Re: Ostwind
Verfasst: Fr 3. Feb 2017, 12:15
Es hat sich gelohnt, dass Hedwig die Reusen geflickt hat.
Sie macht einen guten Fang — und zusammen mit den Aalen aus den Ofenrohren hat sie so viele Fische zusammen, dass sie das Räuchern in Angriff nehmen kann.
Sie ist so richtig in ihrem Element.
Säuberlich hat sie alles vorbereitet.
Die erste Lage kann sie schon aus dem Ofen nehmen und zum Abkühlen an das Gestell hängen, das sie sich aus zwei Böcken und zwei stabilen Latten zusammengefügt hat.
Sie wundert sich; da kommt jemand in Uniform. Merkwürdiger Weise schiebt der Mann einen Karren. Hedwig ist neugierig, hat aber auch ein wenig Angst. Es wird doch wohl keiner kommen und ihre Ware beschlagnahmen?
Als die Person sich nähert, kommt sie aus dem Staunen nicht heraus und ruft: "Wie siehst Du den aus?"
Es ist doch tatsächlich Willi, der sie besucht. Nun sieht sie auch, was in der großen Papiertasche war, die sie bei Plünnenheinrich für ihn abholen sollte.
Willi hat eine Art Kapitänsuniform an und sich dazu eine Schiffermütze aufgesetzt.
Auf seinen Wagen hat er mit großen Lettern "Käpt"™n Willis Strandladen" geschrieben.
Nur: Glück hat es ihm nicht gebracht; vieles von seinen eingekauften Waren liegt noch unbenutzt auf dem Karren.
"Kaum habe ich den Gewerbeschein"¦", will Willi sich beklagen.
"Das liegt nicht an der Genehmigung", kann Hedwig ihn beruhigen, "die Saison ist zu Ende — das erzählen sich jedenfalls die Leute!"
Stimmt — auch Willi musste feststellen, dass der Strand nicht mehr so gut besucht wird wie in den Wochen zuvor.
Was nun?
Das ergibt sich fast von alleine.
Der Duft von frischem Räucherfisch zieht durch das ganze Dorf und lockt Kundschaft an.
Irgendwie hat fast jeder vom Sommer mit den Feriengästen profitiert — die einen mehr und die anderen weniger. Wer schon etwas hat und mehrere Zimmer zur Vermietung anbieten kann, ist fein raus, bekommt noch mehr als er schon hat; aber selbst für die Menschen in den einfachen Hütten gibt es ein kleines Zubrot. Wenn sie auch selbst nichts vermieten können, so ist ihre Arbeitskraft gefragt und sie erhalten eine Bezahlung dafür.
Sie sollten nur nicht verschwenderisch mit dem Geld umgehen; denn Herbst und Winter werden noch lang — und es gibt in dieser Zeit kaum Aussicht auf Einkommen.
Nun sitzen Groschen und Markstücke locker.
Zum Räucherfisch kaufen sie sich Getränke von Willis Karren — und die Kinder bekommen ein paar Groschen in die Hand gedrückt für Süßigkeiten.
Es ist eine muntere Gesellschaft.
Geschnatter und Geplauder werden nur für einen Moment unterbrochen, als das Heimleiterpaar kommt. "Auch einen Fisch?" kann Hedwig ihnen nur nachrufen; denn sie verschwinden schnell im Haus.
Nein, sie wollen keinen Fisch.
"Das könnten wir öfter machen!" Abends ist Willi zufrieden, denn er ist fast ausverkauft.
Auch Hedwig hat ein gutes Geschäft gemacht.
Die restliche Ware will sie dem Kaufmann verkaufen; aber der lehnt ab: "die Einheimischen haben schon direkt bei Dir gekauft — und Feriengäste sind nur noch wenige da".
Etwas unzufrieden geht Hedwig heim.
Der Laufbursche der kleinen Pension kommt und fragt, ob es denn noch frische Fische gäbe; denn für den Abend werden Menschen vom Festland erwartet, die über eine bauliche Erweiterung des kleinen Gebäudes verhandeln wollen. Die sollen gut eingestimmt werden!
Da der Laufbursche nicht genau weiß, was gewünscht wird, geht Hedwig mit ihm mit.
Natürlich hat sie noch eine Reserve; denn sie hat nicht den ganzen Fang zum Räuchern vorgesehen.
Die Chefin ist gerade im Haus unterwegs "Zimmer machen", wie ihre Tochter sagt.
Hedwig soll selbst einmal schauen, wo sie steckt.
Sie findet sie nicht gleich, kann aber einen Blick in die Zimmer werfen, deren Türen offen stehen.
Gemütlich sehen die kleinen Räume aus. Hedwig kann sich gleich Ideen für ihre eigene Kammer, die sie vermietet, abgucken.
Es gibt auf der Etage sogar ein Badezimmer.
Dort findet sie die Chefin.
So etwas hat Hedwig noch nie gesehen: dort gibt es nicht nur eine Toilette, wie sie bei ihnen im Haus auch vorhanden ist, sondern auch eine Badewanne. Schneeweiß ist die und steht auf Füßen aus Metall.
Es gibt einen Wasserhahn mit einem blauen Rädchen und einem roten — und so ein Ding, das fast wie der Telefonhörer aussieht, den sie beim Kaufmann an der Wand hängen sah.
Die Frau nimmt das Ding in die Hand und dreht am blauen Rädchen.
Hedwig erschrickt fast, als die Frau mit dem Ding hartem Strahl die Reste vom Putzmittel wegspült.
"Da ist ja die Kleine vom Haus am Watt!"
Die Frau betrachtet sie ein wenig skeptisch von oben bis unten.
"Du könntest auch ein Kerl sein, wie Du da so stehst, kaum Arsch und keine Tittchen! Du machst übrigens den Türrahmen ganz schief!"
Schnell nimmt Hedwig etwas Abstand und stellt sich gerade hin. Sie ärgert sich ein wenig über die Worte der Frau. Bei Licht betrachtet hat sie durchaus Recht. Aber steht ihr so ein Schnack zu?
Die Frau lacht. "Nein, das war nur Spaß!"
Aber nur der bloßen Unterhaltung wegen sind sie nicht zusammengekommen, sie wollen Geschäfte machen.
"Was kannst Du uns anbieten — wir haben eine Gesellschaft von 10 Leuten?"
Hedwig zählt es auf.
"Alles frisch?"
"Ja, natürlich alles frisch!"
"Ich will mich nicht blamieren".
"Mit meiner Ware hat sich noch nie jemand blamiert!"
Ein wenig heftig kommt das aus Hedwig heraus.
"Nun trag"˜ mal den Kopf nicht zu hoch, Mädel!"
Aber die Frau ist auf Hedwigs Ware angewiesen. Sie soll sie holen und gleich wiederkommen.
Hedwig geht los und kommt mit dem großen Fischkorb, den sie auf eine Schubkarre gestellt hat.
Die beiden Frauen verhandeln hart, aber letztendlich sind beide zufrieden.
Hedwig steckt das Geld ein und verabschiedet sich.
"Bis bald", ruft ihr die Kundin nach.
Das klingt verheißungsvoll.
"Bis bald" wäre gut; denn Hedwig kann ihre Blechdose gut mit Geldstücken füttern.
Sie denkt wieder an die beiden Ringe, die sie kaufen will.
"Oder ist das albern?" fragt sie sich.
Sie macht einen guten Fang — und zusammen mit den Aalen aus den Ofenrohren hat sie so viele Fische zusammen, dass sie das Räuchern in Angriff nehmen kann.
Sie ist so richtig in ihrem Element.
Säuberlich hat sie alles vorbereitet.
Die erste Lage kann sie schon aus dem Ofen nehmen und zum Abkühlen an das Gestell hängen, das sie sich aus zwei Böcken und zwei stabilen Latten zusammengefügt hat.
Sie wundert sich; da kommt jemand in Uniform. Merkwürdiger Weise schiebt der Mann einen Karren. Hedwig ist neugierig, hat aber auch ein wenig Angst. Es wird doch wohl keiner kommen und ihre Ware beschlagnahmen?
Als die Person sich nähert, kommt sie aus dem Staunen nicht heraus und ruft: "Wie siehst Du den aus?"
Es ist doch tatsächlich Willi, der sie besucht. Nun sieht sie auch, was in der großen Papiertasche war, die sie bei Plünnenheinrich für ihn abholen sollte.
Willi hat eine Art Kapitänsuniform an und sich dazu eine Schiffermütze aufgesetzt.
Auf seinen Wagen hat er mit großen Lettern "Käpt"™n Willis Strandladen" geschrieben.
Nur: Glück hat es ihm nicht gebracht; vieles von seinen eingekauften Waren liegt noch unbenutzt auf dem Karren.
"Kaum habe ich den Gewerbeschein"¦", will Willi sich beklagen.
"Das liegt nicht an der Genehmigung", kann Hedwig ihn beruhigen, "die Saison ist zu Ende — das erzählen sich jedenfalls die Leute!"
Stimmt — auch Willi musste feststellen, dass der Strand nicht mehr so gut besucht wird wie in den Wochen zuvor.
Was nun?
Das ergibt sich fast von alleine.
Der Duft von frischem Räucherfisch zieht durch das ganze Dorf und lockt Kundschaft an.
Irgendwie hat fast jeder vom Sommer mit den Feriengästen profitiert — die einen mehr und die anderen weniger. Wer schon etwas hat und mehrere Zimmer zur Vermietung anbieten kann, ist fein raus, bekommt noch mehr als er schon hat; aber selbst für die Menschen in den einfachen Hütten gibt es ein kleines Zubrot. Wenn sie auch selbst nichts vermieten können, so ist ihre Arbeitskraft gefragt und sie erhalten eine Bezahlung dafür.
Sie sollten nur nicht verschwenderisch mit dem Geld umgehen; denn Herbst und Winter werden noch lang — und es gibt in dieser Zeit kaum Aussicht auf Einkommen.
Nun sitzen Groschen und Markstücke locker.
Zum Räucherfisch kaufen sie sich Getränke von Willis Karren — und die Kinder bekommen ein paar Groschen in die Hand gedrückt für Süßigkeiten.
Es ist eine muntere Gesellschaft.
Geschnatter und Geplauder werden nur für einen Moment unterbrochen, als das Heimleiterpaar kommt. "Auch einen Fisch?" kann Hedwig ihnen nur nachrufen; denn sie verschwinden schnell im Haus.
Nein, sie wollen keinen Fisch.
"Das könnten wir öfter machen!" Abends ist Willi zufrieden, denn er ist fast ausverkauft.
Auch Hedwig hat ein gutes Geschäft gemacht.
Die restliche Ware will sie dem Kaufmann verkaufen; aber der lehnt ab: "die Einheimischen haben schon direkt bei Dir gekauft — und Feriengäste sind nur noch wenige da".
Etwas unzufrieden geht Hedwig heim.
Der Laufbursche der kleinen Pension kommt und fragt, ob es denn noch frische Fische gäbe; denn für den Abend werden Menschen vom Festland erwartet, die über eine bauliche Erweiterung des kleinen Gebäudes verhandeln wollen. Die sollen gut eingestimmt werden!
Da der Laufbursche nicht genau weiß, was gewünscht wird, geht Hedwig mit ihm mit.
Natürlich hat sie noch eine Reserve; denn sie hat nicht den ganzen Fang zum Räuchern vorgesehen.
Die Chefin ist gerade im Haus unterwegs "Zimmer machen", wie ihre Tochter sagt.
Hedwig soll selbst einmal schauen, wo sie steckt.
Sie findet sie nicht gleich, kann aber einen Blick in die Zimmer werfen, deren Türen offen stehen.
Gemütlich sehen die kleinen Räume aus. Hedwig kann sich gleich Ideen für ihre eigene Kammer, die sie vermietet, abgucken.
Es gibt auf der Etage sogar ein Badezimmer.
Dort findet sie die Chefin.
So etwas hat Hedwig noch nie gesehen: dort gibt es nicht nur eine Toilette, wie sie bei ihnen im Haus auch vorhanden ist, sondern auch eine Badewanne. Schneeweiß ist die und steht auf Füßen aus Metall.
Es gibt einen Wasserhahn mit einem blauen Rädchen und einem roten — und so ein Ding, das fast wie der Telefonhörer aussieht, den sie beim Kaufmann an der Wand hängen sah.
Die Frau nimmt das Ding in die Hand und dreht am blauen Rädchen.
Hedwig erschrickt fast, als die Frau mit dem Ding hartem Strahl die Reste vom Putzmittel wegspült.
"Da ist ja die Kleine vom Haus am Watt!"
Die Frau betrachtet sie ein wenig skeptisch von oben bis unten.
"Du könntest auch ein Kerl sein, wie Du da so stehst, kaum Arsch und keine Tittchen! Du machst übrigens den Türrahmen ganz schief!"
Schnell nimmt Hedwig etwas Abstand und stellt sich gerade hin. Sie ärgert sich ein wenig über die Worte der Frau. Bei Licht betrachtet hat sie durchaus Recht. Aber steht ihr so ein Schnack zu?
Die Frau lacht. "Nein, das war nur Spaß!"
Aber nur der bloßen Unterhaltung wegen sind sie nicht zusammengekommen, sie wollen Geschäfte machen.
"Was kannst Du uns anbieten — wir haben eine Gesellschaft von 10 Leuten?"
Hedwig zählt es auf.
"Alles frisch?"
"Ja, natürlich alles frisch!"
"Ich will mich nicht blamieren".
"Mit meiner Ware hat sich noch nie jemand blamiert!"
Ein wenig heftig kommt das aus Hedwig heraus.
"Nun trag"˜ mal den Kopf nicht zu hoch, Mädel!"
Aber die Frau ist auf Hedwigs Ware angewiesen. Sie soll sie holen und gleich wiederkommen.
Hedwig geht los und kommt mit dem großen Fischkorb, den sie auf eine Schubkarre gestellt hat.
Die beiden Frauen verhandeln hart, aber letztendlich sind beide zufrieden.
Hedwig steckt das Geld ein und verabschiedet sich.
"Bis bald", ruft ihr die Kundin nach.
Das klingt verheißungsvoll.
"Bis bald" wäre gut; denn Hedwig kann ihre Blechdose gut mit Geldstücken füttern.
Sie denkt wieder an die beiden Ringe, die sie kaufen will.
"Oder ist das albern?" fragt sie sich.