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Re: Ostwind

Verfasst: Fr 3. Feb 2017, 12:15
von Anne-Mette
Es hat sich gelohnt, dass Hedwig die Reusen geflickt hat.
Sie macht einen guten Fang — und zusammen mit den Aalen aus den Ofenrohren hat sie so viele Fische zusammen, dass sie das Räuchern in Angriff nehmen kann.
Sie ist so richtig in ihrem Element.
Säuberlich hat sie alles vorbereitet.
Die erste Lage kann sie schon aus dem Ofen nehmen und zum Abkühlen an das Gestell hängen, das sie sich aus zwei Böcken und zwei stabilen Latten zusammengefügt hat.
Sie wundert sich; da kommt jemand in Uniform. Merkwürdiger Weise schiebt der Mann einen Karren. Hedwig ist neugierig, hat aber auch ein wenig Angst. Es wird doch wohl keiner kommen und ihre Ware beschlagnahmen?
Als die Person sich nähert, kommt sie aus dem Staunen nicht heraus und ruft: "Wie siehst Du den aus?"
Es ist doch tatsächlich Willi, der sie besucht. Nun sieht sie auch, was in der großen Papiertasche war, die sie bei Plünnenheinrich für ihn abholen sollte.
Willi hat eine Art Kapitänsuniform an und sich dazu eine Schiffermütze aufgesetzt.
Auf seinen Wagen hat er mit großen Lettern "Käpt"™n Willis Strandladen" geschrieben.
Nur: Glück hat es ihm nicht gebracht; vieles von seinen eingekauften Waren liegt noch unbenutzt auf dem Karren.
"Kaum habe ich den Gewerbeschein"¦", will Willi sich beklagen.
"Das liegt nicht an der Genehmigung", kann Hedwig ihn beruhigen, "die Saison ist zu Ende — das erzählen sich jedenfalls die Leute!"
Stimmt — auch Willi musste feststellen, dass der Strand nicht mehr so gut besucht wird wie in den Wochen zuvor.
Was nun?
Das ergibt sich fast von alleine.
Der Duft von frischem Räucherfisch zieht durch das ganze Dorf und lockt Kundschaft an.
Irgendwie hat fast jeder vom Sommer mit den Feriengästen profitiert — die einen mehr und die anderen weniger. Wer schon etwas hat und mehrere Zimmer zur Vermietung anbieten kann, ist fein raus, bekommt noch mehr als er schon hat; aber selbst für die Menschen in den einfachen Hütten gibt es ein kleines Zubrot. Wenn sie auch selbst nichts vermieten können, so ist ihre Arbeitskraft gefragt und sie erhalten eine Bezahlung dafür.
Sie sollten nur nicht verschwenderisch mit dem Geld umgehen; denn Herbst und Winter werden noch lang — und es gibt in dieser Zeit kaum Aussicht auf Einkommen.
Nun sitzen Groschen und Markstücke locker.
Zum Räucherfisch kaufen sie sich Getränke von Willis Karren — und die Kinder bekommen ein paar Groschen in die Hand gedrückt für Süßigkeiten.
Es ist eine muntere Gesellschaft.
Geschnatter und Geplauder werden nur für einen Moment unterbrochen, als das Heimleiterpaar kommt. "Auch einen Fisch?" kann Hedwig ihnen nur nachrufen; denn sie verschwinden schnell im Haus.
Nein, sie wollen keinen Fisch.
"Das könnten wir öfter machen!" Abends ist Willi zufrieden, denn er ist fast ausverkauft.
Auch Hedwig hat ein gutes Geschäft gemacht.
Die restliche Ware will sie dem Kaufmann verkaufen; aber der lehnt ab: "die Einheimischen haben schon direkt bei Dir gekauft — und Feriengäste sind nur noch wenige da".
Etwas unzufrieden geht Hedwig heim.

Der Laufbursche der kleinen Pension kommt und fragt, ob es denn noch frische Fische gäbe; denn für den Abend werden Menschen vom Festland erwartet, die über eine bauliche Erweiterung des kleinen Gebäudes verhandeln wollen. Die sollen gut eingestimmt werden!
Da der Laufbursche nicht genau weiß, was gewünscht wird, geht Hedwig mit ihm mit.
Natürlich hat sie noch eine Reserve; denn sie hat nicht den ganzen Fang zum Räuchern vorgesehen.

Die Chefin ist gerade im Haus unterwegs "Zimmer machen", wie ihre Tochter sagt.
Hedwig soll selbst einmal schauen, wo sie steckt.
Sie findet sie nicht gleich, kann aber einen Blick in die Zimmer werfen, deren Türen offen stehen.
Gemütlich sehen die kleinen Räume aus. Hedwig kann sich gleich Ideen für ihre eigene Kammer, die sie vermietet, abgucken.
Es gibt auf der Etage sogar ein Badezimmer.
Dort findet sie die Chefin.
So etwas hat Hedwig noch nie gesehen: dort gibt es nicht nur eine Toilette, wie sie bei ihnen im Haus auch vorhanden ist, sondern auch eine Badewanne. Schneeweiß ist die und steht auf Füßen aus Metall.
Es gibt einen Wasserhahn mit einem blauen Rädchen und einem roten — und so ein Ding, das fast wie der Telefonhörer aussieht, den sie beim Kaufmann an der Wand hängen sah.
Die Frau nimmt das Ding in die Hand und dreht am blauen Rädchen.
Hedwig erschrickt fast, als die Frau mit dem Ding hartem Strahl die Reste vom Putzmittel wegspült.
"Da ist ja die Kleine vom Haus am Watt!"
Die Frau betrachtet sie ein wenig skeptisch von oben bis unten.
"Du könntest auch ein Kerl sein, wie Du da so stehst, kaum Arsch und keine Tittchen! Du machst übrigens den Türrahmen ganz schief!"
Schnell nimmt Hedwig etwas Abstand und stellt sich gerade hin. Sie ärgert sich ein wenig über die Worte der Frau. Bei Licht betrachtet hat sie durchaus Recht. Aber steht ihr so ein Schnack zu?
Die Frau lacht. "Nein, das war nur Spaß!"
Aber nur der bloßen Unterhaltung wegen sind sie nicht zusammengekommen, sie wollen Geschäfte machen.
"Was kannst Du uns anbieten — wir haben eine Gesellschaft von 10 Leuten?"
Hedwig zählt es auf.
"Alles frisch?"
"Ja, natürlich alles frisch!"
"Ich will mich nicht blamieren".
"Mit meiner Ware hat sich noch nie jemand blamiert!"
Ein wenig heftig kommt das aus Hedwig heraus.
"Nun trag"˜ mal den Kopf nicht zu hoch, Mädel!"
Aber die Frau ist auf Hedwigs Ware angewiesen. Sie soll sie holen und gleich wiederkommen.
Hedwig geht los und kommt mit dem großen Fischkorb, den sie auf eine Schubkarre gestellt hat.
Die beiden Frauen verhandeln hart, aber letztendlich sind beide zufrieden.
Hedwig steckt das Geld ein und verabschiedet sich.
"Bis bald", ruft ihr die Kundin nach.
Das klingt verheißungsvoll.
"Bis bald" wäre gut; denn Hedwig kann ihre Blechdose gut mit Geldstücken füttern.
Sie denkt wieder an die beiden Ringe, die sie kaufen will.
"Oder ist das albern?" fragt sie sich.

Re: Ostwind

Verfasst: Fr 3. Feb 2017, 13:00
von Ulrike-Marisa
moin Anne-Mette,

... ist ja kaum auszuhalten, bis es mit der Geschichte weiter geht :wink: danke

Gruß, Ulrike-Marisa

Re: Ostwind

Verfasst: So 5. Feb 2017, 13:49
von Anne-Mette
Es ist zum Ende des Sommers noch einmal heiß geworden, fast schwül.
Vielleicht wird es noch ein Gewitter geben.
Hedwig würde eigentlich gern mit ihrem kleinen Boot hinausrudern und angeln; aber es ist schon Hochwasser und es lohnt sich bestimmt nicht.
Außerdem hat sie keine Würmer vorrätig.
Adelheid hat einen besseren Vorschlag: "wir könnten noch einmal schwimmen!"
Bald darauf toben die beiden Frauen im Wasser, das nicht so warm ist, wie sie es sich vorgestellt haben. Bald zeichnen sich ihre Brustwarzen deutlich ab und sie bibbern vor Kälte.
Ab und zu klatscht ihnen eine Welle ins Gesicht; denn der Ostwind bläst heftig in die kleine Bucht — und mit ihm kommen leider auch viele Quallen.
Unter der Pumpe im Freien spülen sie sich das Salzwasser von der Haut und aus den Haaren.
Adelheid hat Haarwaschmittel geholt, reichlich davon ausgeteilt - und sie haben sich von oben bis unten so eingeschäumt, dass sie kaum noch zu erkennen sind.
Hedwig muss an Ekke Nekkepenn denken, als sie Adelheid so erlebt.
Allerdings fehlt noch etwas Seetang im Haar.
Ulli hat Angst, als er sie sieht, fängt an zu weinen und streckt seine Arme aus, als er Magda entdeckt, die nur missbilligend den Kopf schütteln kann über so viel Übermut.
Sie nimmt ihn auf den Arm.
Die beiden Frauen haben sich gerade den Schaum abgespült und ein Handtuch umgebunden, da kommt das Heimleiter-Paar, huscht schnell vorbei und verschwindet in der Kammer.
Die Gewitterluft sorgt für eine knisternde Luft; die beiden Frauen sind ganz kribbelig und aufgeheizt. Sie haben sich gleich ihre Nachthemden angezogen und warten sehnsüchtig darauf, dass Ulli ins Bett geht.
Hedwig schlägt manchmal die Beine übereinander und drückt unter der Tischdecke die Oberschenkel fest zusammen.
Ein wohliges Gefühl, nicht nur die Gedanken sind frei, sondern auch ihre Gefühle!
Als Ulli selig in seinem Bettchen schlummert, fallen die beiden Frauen fast übereinander her.
Sie möchten ihr Glück hinausschreien, aber sie müssen sich Zurückhaltung auferlegen; denn die Gäste schlafen in der Kammer nebenan.
Jedenfalls ist von dort kein Ton zu hören.
Adelheid hat sich auf Hedwig gesetzt, rutscht ganz nach oben, um sich von ihr küssen zu lassen.
Hedwigs Zunge schmeckt leichten Salzgeschmack und sie denkt an das Schwimmen im Watt und an ihre Waschaktion unter der Wasserpumpe. Fast muss sie lachen. Adelheid hatte einen langen Bart aus Schaum.
Sie denkt aber auch an die Badewanne, die sie in der kleinen Pension gesehen hat.
Eine Badewanne im Haus — das wäre schön! Dann könnte sie mit ihrer Freundin baden!
"Was hast Du?"
Adelheid hat gemerkt, dass Hedwigs Spiel mit der Zunge etwas an Intensivität eingebüßt hat.
"Nichts" will Hedwig sagen, aber stattdessen schaltet sie ihre Gedanken aus und lässt sich ganz fallen. Adelheid bewegt sich wieder in einem ganz sachten Rhythmus. Gleichzeitig hat sich ihre Hand einen Weg zwischen Hedwigs Oberschenkel gebahnt und verrichtet als "kundige Hand" ihr Werk.
Bald darauf stöhnt Hedwig ihren Orgasmus in Adelheids füllige Oberschenkel, die ihren Kopf fest umklammern. Auch wenn sie etwas gesagt hätte — Hedwig hätte nichts hören können; die weiche Haut hält ihr die Ohren zu.
Erschöpft sinken die beiden Frauen auf ihre Kissen.
Adelheid muss besonders früh los, aber Hedwig kann noch ein wenig schlafen. Als sie sich zum Abschiedskuss niederbeugt, fummelt sie etwas an ihrem Hals.
Hedwig ist zu müde, um das richtig wahrzunehmen; sie ist noch wie betrunken vom nächtlichen Tun.

"Was hast Du denn da am Hals?"
Sie kann Magdas Frage erst beantworten, als sie in den Spiegel gesehen hat, der in der Küchenecke hängt. Ein silbernes Herz, das an einer dünnen Kette hängt, schmückt sie — und macht sie glücklich.
Dann ist die Idee mit den Ringen doch nicht so albern!
Hedwig steht in der Sparkasse, hat sich eingereiht in die Wartenden:
Als sie dran ist, entleert sie ihre Blechdose auf dem Tresen und sagt: "ich möchte etwas einzahlen!"
"KK" holt das Kassenbuch und trägt die Summe ein. Vorher hat er alles sorgfältig gezählt.
Da kommt Pfennig zu Pfennig, Groschen zu Groschen und Mark zu Mark — ganz wie es sich gehört.
Sogar ein paar kleine Scheine sind dabei.
Klaus riecht an ihnen, meint: "die können ihre Herkunft nicht verleugnen!"
Hedwig versteht nicht ganz, was er meint.
Er redet auch noch etwas von einer Überweisung, die eingetroffen ist.
"Du bist wohl reich, eine gute Partie - oder wirst es bestimmt mal", scherzt er.
Blöde Schnackerei!
Hedwig verabschiedet sich.
Fast hätte sie die Quittung vergessen.
Hein kommt mit stolzgeschwellter Brust.
"Das Kind ist da, das Kind ist da!"
Er ruft schon von weitem.
Er wächst fast über sich hinaus, als er erzählt: "Es ist alles in Ordnung, es ist ein richtiger Junge!"
Etwas abschätzig blickt er auf Ulli.
Das Kind sitzt auf seiner Spieldecke und spielt wieder mit den Wäscheklammern.
Viel Zeit hat Hein nicht; denn er muss noch auf"™s Amt und das Kind anmelden.
Außerdem wird er in der Firma einen ausgeben.
"Mechthild bleibt noch eine Woche in der Nordseeklinik", erzählt er ihnen noch, aber sagt nicht, dass sie sich über einen Besuch freuen würde.
Aber ist das nicht selbstverständlich?
Nein, das ist es leider nicht.
"Deine Verwandten können ruhig fortbleiben", hatte Mechthild ihm mit auf den Weg gegeben; aber da war sie noch ziemlich erschöpft von der schweren Geburt.

Die Flensburger sind inzwischen gekommen.
Sie wohnen bei Hein.
Die Schwiegermutter führt den Haushalt, was Hein nicht begeistert.
Überall ist sie zugange.
Selbst im Keller hat er weder Ruhe noch Entspannung. Wenn er sich mal dorthin zurückzieht, dann folgt spätestens zehn Minuten später sein Schwiegervater.
"Darf ich auch ein Bier?"
Den vollen Kasten hat er gleich entdeckt.
Ja, er darf auch ein Bier.
Sie versuchen eine Unterhaltung, aber Hein ist nicht bei der Sache.
Immerhin, Mechthilds Vater muss "leider" schon am nächsten Tag wieder abreisen.
Hein soll es recht sein; nur wie wird er die Schwiegermutter wieder los?
Andererseits: Mechthild wird bestimmt Unterstützung gebrauchen, wenn sie heim kommt.
Die Hebamme wird ihr zwar alles über den richtigen Umgang mit dem Baby erzählen, aber wie sich das in der Praxis gestaltet, ist eine ganz andere Sache.

Magda will in die Stadt.
Das passiert selten.
Sie legt sogar ihre Schürze ab und wartet darauf, dass Hedwig mit dem Wagen kommt, den sie von Hein leihen soll.
Wie oft hat sie geschimpft: "Hedwig, Du darfst nicht ohne Führerschein fahren!"
Doch nun nimmt sie gern in Anspruch, dass ihre Tochter so gut mit dem Auto klarkommt — auch ohne Führerschein.
Magda will etwas für Heins Baby kaufen.
Sie scheint Geld gespart zu haben; denn zielstrebig steuert sie auf den "Zeugladen" zu, als sie den kleinen Parkplatz am Bahnhof erreicht haben.
Hedwig hat es nicht ganz so eilig und bleibt etwas zurück.
Eine ganze Weile bleibt sie beim kleinen Schmuckladen stehen und drückt sich die Nase am Fenster platt. Ringe gibt es genug und Geld hat sie auch.
Wenn sie nur die Größe wüsste.
Sie lässt sich ein paar schlichte Ringe zeigen, bis sie sich bei einem sicher ist: der passt ihr und zu ihr.
Nun braucht sie noch einen für Adelheid. Die hat etwas dickere Finger.
"Dann hätte ich noch so einen Ring, etwas größer", äußert Hedwig schüchtern ihr Verlangen, aber den müsste ich umtauschen können, wenn er nicht passt.
"Ach für Ihren Verlobten", antwortet der Verkäufer, "aber eigentlich ist es üblich, dass der Mann die Ringe kauft!"
Hedwig ärgert sich und will den Laden schon verlassen, sagt dann aber schnell:
"der hat keine Zeit!".
Der Verkäufer will fort fahren: "wenn ein Mann schon keine Zeit hat, die Ringe zu kaufen"¦", aber die Chefin ist inzwischen gekommen und blickt ihn streng an.
Hedwig bezahlt und bekommt die beiden Schmuckstücke, die jeweils in einem kleinen Kästchen stecken.
Wie kleine Schatzkisten sehen sie aus.
Mit "vielen Dank für Ihren Einkauf, wir freuen uns selbstverständlich, wenn Sie auch die Eheringe bei uns kaufen" wird sie verabschiedet und mit "wo bleibst Du denn?" von Magda vor dem Zeugladen empfangen.
Sie hält große Papiertüten in den Händen, von denen sie zwei Hedwig in die Hand drückt, verbunden mit den Worten: "Du hättest mir ruhig helfen können etwas auszusuchen!"
Sie ist gerade richtig in Fahrt und fragt: "gibst Du etwas zu?"
Ein wenig Geld hat Hedwig noch, "ja, das mache ich!"
Am Nachmittag machen sie sich mit Heins Auto auf den Weg zur Klinik.
Es ist Besuchszeit und schon auf den Fluren ist viel los.
Kinder laufen durch den langen Gang und werden von der Schwester ermahnt: "Hier ist ein Krankenhaus und kein Spielplatz!"
Magda trägt stolz die Tüten mit den Sachen — und Hedwig hat Ulli auf dem Arm.
Als Magda die große und schwergängige Tür öffnet, weicht Hedwig zuerst ein Stück zurück, fast rutscht die Türklinke ihr aus der Hand.
Auch Ulli guckt etwas ängstlich, spielt nicht mehr mit ihrem Haar, wie er es gerade noch gemacht hat.
Hedwig muss an die schrecklichen Erlebnisse denken, die sie dem jungen Arzt zu verdanken hatte.
Auch schlägt ihr der Krankenhausgeruch auf dem Magen.
Sie klopfen an der Zimmertür und gehen hinein.
Hein und die Flensburger sind schon da.
Mechthilds Vater will sich langsam verabschieden, will mit dem nächsten Zug nach Hause fahren.
Das Zimmer ist auch mit Besuchern der anderen Frauen gut gefüllt.
So sieht Mechthild erst spät, wer alles gekommen ist.
Als sie Ulli sieht, schreit sie fast wie eine Furie: "raus mit dem Kind, raus - Kinder sind hier nicht erlaubt" - und gleich noch einmal: "raus mit diesem Kind!"
Flüsternd fügt sie hinzu: "und so ein Kind schon überhaupt nicht!"
"Beruhige Dich!"
Mechthilds Mutter streichelt ihre Tochter sanft.
Nachdenklich und entschuldigend schaut sie in die Runde.
"Es war doch ein wenig viel!"

Mechthilds Vater hat sich inzwischen die Jacke zugeknöpft, wieder aufgeknöpft und dann doch wieder zugeknöpft, obwohl er schwitzt. Nervosität und Spannung, die sich auf alle Anwesenden übertagen, liegen im Raum. Ulli fängt an zu quengeln.
Die Frau, die im Bett hinten in der Ecke liegt, flüstert ihrem Mann ins Ohr: "was ist denn da los?"
Hedwig hat kaum Worte; es ist, als hätte ihr jemand einen Schlag in den Magen versetzt.
"Ich fahre Dich zum Bahnhof", sagt sie nach einer Weile matt und verlässt das Zimmer, ohne sich noch einmal umzudrehen oder zu verabschieden.
Mechthilds Vater weiß, wer gemeint ist — und folgt ihr zum Parkplatz.
Wortlos fahren sie zum Bahnhof. Er hat nicht den Mut, etwas zu sagen.
Nach einigen Minuten setzt sie ihn am Vorplatz ab, wo er sich artig bedankt.

Hedwig fährt mit Ulli ins Süddorf.
Da hat sie von einem heidebewachsenen Hügel einen schönen Blick über das Watt.
Sie macht den Motor aus.
Es ist ganz stille, nur der Wind säuselt sanft um die Fahrerkabine. Sie hat das Fenster einen Spalt weit geöffnet.
Wie schön es hier ist!
Trotzdem kullern ihr Tränen über das Gesicht; erst jetzt wird ihr bewusst, was vorhin im Krankenhaus gesagt, ja, geschrien wurde.
Sie schaut auf Ulli und freut sich über ihr wohlgeratenes Kind.
Sie muss aber auch an die anderen Menschen denken.
"Du wirst es sicher nicht leicht haben, aber wer Dir Böses tut, bekommt es mit mir zu tun!"
Sie richtet sie auf und umklammert das Lenkrad mit festem Griff.
Vielleicht sollten wir irgendwo hingehen, wo uns keiner kennt, nur Du, Adelheid und ich!"
Aber als sie noch einmal über das Watt schaut, hat sie das Gefühl, dass sie von einem unsichtbaren Band gehalten wird, das sie nicht gehen lassen wird.


Weitere Geschichten:

... aus dem Berlin der 1970er: Elli: viewtopic.php?p=29160#p29160

Es begann mit einer Kanutour: https://www.crossdresser-forum.de/die-kanutour.html

Zirola: http://www.crossdresser-forum.de/zirola.html

Re: Ostwind

Verfasst: So 5. Feb 2017, 18:20
von Saskia.shewulf
Danke Anne Mette,

es bleibt spannend.ja dieses Band was sie festhält das gibts überall ................




LG Saskia (flo)

Re: Ostwind

Verfasst: Mo 6. Feb 2017, 08:17
von Ulrike-Marisa
Moin zusammen,

...die Geschichte bleibt spannend...
Ja das Band gibt es, kann ich bestätigen und frau/man merkt es erst, wenn nach dem Umzug in eine andere und ferne Region. Ich bin vor 38 Jahren fast 1000km weit weg gezogen aus den Bergen an die Küste; das war schon ein gewaltiger Unterschied - aber das ist lange her, mein persönlicher Migrationshintergrund. Heute lebe ich gerne hier und spüre das Band; ich bleibe.

Herzliche Grüße, Ulrike-Marisa ))):s

...heute lebe ich da, wo andere Urlaub machen... :wink:

Re: Ostwind

Verfasst: So 12. Feb 2017, 14:46
von Anne-Mette
Der Herbst ist über Nacht gekommen.
Sie frösteln sogar unter der Bettdecke — und das, obwohl Hedwig und Adelheid engumschlungen geschlafen haben.
Hedwig suchte sich einfach nur Geborgenheit an den weichen Brüsten ihrer Freundin.
Sie verstehen sich auch ohne Worte.
Gestern Abend konnte Hedwig nichts mehr sagen, suchte einfach nur ein Gefühl von Nähe und stillem Verständnis.
Sie hat gut geschlafen — ein Zeichen dafür, dass sie gefunden hat, was sie suchte.
Ein frischer Westwind hat die warme Luft der vergangenen Tage vertrieben.
"Dat gift Storm!"
Das ist ein Thema, über das Magda sprechen kann. Über den gestrigen Tag verliert sie kein Wort.
Hedwig muss sich beeilen.
Es sollte eigentlich fast Ebbe sein; aber in der Bucht steht viel Wasser.
Das wird eine nasse Angelegenheit.
Auch wenn es ungemütlich wird — sie muss ihre Reusen einholen und das Ruderboot an Land ziehen. Gut wäre es auch, dem Kutter, der am Mooring liegt, eine zweite Kette zu gönnen; denn ein Sturm lässt das behäbige Schiff zu einem Wildpferd werden, das sich mit aller Macht seiner Befestigung zu entledigen versucht.
Die eisenbeschlagenen Räder des Karrens mahlen sich durch den Wattboden und pladdern im Wasser.
Hedwig könnte eine Hilfe gebrauchen; denn sie hat heute Mühe mit dem schweren Gefährt.
Wie leicht wäre es, wenn Karl nun schieben oder ziehen würde!
Als der Wagen bis zur Achse im Wasser steht, geht sie ohne ihn weiter.
Die Befestigungsleinen der Reusen kappt sie einfach mit ihrem Messer. Die sind leicht zu ersetzen.
Gut, dass Willi das Messer kürzlich geschliffen hat: ein Schnitt — und die Leinen geben nach.
Immer wieder muss sie zum Wagen zurückgehen, um die Netze auf die Ladefläche zu legen.
Die Reusen sind gerettet; nun ist der Kutter dran.
Über die Mooring-Kette kann sie sich irgendwie an Bord hangeln.
Vorne im Schapp findet sie etliche Schäkel, ein Stück Kette und eine lange und stabile Leine.
"Wo steckt eigentlich Will?" fragt Hedwig sich.
Es scheint fast, als hätte er das Interesse an seinem Kutter verloren.
Die Leine belegt sie auf dem Poller; dann will sie wieder ins kühle Nass springen.
Das andere, sauber aufgeschossene Ende der Leine hat sie sich über die eine Schulter geworfen und die Kette über die andere.
Aus den Augenwinkeln sieht sie, dass weiter draußen im Watt etwas liegt oder steht, das dort bestimmt nicht hingehört.
Sie vermutet Strandgut, hat aber keine Zeit zu verlieren für Nebensächlichkeiten.
Das Wasser steigt Minute für Minute — der Tidenkalender wird auf den Kopf gestellt.
Es wird höchste Zeit, dass sie von Bord geht.
Trotzdem lässt ihr das Etwas keine Ruhe. Hat es sich bewegt?
Sie öffnet die Schiebluke der Kajüte und nimmt sich das Fernglas.
Mit zitternden Fingern stellt sie scharf.
Tatsächlich: draußen, fast an der Süßwasserquelle befindet sich jemand und winkt!
Nun muss es schnell gehen.
Hedwig verschließt die Luke und klettert über die Bordwand und lässt sich ins Wasser gleiten.
Kälte steigt in ihr hoch.
Irgendwie schafft sie es, wieder in Richtung Ufer zu gelangen.
Sogar ihren Karren gabelt sie unterwegs auf.
Das Wasser steht schon fast bis zur hölzernen Ladefläche.
Manchmal bleibt sie mit dem Gefährt stecken und sie muss ihn förmlich mit Gewalt wieder befreien.
Sie schimpft über die Wattwurmsucher, die tiefe Löcher im Boden hinterlassen.
Fast geht es über ihr Kräfte.
Aber zuletzt schiebt sie den Karren hoch auf den Strand.
Leine und Kette hat sie zusammengesteckt und lässt sie vorsichtig auslaufen, damit sich keine Kinken bilden.
Zusammen würden die fast bis zur Haustüre reichen, aber sie macht eine Schlaufe um die Speichen des Karrens und schäkelt die Enden zusammen.
Im Laufschritt geht sie zum Netzschuppen und holt sie sich die Riemen.
Eigentlich wäre es besser, sich Hilfe zu holen, aber es kommt auf jede Minute an.
Gleich darauf ist sie schon wieder im Wasser, das ihr schon nicht mehr so kalt vorkommt bei aller Anstrengung.
Der Wind ist stärker geworden.
Das Wasser strömt mit Macht in die Bucht.
Der arme Mensch, der draußen im Watt um sein Leben fürchtet!
Sie klettert über die flache Bordwand ihres treuen Kahns und holt den Anker ein.
Mit ruhigen, aber zügigen Schlägen rudert sie ihrem Ziel entgegen.
Die Riemen klappern in den viel zu großen Dollen, die von einem Rettungsboot stammen.
Immer wieder blickt sie über die Schulter und kontrolliert, ob sie die Richtung einhält.
Der Wind ist noch stärker geworden.
Manchmal hält er allerdings inne, nur um danach seine Kraft um so stärker zu zeigen.
Noch ist das recht nützlich; denn Hedwig hat ihn schräg von achtern — und er schiebt wie ein unsichtbarer Motor.
Aus dieser Perspektive sieht die Bucht wieder ganz anders aus.
Den Kutter hat sie schon weit hinter sich gelassen, ebenso die tiefen Priele.
Nun kommt der "Knust". Hier steht das Wasser noch nicht so hoch.
Manchmal muss sie kurz aussteigen und schieben, um ihrem Schlickrutscher zu helfen, eine besonders flache Stelle zu überwinden.
Sie ist ihrem Ziel sehr nahe.
"Hilfe, Hilfe!"
Nun ist es deutlich zu hören.
Die Stimme kennt sie.
Sie rudert langsamer, fast lässt sie das Boot durch das Wasser gleiten und nur vom Wind antreiben.
Mit kurzem Eintauchen des einen oder des anderen Riemen steuert sie.
"Bitte!" hört sie flehentlich.
Der Steven des Bootes rumst gegen den Steinhaufen, den jemand bei der Süßwasserquelle aufgeschichtet hat.
"Das ist Rettung in größter Not!"
"Am liebsten würde ich Dich absaufen lassen", will Hedwig entgegnen, aber ihr fällt ein:
"Not kennt kein Gebot!"
Sie muss helfen.
Die ole Hex steckt irgendwie fest, ist tief eingesunken und steht mittlerweile bis zur Brust im Wasser.
Selbst wenn sie sich selbst befreien könnte — ihr würde es nicht gelingen, zurück ans Ufer zu gelangen.
Hedwig dirigiert das Boot ganz dicht heran.
Die ole Hex kann sich an der Bordwand festhalten.
Hedwig geht auf ihre Seite, sodass das Boot auf der Seite ganz tief einsinkt.
Nach mehreren Versuchen kann die Hex ihren Oberkörper auf die Bordwand legen.
Hedwig geht auf die gegenüberliegende Seite — und das Boot richtet sich auf wie ein Korken, der unter Wasser festgehalten und dann losgelassen wird.
Sie haben Glück: die ole Hex wird dem Hindernis entrissen.
Ihre Füße, die eben noch tief im Morast steckten, werden plötzlich freigegeben.
Das kleine Boot schaukelt bedenklich, nimmt sogar etwas Wasser auf.
Fast wäre Hedwig bei der Aktion über Bord gegangen.

Hedwig stemmt sich mächtig in die Riemen. Die ole Hex hat hinten Platz genommen.
"Das war knapp", sagt sie nur.
"Was machst Du bei diesem Wetter hier?" fragt sie.
"Meine kleine Reuse wollte ich einholen und vor dem Sturm retten!"
Hedwig schwitzt und hat keine Zeit und keine Kraft für eine weitere Unterhaltung, obwohl sie einiges mit der olen Hex zu besprechen hätte.
Doch es ist nicht nur ein Gefühl: sie kommen dem Ufer nicht näher, mag Hedwig sich auch noch so anstrengen.
Ein Blick über die Schulter zeigt jedes Mal: sie sind nicht vorangekommen.
Der Wind ist einfach zu stark:
Hedwig stützt ihren Fuß am Querspant ab, um ihre ganze Kraft dem Vortrieb zu geben, aber es ist sinnlos.
Der Wind ist jetzt so stark, dass er seine Stimme erhebt; etliche Möwen schreien dagegen an.
Oder ist es ihr Gesang?
Hedwig muss an die Kirche denken, wo die Menschen gegen die Orgel gegenansingen (mache brummen oder schreien) und es nur selten schaffen.
Aber die Möwen haben es besser; sie sind nicht eingepfercht in Reihen mit Kirchenbänken, sondern tanzen frei im Wind und schreien ihm mutig entgegen: "Komm her! was willst Du? mehr Kraft hast Du nicht?"
Hedwig sieht, dass es für sie sinnlos ist, gegen den Sturm zu kämpfen.
Schließlich ist sie keine Möwe, die in den Lüften unterwegs ist und sich von ihnen tragen lässt.
Sie wendet das Boot.
Nun lassen sie sich vom Wind schieben, haben das Gefühl, er ist nicht mehr so stark.
"Du willst uns doch hoffentlich nicht zum Festland treiben lassen?"
Die ole Hex friert und klappert mit den Zähnen.
"Nein, das wäre zu gefährlich; ich will versuchen, den Anfang des Eisenbahndammes zu erreichen!"
Auch Hedwig friert in ihren nassen Sachen.
Längst haben sie den Schutz der Küste verlassen. Das kleine Boot schaukelt erbärmlich und nimmt Wasser über. Eine Weile schöpfen sie es mit dem alten Eimer, aber ihre Bemühungen lassen nach.
Fast ergeben sie sich in ihr Schicksal.
Eine besonders hohe Welle bringt das Boot fast zum Kentern und dreht es.
Ein Hoffnungsschimmer: Hedwig sieht die kleine Hütte, die auf dem letzten Ausläufer der Insel nach Osten hin steht. Die müssen sie erreichen!
Die Lebensgeister erwachen nur langsam.
Hedwig legt sich in die Riemen, sie WILL es schaffen!
Sie hören die Brandung und hoffen, dass eine Welle sie an Land trägt.
Dann hören sie Stimmen.
Ja — es stehen Leute am Ufer.
Was haben sie für ein Glück!
Bernsteinsammler wandern am Flutsaum entlang und hoffen auf reiche Beute, die ihnen der Wind bringt.
Das Boot wird von kräftigen Händen und Fäusten ergriffen und ans Ufer dirigiert.
Eine riesige Welle donnert heran, klatscht ins Boot und füllt halb mit Wasser. Das war knapp!"
Hedwig und die ole Hex werden zur Hütte geführt.
Sie hüllen sich in kratzige Wolldecken, die man ihnen gibt und setzen sich ans Feuer.
"Die sind noch von Adolf", meint die Hex entsetzt und dreht die Decke um.
Nein, das Kreuz hat sie zu oft gesehen in ihrem Leben.
Jemand ist losgelaufen zum Polizeiposten. Dort gibt es ein Telefon und man will beim Kaufmann im Ort anrufen, damit sie abgeholt werden.

Hedwig und die ole Hex sind eine Weile alleine.
Als Hedwig sich ein wenig erholt hat, möchte sie endlich fragen, was ihr auf der Seele liegt: "warum hast Du damals mit meiner Mutter gesprochen wegen Ulli, warum wolltest Du das Kind haben?"
Die ole Hex sagt eine ganze Weile nichts.
Dann knöpft sie sich wortlos die Bluse auf.
Sie braucht lange; denn sie hat immer noch steife Finger von der Kälte — und sie zittert.
Als sie das Unterhemd hochhebt, sieht Hedwig die leeren Brüste einer alten Frau.
Sie zieht die nassen Sachen ganz aus, auch ihren schweren Rock, der durch das Wasser noch schwerer geworden ist.
Sie wendet sich Hedwig zu und zeigt, wie sie zwischen den Beinen aussieht.
Schnell bedeckt sie sich wieder mit der Decke; denn im Flur sind Stimmen zu hören.
"Es kommt jemand, um euch abzuholen!"
Es dauert nicht lange — und Hein steht vor der Tür.

Re: Ostwind

Verfasst: So 12. Feb 2017, 16:34
von Simone 65
Hallo Anne-Mette. Du hörst auf, wenn richtig spannend wird. Aber auch so, ich werde an die Nordsee versetzt. Ich kann das Meer spüren. Ich bin an der Ostsee aufgewachsen und einige Jahre zur See gefahren. Ich kann immer noch das Meer riechen. Danke für die Geschichte. LG Simone

Re: Ostwind

Verfasst: Di 14. Feb 2017, 18:55
von Anne-Mette
Ja, er ist mit dem Firmen-LKW gekommen.
So können sie das Ruderboot gleich mitnehmen.
Hedwig ist ganz apathisch.
Sie muss daran denken, was im Krankenhaus vorgefallen ist, will eigentlich nichts mehr mit Hein zu tun haben.
"Nein", sagt sie nur, aber sanft wird sie in die Fahrerkabine gedrängt, sitzt neben der olen Hex, die immer noch in die Decke gehüllt ist.
Starke Fäuste heben das hölzerne Boot auf die Ladefläche.
Ein Mann klopft anerkennend auf die Planken: "braves Boot!"
Hein fährt los.

Hedwig will nur noch schlafen.
Adelheid ist ganz erschrocken.
"Schlimm siehst Du aus!"
Sie heizen den Ofen an; denn Hedwig zittert.
"Mein Karren!"
Adelheid kann Hedwig beruhigen.
Willi hat eine Mannschaft zusammengetrommelt, die sich um den Kutter und um den Netzkarren kümmert.
Die Männer gleichen in den schlimmsten Böen den Druck auf den Mooring aus, indem sie die Leine stramm ziehen.
Willi ist froh, dass Hedwig vor den schlimmsten Ausläufern des Sturmes so viel Verantwortung für den Kutter übernommen und alles vorbereitet hat.
Er hat noch mehr das Gefühl, sie ist sein ebenbürtiger Partner, dabei so jung.
Er denkt mit schlechtem Gewissen an den Eisenbügel, der im Beton steckt und den schweren Schäkel hält, der mit der Kette verbunden ist. Wann hat er alles das letzte Mal kontrolliert?
Lange ist das her!
In der Nacht hat die Kraft des Sturmes noch mehr zugenommen. Die Männer müssen ihre ganze Kraft einsetzen und stemmen sich fest in den Sand.
Fast ist es wie das Tauziehen beim großen Fest der Fischergilde.
Da haben sie gewonnen.
Ob sie auch den Sieg gegen den Sturm und seine Gewalt davontragen?

Die Leinen-Mannschaft wird mit heißen Getränken versorgt.
Da ist Hedwig längst eingeschlafen.
Sie träumt von einer Badewanne mit heißem Wasser.
Sie träumt aber auch von Menschen, die sich in ein Handtuch gewickelt haben, vor ihrer Badewanne auftauchen und sich plötzlich entblößen.
Seltsam, wie die alle aussehen.
Hedwig schläft drei Tage lang.
Sie hat hohes Fieber. Adelheid macht ihr Wadenwickel.
Der Arzt kommt.
Er macht ein besorgtes Gesicht.
Der Bürgermeister kommt auch, macht ein feierliches Gesicht, aber Hedwig bekommt von alledem nichts mit.
Als sie endlich aufwacht, sitzt Ulli auf der Bettkante, streichelt sie sanft.
"Mama".
Wie gut das Wort tut!
Hedwig steht auf.
Sie kommt sich vor, als würde sie im Watt laufen und hätte eine Stelle erwischt, die so weich ist, dass sie die Menschen verschluckt.
Dann kommt sie sich vor, als würde sie auf Kugeln laufen, kann ihre Schritte nicht mehr kontrollieren.
Sie kann sich nicht mehr halten und fällt auf den harten Fußboden.
Adelheid und Magda kommen.
"Was machst Du?"
Sie helfen ihr auf und geleiten sie zum Bett.
Später stützen sie sie, damit sie in die Küche gehen kann.
Eine heiße Suppe weckt die Lebensgeister.
Hedwig hat einen Bärenhunger.
Der Sturm hat nachgelassen.
Nachdem die notwendigsten Reparaturen erledigt sind, erholen sich die Menschen vom Kampf mit den Naturgewalten.
Hedwig braucht noch zwei Tage; dann kehren ihre Kräfte ganz langsam wieder zurück.
Sie darf allerdings nichts übertreiben.
Hein hat ihr Boot vor dem Haus abgestellt.
Es sollte eigentlich wieder ins Wasser, aber das muss noch warten.
Der Bürgermeister kommt noch einmal.
Er spricht von einer großartigen Rettungstat.
Zuerst versteht Hedwig nicht, was er damit meint.
Als sie ihn fragend anschaut, sagt er noch einmal: "Du hast Frau Andersen das Leben gerettet!"
"Quatsch", fällt Hedwig dazu nur ein, "das war doch selbstverständlich, dass ich der olen Hex geholfen habe!"
So ganz selbstverständlich war das nicht; sie muss an ihre Zweifel denken und ist froh, dass niemand davon weiß.
Hedwig bekommt einen Präsentkorb und soll in den nächsten Tagen eine Lebensretter-Urkunde erhalten.
"Davon werde ich auch nicht satt", denkt sie und ist froh, dass der Bürgermeister noch "dringende Geschäfte" hat und sich verabschiedet.

Karl kommt vorbei und erkundigt sich nach ihrem Befinden.
"Mir geht"™s gut — und es würde mir noch besser gehen, wenn Du mir etwas helfen könntest!"
Karl hat nicht viel Lust auf Watt und Fisch; denn er hat nun eine Freundin, die er nachher treffen möchte.
Da will er nicht nach Modder, Fisch und Brackwasser riechen!
Fast will er sich verabschieden, da fällt ihm doch noch ein, dass er Hedwig viel zu verdanken hat.
Er gibt sich einen Ruck:
"Ich komme mit — aber nicht so lange!"
Sie legen die Reusen wieder an den Stellen aus, an denen sie schon vor dem Sturm vertäut waren.
Gut, dass sie zu zweit sind; so kann Hedwig neue Befestigungsschnüre einziehen.
Die alten Schnüre hatte sie während des Sturms mit dem Messer gekappt.
In den Ofenrohren sind nur wenige Aale, aber sie teilen sich den Fang.
Karl muss los.
Hedwig hat immer mal wieder einen Blick hinaus zur Süßwasserquelle geworfen, aber die ole Hex ist nicht zu sehen.
Es ist noch früh, sie geht nicht direkt nach Haus, will einen kurzen Blick auf das "Hexenhaus" werfen.
Ob da alles in Ordnung ist?
Sie steht vor dem Baum und betrachtet das alte, etwas windschiefe Haus.
Eine Nachbarin kommt vorbei.
"Na, Du willst Dir wohl den Lohn für die Rettungstat abholen?"
Was für ein Unsinn!
"Ich wollte nur mal nach ihr sehen", entgegnet Hedwig. Sie ist ziemlich entrüstet. Wie kann die Frau nur so Schlechtes denken?"
"De Olsch is in"™t Krankenhus — dat ward wohl nix mehr mit de ole Hex!"

Hedwig geht die Angelegenheit nicht aus dem Kopf.
Sie leiht sich das Auto von Willi und fährt in die Klinik.
Beim Pförtner steht sie, will sich erst nach der "olen Hex" erkundigen, muss erst überlegen, sagt dann: "Frau Andersen will ich besuchen!"
"Welche?"
"Die "¦ die aus dem Mittendorf!"
"Zimmer 17!"
Sie will gerade an die Tür klopfen, da kommt eine Schwester.
Auch sie fragt: "wo willst Du hin?"
"Frau Andersen?" Bedauernd schüttelt die Schwester den Kopf.
"Die braucht noch äußerste Ruhe, sie darf noch keinen Besuch haben.
"¦nächste Woche vielleicht".
Enttäuscht wendet Hedwig sich ab.
"Warte mal!"
Hedwig bleibt stehen.
"Bist Du nicht die Nichte von Hein?"
Ja, das ist sie, zwar nicht so gerne, aber da durfte sich nicht mitreden.
"Die Frau ist schon längst wieder entlassen worden, hat aber etwas vergessen, das könntest Du ihr mitnehmen!"
Hedwig wartet einen Moment vor dem Schwesternzimmer.
Die Schwester kommt und gibt ihr eine Papiertüte, die ihr bekannt vorkommt.
Sie wirft einen Blick hinein.
Die Sachen, die sie für das Kind gekauft haben, liegen in der Tüte.
Eine zweite Schwester kommt.
"Was machst Du mit den Sachen?
Die Frau hat doch gesagt, sie brauchen die Sachen nicht, wir können sie behalten und jemandem geben, der sie nötig hat!"
Sie nimmt Hedwig die Tüte aus der Hand.

Re: Ostwind

Verfasst: Mi 15. Feb 2017, 20:32
von Anne-Mette
Hein fühlt sich wie ein Tiger im Käfig.
Er hat mal diese freiheitsliebenden Tiere gesehen, die in einem Zoo ausgestellt wurden.
Auf und ab, auf und ab gehen sie umher und traurig schauen sie durch die Gitterstäbe.
Hein blickt durch Gitter, die für andere Menschen nicht zu sehen sind.
Sie halten ihn trotzdem gefangen.

Der Stolz seiner ersten Vatertage ist verflogen, die Sause mit den Kollegen fast vergessen.
Dabei hat er es sich ordentlich was kosten lassen.
Alle haben ihn hochleben lassen; denn Vater wird man nicht alle Tage.
Nun hält ihn tagsüber der Arbeitsalltag gefangen. Er versucht zu funktionieren und seine Arbeit gut zu machen, aber ihm selbst geht es nicht gut.
Wann hat er das letzte Mal gelacht?
Seine Kollegen wollen ihn schon nicht mehr Hein, sondern Ernst nennen.

Wenn er nach Hause kommt, wird es nicht besser.
Das Kind schreit viel.
Die Schwiegermutter ist noch geblieben, will ihre Tochter unterstützen in der ersten Zeit.
Für Hein dauert die "erste Zeit" schon viel zu lange.
Er kann den beiden Frauen nichts recht machen.
Gesellt er sich zu ihnen in die Stube, fühlt er sich von den beiden Frauen ausgeschlossen.
Macht er sich ein Feierabendbier auf, muss er sich anhören: ""¦doch nicht vor dem Kind!"
Flieht Hein in den Keller, dann ist spätestens ein paar Minuten später seine Schwiegermutter unten, um ihn aufzufordern: "Du kannst auch mal ein wenig Interesse an Deinem Sohn zeigen!"
Das fällt ihm noch sehr schwer; denn entweder schläft das Kind, es wird gefüttert, oder es schreit.
Wie soll er da Interesse zeigen?
Auch wenn er sich bemüht und das Kind auf den Arm nimmt, dann ist es entweder zu früh oder zu spät — und wenn das Kind zu weinen anfängt, signalisiert der Gesichtsausdruck der beiden Frauen "siehste — da hast Du es mal wieder geschafft!"
Schnell bemühen sie sich um Abhilfe, sind mit neuen Windeln zur Stelle oder legen das Kind an Mechthilds Brust. Klar, dass das Kind da zufrieden ist!
Manchmal wirft Hein einen verstohlenen Blick und ist fast neidisch auf sein Kind.
Allerdings verfliegt das Gefühl recht schnell, wenn ihm der Geruch in die Nase steigt, den die reichlich nachtropfende Milch verursacht.
Mechthild hat sich merkwürdige Teile in den Büstenhalter gestopft, die ihn an gehäkelte Topflappen erinnern. Die hängen an der Leine über dem Ofen und leisten den zahlreichen Windeln Gesellschaft. Gibt es einen Raum im Haus, der nicht nach Windeln oder Milch riecht?

Hein macht Überstunden.
Er kommt immer später nach Hause.
Dann ist er so müde, dass er gleich ins Bett sinkt.
In der Nacht wird er oft geweckt. Entweder sind es die Dämonen, die sich in seine Träume hineingeschlichen haben - oder es ist das Kind, das wach wird, weil es gefüttert oder gewindelt werden muss.
Mechthild schaut ihn an, wenn das Kind an ihrer Brust liegt und meint: "Du hast es gut, kannst schlafen!"

Hein ist lange nicht im Keller gewesen.
Er verspürt einen richtigen Druck, sich zu erleichtern, aber jedes Mal, wenn er sich ein paar Minuten zurückzieht, dann schallt es durch"™s Haus: "Hein, kommst Du mal?"
Wenn er sich nicht gleich bemerkbar macht, kommt seine Schwiegermutter zu ihm in den Keller und macht ihm Vorhaltungen.
So kann es nicht weitergehen.
Ein paar Leute sollen auf Montage, sollen auf dem Festland eine Halle errichten.
Gutes Geld wird es geben.
Hein bietet sich an, aber der Chef braucht ihn hier — an Ort und Stelle.
Eine gute Gelegenheit verpasst, dem häuslichen Alltag zu entfliehen!
Was soll nun werden?
Eine wunderbare Fügung ergibt sich am nächsten Abend.
Die beiden Frauen haben den Tisch zum Abendbrot gedeckt.
Es gibt lecker Wurst und frischen Käse — und Räucherfisch.
Sogar ein Bierglas haben sie ihm hingestellt.
"Das hast Du Dir verdient zum Feierabend", meint seine Schwiegermutter und reicht ihm eine Flasche Bier. Die Geräusche in der Küche sollen sagen: "es muss nicht bei der einen Flasche bleiben!"
Die beiden Frauen sind ganz zahm heute Abend.
Mechthild legt ihm sogar das Kind in den Arm, als es zufrieden, gefüttert und mit frischen Windeln versehen ist.
"Siehst Du — es ist doch schön bei Papa!"
Die beiden Frauen zieren sich, aber Hein spürt: sie wollen etwas sagen, aber rücken nicht damit heraus.
"Noch ein Bier?"
Es wäre falsch, das Angebot abzulehnen. Wer weiß, wann sich wieder so eine Gelegenheit ergibt?
Hein hat fast das Gefühl, seine Schwiegermutter ist doch ganz nett — und mit Mechthild, das wird sich schon wieder zurechtlaufen.
"Wir haben uns gedacht"¦", reißen ihn die Frauen aus seinen Gedanken, "dass es ganz schön wäre, wenn Mechthild und das Baby ein paar Tage zu uns aufs Festland kommen!"
Irgendetwas hat Hein geahnt — aber das hat er nun wirklich nicht vermutet.
Seine Schwiegermutter fragt — und ihre Stimme klingt sanft, als hätte sie Kreide gefressen: "und da möchten wir Dich fragen und bitten"¦".
Hein möchte jubeln!
Seine zuletzt glanzlosen Augen beginnen zu leuchten, aber er will es ihnen nicht zu leicht machen.
Er spricht davon, dass es für Mechthild bestimmt zu anstrengend wäre, jetzt schon mit dem Zug zu reisen, dass ihre Eltern nicht genug Platz hätten, auch kein Kinderbett"¦
Die Frauen können jedoch alle Zweifel zerstreuen: "das ist alles kein Problem!"
Sie schmieren ihm ordentlich Honig um den Bart — und schließlich muss er zustimmen.
Er tut, als würde es ihm sehr schwer fallen.
Sanft schaukelt er das Kind in seinem Stubenwagen und murmelt: "aber ihr kommt bald wieder?"
"Natürlich kommen sie bald wieder", bekräftigt Mechthilds Mutter.
Wer wagt da zu widersprechen?
Sie wollen schon am nächsten Tag mit dem durchgehenden Frühzug fahren.
Hein soll aber unbedingt am Wochenende zu Besuch kommen.

Seine kleine Familie hat er pünktlich zum Zug gebracht.
Auf der Arbeit ist Hein nicht so richtig aufmerksam. Eine Falschlieferung kann er gerade noch dem Stift in die Schuhe schieben.
Er macht sich den ganzen Tag Gedanken, wie er seine familienfreie Zeit für sich nutzen will.
Die Entscheidung wird ihm abgenommen.
Als er nach dem Abendbrot die Füße hochlegt, klopft es an der Tür.
Es ist Magda.

Re: Ostwind

Verfasst: Mo 20. Feb 2017, 17:17
von Anne-Mette
Wie ausgehungert fallen sie übereinander her.
Während sie sich im Ehebett so nahe kommen wie es Hein mit Mechthild noch nie gelungen ist, fällt sein Blick auf den Stubenwagen und die kleine Bettdecke seines Kindes und er hält einen Moment inne.
"Was ist", fragt Magda, "willst Du mich nicht mehr?"
Doch, er mag und will noch und lässt sich wieder fallen ins weiche Bett seiner lang vermissten Gefühle und Sehnsüchte.
Es dauert nicht lange und seine Gedanken schweifen wieder ab.
"Kannst Du eigentlich nicht mehr schwanger werden?" fragt er schließlich.
Abrupt erstarrt Magda.
Nein, das kann ich nicht, sie ist zu alt.
Außerdem ist bei der Geburt von Hedwig etwas schief gelaufen, was weitere Schwangerschaften verhindert hat.
"Komplischikationen hat der Arzt es mit nachdenklichem Gesicht genannt, aber ich bin nicht böse drum, dass ich nicht noch mehr Kinder bekommen habe".
Irgendwie ist das schöne Gefühl vorbei.
Magda verlässt das Bett und zieht ihre Sachen an.
Eine Weile noch steht sie an der Tür, als wäre sie unentschlossen.
"Kommst Du wieder?"
"Mal sehen".
Hein bezieht das Bett neu. Obwohl er Mechthild so schnell nicht zurück erwartet und Magda vielleicht doch noch einmal kommt in den nächsten Tagen.

Hedwig ist ins Krankenhaus gefahren.
Es lässt ihr keine Ruhe - sie will heute noch einmal schauen, wie es der olen Hex geht.
"Ole Hex" will sie eigentlich nicht mehr sagen, aber "Frau Andersen" klingt irgendwie auch nicht richtig.
Etwas verbindet sie mit ihr — nicht nur, dass sie zusammen den Sturm überstanden haben, sondern auch das, was sie ihr gezeigt hat, als sie sich kurz vor ihr entblößte.
Wie oft musste sie daran denken!
Gern hätte sie mit jemandem darüber gesprochen, aber sie traut sich nicht.
Selbst Adelheid hat sie nichts erzählt.
"Hier liegt Frau Andersen nicht!"
Die diensthabende Schwester der Frauenstation gebärdet sich abweisend.
"Wo denn?" Hedwig traut sich kaum, diese Frage zu stellen.
Die Schwester zuckt nur mit den Schultern.
"Vielleicht sind sie auf der Männerstation netter", denkt sich Hedwig, "es müsste doch jemand nachsehen können, wo sie liegt und ob sie überhaupt noch da ist!"
Sie hat sich getäuscht.
Die Schwester auf der Männerstation ist ähnlich unfreundlich.
Sie soll doch bitte auf die Frauenstation gehen, schließlich will sie zu FRAU Andersen und nicht zu HERRN Andersen.
"Könnten Sie dann nicht einmal nachsehen, ob hier ein HERR Andersen liegt?"
Ganz schüchtern stellt Hedwig ihre Frage.
Nun wird es der Schwester zu bunt.
Nein, für solche Besucher, die nicht einmal wissen, wen sie besuchen wollen, hat sie keine Zeit.
Mit hängendem Kopf verlässt Hedwig das Krankenhaus.
Der Pförtner ruft sie zurück. Sie kennt ihn; denn er wohnt im Norddorf.
"Na, ist einer gestorben, reichen Deine Gallensteine nicht für einen Friesenwall, oder was ist los?"
Nein, das ist es alles nicht — und überhaupt: von Gallensteinen hat sie noch nie etwas gespürt.
Sie erklärt ihm, dass sie Frau Andersen besuchen möchte, aber die ist nicht auffindbar.
"So"™n Quatsch", meint der Pförtner, "de ole Hex liggt op de Seuchenstation!"
Hedwig fährt der Schreck in die Glieder.
"Seuchenstation" — das klingt wie "Schreck mit Donnergrollen".
Hoffentlich hat sie sich nicht bei ihr angesteckt.
"Viele Seuchen führen zu einem schleichenden Tod", hat sie einmal gelesen.
Der Pförtner kommt aus seinem Kabäuschen: "Du bist ganz blass geworden, ist alles in Ordnung?"
Das wird sich herausstellen; das mit der Seuche soll ihr erst einmal jemand erklären.
Der Pförtner lacht, " De ole Hex is keen Mann und keen Fru — för solche Lüd hemm de hier keen Zimmer nich"˜.
De hett nix, de ole Hex, is"˜ zäh wie Ledder — und morgen geiht dat för de Olsch wedder na Huus."

Re: Ostwind

Verfasst: Mo 20. Feb 2017, 20:45
von online52
Sehr schön,leider ein bisschen zu kurz,bitte mehr.
Gruß
online

Re: Ostwind

Verfasst: Fr 3. Mär 2017, 19:08
von Anne-Mette
Der Bürgermeister ist gekommen. Er hat sich zu einer kleinen Feierstunde angekündigt.
Magda hat einen Kuchen gebacken — und es gibt dazu echten Bohnenkaffee.
Hedwig bekommt eine Urkunde überreicht.
"Das war doch nichts", will sie ihre Rettungstat ganz gering darstellen.
"Doch, das war eine wahrhaft gute Tat!"
Der Bürgermeister belobigt sie noch einmal; das ist Hedwig richtig peinlich.
"Noch einen Kaffee?"
Sie versucht, auf ein anderes Thema zu kommen.
Der Bürgermeister gibt nicht auf: ""¦gerade bei solchen Menschen wie Frau Andersen"¦".
Da keiner antwortet, denkt er, sie haben ihn nicht richtig verstanden. Leicht errötend fügt er hinzu: "manche sagen ole Hex!"
Hedwig fühlt einen Sturm heraufziehen; nein, keinen Sturm aus Westen oder Osten, sondern einen Sturm in ihrem Inneren.
"Was sind das denn solche Menschen wie Frau Andersen?"
Der Bürgermeister weicht aus, spricht von Spökenkiekerei, sieht aber dann doch ein, dass das Thema der Feierstunde nicht angemessen ist.
Er streichelt Ulli sanft über die blonden Haare, blickt in die Runde, blickt auf Hedwig, dann auf Adelheid und meint: "fast eine richtige Familie, wenn ihr einen Mann im Haus haben würdet!"
Hedwig muss schlucken.
Der Bürgermeister will seine Fehler wieder ausbügeln, kommt lieber mit einer Nachricht aus der Gemeinde. So ein Thema ist unverfänglicher, meint er.
"Ein neuer Amtsleiter hat angefangen", sagt er der überraschten Zuhörerschaft, "der alte war ja nun doch ziemlich aufgeschlissen!"
Dazu macht er eine Handbewegung, als würde er eine Flasche zum Mund führen.
"Gluck, gluck" macht er dazu, was Ulli ziemlich lustig findet.
Der Bürgermeister bleibt bei: "gluck, gluck!"
Dann fährt er fort: "der alte Amtmann hat es ja ziemlich schleifen lassen und viele Fehler gemacht in den letzten Jahren, da ist viel aufzuarbeiten und in Ordnung zu bringen!"
Hedwig und Magda schauen sich an.
"In Ordnung bringen — was wird das für sie bedeuten?" Für sie ist es in Ordnung wie es ist. Soll da nun ein Neuer kommen und daran rühren?
Adelheid kann nicht ganz verstehen, warum die beiden Frauen auf einmal so nervös sind.
Der Bürgermeister reißt sich los, obwohl er meint, dass er so gerne noch geblieben wäre.
Er muss wieder gehen; denn er hat "dringende Geschäfte".
Magda schläft unruhig.
Sie hat Angst vor dem "in Ordnung bringen".
Ihre Angst wird noch größer, als der Postbote kommt.
Er hat ein Schreiben für Hedwig. "Vom Amt", sagt der Briefträger ungefragt.
Magda greift den Briefumschlag mit spitzen Fingern, als würde sie ahnen, dass er eine wichtige, möglicherweise schlimme Nachricht enthält.
""˜n Schnaps?" fragt sie den Postboten, als würde dadurch der Brief einen anderen, hoffentlich besseren Inhalt bekommen.
Nein, ganz entgegen seiner Gewohnheit lehnt er ab.
Magda legt den Brief auf den Küchentisch und setzt den kleinen Kessel auf den Herd.
Sie hat gehört, dass man mit Wasserdampf Briefumschläge unbemerkt so öffnen kann, dass sie danach wieder zu verschließen sind.
Ulli meldet sich — ausgerechnet jetzt.
Jeden Moment kann Hedwig wieder ins Haus kommen.
Tatsächlich — da ist sie schon. Ihre Holzpantoffeln poltern in der Diele.
Natürlich sieht sie gleich den Brief, der auf dem Tisch liegt.
"Ein Brief — für mich?"
"Ja, der ist vom Amt, das wird nichts Gutes bedeuten!"
Was mag das sein, nichts Gutes?
"Es ist vielleicht wegen Ulli", meint Magda schließlich.
"Wegen Ulli?"
Aber so richtig weiß Magda es auch nicht; aber was sollte es sonst sein?
Schließlich reißt Hedwig den Briefumschlag auf.
Schlauer werden sie nicht durch die kurze Mitteilung.
Hedwig soll am nächsten Tag aufs Amt kommen und das Schreiben mitbringen.

Willi kommt. Er hatte ein paar Tage etwas Leerlauf. Der Verkauf am Strand ist beendet — und die Makrelenfischerei in diesem Jahr sowieso.
Er lebt von dem Geld, das er im Sommer verdient hat. Wie lange wird es reichen?
"Was soll nun werden?" hat seine Frau schon gefragt.
Es wird sich etwas finden, da ist er sich ganz sicher, aber er weiß noch nicht, was.
Als er auf einen Sprung zu Magda und Hedwig gehen will, trifft er den Bürgermeister.
Eigentlich haben sie sich nicht viel zu sagen, aber der Bürgermeister dreht sich noch einmal um und ruft ihm nach, als er schon ein gutes Stück voran gegangen ist: "warte mal!"
Er kommt zurück und erzählt von der alten Holzvilla, die auf der Düne steht und unter dem letzten Sturm sehr gelitten hat. Der Besitzer lebt nicht mehr und Nachkommen gibt es keine.
Das Grundstück würde an die Gemeinde fallen, aber was sollen sie mit der Villa, die beim nächsten Sturm einstürzen könnte?
Sie reden eine ganze Weile und werden sich schließlich einig.
Willi soll das Gebäude abreißen. Das Material darf er behalten. Dazu gibt es auch noch eine Entlohnung, die zwar nicht gerade groß ausfällt, aber viele Sachen, die sich im Haus befinden, kann er vielleicht noch verkaufen.
Willi ist Feuer und Flamme. Am liebsten würde er sich das Objekt sofort ansehen.
Das will er aber nicht allein machen.
Er fragt Hedwig, ob sie ihn begleiten könnte.
Ja, das tut ihr gut, das lenkt sie bestimmt von der Angelegenheit ab, die sie auf dem Amt zu erledigen hat.
Bald stehen sie vor dem Haus. Nach Osten hin sieht es noch gut aus; aber die Wetterseite zeigt deutlich, dass schon viele Jahre nichts an dem ehemals stolzen Bauwerk getan wurde.
"Schloss auf der Düne" steht auf dem Schild über dem Eingang — ein protziger r Name für so ein abbruchreifes Haus.
Ob man es wieder herrichten könnte?
Nein — die Order des Bürgermeisters war klar und deutlich.
Durch ein kaputtes Fenster steigen sie ins Haus, nachdem sie die Bretter entfernt haben, die jemand mehr schlecht als recht einfach über den Rahmen genagelt hatte.
Sie müssen sich erst ans Halbdunkle gewöhnen.
Auf dem Boden glitzert es; denn lauter kleine Glaskrümel liegen dort und spiegeln das Licht, das ins Haus dringt.
Obwohl im Inselinnern nur wenig Wind zu spüren war, ist es hier ganz anders.
Der Wind pfeift um die Ecken und durch die Ritzen und singt sein schauriges Lied — oder bläst in die Posaune, als wolle er sein Urteil über den früheren Besitzer des Hauses fällen.
Selbst Willi ist es unheimlich zumute, aber er gibt sich einen Ruck.
"Wollen wir mal sehen, was wir noch gebrauchen können!"
Einige Zimmer sind vollkommen verwüstet. Da war wohl schon vor ihnen jemand da.
Trotzdem finden sie auch Möbel, die dem Vandalismus standgehalten haben.
Schließlich ruft Hedwig begeistert: "schau mal — eine Badewanne!"
Am Fußende steht ein merkwürdiges Ding, vom dem Willi sagt, es wäre ein Badeofen.
Sie wollen in den Keller steigen, aber sie haben keine Taschenlampe dabei.
So ganz ohne Licht ist es ihnen zu gefährlich.
Willi schreitet draußen die Front des Hauses und die beiden Seitenflügel ab, die noch intakt sind.
"Das würde passen", meint er schließlich.
"Wie — passen?"
"Wenn wir die Wände zerlegen können, ohne sie kaputt zu machen, dann setzen wir sie an euer Haus und ihr habt auf einen Schlag ein paar Gästezimmer mehr!"
Wie soll das funktionieren?
""¦ und die Badewanne kannst Du auch haben", meint Willi, "wenn Du mir beim Abriss hilfst!"
Das ist abgemacht.
Aber kommt Willi dabei auch auf seine Kosten? Das wird er wohl.
Hedwig kann überhaupt nicht schlafen.
Die Gedanken toben durch ihren Kopf.
Adelheid kommt und will mit ihr schmusen, aber sie kann nicht darauf eingehen.
Was ist, wenn vom neuen Amtsleiter ernsthaftes Unbill droht?
Soll ihr vielleicht das Kind genommen werden? Bekommt sie Schwierigkeiten, weil Magda dafür gesorgt hat, dass falsche Angaben im Geburtsblatt stehen?
Was soll sie sagen, wenn sie gefragt wird, ob sie davon gewusst hat? Kommt ihre Mutter ins Gefängnis?
Wenn nun schlimme Sanktionen drohen, dann hätte es gar keinen Sinn, über den Abbruch des Hauses und die Verwendung der Teile nachzudenken, die noch zu gebrauchen sind. Sie tröstet sich allerdings mit dem Gedanken an die Badewanne und schläft schließlich ein.
Im anderen Zimmer liegt Magda und wälzt sich in ihrem Bett.

Re: Ostwind

Verfasst: Sa 4. Mär 2017, 01:09
von Ulrike-Marisa
Moin,

...das Amt ist das eine; aber wie geht s weiter mit den Menschen? Bin gespannt...

Gruß, Ulrike-Marisa

Re: Ostwind

Verfasst: So 5. Mär 2017, 17:24
von Anne-Mette
Etwas bleich steht Hedwig vor dem neuen, streng dreinblickenden neuen Amtsleiter.
Mit zitternden Fingern überreicht sie das Schreiben, das sie mitbringen sollte.
Missbilligend guckt er sich das Blatt Papier an, das Hedwig in ihrer Hosentasche regelrecht geknetet hat, so nervös war sie.
Über seinen Brillenrand guckt er auch Hedwig an. Sein Blick wird nicht freundlicher.
Er passiert selten, dass eine Frau im Blaumann vor ihm steht, um eine Behörden-Angelegenheit zu erledigen.
Er dreht sich um und öffnet eine Schublade, auf der
"Schriftstücke der Kreisverwaltung — Buchstaben A-K" steht.
"Kreisverwaltung" — Hedwig wird ganz anders.
Der Amtsleiter fummelt recht lange an einem großen Umschlag herum, füllt schließlich ein Formular aus, das Hedwig unterschreiben soll.
Sie kann mit dem Formblatt "Übergabe eines Schriftstückes der Straßenverkehrsbehörde des Kreises Südtondern" nichts anfangen, aber unterschreibt mit etwas krakeliger Schrift.
"Und hier bitte auch noch!"
Er überreicht ihr — ja er gibt ihr ein gefaltetes Blatt Papier, auf dessen Außenseite FÜHRERSCHEIN steht.
Auch dort soll sie unterschreiben.
Da steht etwas von "Verbrennungsmotoren" — ein Begriff, von dem Hedwig noch nie etwas gehört hat.
Schließlich soll sie fünf Mark Gebühren entrichten. Gut, dass sie sich ein paar Münzen in die Reißverschlusstasche des Blaumanns gesteckt hat.
Der Amtsleiter will das Dokument noch einmal anschauen; der ist aber genau!
Schließlich guckt er zuerst auf die Unterschrift und dann auf das Passfoto und meint schließlich: "trotz ihrer Verkleidung ist zu sehen, dass sie die Person sind, die zu dem Dokument gehört!"
"Verkleidung" — so ein Spinner — und überhaupt: das Dokument gehört wohl offensichtlich zu mir und nicht ich zum Dokument
Er gibt ihr den Führerschein zurück und wünscht förmlich "allzeit gute Fahrt!"
Hedwig kann ihr Glück kaum fassen.
Sie macht sich auf den Rückweg. Erst überlegt sie, ob sie unten am Watt entlang laufen soll, aber dann entscheidet sie sich für den Kirchenweg, der etwas oberhalb des Küstensaumes liegt.
Hedwig fühlt sich wie früher, wenn sie sich nach der Schule auf den Heimweg machte und ihre Lehrerin sie besonders belobigt hatte und ihre Hausaufgabe auf der Schiefertafel eine "Eins mit Blümchen" zierte.
Hedwig muss sich ermahnen; gerade ist sie doch tatsächlich im Hopserschritt gelaufen. Mag ihre Freude auch kindlich sein, so ist sie doch schon lange kein Kind mehr.
Was sollen die Leute von ihr denken?
Sie hat ihren Weg schon fast geschafft und kommt am Haus der olen Hex vorbei.
Da ist jemand im Garten und schneidet Kräuter.
Hedwig kann nicht sehen, wer es ist; denn die Person hat sich tief nach unten gebeugt und streckt ihr das rundliche Hinterteil, verpackt in eine bunte Schürze, entgegen.
Das wird wohl die Hex selber sein, denn es traut sich bestimmt kein anderer Mensch in ihren Garten.
"Goden Dag ok Fru Andersen", ruft Hedwig über den Zaun.
Die Person richtet sich auf und streckt sich.
Ja, sie ist es.

Re: Ostwind

Verfasst: Mo 6. Mär 2017, 19:11
von Anne-Mette
Geschäftig will Hedwig vorübergehen.
Nein — sie möchte sich keinen Dank abholen, wie eine Nachbarin vor ein paar Tagen vermutete.
Sie will ganz schnell nach Hause zu ihren Lieben.
Die Überraschung mit dem Führerschein sollte gefeiert werden.
Die Nachricht, dass es doch nichts Übles war, wird für Erleichterung sorgen!
"Bleib mal stehen", wird sie zurückgerufen.
"Ich will Dir etwas zeigen!"
Darauf hat Hedwig nun überhaupt keine Lust. Sie wird doch wohl hoffentlich nicht noch einmal zeigen, wie es bei ihr zwischen den Beinen aussieht?
Nein — Schürze und Rock bleiben an Ort und Stelle.
"Wir wollen kurz ins Haus gehen!"
Hedwig ziert sich.
"Sie warten bestimmt schon auf mich!"
Die ole Hex lässt nicht locker: "nur kurz!"
Hedwig gibt sich einen Ruck und folgt ihr uns Haus.
Was Frau Andersen auch von ihr will - sie will es schnell hinter sich bringen.
Sie betreten die kleine, dunkle Stube.
Zielstrebig geht Frau Andersen auf das große Bücherbord zu und zieht ein Buch heraus.
Sie scheint es lange nicht in der Hand gehabt zu haben; denn sie muss erst den Staub wegpusten, der sich auf dem grob strukturierten Einband gesammelt hat.
"Das geheime Buch von Hexen, Monstern Mutationen" kann Hedwig lesen, noch bevor sie ihr das Buch in die Hand gibt.
Fast will sie es nicht nehmen, aber hätte sie nicht zugegriffen, wäre es auf den Boden gefallen.
Das Buch ist schwer.
Das Fegefeuer, das auf dem Einband zu sehen ist, scheint seine Hitze auf das Buch zu übertragen; denn es ist nicht nur warm, sondern sogar heiß.
Das ist Zauberei!
"Nun schau es Dir mal an", wird sie aufgefordert.
Hedwig traut sich kaum; die ganze Angelegenheit ist ihr unheimlich.
Die ersten Seiten bestehen aus einem ziemlich langen Text.
Die Anfangsbuchstaben auf jeder Seite sind kunstvoll — fast bis zur Unkenntlichkeit geschmückt.
Hedwig muss den Rest des Wortes lesen, um dann auf den Anfangsbuchstaben zu schließen.
Wie eine Lehrerin steht Frau Andersen an der Seite des Tisches.
Hedwig verliert das Interesse an den langen Texten und am Erraten der Buchstaben.
Sie blättert weiter.
Bilder sind zu sehen. Unter dem Bild eines wild aussehenden Menschen, der überall behaart ist und seine Zähne drohend zeigt, steht: "der Wolfsmensch".
Eine Frau ist zu sehen, die einen dichteren Bart hat als mancher Wanderfischer.
Hedwig blättert weiter.
Sie will das Buch schon zuklappen und sich endlich verabschieden, da fällt ihr Blick auf Zeichnungen, die Menschen zeigen, die aussehen, als wären sie Männer und Frauen gleichzeitig.
Viel zu lange saugt ihr Blick sich am Gesehenen fest.
"Das scheint Dich besonders zu interessieren", meint Frau Andersen höhnisch.
"Nein", erwidert Hedwig leise und klappt das Buch zu.
Doch fast hätte sie es gleich noch einmal aufgeschlagen.
"Weißt Du, was mit diesen Menschen passiert?"
Nein, Hedwig kann diese Frage nicht beantworten; auch die noch eindringlichere Wiederholung löst ihre Denkblockade nicht.
Was soll schon mit diesen Menschen passieren?
Frau Andersen nimmt ihr die Beantwortung ab: "die werden im Zirkus ausgestellt. Vor einiger Zeit wurden diese Menschen sogar getötet oder mussten ihr Leben außerhalb der Gemeinschaft fristen!".
"Das kann nicht sein", setzt Hedwig entgegen, "Du bist doch selbst"¦".
Sie kann den Satz nicht vollenden, da wird sie barsch unterbrochen: "Ja - was bin ich selbst?"
Drohend klopft sie auf den Tisch, sodass die Gegenstände, die auf der massiven Tischplatte liegen, springen oder tanzen. Der schwere Nussknacker aus Metall, der am Rand lag, fällt auf den Boden.
Hedwig hebt ihn auf.
"Das will ich Dir sagen, was ich bin — für euch alle bin ich "de ole Hex!"
"Das kann Ulli nicht passieren", will Hedwig entgegnen, aber sie beißt sich auf die Lippen.
Nur nicht etwas Falsches sagen!
Aber es ist zu spät; das Teufelsweib kann wohl Gedanken lesen.
"Deinem Kind kann es genauso wie mir ergehen, warum sollte es bei ihm anders sein?"
"Ulli lebt in unserer Familie, lebt mit Magda, Adelheid und mir, besser und schöner kann es nicht sein", sagt Hedwig und ist überzeugt davon, dass es immer so sein wird.
Aber darf sie sich so sicher sein? Fordert sie nicht damit eine andere Wendung des Schicksals heraus?
""¦ und was ist, wenn das Kind in die Schule kommt?"
Frau Andersen lässt nicht locker.
Hedwig nimmt sich vor, die Worte "ole Hex" aus ihrem Wortschatz zu verbannen. Schluss mit dem Hexenkram!
Nein, Menschen, die anders sind, sind keine Hexen und werden auch nicht im Zirkus ausgestellt.
"Dann geht Ulli eben in die Schule", sagt Hedwig trotzig.
"Und was ist, wenn die anderen Kinder um sein Geheimnis wissen und ihn ärgern, schlagen und Schlimmeres tun?"
Frau Andersen erzählt, dass man sie fast im Biikefeuer verbrannt hätte, wenn nicht im letzten Moment ein Blitz in die Mühle eingeschlagen wäre und ihr das entstehende Durcheinander die Flucht ermöglichte.
Wollte man ihr später an den Kragen, drohte sie mit Blitz und Donner und konnte die abergläubischen Menschen von sich fern halten.
Der Preis dafür sind Einsamkeit und Verachtung.
"Du weißt, was ich schon damals mit Deiner Mutter besprochen habe", setzt sie fort, "Ulli würde es gut bei mir haben — und niemand weiß besser wie ich, wie man mit solchen Menschenkindern umgehen muss!"
"Ausgeschlossen!"
Mit einem Ruck springt Hedwig auf. Schon viel zu lange hat sie sich dort aufgehalten. Sie will nun endlich gehen.
Frau Andersen hält sie am Arm und sagt: "überlege es Dir noch einmal. Du musst nicht glauben, dass es mit euch immer gut und alles so weiter geht. So schnell kann etwas passieren! Denke an meine Worte!" Ein Funkeln zeigt sich in ihren Augen.
War das eine Drohung?
Hedwig ertappt sich bei dem Gedanken, dass es vielleicht ein Fehler war"¦
Nein, das darf sie nicht zu Ende denken!
Ganz schnell spricht sie still ein Gebet, das sie in der Schule gelernt hat: "ich bin klein, mein"¦".
Ihr reines Herz will sie sich erhalten.
Frau Andersen legt ihr das schwere Buch in die Hand.
"Nein!" will sie sagen, aber ihr Mund bleibt verschlossen, ist wie zugenäht.

Sie befindet sich wieder auf der Chaussee und kann das Haus am Watt schon sehen.
Ihr Herz hüpft vor Freude.
Das Buch würde sie am liebsten irgendwo verschwinden lassen und überlegt einen Moment, es im alten Bunker einfach zu dem anderen Plunder zu legen, der sich dort angesammelt hat.
Sie hat aber gehörigen Respekt vor den vielen Ratten, die sich dort aufhalten, seit der Bauer nach dem Brand seiner Scheune dort Korn gelagert hatte.
So stopft sie das Buch unter ihren Pullover.
Die Kanten drücken in ihren Bauch und tun ihr weh.

Magda steht an der Haustür.
Sie hat Blut und Wasser geschwitzt, kann kaum erwarten, dass Hedwig erzählt, wie es ihr ergangen ist.
Doch Hedwig hat erst einmal keine Zeit für sie und begrüßt auch Ulli nur knapp. Sie muss sofort das unheilvolle Buch loswerden.
Hedwig geht in ihre Kammer und schiebt es unter ihr Bett — so weit, dass es nicht mehr zu sehen ist.