Ich weiß jetzt nicht, wie viele neue Erkenntnisse es bringt. Hier könnt ihr es lesen.
LG, Mirjam
DLF: Arbeitsleben und psychische Probleme / Welche Rolle der Job bei einer Depression spielt
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Mirjam
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Re: DLF: Arbeitsleben und psychische Probleme / Welche Rolle der Job bei einer Depression spielt
Obwohl ich mich aus gegebenem Anlass seit zwei Jahren intensiv mit der Thematik auseinandersetzen darf, gab es für mich eine neue Erkenntnis:
Die notorische Verweigerungshaltung des Prof. Dr. Ulrich Hegerl, ein negatives Arbeitsumfeld als Auslöser für Depressionen anzuerkennen.
Ich musste mehrmals lesen, dass dieser Herr nicht nur Psychiater und Klinikleiter, sondern obendrein Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe ist. Allein beim Lesen seiner Argumentation hätte ich ihn in die Nähe des Arbeitgeberpräsidenten ("Wer ist der beste Freund des Menschen: Der Hund!") eingeordnet. Ob er von Arbeitgeberseite in irgendeiner Form gesponsort wird, weiß ich nicht.
Seine Aussage:
Dagegen weiß es der Herr Professor besser und baut seine Theorie darauf auf, als wäre die (genetische) Veranlagung bereits ein 100% bewiesener unumstritterner Fakt. Demnach wären alle Depressionskranken veranlagt - von Geburt an. Nur komisch, dass so viele ehemals lebensfrohe positive Menschen erst nach Verlust des Partners + Verlust der Wohnung + Verlust der Arbeit in eine Depression abrutschen. Selbstverständlich hat die Erkrankung rein gar nichts mit den Lebensumständen zu tun, sondern mit der Veranlagung, welche die Betroffenen jedoch wegen ihrer Lebensfreude bislang nicht bemerkt hatten ...
Was soll das? Ein Freibrief für Arbeitgeber, das Stresslevel stetig hochzuschrauben, Mobbing und Ausgrenzung hinzunehmen und sich gar noch daran zu beteiligen?
Was mich stört, ist die Radikalität seiner Theorie. Warum sollen die Psychiater auf einem Auge blind sein? Wem nutzt das? Hier eindeutig der Wirtschaft. Ergänzend ist es unterhaltsam, sich sein Powerpoint zum Thema anzuschauen: https://www.deutsche-depressionshilfe.d ... alkurz.pdf. Während er die Arbeit als Depressionsursache freispricht, scheint er biblische, mythologische, paracelsische Gründe anzuerkennen - immerhin auch soziale Konflikte (Seite 3 seines Powerponts).
Würde er eine Einschränkung vornehmen, dass es bei einigen Menschen in der Tat so sein kann, dann würde ich zustimmen. Seine Rechtfertigung nimmt er aus den Ergebnissen einer Studie des bayerischen Max-Planck-Instituts für Psychiatrie aus 2015 https://www.uvb-online.de/de/system/fil ... studie.pdf im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e.V. Wen wundert das Ergebnis:
Anderslautende Studienergebnisse, die nicht von Arbeitsgeberseite in Auftrag gegeben und ggf. finanziert wurden, zweifelt er grundsätzlich an.
Zuletzt so geschehen bei der Studie der University of South Australia im Sommer diesen Jahres https://www.mdr.de/wissen/toxischer-arb ... n-100.html. Diese Studie sieht sehr wohl Zusammenhänge zwischen Arbeitsumfeld und Erkrankung - allein durch die Tatsache, dass sich ein in Vollzeit arbeitender Mensch sein halbes Leben lang dort aufhält, was kaum ohne Einfluss bleiben kann.
Obwohl er die Tödlichkeit der Krankheit mit drastischen Worten - die ich sehr anschaulich finde - anerkennt:
Die notorische Verweigerungshaltung des Prof. Dr. Ulrich Hegerl, ein negatives Arbeitsumfeld als Auslöser für Depressionen anzuerkennen.
Ich musste mehrmals lesen, dass dieser Herr nicht nur Psychiater und Klinikleiter, sondern obendrein Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe ist. Allein beim Lesen seiner Argumentation hätte ich ihn in die Nähe des Arbeitgeberpräsidenten ("Wer ist der beste Freund des Menschen: Der Hund!") eingeordnet. Ob er von Arbeitgeberseite in irgendeiner Form gesponsort wird, weiß ich nicht.
Seine Aussage:
kann ich unterschreiben. Dazu sind Mensch und Umwelt viel zu komplex, um irgendwo zwangskausale Zusammenhänge zu konstruieren - erst recht nicht in der Psychologie. Aber Folgendes verstehe ich als Leugnungshaltung, die fern jeder Praxis ist:Was das Problem ist, ist die naive Vorstellung, dass Stress und Ärger automatisch zu depressiven Erkrankungen führen. Eine depressive Stimmung, sich gestresst fühlen, das kann auch eine ganz gesunde menschliche Reaktion auf schwierige Lebensumstände sein, und nicht Ausdruck einer Erkrankung. Leider wird das oft vermengt.
Die Kliniken sind voller Menschen mit einer F32.x / F33.x-Diagnose, die überwiegend arbeitsbedingt umgekippt sind. Nicht nur wegen Stress. Neben Notärzten, die das ewige Sterben nicht mehr mit ansehen können oder Leuten, die sich mit Posten überladen und überfordert haben, füllen Menschen die Therapierunden, die systematisch gemobbt, ausgegrenzt und kaputt gespielt worden sind. Das Modewort "Burnout" trifft auf diese nicht zu, sondern es handelt sich gem. Diagnose um eine waschechte Depression. Doch der Herr Professor entkoppelt die Erkrankung vollständig vom Lebensumfeld, so als ob die Leute in einem Vakuum existieren würden:Dass ein ungünstiges Klima am Arbeitsplatz unsere Lebensqualität verhagelt, das ist ja völlig klar, aber deswegen wird man auch nicht depressiv erkranken.
Die Theorie, dass Depressionen genetisch veranlagt und damit vererbbar sind, ist noch recht neu und wird von den mir bekannten Psychiatern sehr vorsichtig gehandelt. Vor allem ist es schwierig, "das Gen" für die Anfälligkeit herauszufiltern. Eine weitere Rolle spielt die Resilienz, die ebenfalls zu einem gewissen Teil "angeboren" ist.Aber Depressionen sind viel eigenständigere Erkrankungen. Und die meisten Menschen in der Arbeit, die eine Depression kriegen, werden nicht wegen der Arbeit depressiv, die waren oft auch schon bevor sie gearbeitet haben in der Depression. Und viele erkranken dann oft auch erneut, wenn sie vielleicht Rentner sind, denn das Entscheidende ist die Veranlagung. Und wenn man das Pech hat und so eine Veranlagung mitbekommen hat, dann rutscht man immer wieder in diesen ganz speziellen Zustand Depression, selbst wenn es einem, von außen betrachtet, eigentlich relativ gut geht. Das zu verstehen, ist nicht einfach, denn wenn ich jetzt in eine Depression rutsche, dann schaut die Depression sozusagen rum, was gibt es Negatives in meinem Leben — und die findet immer etwas, bei jedem von uns. Und wenn man arbeitet, ist das halt oft die Arbeit — und dieses Problem wird dann vergrößert und ins Zentrum gerückt. Dann meint man, das ist die Ursache. Das zu verstehen, ist sehr schwer.
Dagegen weiß es der Herr Professor besser und baut seine Theorie darauf auf, als wäre die (genetische) Veranlagung bereits ein 100% bewiesener unumstritterner Fakt. Demnach wären alle Depressionskranken veranlagt - von Geburt an. Nur komisch, dass so viele ehemals lebensfrohe positive Menschen erst nach Verlust des Partners + Verlust der Wohnung + Verlust der Arbeit in eine Depression abrutschen. Selbstverständlich hat die Erkrankung rein gar nichts mit den Lebensumständen zu tun, sondern mit der Veranlagung, welche die Betroffenen jedoch wegen ihrer Lebensfreude bislang nicht bemerkt hatten ...
Was soll das? Ein Freibrief für Arbeitgeber, das Stresslevel stetig hochzuschrauben, Mobbing und Ausgrenzung hinzunehmen und sich gar noch daran zu beteiligen?
Was mich stört, ist die Radikalität seiner Theorie. Warum sollen die Psychiater auf einem Auge blind sein? Wem nutzt das? Hier eindeutig der Wirtschaft. Ergänzend ist es unterhaltsam, sich sein Powerpoint zum Thema anzuschauen: https://www.deutsche-depressionshilfe.d ... alkurz.pdf. Während er die Arbeit als Depressionsursache freispricht, scheint er biblische, mythologische, paracelsische Gründe anzuerkennen - immerhin auch soziale Konflikte (Seite 3 seines Powerponts).
Würde er eine Einschränkung vornehmen, dass es bei einigen Menschen in der Tat so sein kann, dann würde ich zustimmen. Seine Rechtfertigung nimmt er aus den Ergebnissen einer Studie des bayerischen Max-Planck-Instituts für Psychiatrie aus 2015 https://www.uvb-online.de/de/system/fil ... studie.pdf im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e.V. Wen wundert das Ergebnis:
Unterhaltsam ist es zudem, sich anzuschauen, wie integer der damalige Klinikdirektor war: https://www.sueddeutsche.de/wissen/muen ... -1.4545039Arbeit ist kein besonderer Risikofaktor für psychische Erkrankungen
Anderslautende Studienergebnisse, die nicht von Arbeitsgeberseite in Auftrag gegeben und ggf. finanziert wurden, zweifelt er grundsätzlich an.
Zuletzt so geschehen bei der Studie der University of South Australia im Sommer diesen Jahres https://www.mdr.de/wissen/toxischer-arb ... n-100.html. Diese Studie sieht sehr wohl Zusammenhänge zwischen Arbeitsumfeld und Erkrankung - allein durch die Tatsache, dass sich ein in Vollzeit arbeitender Mensch sein halbes Leben lang dort aufhält, was kaum ohne Einfluss bleiben kann.
Obwohl er die Tödlichkeit der Krankheit mit drastischen Worten - die ich sehr anschaulich finde - anerkennt:
will er offenbar durchsetzen, dass Psychiater und Psychologen auf dem Auge "Arbeitsumfeld" blind diagnostizieren. Würden alle seinem Beispiel folgen, verschwände vielleicht jedes Jahr eine Großstadt durch Suizid ...Das müssen Sie sich vorstellen, das ist jedes Jahr eine Kleinstadt, die durch Suizid verschwindet.