Non-Binäre in der deutschen Sprache
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Andrea aus Sachsen
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Non-Binäre in der deutschen Sprache

Post 1 im Thema

Beitrag von Andrea aus Sachsen » Di 8. Jan 2019, 01:03

.
Die deutsche Sprache kennt nur das männliche und weibliche Geschlecht. Deshalb hätte ich ein Problem, selbst einfache Sätze zu formulieren, in denen ein Mensch vorkommt, der sich irgendwo dazwischen verortet.
Das Ganze ist nicht zu verwechseln mit der in einem anderen Thread diskutierten Sternchen-Unterstrich-Problematik. Dort geht es um Texte in denen sich möglichst alle Geschlechter angesprochen fühlen sollen. Ich möchte dagegen nur einen einzelnen Menschen richtig benennen.

Hier mal drei einfache Beispielsätze, die je nach Geschlecht der betreffenden Person, anders lauten. Für einen Mann würde es z.B. heißen:
• Der Arzt eröffnet seine Praxis.
• Mein Freund hat Geburtstag.
• Der Sohn ist volljährig geworden.

Dasselbe nun für eine Frau:
• Die Ärztin eröffnet ihre Praxis.
• Meine Freundin hat Geburtstag.
• Die Tochter ist volljährig geworden.

Doch wie soll das für non-binäre Menschen heißen? Insbesondere würde mich interessieren, wie selbst Betroffenen, von denen es einige hier im Forum gibt, es für sich am liebsten hätten.
Viele Grüße
Andrea aus Sachsen

Valerie Bellegarde
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Re: Non-Binäre in der deutschen Sprache

Post 2 im Thema

Beitrag von Valerie Bellegarde » Di 8. Jan 2019, 06:08

Liebe Andrea,
Ein thread über deutsche Sprache, das interessiert mich. Daher auch eine kleine Ergänzung meinerseits: Ich kenne drei Artikel, die ein deutsches Substantiv begleiten können: der, die und das. Letzteres wenn es um geschlechtslose Dinge geht, also Sachen. Nun sind Subjekte, die sich weder als männlich oder weiblich sehen (non-binäre) sich nicht a priori immer gleich sächlich, also das "das" wäre damit auch keine gangbare Lösung, erstens weil es faktisch nicht stimmt und zweitens weil es abwertend klingt. Die Lösung wird wahrscheinlich zukünftig darin liegen, dass man sich für solche Subjekte auf einen ganz neuen Artikel einigt. In anderen Sprachen gibt es das schon, z.B. im Schwedischen.

sbsr
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Re: Non-Binäre in der deutschen Sprache

Post 3 im Thema

Beitrag von sbsr » Di 8. Jan 2019, 08:56

Andrea aus Sachsen hat geschrieben:
Di 8. Jan 2019, 01:03
• Die Ärztin eröffnet ihre Praxis.
• Meine Freundin hat Geburtstag.
• Die Tochter ist volljährig geworden.
Hallo Andrea,

es geht mit Umschreibungen und dem (Vor)Namen anstelle einer Präposition.

Svenja eröffnet eine Arztpraxis.

Bei Begriffen, die unabhängig von ihrem Genus eine Aussage über das Geschlecht beinhalten, wird es schwierig, da können nur Sammelbegriffe (Kind kann Tochter oder Sohn sein) helfen:
Mein Kind ist volljährig geworden.

Wo es solche Sammelbegriffe auch nicht gibt, ist es mit etwas Mühe zwar möglich, jedoch nicht ohne Informationsverlust, "eine Bekanntschaft" drückt halt doch etwas anderes aus, als "mein Freund" oder "meine Freundin". Notfalls bleiben noch neutrale Ausdrücke wie Mensch oder Person, wobei auch "eine befreundete Person" nicht das gleiche ist wie "(m)eine Freundin".

Wobei man auch hier fragen muss, inwieweit das im Alltag Sinn macht. Wenn ich mich mit Externen über den Stammtisch unterhalte, ist es denen relativ egal, in welcher Form ich über nicht-binäre Besucher spreche. Diejenige Person wird es in der Situation nicht mitbekommen, es sei denn sie steht daneben. Ich halte es keineswegs für respektlos, wenn in einer Unterhaltung ohne Beteiligung eines nicht-binären Menschen in der männlichen oder weiblichen Form über ihn gesprochen wird.

Ich bin da allerdings generell ziemlich entspannt, wenn ich in Frauengestalt am Stammtisch bin und jemandem rutscht ein "er" raus.

Was ich persönlich für gruselig und manchmal einfach sachlich falsch halte, sind Konstruktionen in der Verlaufsform. Mein Lieblingsbeispiel sind hierzu immer die "zu Fuß gehende(n)" in der StVO. Hüpft man auf einem Bein, anstatt zu gehen, darf man das unbescholten auch mitten auf der Hauptstraße.
LG, Svenja

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Re: Non-Binäre in der deutschen Sprache

Post 4 im Thema

Beitrag von Stephanie » Di 8. Jan 2019, 09:25

Dieses Thema ist interessant. Ich habe mir öfter schon überlegt, wie man die Anrede umgehen kann. Meine Kollegen haben da einen recht pragmatischen Ansatz. Sie kennen mich sowohl als Stefan, als auch als Stefanie. Sie sagen einfach als Universalartikel "de". :)
"Da kommt de Stefanie; da kommt de Stefan." Oder halt auch mit dem Spitznamen Steffi, den ich auch in beiden Erscheinungsformen trage.
"Frag doch mal de Steffi!"
Es ist ein Stück weit dem Englisch "th" angepasst. Außerdem wird das "de" auch in vielen deutschen Dialekten benutzt. So auch in der Gegend hier bei mir im Plattdeutschen.
Ich persönlich habe da kein Problem mit. Ob so ein Universalartikel den weg in die deutsche Grammatik finden kann, entzieht sich allerdings meiner Kenntnis. :wink:

Viele liebe Grüße von de Steffi
Wäre ich schlank, würde euch das nur unnötig geil machen...

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Re: Non-Binäre in der deutschen Sprache

Post 5 im Thema

Beitrag von Nicole Doll » Di 8. Jan 2019, 11:57

Andrea aus Sachsen hat geschrieben:
Di 8. Jan 2019, 01:03
...... Doch wie soll das für non-binäre Menschen heißen? Insbesondere würde mich interessieren, wie selbst Betroffenen, von denen es einige hier im Forum gibt, es für sich am liebsten hätten.
Hallo Andrea,

ich möchte mit "Nicole" und "sie" angesprochen werden. Daher stellt sich diese Frage für mich persönlich nicht so direkt. Wenn ich aber im typischen Enby-Outfit herum laufe, werde ich mal als "sie" und mal als "er" angesprochen. Irgend etwas anderes kennt keiner und die Sprache gibt es auch nicht her. Also funktioniert es mit nicht-binären Pronomen und Anreden nur, wenn man sich recht gut kennt und sich entsprechend abgesprochen hat.

Einer meiner Nachbarn fragte einmal: "Wo ist sier?" Wer war damit gemeint? - der Nachbar, die Nachbarin, oder das Nachbar-Lebewesen? Korrekt für einen Enby wäre sicherlich letzteres, aber ein gutes Deutsch ist es doch wohl nicht. Sächliche Sammelbegriffe für Personen wie 'das Kind' sind eher selten. Oft steht da der männliche Begriff für beide Geschlechter wie bei 'Gast'. Wenn man allgemein von "den Ärzten" redet, sind Ärzte und Ärztinnen gemeint. Also eröffnet dann in Deinem Beispiel der Arzt seine Praxis.

Ich benutze oft diese männliche Sammelbezeichnung, wenn ich über mich (als Nicole) rede oder schreibe. Also: "... mein Beruf als Ingenieur ...". Da bestehe ich nicht - wie einige hier - auf die weibliche Form.

LG Nicole
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Re: Non-Binäre in der deutschen Sprache

Post 6 im Thema

Beitrag von Ralf-Marlene » Di 8. Jan 2019, 13:57

Andrea aus Sachsen hat geschrieben:
Di 8. Jan 2019, 01:03
Hier mal drei einfache Beispielsätze, die je nach Geschlecht der betreffenden Person, anders lauten. Für einen Mann würde es z.B. heißen:
• Der Arzt eröffnet seine Praxis.
• Mein Freund hat Geburtstag.
• Der Sohn ist volljährig geworden.

Dasselbe nun für eine Frau:
• Die Ärztin eröffnet ihre Praxis.
• Meine Freundin hat Geburtstag.
• Die Tochter ist volljährig geworden.
Liebe Andrea,
danke für die Frage, auf die ich gerne eine Antwort versuchen möchte.

• (Name) eröffnet eine Arztpraxis.
• (Name) hat Geburtstag.Wir sind befreundet.
• (Name), dass Kind von (Name), ist volljährig geworden.

Für mich ist die "richtige" Bezeichnung nicht die entscheidende Größe, der Respekt oder aber auch der diskriminierende Ton macht den Unterschied. Es geht auch nicht nur darum, was Mensch sich wünscht. Es geht auch um Sprachgefühl, Verständlichkeit und Praktikabilität. Wenn wir Artikel und Pronomen verwenden wollen, werden wir um ein neues Sprachgefühl, neue Worte und ein Wachsen der Sprache nicht herum kommen.
Interessant wäre es, sich einmal an einer neutralen Kurzgeschichte zu probieren...
Marlene

Ich halte es mit Karl Popper im 1945 formulierten Toleranz-Paradoxon https://de.wikipedia.org/wiki/Toleranz-Paradoxon

Ich bin (nur) intolerant gegenüber der Intoleranz.

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Re: Non-Binäre in der deutschen Sprache

Post 7 im Thema

Beitrag von Nicole Doll » Di 8. Jan 2019, 16:32

Ralf-Marlene hat geschrieben:
Di 8. Jan 2019, 13:57
• (Name) eröffnet eine Arztpraxis.
• (Name) hat Geburtstag.Wir sind befreundet.
• (Name), dass Kind von (Name), ist volljährig geworden.
Hallo Ralf-Marlene,

Das geht ganz allgemein nur, wenn ich jeweils (Name) kenne. Wie schreibe ich es aber neutral, wenn der/die unbekannte Arzt/Ärztin zwei Straßen weiter seine/ihre Praxis eröffnet? Wenn ich nicht weiß, ob männlich, weiblich, divers oder was auch immer, wähle ich die männliche Sammelbezeichnung, oder ich drücke es in der passiven Form aus: "Zwei Straßen weiter wird eine Arztpraxis eröffnet."

Analog wäre es bei dem/der Freund/Freundin einer Bekannten. Kind statt Sohn/Tochter geht natürlich immer. Wenn es aber zwei Kinder gibt, beispielsweise einen Sohn und einen Enby, ist bei "Kind" nicht klar, welches gemeint ist. Da wäre dann eine Umschreibung nötig wie "... nicht der Sohn, das andere Kind ...".

Ich denke mal, so ganz allgemein hat es Andrea gemeint. Und da gibt es die Sprache einfach nicht her. Da haben schon andere Enbys ebenfalls keine befriedigende Lösung gefunden.

LG Nicole
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Re: Non-Binäre in der deutschen Sprache

Post 8 im Thema

Beitrag von sbsr » Mi 9. Jan 2019, 10:01

Nicole Doll hat geschrieben:
Di 8. Jan 2019, 16:32
wähle ich die männliche Sammelbezeichnung
:shock: Also nein, Nomen mit männlichem Genus sind doch keine Sammelbezeichnungen, sondern beschreiben ausschließlich männliche Individuen und schließen alles andere kategorisch aus!!! :lol:

Tut mir Leid, ich konnte nicht widerstehen.

Nicole Doll hat geschrieben:
Di 8. Jan 2019, 16:32
beispielsweise einen Sohn und einen Enby
Jetzt wieder im Ernst, an solchen Formulierungen sieht man, wie viele Geschlechtsbezüge es in der Sprache gibt. Haben die Eltern wirklich einen Enby, oder vielleicht eine Enby, oder gar ein Enby?

Nicole, ich glaube Du hast das an der Stelle wohl auch unbewusst geschrieben, aber es macht deutlich, dass es nicht reicht nur ein Wort oder ein Pronomen zu ersetzen. Selbst bei vermeintlich neutral gebastelten Formulierungen muss man aufpassen, dass sich nicht doch wieder eine weitere Falle einschleicht.
LG, Svenja

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