MichiWell hat geschrieben: Mi 30. Nov 2022, 22:22
Was mir an der aktuellen öffentlichen "Diskussion" über die Angemessenheit von Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie ganz erheblich aufstößt:
- Die Tatsache, dass wir im Grundsatz eine Demokratie sind, und daraus resultierend das Ganze im Nachhinein auch aufgearbeitet wird, versuchen gewisse Kreise mit viel Energie in ihren "Sieg über die Diktatur" umzudeuten.
- Es wird wieder nur über Maßnahmen "geredet", die im Rückblick betrachtet als zu einschränkend angesehen werden. Es wird unhinterfragt darauf verwiesen, dass andere Länder bei diesen Maßnahmen weniger streng waren, was i.d.R. nur die halbe Wahrheit ist. Es wird nämlich nicht mal ansatzweise der Versuch unternommen, zu konkret betrachten, wie die Situation in anderen Ländern war, die zu den weniger strengen Maßnahmen geführt hat (sofern das überhaupt zutrifft, und nicht nur behauptet wird).)
- Niemand ist bereit, auch nur einen Augenblick über Maßnahmen nachzudenken, die zu spät kamen, zu lasch waren, oder gar ganz unterlassen wurden. In dieser Hinsicht fehlt jegliche Kritik und der Wunsch zur Aufarbeitung.
Zu deinem Punkt 2: Dass ich beispielsweise gerne mit Dänemark vergleiche liegt überwiegend daran, dass die Demographie sehr vergleichbar ist - Nordeuropäischer Lebensstil, ähnliche nutzung von Wohnverhältnissen, ähnliche Mischung von Völkern, gröste Teile der Bevölkerung in größeren Städten - und insbesondere weil es kaum ein Staat gibt, wo die Situation so akribisch überwacht und dokumentiert wurde wie da. Die Statistiken von da lassen also nicht viel Raum für Dunkelziffern. Die Zahlenwerte waren nur logischerweise andere. Inzidenzwert meistens mega-viel höher - es wurde auch extrem viel getestet. Ich wurde in der Zeit wo ein durchschnittlicher Däne schon offiziell 15 getestet wurde vielleicht 2 oder 3x in einem offiziellen Testcenter getestet. Und auch nur weil es für die Reisefreiheit erforderlich war. Soweit ich überhaupt reisen durfte.
Ob nun strengere Maßnahmen oder nicht, die Maßnahmen waren andere. Interessant sind aber die Schwankungen. Wenn man in zwei verschiedenen Ländern die gleiche Schwankung sieht, wie zur zeit wo die Ausgangssperren eingeführt wurden erst mal eine Steigerung in den Ansteckungszahlen, dann ein Abwärtstrend, lohnt sich der Vergleich.
Es ist nämlich komplett verlogen, die Ausgangssperre mit "da sieht ihr, die Ansteckungszahlen sind gefallen", wenn im Nachbarland, wo man nicht mal davon träumt eine Ausgangssperre zu verhängen, die Ansteckungszahlen im gleichen Takt fallen.
Das sind Dinge, die offensichtlich sind. Jeder kann sich auf die entsprechenden Behördenwebsites einloggen und die Zahlen vergleichen. Also muss man auch davon ausgehen, dass die verantwortlichen Politiker das auch getan haben - oder tun lassen - es sei denn, sie wollten es mit Absicht ausser Acht lassen.
Das hat also nichts mit subjektive Bevertungen, ob die Maßnahmen da weniger hart seien als da. Das hat mit Beobachtung von der Wirkung einzelner Maßnahmen zu tun.
Aber korrekt, notwendige Maßnahmen wurden unterlassen: Dazu eine interessante Aussage von Karl Lauterbach in der Maibritt Illner Talkshow 2. Dezemberwoche 2020. Auch wenn er damals noch nicht Minister war, war sein Einfluss unverkennbar. Er sagte ser sehen keinen Grund besondere Maßnahmen zum Schutz der Pflegeheime - Private Initiativen hatten ja bewiesen, dass dies Todesfälle stark reduzieren könne - aber neid, "... dies hat keine Priorität, da es keine nennenswerte Wirkung auf den R-Wert haben wird ...", war die konkrete Aussage.
Also Logik für Anfänger*innen: Da die Pflegeheimbewohner eh geschwächt sind und bei einer COVID-19 Erkrankung sehr häufg sterben, werden sie kaum Gelegenheit andere anzustecken. Fast alle COVID-19 Infizierte, die gestorben sind, waren ja über 60 und in Durchschnitt 82,5.
Das sind nur zwei Beispiele. Es gibt viele andere. Faktum ist, dass die Verantwortlichen schlicht und ergreifend nicht bereit waren jegliche Diskussion über die Zweckmäßigkeit weder der eingeführten noch eventueller unterlassener Maßnahmen zu führen. Vielmehr wurde allerlei direkt im Bundeskanzleramt einfahch beschlossen ohne vorausgehende Debatte im Bundestag, und auch ohne wissenschaftliche Begründung. Egal wie man die einzelnen Maßnahmen im Nachhinein bewertet oder damals hätte bewerten können, ist es ein Faktum, dass es so Abging.
Und jetzt haben wir ein Gesundheitsministerium, das eigentlich aufarbeiten sollte, welche Maßnahmen welche Wirkung gehabt hat - waren sie zielführend, nutzlos oder gar kontraproduktiv? Und wird das zügig gemacht? Eher nicht.
Es ist also nicht, dass es an harten Fakten in der Diskussion mangelt. Die werden aber nach wie vor von den gleichen Leuten schlichthin ignoriert.