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nicole.f
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Post 1 im Thema

Beitrag von nicole.f » Fr 11. Mai 2018, 14:12

Da ich im öffentlichen Diskurs (Presse, Medien etc.) immer wieder über Begriffe wie "im falschen Körper", "biologisches Geschlecht" oder "Transmann" / "Transfrau" wahrhaft stolpere, habe hier hier einmal meine Kritik an diesen Begriffen aufgeschrieben.

Falscher Körper

Ich halte es für nicht hilfreich, das Bild des "falschen Körpers" weiter zu proliferieren. Es gibt nicht den falschen Körper und die geschlechtliche Identität hat zunächst nichts mit körperlichen Eigenschaften zu tun. Für viele trans* Menschen gibt es hier zwar einen Zusammenhang, der in der Folge zur Notwendigkeit von Angleichungen führt, doch dies ist hoch individuell bishin zu trans* Menschen, die keine körperlichen Angleichungen anstreben. Das Körper zentrierte Bild auf trans* Menschen muss endlich aufhören, denn es geht nicht primär um den Körper, jedenfalls nicht zentral, sondern um die persönliche geschlechtliche Identität, die ggf. mit Fremdzuweisungen, Fremderwartungen und ggf. eigenen Erwartungen nicht übereinstimmen kann.

Dies ist inzwischen auch wissenschaftlich anerkannt und schlägt sich entsprechend im Entwurf des ICD11 als "Gender Incongruence" nieder, einer nicht nähre bestimmten Inkongruenz zwischen dem persönlichen geschlechtlichen Empfinden und nicht näher benannten anderen Eigenschaften oder sogar Zuschreibungen. Die Inkongruenz kann dann darin bestehen, dasss bestimmte Körpermerkmale nicht kongruent sind oder eben bspw. auch die Fremdzuweisung oder Fremderwartung von geschlechtlichen Eigenschaften abgelehnt werden (müssen). Der Körper ist hier aber nur einer von vielen Faktoren.

Der Körperzentrierung, wie sie oft verbreitet wird, liegt noch ein anderes Problem zugrunde, nämlich die Körpernormierung. Denn was damit auch transportiert wird, ist ein geschlechtlich normiertes Körperbild - so haben Mann und Frau zu sein, so und so sind ihre Körper. Dies ist aber falsch.

Aktivistisch kurz gesagt:
Es gibt Männer mit Vagina und Frauen mit Penis - gewöhnt euch dran!

Biologisches Geschlecht

Diesen Begriff finde ich auch sehr problematisch. Was macht denn ein "biologisches Geschlecht" aus? Die Ausprägung der sekundären Geschlechtsmerkmale? Der Hormonspiegel? Die Gene? Hirnstrukturen? Die Breite des Beckens?

Das biologische Geschlecht ist eine Vorstellung des letzten Jahrtausends. Soetwas wie "das biologische Geschlecht" gibt es schlicht und ergreifend nicht, denn jeder Ansatz einer Definition kann falsifiziert werden. Falsifikation ist eine der Grundmethoden wissenschaftlichen Arbeitens zur Überprüfung einer Theorie. Kann ein Gegenbeispiel konstruiert oder anders gegeben werden, so gilt die Theorie als widerlegt.

Der Begriff alleine versucht eine biologisch/physiologische Wissenschaftlichkeit zu suggerieren, die einfach nicht gegeben ist - und was auch inzwischen wissenschaftlich immer weiter anerkannt wird. Es gibt kein einzelnes Merkmal und auch keine Gruppe von Merkmalen, anhand derer ein "biologisches Geschlecht" an einem Individuum ablesbar wäre. Denn hierin liegt die Krux, es wird versucht eine allgemeine Regel aufzustellen, anhand derer dann Individuen klassifiziert werden sollen. Solche Regeln sind aber nur phänomenologisch für eine Population aufstellbar und selbst dort wackelig, taugen vielleicht noch zur Beschreibung allgemeiner Phänomene, aber gar nicht zur Klassifizierung von Individuen.

Die Natur ist eben vielfältig und nicht monokausal, wie es die Menschen gerne hätten.

Anstatt "biologischem Geschlecht" muss es daher konsequenterweise richtig lauten: "das bei Geburt anhand äußerer Geschlechtsmerkmale zugewiesene Geschlecht". Etwas sperrig, aber erst dann stimmt es - meistens.

Transmann, Transfrau

Ich verwehre mich auch regelmäßig gegen Schreibweisen, die zusammengesetzte Substantive bilden, wie "Transfrauen" und "Transmänner". Das mag etwas kleinlich klingen, doch solche Begriffsbildungen haben den Charakter von Marginalisierung. Man versucht trans* Menschen damit in eine eigene abgeschlossene Gruppe zu stecken, um sie zu kontrollieren und sie damit schlussendlich von den "normalen" abzusondern. Wir sind keine Frauen und Männer, sondern "Transfrauen" und "Transmänner".

Das finde ich genauso falsch, wie Menschen auf andere Eigenschaften zu reduzieren und sie damit zu objektifizieren, wie es jahrelang bspw. auch mit Frauen geschah und noch geschieht: Die Blondine, die Brünette etc. Das würde man nie oder zumindest sehr viel seltener über Männer hören oder lesen, denn Männer sind die Norm und die vollwertigen und unangefochtenen Mitglieder der Gesellschaft. Doch bis eine Frau von der "Brünetten" zur vollwertigen Frau wird, muss sie, im Vergleich zum Mann, extra Leistungen erbringen, sich erst als ebenbürtig erweisen. Zuvor wird sie zum Objekt reduziert und ihr ihre Individualität als Mensch abgesprochen.

Genau das gleiche passiert hier mit trans* Menschen. Wir werden objektifiziert, auf den Körper reduziert und durch eigene Substantive ab- und ausgegrenzt. Die darauf folgende Diskussion dreht sich dann nicht mehr um den Menschen und das Individuum, sondern nur noch um die Eigenschaften als Objekt - der Neugier, der Sensationslust, der wissenschaftlichen Betrachtung etc.

Trans* ist mindestens ein Spektrum und vermutlich sogar noch viel mehr als eindimensional. Trans* ist nicht binär und nicht beschränkt auf Frau und Mann oder bestimmte Körper und Körperbilder. Daher plädiere ich stets für die Verwendung von trans* oder Trans* und in der Beschreibung von Menschen für die Verwendung von trans* als Adjektiv: trans* Frau, trans* Mann, trans* Mensch, trans* Person. Es sind Frauen und Männer, die wie "blonde Frau" eben die Eigenschaft trans* haben. Es macht sie damit aber nicht zu einer anderen Art von Frau und im Besonderen nicht zum Objekt "Transfrau".

Liebe Grüße
nicole
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Re: Trans* Sprachhandeln

Post 2 im Thema

Beitrag von Svetlana L » Fr 11. Mai 2018, 14:49

Liebe Nicole,
vielen Dank für die klarstellenden Worte. Zum Thema "falscher Körper" sage ich immer nur, dass ich nur diesen einen Körper habe und er deshalb schon nicht falsch sein kann - an manchen Stellen vielleicht supoptimal, aber auf keinen Fall falsch. Gleichwohl habe ich dieses Bild des falschen Körpers immer dann gelten lassen, wenn man auf völlig unbedarfte (=unwissende) Menschen stößt. Ich werde das mal überdenken.

Zum Thema trans*/Trans* hatte ich hier im Forum schon mal was geschrieben, was in deine Richtung geht. Die Reaktionen darauf schenke ich mir an dieser Stelle mal.
Liebe Grüße aus Berlin
Svetlana

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Re: Trans* Sprachhandeln

Post 3 im Thema

Beitrag von nicole.f » Fr 11. Mai 2018, 15:07

Danke ;)

Ich glaube das Problem ist, wie so oft, wenn Dinge ohne Kontext diskutiert werden. Ich möchte bspw. niemandem seine Selbstbeschreibung als "transsexuell" absprechen oder gar die Verwendung "verbieten" wollen oder soetwas. Darum geht es gar nicht. Aber man kann, denke ich, durchaus nachvollziehbare Argumente gegen solche Begriffe vorbringen und warum sie vielleicht in bestimmten Kontexten schädlich für uns sein können. Als Beispiel führe ich dazu gerne meine eigene Selbstbezeichnung an. Im medizinischen Kontext, wenn ich mit Ärzt_innen zu tun habe etc., dann bin ich nach gängigen Standards "transsexuell". Das muss ich so hinnehmen, denn sonst habe ich im medizinischen System aktuell kaum eine Chance. In trans* Kontexten, wie Selbsthilfegruppen, wenn ich an Vorträgen oder Workshops teilnehme oder diese gebe, dann bin ich trans* Mensch, trans* Person oder auch trans* Frau. Werde ich auf der Straße angesprochen, checke in ein Hotel ein oder im sonstigen Alltag, dann bin ich ganz einfach Frau, fertig, und erwarte auch, dass andere dies respektieren.

Aber ich wollte damit sicherlich keine erneute Diskussion antreten ;)
Den Text hatte ich in einem anderen Kontext geschrieben und dachte mir nur, dass ich das mal hier teilen könnte.

Liebe Grüße
nicole
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Re: Trans* Sprachhandeln

Post 4 im Thema

Beitrag von Svetlana L » Fr 11. Mai 2018, 15:20

nicole.f hat geschrieben:
Fr 11. Mai 2018, 15:07
Den Text hatte ich in einem anderen Kontext geschrieben und dachte mir nur, dass ich das mal hier teilen könnte.
Auf jeden Fall. Ich denke, ein bisschen an der eigenen Sensibilisierung zu arbeiten und ab und zu mal die Feinjustierung zu überprüfen kann niemalsnie verkehrt sein.
Liebe Grüße aus Berlin
Svetlana

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Re: Trans* Sprachhandeln

Post 5 im Thema

Beitrag von nickimicki » Fr 11. Mai 2018, 19:18

Ich möchte den Worten meiner Namensvetterin zustimmen. Die Metapher mit dem falschen Körper kann man verwenden, um zu beschreiben wie sich jemand fühlt der mit seiner Identität hadert. Nimmt man es einfach wörtlich, bedeutet das, es wäre etwas mit dem Körper nicht in Ordnung. Ein vollkommen gesunder Mensch, an dem alles dran ist und dessen Hormone, Blutwerte usw. vollkommen in Ordnung sind, hat einen Körper der biologisch, medizinisch und sonstwie vollkommen richtig ist. Das was falsch ist passiert im Kopf. Was da passiert und warum, das könnte man sicher irgendwann einmal herauszufinden, doch ob am Ende damit jemandem geholfen wäre, ist nicht sicher. Das Problem einer sog. psychischen Erkrankung oder Störung ist, dass man nur empirischen Einblick darin hat. Gott sei Dank kann man niemanden in den Kopf gucken. Das Wort Krankheit suggeriert, dass es therapierbar oder heilbar ist, das Wort Störung suggeriert, dass es etwas ist dass man bekämpfen muss. Am Ende ist es aber so, dass es Menschen gibt, die in Folge dessen z.B. depressiv werden und das Ergebniss ist dann tatsächlich eine Krankheit oder Störung die nach einer Lösung sucht um Unheil zu verhindern.
Wichtig ist, dass es medizinische Wege gibt, den Menschen zu helfen und ihnen ihren Leidensdruck zu nehmen und dass wir auf dem Weg sind, dass auch die Gesellschaft sich anpasst und das Thema konstruktiv diskutiert. Ich finde zwar diese ganze Entgenderfizierung etwas übertrieben, doch das ist ein anderer Thread.
Nicole

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Re: Trans* Sprachhandeln

Post 6 im Thema

Beitrag von nicole.f » Fr 11. Mai 2018, 20:50

nickimicki hat geschrieben:
Fr 11. Mai 2018, 19:18
...
Wichtig ist, dass es medizinische Wege gibt, den Menschen zu helfen und ihnen ihren Leidensdruck zu nehmen und dass wir auf dem Weg sind, dass auch die Gesellschaft sich anpasst und das Thema konstruktiv diskutiert. Ich finde zwar diese ganze Entgenderfizierung etwas übertrieben, doch das ist ein anderer Thread.
Hier stecken noch zwei interessante Dinge drin. Zum einen was Du als "medizinische Wege gibt, den Menschen zu helfen und ihnen ihren Leidensdruck zu nehmen" beschreibst. Hier würde ich auch noch die Frage nach Ursache und Wirkung aufwerfen wollen. Was verursacht denn das Leiden? Ist es die Inkongruenz, wie es jetzt bald heißen wird? Oder ist es der gesellschaftlich normative Druck? Da bin ich mir extrem unsicher. Schaut man in andere Kulturkreise, die einen deutlich natürlicheren Umgang mit geschlechtlicher Vielfalt haben, so stellt man fest, dass es dort kaum oder keinen "Leidensdruck" zu Anpassungen gibt. Was verursacht also das "Leiden" und was passen wir tatsächlich an? Geben wir vielleicht eher dem gesellschaftlichen Druck nach und passen uns und unsere Körper einem allgemeinen geschlechtlichen Körperbild an?

Zum anderen schreibst Du, Du siehst die "Entgenderfizierung" kritisch. Ich bin mir nicht ganz sicher, was damit gemeint sein könnte, aber ich vermute die verstärkte Achtsamkeit auf geschlechtliche Gleichberechtigung? Soetwas wie geschlechtergerechte Sprache etc.? Das hat für mich nichts mit einer Negation von Gender oder einer Gleichmacherei der Geschlechter oder gar deren Abschaffung zu tun - gerade ich als trans* Person muss zwangsläufig geschlechtliche Unterschiede vertreten und für mich einfordern, denn sonst gäbe es trans* von vorne herein gar nicht. Was aber doch geschlechtliche Gleichberechtigung bishin zur Sprache bewirken soll ist doch, dass dort wo heute geschlechtliche Unterschiede gemacht werden, diese überdacht und dort abgestellt werden, wo sie entweder nicht nötig oder sogar hinderlich sind?

Geschlechtergerechte Sprache, also bspw. das Schreiben und Sprechen mit Gender-Gap (dem Unterstrich) oder Binnen-I oder anderen Möglichkeiten, sind Formen, um die bisherige sprachliche Vormachtstellung des Männlichen, das generische Maskulinum, zu hinterfragen. Denn damit wird sprachlich immer und immer wieder das Männliche zur Norm erhoben, zum Normalfall. Sprache schafft Realität. Es gibt Studien dazu, wie Sprache und Sprachhandeln tatsächlich einen enormen Einfluss auf das Selbstverständnis von einzelnen Menschen hat. Wenn immer nur mit maskulinen Formen gesprochen wird, werden die weiblichen Formen eben nicht benannt und verschwinden damit in einer Unsichtbarkeit. Sie fühlen sich nicht mit angesprochen, nicht bedacht, nicht geachtet, nicht mitgedacht und eben nicht angesprochen, egal wie sehr beteuert wird, naja, sie sind "natürlich" mit gemeint. So kommt es aber nachweisbar nicht an.

Eine gendergerechte Sprache ist keine Form der Negation von Gender, sondern eigentlich streng genommen eine Betonung, eine Verstärkung, eine Bewusstmachung!

Es gibt eine schöne Studie mit Stellenangeboten. Es wurde für einen technischen Beruf "ein Ingenieur" gesucht. Wie zu erwarten bewarben sich sehr viele Männer, aber kaum Frauen. Als die Stellenanzeige umgestaltet wurde und ausdrücklich auch Frauen mit angesprochen wurden, also nach "Ingenieur/-in" gesucht wurde, stieg die Anzahl der Bewerberinnen deutlich an. Sprache schafft eben tatsächlich Realität.

Edit: Hier eine schöne Broschüre dazu: http://feministisch-sprachhandeln.org/

Liebe Grüße
nicole
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Cybill
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Re: Trans* Sprachhandeln

Post 7 im Thema

Beitrag von Cybill » Sa 12. Mai 2018, 07:04

Endlich mal eine vernünftige Sichtweise der Dinge!

Danke!

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Scio quid nolo! - Ich weiß was ich nicht will!

Michelle_Engelhardt
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Re: Trans* Sprachhandeln

Post 8 im Thema

Beitrag von Michelle_Engelhardt » Sa 12. Mai 2018, 07:20

Vorab: Nicoles Definitionen gefallen mir gut, denn sie haben Hand und Fuß. Ich allerdings verwende für mich häufiger die Definition "im falschen Körper geboren". Es kommt bei uns auf der Arbeit öfter vor, das ich neue Kollegen einarbeite. Wenn ich mich vorstelle, sage ich: "Falls ihr euch wundert, wieso meine Stimme nicht so recht zum Rest der Erscheinung paßt....ich bin Transgender, also im falschen Körper geboren.....habt ihr vielleicht schon mal im Fernsehen gesehen." Diese Definition ist sicher nicht die Tollste, aber für 99,9 % der Leute leicht verständlich, sie können damit was anfangen.

Liebe Grüße
Michelle
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Frauke
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Re: Trans* Sprachhandeln

Post 9 im Thema

Beitrag von Frauke » Sa 12. Mai 2018, 10:00

Bei der Diskussion und vielen richtigen Anregungen sollten die klassischen Transsexuellen aber nicht ganz unter den Tisch fallen. Für diese ist die körperliche Anpassung schon sehr wichtig. Und ich bezweifle, dass die damit verbundenen Hürden und Widrigkeiten auf Grund eines "gesellschaftlich normative Druck"s auf sich genommen werden. Ein Wissen um die eigene Geschlechtlichkeit sollte nicht (generell) in Abrede gestellt werden.

Davon abgesehen halte ich die Bezeichnung vom "falschen Körper" auch nicht für gut. Jeder Mensch hat nun mal den einen, eignen Körper. Und manchmal passen leider nicht all seine "Ausprägungen" zu dem Inneren.

Transfrau bzw. -mann ist eine Verkürzung auf einen Teilbereich eines Menschen und fördert eher die Ausgrenzung. Frau oder Mann reichte vollkommen (außer für nichtbinäre Menschen).
Zuletzt geändert von Frauke am Sa 12. Mai 2018, 13:20, insgesamt 1-mal geändert.

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Re: Trans* Sprachhandeln

Post 10 im Thema

Beitrag von Jenina » Sa 12. Mai 2018, 11:11

Nicole,

vielen, vielen Dank für Deinen Beitrag. Du sprichst mir in d en allermeisten Dingen aus der Seele. Besonders das Konzept vom "falschen Körper" habe ich noch nicht verstanden.

Da hinein spielt auch das oft gebrauchte "ich war schon immer eine Frau". Das impliziert, dass vollkommen klar wäre, was eine Frau IST, was sie ausmacht in all den komplizierten Verhältnissen von Körper und Geist.

Allerdings sind solche Vereinfachungen für eine Diskussion mit anderen Menschen, die bisher noch überhaupt keinen Bezug zu trans* Themen hatte zumindest eine Form des Einstiegs in eine Diskussion, die aber dann unbedingt vertieft werden sollte. Und diese Vertiefung braucht es unbedingt, wenn man seinen eigenen Weg bestimmen will. Da reiche so einfache Allgemeinplätze keinesfalls aus. Unser Forum kann dazu vieles beitragen, denke ich. Nicht zuletzt mit dieser Diskussion, die ich gern beobachten und mit tun werde.

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Re: Trans* Sprachhandeln

Post 11 im Thema

Beitrag von Frauke » Sa 12. Mai 2018, 15:28

Ich verstehe "schon immer Frau" bzw. "schon immer Mann" etwas anders. Dies bedeutet m.M. nach nicht, dass immer schon klar war, was hinter dem persönlichem Unbehagen steht, woher die vielfältigen Probleme kommen. Sondern eher, dass niemand durch HRT und GaOP "umgewandelt" werden kann. Von daher stimmen diese Aussagen für die Betroffen.

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Re: Trans* Sprachhandeln

Post 12 im Thema

Beitrag von Svetlana L » Sa 12. Mai 2018, 15:43

Jenina hat geschrieben:
Sa 12. Mai 2018, 11:11
vielen, vielen Dank für Deinen Beitrag. Du sprichst mir in d en allermeisten Dingen aus der Seele. Besonders das Konzept vom "falschen Körper" habe ich noch nicht verstanden.
Schade, dass du hier so vage bleibst und nicht schreibst, was dir aus der Seele spricht bzw. was nicht. Als ich letztes Jahr im Oktober im Thema "Namenswahl" auf die feinen Unterschiedes zwischen trans* und Trans* aufmerksam machte, hast du dich ja köstlich amüsiert und darüber lustig gemacht, dass "auch noch die Schreibweise in höchst wissenschaftlicher Weise mit Stern und Gap verhackstückt wird".
Liebe Grüße aus Berlin
Svetlana

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Re: Trans* Sprachhandeln

Post 13 im Thema

Beitrag von Jenina » Sa 12. Mai 2018, 17:59

Svetlana,

ich bin auch nach wie vor der Meinung dass man es nicht übertreiben sollte. Zumal das die "normale" Bevölkerung eher abschreckt wenn man hier linguistische Kunststücke vollführt für Unterschiede die so nicht begriffen werden von Außenstehenden. Aber: siehe unten...

Zu speziellen Dingen in Nicoles Post werde ich mich mal äußern wenn mehr Zeit ist, gerade ist es etwas schlecht...

Jenina
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Re: Trans* Sprachhandeln

Post 14 im Thema

Beitrag von Yasmine » So 13. Mai 2018, 18:19

nicole.f hat geschrieben:
Fr 11. Mai 2018, 14:12
Aktivistisch kurz gesagt:
Es gibt Männer mit Vagina und Frauen mit Penis - gewöhnt euch dran!
Danke! Wahre Worte - auch für dieses Forum.
Wenn das hier Akzeptanz finden würde, dann wären wir schon viel weiter.

LG
Yasmine

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Re: Trans* Sprachhandeln

Post 15 im Thema

Beitrag von nicole.f » So 13. Mai 2018, 23:01

Jenina hat geschrieben:
Sa 12. Mai 2018, 17:59
ich bin auch nach wie vor der Meinung dass man es nicht übertreiben sollte. Zumal das die "normale" Bevölkerung eher abschreckt wenn man hier linguistische Kunststücke vollführt für Unterschiede die so nicht begriffen werden von Außenstehenden. Aber: siehe unten...
Ich möchte jetzt nicht wirklich über-kritisch sein, aber der Begriff kam nun schon ein paar mal auf und daher frage ich mich nun, wer wohl mit "normale Bevölkerung" gemeint sein könne? Und zählen trans* Menschen nicht dazu? Mit der Unterscheidung zwischen irgendwelchen und uns geht die Ausgrenzung doch eigentlich schon los, oder? Grenzen wir uns damit nicht selbst aus?

Ich empfinde mich als völlig normal. Genauso normal, wie jeder andere Mensch auch. Von "normal" und "anderen" zu sprechen halte ich für sehr gefährlich, denn darin steckt Ab- und Ausgrenzung. Damit beginnt sie eben erst und erst damit wird etwas, was eigentlich völlig "normal" sein sollte, eben gerade erst zum erklärungsbedürftigen Diskussionsgegenstand. In dem Moment, in dem wir beginnen uns in einer Art zu erklären, die eine Rechtfertigung darstellt, in diesem Moment katapultieren wir uns selbst aus der Mitte an den Rand. Wir nehmen uns selbst aus der Mitte der Gesellschaft heraus und geben uns selbst einen Sonderstatus.

Trans* Menschen sind nichts Besonderes. Sie sind genauso besonders wie Menschen mit unterschiedlichen Haar- oder Hautfarben, unterschiedlichen Körpergrößen, unterschiedlicher sexueller Orientierung, Kleidung, Aussehen, Ansichten, Einsichten etc. Trans* Menschen müssen sich nicht rechtfertigen, dafür das sie so sind, wie sie eben sind. Es gibt da nichts, was "den Normalen" erklärt werden müsste.

Oder vielleicht doch, eines, nämlich das Trans* Menschen besondere Bedarfe haben. So wie sich heute eine körperlich eingeschränkte Person auch nicht dafür erklären muss, dass sie eben so ist wie sie ist, sondern allenfalls erklären muss, dass sie einen besonderen Bedarf bspw. für eine Gehhilfe hat.

Ich bin fest davon überzeugt, dass wir endlich aus der Ecke der Selbsterklärung im Sinne von Rechtfertigung raus müssen. Praktisch keine andere Bevölkerungsgruppe steht unter einem solchen Rechtfertigungszwang wie wir! Überall wo wir hinkommen und unsere Bedarfe äußern, werden wir früher oder später nach Rechtfertigungen gefragt. Es geht dann nicht um die Erklärung der Notwendigkeit, sondern um die Rechtfertigung unserer bloßen Existenz zur Begründung unseres ("bedauerlichen") Sonderfalls.

Wir sind selbst von unserer Normalität noch weit entfernt, solange wir uns selbst noch immer für erklärungsbedürftig erachten.

Daher weg von Erklärungsmodellen wie "falschem Körper" etc., so anschaulich diese vielleicht sein mögen, doch sie führen auf einen, wie ich finde, falschen Pfad. Diese Erklärungen sind schon lange gegeben und die Personen, die sich dafür interessieren, sollen bitte nicht irgendwelche trans* Personen fragen, sondern Personen die für diese Erklärungen da sind. Wir würden auch nicht eine körperlich eingeschränkte Person danach fragen, warum sie denn eingeschränkt sei? Das ist nicht nur unhöflich, sondern auch schlicht unsachlich. Es tut in der individuellen menschlichen Beziehung nichts zur Sache; es hat nichts zur Sache zu tun. Etwas anderes ist es dann, wenn diese körperlich eingeschränkte Person eine andere Person um Hilfe bittet, bspw. um den Rollstuhl über eine Hürde zu heben. Hier spielt aber wiederum nur der Bedarf eine Rolle, nicht aber worin er seine Ursache hat.

Genau so finde ich sollte es sich, in einer nicht all zu fernen Zukunft, einmal mit Trans* verhalten. Trans* ist, wer dies über sich selbst aussagt. Niemand hat dies in Frage zu stellen. Trans* typische Bedarfe werden anhand der Selbstaussage anerkannt und nicht hinterfragt - erst recht nicht wird nach einer Rechtfertigung gefragt.

Ich weiß, dass wir davon noch reichlich entfernt sind. Doch ich halte es für machbar, dorthin zu gelangen! Wir gemeinsam können diese Zukunft formen, indem wir jetzt Zeichen setzen und Widerstände überwinden. Indem wir dem Rechtfertigungsdruck widerstehen, indem wir uns den bohrenden Fragen nach Erklärungen entziehen und indem wir jetzt die Diskussion weg von Gründen hin zu unseren Notwendigkeiten und unsren Bedarfen lenken.

Ich finde gerade kein besseres Video... Laverne Cox hat dies einmal perfekt in einem Interview gemacht:

https://www.youtube.com/watch?v=sMH8FH7O9xA[/youtube]

(leider nur Englisch)

Was in dem Video fehlt ist, dass die Moderator_innen kurz zuvor die berühmte Frage nach "der OP" gestellt haben - oder auf Englisch "body parts", also Körperteilen, womit in dem Zusammenhang mit Trans* natürlich immer die Genitalien gemeint sind. Laverne kommt sofort runter von dem Gleis und setzt den ganzen Zug neu auf, nämlich die eigentlichen Probleme von Trans* und worum es eigentlich gehen sollte - eben nicht um völlig private Entscheidungen zu Körperteilen.

Das ist im Prinzip genau das, was ich zuvor auch versucht habe zu beschreiben. Wir sollten uns nicht rechtfertigen, niemandem. Und wir sollten uns nicht ständig auf das Trans* Sein reduzieren lassen. Das sollte so selbstverständlich sein wie atmen - hey, da sind wir! Gewöhnt euch dran! Wir werden nicht weggehen! Und wir sind mehr, viel mehr, als ihr euch vorzustellen vermögt!

Liebe Grüße
nicole
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