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Passing - als was und bei wem?

Verfasst: Do 31. Aug 2023, 05:21
von Wally
Vicky_Rose hat geschrieben: Di 29. Aug 2023, 07:45 Zunächst, ist Passing wirklich notwendig ? Hier ist meine Haltung, sie ist es nicht.
Vicky_Roses lesenswerter Post im Thread "Woran mag es liegen, das man zum Crossdresser wird" inspiriert mich zu ein paar grundsätzlichen Gedanken zu diesem Thema.

Zunächst mal: was ist Passing überhaupt? Ich verstehe darunter die Akzeptanz meiner Selbstdarstellung durch die Gesellschaft. Einfacher ausgedrückt: Ich behaupte (mit meinen Äußerungen, meiner Kleidung, meinem Verhalten...), etwas zu sein (z. B. eine Frau) - und wenn man mir das glaubt, habe ich "Passing". Nimmt man mir das nicht ab, dann fehlt's am Passing. Es kommt darauf an, wie mich die Leute wahrnehmen: sehen sie mich so, wie ich mich darstelle, habe ich Passing - sehen sie mich anders, habe ich's nicht, meine Selbstdarstellung ist dann misslungen.

Mit Toleranz hat das übrigens nix zu tun, ganz andere Baustelle. Ich kann durchaus auch mit völlig fehlendem Passing Toleranz genießen, z. B. nach dem Motto "Der ist zwar nie und nimmer eine Frau, aber ansonsten ein netter Kerl - tun wir ihm halt den Gefallen und nennen ihn so". Umgekehrt schützt Passing auch nicht vor Intoleranz: wenn ich mich z. B. öffentlich als Gummifetischist darstelle, werden Leute, die das als "Schweinkram" verabscheuen, mich trotzdem diskriminieren, obwohl ich bei ihnen ein perfektes Passing habe: sie glauben's mir ja aufs Wort, dass ich Fetischist bin.

Und schließlich - für uns Transgender der wichtigste Punkt - bedeutet Passing auch nicht, dass die Leute uns sehen, wie wir sind, sondern nur, wie wir uns darstellen. Ein Hochstapler, der als gelernter Fleischer eine chirurgische Praxis aufmacht, kann bei seinen Patienten ein noch so gutes Passing als "Herr Doktor" haben - er bleibt trotzdem ein Betrüger.

Wie war das nun bei mir im Lauf meines Lebens mit dem Passing?

Als Baby stellt man sich nicht dar - man ist einfach. "Passing" war da noch kein Thema.

Als Kind (bis zur Pubertät) stellte ich mich als Junge dar: ich wußte es nicht besser - woher auch? Aber mein Passing als Junge war denkbar schlecht: in meinem ganzen Gehabe war ich nie ein "richtiger" Junge, das haben sie mir auch nie abgenommen. Als Transsexueller, der ich auch damals schon war (freilich ohne es zu wissen), war ich dagegen (noch) authentisch: ich verhielt mich - unbewußt, ich konnte noch gar nicht anders - eher wie ein Mädchen als wie ein Junge. Und genau so wurde ich von meinen Kameraden auch gesehen. Daher der Spitzname "die(!) Wally", samt weiblicher Personalpronomina, der mir - damals sehr gegen meinen Willen - hartnäckig bis fast ans Ende der Schulzeit anhing.

Mit der Pubertät und in einer äußerst schmerzhaften, jugendlichen Sozialisation, in der ich sehr mühsam lernte, mich wenigstens oberflächlich als Mann darzustellen, änderte sich die Situation allmählich: nun hatte ich endlich ein nahezu perfektes Passing als Mann. Das Problem war bloß: das war nicht authentisch! Ich ging zwar jetzt fast überall als Mann durch - aber ich war nach wie vor kein Mann, und ich wußte das selber noch nicht mal! Ich glaubte, das zu sein, was ich den Leuten erfolgreich vorspielte, weil die mir eben das glaubten und bestätigten... Dabei war ich kreuzunglücklich, fühlte mich permanent unausgefüllt oder überfordert. Vor allem bezüglich Partnerschaft ging so ziemlich alles schief, was nur schiefgehen kann, nichts funktionierte.

Mit 40, nach katastrophal schiefgegangener, erster Ehe - verhalf mir schließlich eine Psychotherapie zur Erkenntnis meiner transsexuellen Veranlagung. Endlich wußte ich: psychisch/emotional bin ich KEIN Mann, sondern eher eine Frau - und ich kann das auch nicht ändern; ich muß mich damit abfinden, damit klarkommen und lernen, auch nach außen dazu zu stehen. Endlich wieder authentisch werden war angesagt: nach außen das darzustellen, was ich wirklich bin - nicht das, was man mir laut Geburtsurkunde zugeschrieben hatte.

Aber wie? Wieder kam das Passing ins Spiel - diesmal auf der anderen Seite, als Frau. Und das war nun leider komplette Fehlanzeige: jemandem mit meinem Körperg'stell glaubt nun mal kein Mensch, eine Frau zu sein, da kann ich mich auf den Kopf stellen. Selbst wenn ich mich durch die komplette chirurgische, endokrinologische, ergotherapeutische und kosmetische Mühle drehen ließ, änderte das nur wenig an dem fast durchweg schief gehenden Passing im Alltag. Was ich darzustellen versuche, ist zwar sehr wohl authentisch - aber die Leute nehmen mir das einfach nicht ab, weil ihnen mein biologisches Äußeres spontan das Gegenteil suggeriert. Okay, viele haben dazu höflich geschwiegen oder mir sogar Mut gemacht und sich still ihr Teil dazu gedacht; aber das ist bloß Toleranz, keine Akzeptanz im Sinne eines gelungenen Passing. Spontan nehmen mich die Leute nach wie vor als etwas anderes wahr, als ich bin und auch darzustellen versuche; das prägt unweigerlich die gesamte, soziale Interaktion, in der ich dann prompt wieder auf der falschen Seite feststecke. Ein Frauenname samt spürbar mühsam herumgedrehter Personalpronomina ist da allenfalls ein läppischer Trostpreis. Das eigentliche Problem liegt ja viel tiefer als in der bloßen, formalen Anrede; es steckt in der gesamten Breite und Tiefe der Sozialisation, in der gesamten verbalen und nonverbalen, sozialen Kommunikation und Interaktion.

Dazu kam, dass der damals - auch in der Transsexuellen-Szene - noch strikt herrschende Geschlechtsdualismus selbst bei gelungenem Passing eine Lösung meiner Probleme verhindert hätte: denn als MzF-Transsexueller bin ich ja nicht einfach eine Frau, sondern Mann UND Frau in einer Person! Ich bin auch mein Körper, der nun mal seit je her männlich ist, ich kann den nicht einfach wegschmeissen, ich muß mich auch damit noch irgendwie identifizieren können. Würden mich die Leute spontan als Frau wahrnehmen - NUR als Frau, wie bei cis-Frauen üblich und richtig - dann wär's auch wieder falsch, auch das ginge an meiner Lebenswirklichkeit vorbei. Deshalb habe ich damals runde zehn Jahre lang Pionierarbeit geleistet und - damals noch als einer von Wenigen im deutschen Sprachraum - bei Fachleuten wie Betroffenen das Konzept eines Gender-Kontinuums, eines individuell variablen Raums zwischen den Geschlechtern, ins Spiel gebracht.

Für mich persönlich habe ich sozusagen eine Salami-Taktik gewählt. Da die bloße, verbale Selbstdarstellung sich als untauglich erwies (potenzielle Partnerinnen sahen in mir trotzdem den Mann, der ich nun mal nicht bin), begann ich, meinen Körper zu verändern: erst mit Hormonen, und als das auch nicht genug bewirkte, schließlich mit chirurgischem Brustaufbau. Auch das war damals noch Pionierarbeit: die Brust aufbauen zu lassen, obwohl ich die "große" Lösung erklärtermaßen nicht vorhatte und trotz weiblicher Brust amtlich und offiziell zumindest vorerst als Mann weiterleben wollte - das war damals unerhört :-) Vermutlich war ich so ziemlich der Erste in Europa, der (1989) unter solchen Umständen überhaupt Brustimplantate kriegte.

Der Brustaufbau verbesserte zwar mein Passing als Frau nur sehr marginal (ich hatte das auch gar nicht anders erwartet); aber er zerstörte mein - eh nicht authentisches - Passing als Mann bei Frauen, die mit mir ins Bett wollten. Und das erwies sich für mich als sehr segensreich: es schützte mich nämlich vor den falschen Partnerinnen und schaffte so überhaupt erst Raum für diejenigen Frauen, die wirklich zu mir passten. Seitdem hatte ich erstmals funktionierende, intime Beziehungen und lernte ein paar Jahre später meine liebe Frau kennen, mit der ich inzwischen seit 16 Jahren glücklich verheiratet bin.

Beruflich und offiziell blieb ich bis zur Verrentung in der männlichen Rolle. Im öffentlichen Bereich wurde mein Passing als Mann auch durch die Brustimplantate erstaunlicherweise kaum beeinträchtigt; und obwohl diese "Männlichkeit" nie authentisch war, konnte ich mich angesichts meines inzwischen geglückten Privatlebens damit abfinden. Ich versuchte zwar in dieser ganzen, langen Zeit immer noch, möglichst wenig Männliches zu zeigen und wenigstens unterschwellig hier und da ein Stück Weiblichkeit an mir wahrnehmbar zu nachen, ohne deswegen gleich "tuntig" zu wirken. Aber diese Mühe hätte ich mir sparen können: die öffentliche Wahrnehmung ist da immer noch strikt dual, es machte keinerlei Unterschied in meiner Wahrnehmung als "Mann".

Seit der Verrentung brauchte ich endlich keine beruflichen Rücksichten mehr zu nehmen und wechselte komplett in die weibliche Rolle, inklusive Namens- und Personenstandsänderung. Passing als Frau? The same procedure as every year... Solange ich meinen halbkahlen Kopp nicht komplett hinter einer muslimischen Vollverschleierung verstecke, identifiziert mich immer noch Jeder - zumindest aus der Nähe - als "Mann", und selbst mit Vollschleier würde das Passing auffliegen, sobald ich den Mund aufmache.

Geschenkt: ich bemühe mich gar nicht erst um ein echtes Passing als Frau. Ich weigere mich, einen Fifi zu tragen, mir stundenlang das Gesicht zuzuspachteln und meine Stimme in den "Hach"-Bereich einzukerkern. Wozu denn auch? Ich BIN dieser Kopf und dieses Gesicht, ich war's schon immer. Warum soll mich verstecken? Die "Damenfrisur", die meine Friseurin verzweifelt aus dem bisschen Greisenhaar hinter der Halbglatze zu formen versucht, muß genügen. Okay, von vorne sieht's wie eine Herrenfrisur aus - dafür sieht man die großen Perlmutt-Ohrhänger besser, mit denen ich lauthals demonstriere, dass es da außer dem alten Mann auch noch was anderes gibt.

Der Hals ist bei mir die Geschlechtergrenze: von da abwärts läßt sich das Outfit mit recht überschaubarem, alltagstauglichem Aufwand absolut glaubhaft und überzeugend auf weiblich trimmen: Brüste, Hüftpolster, Kleid, Rock/Bluse, Nylons, Pumps, eine Perlenkette um den Hals, eine Damenuhr am Handgelenk, eine Damenhandtasche an der Schulter...

Warum ich das alles mache, obwohl ich damit trotzdem kein Passing als Frau kriege? Aus zwei Gründen:

Erstens bin ich mir das selber schuldig. Wenn ich an mir runtergucke, bin ich perfekt und vollständig Frau, ich erlebe mich als Frau - ich lebe die Frau, die ich bin und schon immer war. Das tut einfach gut, ich genieße es jeden Tag auf Neue. Meinen eigenen Kopp sehe ich ja nicht, außer wenn ich in den Spiegel gucke - und das vermeide ich nach Möglichkeit ;-) Bei mir selber ist mein Passing als Frau auf diese Weise ziemlich perfekt. Gut fürs Selbstbewußtsein.

Zweitens erreiche ich damit nun endlich, dass die Leute in mir nicht mehr NUR den Mann sehen, der ja schon da ist und auch gesehen werden darf und soll - sondern AUCH die Frau, die ich ebenso bin, die man mir aber nicht einfach so ohne weiteres ansieht. Dezent mit diskreten Hinweisen funktioniert das nicht - ich hab's ein Viertel Jahrhundert vergeblich versucht. Man muß es den Leuten schon regelrecht um die Ohren schlagen, damit sie es endlich mal zur Kenntnis nehmen. Das einzig authentische, gesunde, auf Dauer für mich verträgliche Passing, das auch meiner Lebenswirklichkeit entspricht, ist weder das Passing als Mann, das man mir zu Unrecht zeitlebens nachgeschmissen hat, noch das als Frau, das man mir zu Recht zeitlebens verweigert hat - sondern das Passing als MANN UND FRAU in einer Person - eben als so ein sonderbarer Mensch, der mit einem männlichen Kopf auf einem weiblichen Körper herumläuft. Genau dieses Passing brauche ich für meine seelische Gesundheit - und mit dieser Methode kriege ich das auch. So ist mein Leben endlich - erstmals seit meiner Kindheit - wieder authentisch.

Nicht jeder findet das gut - muß auch nicht. Wer damit nicht zurechtkommt, soll mich halt in Gottes Namen meiden. Das ist sogar gut für mich: genauso, wie es schon vor 25 Jahren gut für mich war, dass die Mehrzahl der heterosexuellen Frauen vor meinem künstlichen Busen Reißaus nahmen. Das schafft Raum für Leute, die mit mir angemessen interagieren können und wollen. Die gibt's - genauso wie es die passende Partnerin für mich gab; ich mußte sie nur erst finden und mich ihr auch zeigen. Als Rentnerin muß ich mich Gottseidank nicht mehr wahllos mit Jedem abgeben. Ich mache seit nun schon fast drei Jahren sehr gute Erfahrungen mit diesem Lebensstil.

So leiste ich jetzt auf meine alten Tage nochmal Pionierarbeit in Sachen "trans": Ich habe jedenfalls bisher noch niemand Anderen kennengelernt, der das wie ich konsequent so handhabt. Vielleicht gilt's nach weiteren dreißig Jahren als ein Standardkonzept für Transsexuelle - so, wie heute die individuelle Verortung im Gender-Kontinuum, anstatt des ehemaligen, starren "Mann ODER Frau". Wer weiß?

Re: Passing - als was und bei wem?

Verfasst: Do 31. Aug 2023, 07:57
von Joan Autumn
Vielen Dank Wally, für deine Geschichte und klaren Einsichten.

Auch ich fühle mich als Mann und Frau in einem, nenne es für mich Bigender, bin aber so gern Mann, wenn ich Mann bin (was ich fast mein Leben lang lebte) und Frau, wenn ich Frau sein möchte. Da helfe ich gern nach, um möglichst als Frau durchzugehen. Am Körper, wie im Gesicht. Dennoch würde ich beides am Liebsten mischen, aber da stosse ich an die Grenzen der Toleranz bei derjenigen, die Joan vollends als Freundin akzeptiert, aber den Mann geheiratet hat und mit dem sie überwiegend leben will.

Auch ich bin sicher, dass, wie auch von Vicky Roses geschrieben, nur das eigene Selbstbewusstsein und die Selbstverständlichkeit in der man(n) sich als Frau bewegt das perfekte Passing ausmacht, aber das ist ein längerer Weg, das entsteht leider nicht von selbst, sondern entwickelt sich durchs tun und die Reaktionen darauf. Und je besser die Reaktionen gefühlt sind, oder es gar keine (kaum) Reaktionen gibt, desto mehr baut sich das Selbstbewusstsein auf. Deshalb suche ich zunehmend den Weg nach draußen, um Erfahrungen zu sammeln ( immer in der Sorge negativer) Reaktionen, mache Bilder von mir (die mich selbst bestätigen sollen) und freue mich über Berichte von Schwestern, die "es geschafft haben". Eben Vorbilder. Zumindest geht es mir so und Stück für Stück geht es so weiter. Und das ist mein Weg.

Liebe Grüße
Joan

Re: Passing - als was und bei wem?

Verfasst: Do 31. Aug 2023, 08:36
von petra0103
Liebe Wally,

vielen Dank für deinen ausführlichen und informativen Bericht. Ich bin jetzt zwar nicht transsexuell veranlagt, aber dein Bericht bestärkt mich darin, dass es wichtiger ist wie ich mich fühle wenn ich feminin gekleidet bin als wie ich auf meine Umgebung wirke. Denn das beste Passing stößt immer an seine Grenzen, wenn ich den Mund aufmache.

Liebe Grüße
Petra

Re: Passing - als was und bei wem?

Verfasst: Do 31. Aug 2023, 10:36
von ExUserIn-2026-04-08
Danke Wally für den feinen Bericht. Es gehört schon einiges dazu, so seinen Weg zu gehen. Ohne Unterstützung durch nahestehende Menschen ist das fast nicht durchzuhalten. Aber wie Du schon schreibst. Dadurch lernt man die richtigen, zu einem passenden Menschen kennen. Mit einem kleinen Punkt bin ich aber nicht einverstanden und lege "Veto" ein:
Wally hat geschrieben: Do 31. Aug 2023, 05:21 noch das als Frau, das man mir zu Recht zeitlebens verweigert hat
Mir gefällt der Begriff "Recht" nicht. Niemand hat das Recht, Dir Deine eigene Zuschreibung abzusprechen. Wenn andere Menschen Dich nicht als Frau ansehen können, ist das ihre Sache, aber sie haben kein Recht dazu, die Deutungshoheit des Frauseins zu Übernehmen. Ich bin als Ingenieurin auch nicht in der Deutungshoheit für mein Fachgebiet. Ich habe nur eine tiefergehende Ausbildung und berufliche Erfahrung, mehr nicht. Das bedeutet nicht, dass meine Sicht die entscheidende ist.

Re: Passing - als was und bei wem?

Verfasst: Do 31. Aug 2023, 15:20
von Lana
Liebe Wally,
ganz lieben Dank für deinen Text. Du formulierst das allgemein verständlich, was ich oft vergeblich zu erklären versuche. Weil ich mich in vielen Punkten wiedererkennen, spare ich mir Wiederholungen und greife nur einen Punkt heraus, der auf einen Aspekt verweist, mit dem Crossdresser und Transgender immer wieder konfrontiert werden.
Wally hat geschrieben: Do 31. Aug 2023, 05:21Der Hals ist bei mir die Geschlechtergrenze: von da abwärts läßt sich das Outfit mit recht überschaubarem, alltagstauglichem Aufwand absolut glaubhaft und überzeugend auf weiblich trimmen: Brüste, Hüftpolster, Kleid, Rock/Bluse, Nylons, Pumps, eine Perlenkette um den Hals, eine Damenuhr am Handgelenk, eine Damenhandtasche an der Schulter...

Warum ich das alles mache, obwohl ich damit trotzdem kein Passing als Frau kriege? Aus zwei Gründen:

Erstens [...] Meinen eigenen Kopp sehe ich ja nicht, außer wenn ich in den Spiegel gucke - und das vermeide ich nach Möglichkeit ;-) Bei mir selber ist mein Passing als Frau auf diese Weise ziemlich perfekt. Gut fürs Selbstbewußtsein.

Zweitens erreiche ich damit nun endlich, dass die Leute in mir nicht mehr NUR den Mann sehen, der ja schon da ist und auch gesehen werden darf und soll - sondern AUCH die Frau, die ich ebenso bin, die man mir aber nicht einfach so ohne weiteres ansieht. Dezent mit diskreten Hinweisen funktioniert das nicht - ich hab's ein Viertel Jahrhundert vergeblich versucht. Man muß es den Leuten schon regelrecht um die Ohren schlagen, damit sie es endlich mal zur Kenntnis nehmen. Das einzig authentische, gesunde, auf Dauer für mich verträgliche Passing, das auch meiner Lebenswirklichkeit entspricht, ist weder das Passing als Mann, das man mir zu Unrecht zeitlebens nachgeschmissen hat, noch das als Frau, das man mir zu Recht zeitlebens verweigert hat - sondern das Passing als MANN UND FRAU in einer Person - eben als so ein sonderbarer Mensch, der mit einem männlichen Kopf auf einem weiblichen Körper herumläuft. Genau dieses Passing brauche ich für meine seelische Gesundheit - und mit dieser Methode kriege ich das auch. So ist mein Leben endlich - erstmals seit meiner Kindheit - wieder authentisch.

Nicht jeder findet das gut - muß auch nicht.
(Hervorhebung von mir)

Oftmals gibt es Kritik daran, dass wir uns überweiblich kleiden würden, overdressed seien oder generell bei der Kleidungswahl übers Ziel hinaus schießen würden. Doch was ist eigentlich das Ziel? Letztlich doch, dass unsere Weiblichkeit von der Außenwelt zur Kenntnis genommen wird. Und das tut sie in ihrer alltäglichen Ignoranz tatsächlich nur dann, wenn man dies sehr deutlich zum Ausdruck bringt. Das kann durch Kleidung geschehen, was dann womöglich zum Overdressing führt, oder auch durch andere Persönlichkeitsmerkmale wie z. B. Stimme, Haltung, Bewegungsmuster, Habitus...

Kleidung ist mit Abstand der Faktor, der am schnellsten und einfachsten geändert werden kann. Daher spielt sie wohl auch so eine große Rolle für uns.
Alle anderen Faktoren greifen bis tief in die eigene Persönlichkeit hinein und kommen teilweise einer regelrechten "Umerziehung" gleich. Das muss man wollen, und wahrscheinlich hilft es, wenn man ohnehin an einer generellen Veränderung seiner Persönlichkeit interessiert ist, aus welchen Gründen auch immer.

Im Ergebnis führen diese Bemühungen zu mehr oder minder gutem Passing in dem Sinne, wie du es erklärst.

Bleibt der Kopf, in zweierlei Hinsicht:
Zum einen sieht man dem von außen die Männlichkeit in den meisten Fällen an, und zum anderen ist darin die (Selbst-) Erkenntnis verankert, dass es selbst mit sehr viel Mühe manchmal nicht gelingt, ein perfektes Passing zu erreichen. Das kann zu Frust führen. Strategien zur gesunden Auflösung dieser Diskrepanz sind individuell sehr verschieden, haben aber eins gemeinsam:
Sie alle brauchen Zeit, um sich zu entwickeln und auf die eigenen Bedürfnisse anzupassen. Deine Ausführungen können dabei hilfreich sein.

LGL

Re: Passing - als was und bei wem?

Verfasst: Do 31. Aug 2023, 15:32
von Wally
Vicky_Rose hat geschrieben: Do 31. Aug 2023, 10:36
Wally hat geschrieben: Do 31. Aug 2023, 05:21 noch das als Frau, das man mir zu Recht zeitlebens verweigert hat
Mir gefällt der Begriff "Recht" nicht. Niemand hat das Recht, Dir Deine eigene Zuschreibung abzusprechen. Wenn andere Menschen Dich nicht als Frau ansehen können, ist das ihre Sache, aber sie haben kein Recht dazu, die Deutungshoheit des Frauseins zu Übernehmen.
Liebe Vicky,

Das "zu Recht" bezog sich hier nicht auf mein Recht, mich als Frau darzustellen und als solche zu leben; das habe ich selbstverständlich und lasse es mir auch nicht nehmen.

Ich meinte damit das Recht jedes Menschen, andere Menschen für sich selbst wahrzunehmen und zu kategorisieren - eben das unmittelbare "Passing". Selbstverständlich hat jeder Mensch auch das Recht, mir für sich persönlich das Passing als Frau zu verweigern - zumal ich eine eindeutige Frau im Sinne einer cis-Frau ja auch objektiv nicht bin. Schade, ist aber nun mal so. Da hat die Schwarzer durchaus recht, auch wenn's weh tut, das zuzugeben :(

Umgekehrt hat natürlich auch jeder das Recht, mich für sich persönlich als "Mann" zu empfinden und einzuordnen, obwohl ich das tatsächlich nicht bin und nie war. Mit "zu Unrecht hinterherschmeißen" meinte ich hier nicht die unmittelbare, persönliche Empfindung, sondern das kollektive, gewaltsame Überstülpen des Labels "Mann", ohne auch nur mal genauer hingesehen zu haben. Auf ein allgemeingültiges, verpflichtendes Label als eindeutige "Frau" - wie eine cis-Frau, ohne wenn und aber - kann ich als Transfrau leider kein Recht beanspruchen, weil das nun mal nicht meiner Lebenswirklichkeit entspricht; genauso muß ich es mir aber auch nicht gefallen lassen, dass man mich - objektiv falsch, was in meinem persönlichen Fall sogar durch fachpsychologische Gutachten über mehrere Jahrzehnte hinweg belegt ist - sozial und rechtlich in das Korsett "Mann" steckt.

Da die spontanen Empfindungen und Kategorisierungen individuell himmelweit auseinanderklaffen, wird die Deutungshoheit bezüglich Geschlecht, Transgender und Schutzräume immer ein Konfliktfeld bleiben. In einem System, in dem Geschlecht noch "diskriminiert" (hier im wertneutralen Sinn von "einen Unterschied machen") wird, in dem es also überhaupt noch sowas wie Gendernormen gibt, haben wir aber entschieden mehr Chancen, für uns spezielle Nischen, institutionalisierte Schutz- und Lebensräume und teilweise auch juristische Rechte zu sichern als in einem System, in dem man sämtliche Genderschranken einfach niederreißt und die Handhabung solcher Konfliktfelder anarchischer Beliebigkeit überläßt. Da gilt dann am Ende nur noch das Recht des Stärkeren - und da wir nun mal weniger sind, stehen wir von vornherein als Verlierer fest. Auch deshalb bin und bleibe ich eine Gegnerin des "Selbstbestimmungsgetzes".

Re: Passing - als was und bei wem?

Verfasst: Do 31. Aug 2023, 18:19
von Wally
Lana hat geschrieben: Do 31. Aug 2023, 15:20 Oftmals gibt es Kritik daran, dass wir uns überweiblich kleiden würden, overdressed seien oder generell bei der Kleidungswahl übers Ziel hinaus schießen würden. Doch was ist eigentlich das Ziel? Letztlich doch, dass unsere Weiblichkeit von der Außenwelt zur Kenntnis genommen wird. Und das tut sie in ihrer alltäglichen Ignoranz tatsächlich nur dann, wenn man dies sehr deutlich zum Ausdruck bringt. Das kann durch Kleidung geschehen, was dann womöglich zum Overdressing führt, oder auch durch andere Persönlichkeitsmerkmale wie z. B. Stimme, Haltung, Bewegungsmuster, Habitus...
Dazu eine für mich eher erheiternde Anekdote darüber, wie ich vor kurzem (zum ersten Mal in drei Jahren!) für mein Outfit tatsächlich ein deutlich negatives Feedback bekam.

Meine Frau und ich besuchten zusammen eine liebe, alte Freundin, die seit vorigem Jahr in einem vornehmen Altenheim in der Nähe von Salzburg lebt. Es herrschte brütende Hitze, ca. 30 Grad. Ich trug - wie meistens - Midi-Rock und ärmellose Bluse, wobei letztere so tief ausgeschnitten war, dass der Brustansatz und die Brustfalte dazwischen deutlich sichtbar wurden (mit Pushup noch ein wenig aufgepeppt, ich geb's ja zu - wenn sich schon mal die Gelegenheit ergibt... :) ). Ansonsten völlig unspektakulär, schlichte Stoffe in gedecktem Blau/Türkis, Schnitte dezent. Perlenkette und Perlmutt-Ohrhänger dazu. Wir aßen im Haus zu Mittag, machten einen Spaziergang rund um den Gebäudekomplex und saßen dann wiederum im hauseigenen Garten-Cafe bei Eiskaffee und Kuchen - und begegneten dabei natürlich einer ganzen Reihe Hausinsassen, die unsere Freundin kannten.

Am Tag darauf rief uns unsere Freundin an und berichtete, mein Outfit sei "Hausgespräch" gewesen: "diese reichen Weiber" (O-Ton Freundin) ereiferten sich über mein "unmögliches" Outfit, das sei doch "empörend", so könne man doch nicht herumlaufen. Unisono einziger Stein des Anstoßes: mein Dekollete (so)

Ebenfalls an diesem nächsten Tag wählte ich für unser gemütlich zurückgezogenes Privatleben in Haus und Garten ein für meine persönlichen Begriffe wirklich provokantes Outfit: einen cremefarbenen, sehr durchsichtigen Lochpulli - und darunter einen knallroten, extra prall gefüllten BH, die Körbchen rundherum mit weißer Spitze eingerahmt. Eigentlich schon sehr eindeutig als Reizwäsche zu bezeichnen :shock: Dazu einen genauso knallroten, knielangen, engen Bleistiftrock. Mich stach da einfach der Hafer; ich wollt's mal richtig frech und sexy :mrgreen:

Nach dem Telefongespräch meinte mein liebes Eheweib mit Blick auf mein Outfit: "Damit hättest du im Stift vermutlich kein Aufsehen erregt." Ich war völlig baff :D

Nun ist es ja wirklich lachhaft, sich im Hochsommer bei 30 Grad im Schatten über einen sichtbaren Brustansatz aufzuregen; jedes stinknormale, traditionelle Dirndl, das bei uns hier in Bayern für Frauen aller Altersklassen als korrekte Alltagskleidung gilt, zeigt dreimal so viel...

Ich interpretiere das folgendermaßen:

Das Dekollete an sich war da wohl nicht gemeint: kommt halt darauf an, wer sowas trägt :wink:

Rock, Bluse, Pumps etc. waren auch nicht gemeint, obwohl vom Kopf her "Mann": so aufgeklärt ist man heute selbst in einem Oberbayerischen Altenstift, dass man sich darüber nicht mehr das Maul zerreißt. War im Übrigen nicht das erste Mal, dass ich in Rock und Bluse dort war. Das gefährdet ja auch nicht das dualgeschlechtliche Menschenbild: ist halt ein Mann, der sich Weiberklamotten umgehängt hat. Darf man heutzutage nix mehr dagegen sagen; man ist ja "tolerant". Weiß doch jeder, was der unterm Rock hat - Geschlechterordnung wieder intakt.

Wenn da aber nun unter dem männlichen Kopf ein weibliches Dekollete sichtbar wird, so richtig echt mit Brustansatz und Busenfalte: um Himmels Willen, WAS IST DIESER MENSCH DENN NUN WIRKLICH??? Wie sieht der wohl unterm Rock zwischen den Beinen aus??? Das ist doch nicht normal, so kann man doch unmöglich herumlaufen!!!
:mrgreen: :mrgreen: :mrgreen:

Re: Passing - als was und bei wem?

Verfasst: Sa 9. Sep 2023, 22:28
von Mirjam
Auch wenn es aus einem anderen Thema kommt (nämlich dem, aus dem auch der Eingangsbeitrag hier "entstanden" ist), mag ich hier antworten, denn ich finde, es passt einfach besser:
Vicky_Rose hat geschrieben: Di 29. Aug 2023, 07:45 Es reicht völlig, darin Selbstbewusstsein zu zeigen, sprich, es ist mir egal, was andere in diesem Augenblick denken, solange sie mich respektvoll behandeln.
(Hervorhebung von mir)

Genau das, was ich im Zitat fett gesetzt habe, ist für mich nämlich das Entscheidende. Leider musste ich da in letzter Zeit so einige andere Erfahrungen machen, das letzte mal erst vor etwa zwei Wochen. Und alleine das ist für mich Grund genug, möglichst wenig auffallen zu wollen, oder genauer gesagt will ich, dass mein "spezieller Migrationshintergrund" möglichst wenig auffällt. Denn dann habe ich einfach mehr Ruhe, und ich muss mich nicht erst wieder aufbauen (lassen), wenn die nächsten "lieben Mitmenschen" auf der Straße oder wo auch immer meinen, dass gegenüber jemandem wie mir dieser Respekt nicht nötig sei. Das ist leider die traurige Realität "¦

LG
Mirjam