augen, sagt aber nicht mehr dazu. Dann muss es sein Geheimnis bleiben — vorerst.
Heute wollen sie die Hauswände abreißen. Sie haben sich Hilfe geholt.
Hedwig hat ein schlechtes Gewissen; denn sie hat fast keine Zeit für Ulli und Adelheid.
Außerdem macht sie sich große Sorgen um die Gesundheit ihrer Freundin.
Schluss mit den Gedanken, alle müssen sich auf die Arbeit konzentrieren!
Willi hat zwei Bauern mit ihren Traktoren bestellt; die erscheinen geeigneter zu sein für die Millimeter-Arbeiten, die ihnen bevorstehen. "Allein werden wir das nicht schaffen", hat Willi gesagt, "unsere Fahrzeuge sind auch völlig ungeeignet für das, was wir vorhaben".
Was sie genau vorhaben, hat er nicht gesagt, aber er hat einen Plan — und den stellt er nun wie ein Dirigent seinem Orchester vor.
Die Verankerungen der Holzwände auf dem Fundament, die Eckenverbinder und die Verbinder mit den Zwischendecken sind größtenteils gelöst, hängen nur noch "am seidenen Faden", sagt er.
Die Zwischendecken stehen auf den gemauerten Innenwänden und bleiben erst einmal stehen. "Das hält", hat Willi nach eingehender Untersuchung entschieden.
Alle hoffen, dass er damit Recht hat. Einen Unfall oder einen "spontanen Abriss", bei dem das ganze Haus von allein zusammenfällt, wollen sie natürlich nicht riskieren.
Einen Balken haben sie oben quer an der Wand angebracht, die zuerst herausgelöst werden soll.
Von dem Balken führen zwei stabile Seile nach vorn — und zwei um das Haus herum nach hinten.
Willi dirigiert die beiden Traktoren. Einer soll von vorne ziehen — und der andere von hinten gegenhalten und gaaaaaaanz langsam nachgeben.
Die beiden Bauern gucken Willi an: "das wird funktionieren?"
"Ja, das funktioniert, ihr müsst nur genau auf meine Zeichen achten!"
Die Leinen werden durchgeholt und an der Schleppöse der Traktoren befestigt.
Beide sitzen stramm, nachdem Willi ein paar Mal hin und her gerannt ist und an der Feinabstimmung gearbeitet hat. Er ist ganz außer Atem, aber das Konzert kann beginnen.
Sein Dirigentenpult ist eine kleine Erhebung neben dem Haus, von der er einen guten Blick auf beiden Traktoren hat. Die beiden Männer auf ihren Fahrzeugen können sich jedoch nicht sehen; nur auf ihn kommt es an, wenn die Aktion gelingen soll!
Erst will er rufen und ihnen sagen, was sie machen sollen, aber gegen den Lärm der Motoren kommt er nicht an.
So haben sie feste Zeichen verabredet.
Hedwig steht als "Allerhandmann" parat und soll eingreifen, wenn es Probleme gibt.
Zuerst sieht es nicht so aus, als sollte die Aktion gelingen.
Die Wand wehrt sich noch, gibt jedoch kreischend auf. Holz splittert an den wenigen Verbindungen, die Willi noch nicht gelöst hatte.
Die beiden Landwirte achten tatsächlich auf Willis Zeichen.
Mal zeigt er seine ganze Hand, mal nur ein oder zwei Finger.
Bald haben sie den Punkt erreicht, an dem nicht mehr an der Wand gezogen werden muss.
Die Leinenverbindung kann gelöst werden.
Der Fahrer des anderen Traktors ruft: "watt is denn nu mit mi?"
Einen Moment muss er sich gedulden und die Wand halten.
Willi hat einen flachen Anhänger besorgt, den sie geschickt so platzieren, dass die Wand anschließend fast von allein darauf ihren Platz findet, als der Traktor langsam Leine gibt.
"Das war der erste Streich".
Willi ist zufrieden.
Der eine Bauer guckt auf sein Handgelenk, als wäre da eine Uhr.
Nein, Zeit für eine Pause ist noch nicht.
Bei der zweiten Wand geht auch alles glatt, obwohl der eine Traktor etwas uneben steht.
Das Umsetzen des Balkens verzögert die Angelegenheit, aber alle packen mit an.
Bei der dritten Wand haben sie schon etwas Routine, aber sie arbeiten nachlässiger. Die beiden Landwirte achten nicht mehr so genau auf Willis Zeichen, sondern agieren eigenmächtig.
Bei der letzten Wand passiert dann ein Missgeschick. Der Traktor gibt viel zu schnell nach und donnernd kracht die Wand auf den Boden.
Wie gut, dass sie den Hänger noch nicht in Position gebracht haben, diese Belastung hätte er bestimmt nicht überstanden.
Nun sollen die Wände noch zum Haus am Watt transportiert werden, obwohl die beiden Bauern langsam Feierabend machen wollen.
Sie lassen sich aber mit einem weiteren Geldschein überreden, den Hedwig ihnen zusteckt.
Sie brauchen ziemlich lange; denn sie fahren einen Umweg. Schließlich wollen sie mit dem ungewöhnlichen Transport nicht den Verkehr auf der Hauptstraße behindern.
Es ist schon dunkel, als sie die Aktion erfolgreich abgeschlossen haben.
Die hölzernen Wände warten auf ihren neuen Einsatz.
Ulli schläft natürlich schon.
Adelheid liegt wieder in Hedwigs Bett, blinzelt nur kurz und flüstert dann: "da bist Du ja!
Ich hatte schon solche Sehnsucht, musste etwas von Dir spüren und riechen und liege schon wieder allein in Deinem Bett in Deinen Sachen!"
Das klingt ein wenig vorwurfsvoll, aber Hedwig ist müde, vollkommen kaputt und hat keine Lust auf eine Auseinandersetzung. Sie hofft, dass die viele Arbeit bald ein Ende hat.
Sie gibt ihr einen Kuss auf die Stirn und sagt "schlaf gut, mein Schatz!"
Adelheid rutscht wieder in ihre Ecke ganz an die Wand.
Mitten in der Nacht wird Hedwig wach.
Adelheid muss auch heute einen schlimmen Traum gehabt haben, ist schweißgebadet und redet immer wieder vom Höllenfeuer.
Hedwig beruhigt sie.
Das Bett ist so nass, dass sie dort nicht liegen bleiben können.
Sie gehen in Adelheids Bett und werden erst wach, als Willi sich draußen bemerkbar macht.
Er ist unerbittlich: "Aufstehen, raus aus den Federn!"
"Was war denn?"
Lange kann Hedwig nicht auf eine Antwort warten.
Sie wollen später reden.
Der Abriss der noch stehenden Teile gestaltet sich einfacher, aber staubiger.
Sie müssen nicht mehr darauf achten, dass etwas heil bleibt.
Am späten Nachmittag beschließen sie, Feierabend zu machen.
Sie haben einen provisorischen Kellerzugang geschaffen, den sie verschließen können.
"Mama!"
Ulli ist sichtlich froh, dass Hedwig früh zurück ist.
Im Spiegel sieht sie ihre grauen Haare. Zeit, erst einmal Staub und Dreck der letzten Tage zu beseitigen.
Als Hedwig sich wieder frisch fühlt, bezieht sie gleich noch die Betten neu.
Schade — ausgerechnet heute kommt Adelheid so spät.
"Leider hatten wir eine Dienstbesprechung", sagt sie entschuldigend.
Die beiden Frauen haben den Abend für sich. Ulli schläft zeitig und Magda ist irgendwo im Dorf unterwegs. Sie hat nicht gesagt, wen sie besuchen will.
Adelheid und Hedwig müssen sich erst wieder finden.
Sie streicheln sich sanft.
"Muskelmann!"
Bewundernd streichelt Adelheid Hedwigs Oberarme, dann den Bauch: "dünn bist Du geworden!".
Sie reden ein wenig.
Hedwig erzählt vom Abriss und Adelheid von ihrer Arbeit.
Sie sind sich wieder näher.
"Was hattest Du die letzten Nächte?"
Adelheid weiß es nicht.
"Schlecht geträumt!"
"Einfach so?"
"Ja, einfach so!"
Hedwig schaut ihr in die Augen.
Sieht sie eine unbestimmte Angst, oder ist es eine Anstrengung, sie sich als leichter Schatten in den Augen widerspiegeln und sich in den Gesichtszügen ein Zuhause suchen?
"Du hast wirklich nichts?"
"Nein, nur manchmal leichte Unterleibsschmerzen!"
Sie gibt sich einen Ruck, aber ihr Lachen klingt künstlich, "vielleicht brauche ich einfach mal wieder"¦".
Sie klettert auf Hedwig, rutscht ganz nach oben und will sich von ihr küssen lassen.
Das liebt Hedwig doch immer so.
Aber heute wendet sie sich ab, fast drängt sie sie beiseite.
"Ich glaube, ich bin zu müde, sei mir bitte nicht böse!"
Enttäuscht wendet Adelheid sich ab.
Beide sind traurig, streicheln sich aber noch ein wenig.
"Ich kann ihr doch nicht sagen, dass sie nicht gut riecht", ist Hedwigs letzter Gedanken, bevor sie einschläft.
Auch diese Nacht hat es in sich.
So kann es nicht weitergehen!
Adelheid wird wieder von schlimmen Träumen geplagt.
Als sie aufwacht, hält sie sich den Unterleib. Sie sagt, sie spürt ein Brennen in sich.
Hedwig bemüht sich, sie zu beruhigen, geleitet sie in das andere Bett.
"Bestimmt bekomme ich meine Tage", sagt Adelheid.
Hedwig holt ihr eine Unterhose und eine Binde.
Die Fundamente sind durchgetrocknet und belastbar.
Die Wände können aufgestellt werden.
Nun wird sich zeigen, ob die Berechnungen und Überlegungen stimmen und die Pläne umgesetzt werden können.
Sie arbeiten nur noch zu zweit.
Selten, dass Karl vorbeikommt und ihnen hilft.
Hedwig ist schon froh, wenn wer mal ins Watt geht und nach den Reusen schaut.
Es ist mühevoll, aber auch zwei Menschen können mit geeigneten Hilfsmitteln eine ganze Menge schaffen. Sie haben sich stabile Rundhölzer besorgt und Willi hat die Daumenkraft mitgebracht, mit die ihnen schon beim an Land ziehen des Kutters so gute Dienste geleistet hat.
Sie ächzen und stöhnen, sie schimpfen und machen sich selbst Mut, der ihnen neue Kräfte gibt.
Schließlich liegt die erste Wand an Ort und Stelle.
Allerdings liegt sie flach vor ihrem Einsatzort.
Wie sollen diese beiden armen Menschen die schwere Wand in die Höhe bekommen und dann noch fest verankern?
Willi hat wieder einen Plan.
Die ganze Ladefläche des LKW hat er vollgeladen; wer weiß, wo er das ganze Zeug her hat.
Zwar sieht es aus, als wäre er gerade zum Schrottplatz unterwegs, um die Sachen dorthin zu bringen, aber sie erweisen sich als äußerst nützlich.
Sie haben nun eine zweite Daumenkraft und können die beiden Geräte so in Position bringen, dass sie die Wand ein gutes Stück anheben können.
Sie arbeiten synchron an den beiden Kurbeln.
Die gewonnene Höhe sichern sie mit ein paar Kanthölzern, die sie unter die Wand packen.
Sie drehen die Kurbeln in die andere Richtung.
Die Wand liegt nun mit dem ganzen Gewicht auf den Kanthölzern.
Sie kurbeln die Daumenkräfte ganz zurück.
Nun können sie sie auf ein paar Steine und Kanthölzer stellen — und das Spiel beginnt von neuem.
Wieder gewinnen sie ein gutes Stück an Höhe und müssen den Stapel, auf dem die Wand ruhen soll, wieder erhöhen.
Hedwig wundert sich, dass oben an der hölzernen Wand wieder ein Querbalken angebracht ist, an dem sich eine Öse für ein Tau befindet.
Fast hätte Willi vergessen, das Tau dort zu befestigen.
Die Wand ist schon so hoch, dass er auf eine Leiter klettern muss, um das nachzuholen.
Einen merkwürdigen Apparat wirft er sich über die Schulter, der besteht auf einem Seil und vielen Rollen. "Ein Flaschenzug ist das", erklärt er, "der wird uns beim letzten Stück helfen!"
Der Schweiß tropft ihnen von der Stirn, so müssen sie sich ins Zeug legen.
Sie haben knapp genug Zeit für eine Mahlzeit. Mit dreckigen fingern essen sie die Schinkenbrote, die Magda ihnen nach draußen bringt.
Viel früher als sonst hört Hedwig das Geklapper vom Schutzblech, das sie schon lange anschrauben wollte. Adelheid ist aber früh heute. Ob sie mit anpacken kann?
Sie schiebt das Fahrrad. Bestimmt ist die Kette abgesprungen und hat sich verklemmt, sodass sie die nicht wieder auf das Kettenrad bekommen hat.
Nein, das ist es nicht; die Kette sieht genau so aus wie es sein soll. Das sieht Hedwig schon von weitem.
Ganz gebückt läuft Adelheid.
Sie lässt das Fahrrad fallen. Das ist sonst überhaupt nicht ihre Art; denn sie weiß, wie wichtig das Fahrrad für sie ist.
Sie schleppt sich ins Haus, sieht aus wie eine alte Frau, der jeder Schritt Schmerzen verursacht.
"Adel", begrüßt Ulli sie, aber sie kann nicht antworten, will nur noch aufs Bett.
Die letzten Meter muss sie kriechen.
Hedwig hat mitbekommen, dass es Adelheid so schlecht geht.
Für einen Moment muss sie Willi alleine lassen, geht ins Haus.
Adelheid ist kreidebleich, krümmt sich vor Schmerzen und stöhnt: "so schlimm war es noch nie, wenn ich meine Tage bekommen habe!"
"Da muss ein Arzt her", ist Hedwig sich sicher.
Sie läuft hinunter zum Fährcafé; denn die haben ein Telefon.
Sie rufen den Arzt an, der verspricht, abends vorbeizuschauen.
Eigentlich kann die Arbeit an der Hauswand schlecht unterbrochen werden; aber Willi sieht ein: sie müssen pausieren, bis geklärt ist, was mit Adelheid ist.
Er sichert die Wand so gut es geht.
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