TS - Outing Strategie?
TS - Outing Strategie? - # 3

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ChristinaF
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Re: TS „ Outing Strategie?

Post 31 im Thema

Beitrag von ChristinaF »

nicole.b hat geschrieben:
Doch da sehe ich ein Problem: Aus verschiedenen Gründen strebe ich nicht ein Dasein als Teilzeit-Frau an. Dann könnte ich mir den ganzen Zirkus zu größten Teilen sparen und könnte es gänzlich auf den engeren Freundeskreis beschränken.
Mein Ziel ist es allerdings, mich in meinem Alltag zu befreien. Wenn ich dann mal so mal so, mal mehr oder weniger erscheine, wie sollen die Kollegen damit umgehen? Ab irgendeinem Zeitpunkt sollten sie ja dann sinnvollerweise auch eine andere Anrede verwenden? Aber ab wann? Und dann womöglich wechselnd?
Liebe Grüße
nicole

Genau, das war bei mir auch der "Knackpunkt". Wie sollten denn meine Vorgesetzten und die Kolleginnen/en mit mir umgehen, mich ansprechen, wenn ich mal als Mann dann wieder mal als Frau zu meiner Arbeit erscheine?
Gut ich war damals schon innerlich überzeugt, dass mein Weg nur der "hin zur Frau" sein wird. So gesehen, wars für mich selbstverständlich, ausschließlich nur noch als Frau in die Arbeit zu gehen.

Aber für dich Nicole und auch deinen Kolleginnen/en kanns echt sehr schwer werden, wenn sie dich mal männlich, dann wieder weiblich ansprechen sollen.
LG
Chrissie
Exuserin-2015-09-09

Re: TS „ Outing Strategie?

Post 32 im Thema

Beitrag von Exuserin-2015-09-09 »

Meine Strategie für die Erscheinung an der Arbeit entsprach auch meinem inneren Werdegang, jeden Monat wurde es weiblicher. War nicht einfach, gerade bei lackierten blauen Fussnägeln im Sommer oder Kniestiefeln mit Absatz jetzt im Winter. Langsam und autentisch. Es fehlt noch ein kleiner Schritt zur Femme.

Wenn ich dann mal wegen öffenlichen Auftritten im Anzug oder Jeans / Hemd komme, also wahrlich zum Crossdresser werde, werde ich mit großen Augen angeschaut. "Das steht mir auch, aber es passt nicht mehr zu mir.", so der Kommentar vieler Menschen um mich herum.

Was ziehe ich daraus: Auch wenn ich es herausbrüllen würde, nein, nie meine Welt überfordern. Die Menschen, die mich lange nicht gesehen hatten, waren absolut erstaunt...

Und Kompromisse, wie in der Woche als Mann, am WE als Teilzeitfrau, das geht nach meiner Erfahrung nicht auf Dauer gut. Kompromisse kosten zuviel Energie. Einfach ausleben, warum auch nicht? Es gibt logisch gesehen keinen Grund, sich nicht komplett zu verwirklichen.
nicole.f
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Re: TS „ Outing Strategie?

Post 33 im Thema

Beitrag von nicole.f »

:P Hallo Ihr Lieben!
Hatte am Wochenende einen mächtigen Durchhänger - keine Ahnung warum. Hätte mich am liebsten in einem Loch verkrochen und alles hingeworfen. Ich hatte schiere Angst-Attacken, was da nun auf mich zukommen würde. Und alles was mir in den Sinn kommen wollte, war purer Horror. Und das obwohl der Samstag schön war - habe bei der andersROOM Re-Opening Party (offen für alle Gäste) von 2300h bis 0330h im Party-Dress hinter der Theke gestanden - alles bestens. Doch der Sonntag war dann nicht schön...

Keine Ahnung, was das für ein Unsinn war... denn Montag war der Spuk wieder vorbei!
Was mich dann direkt dazu motiviert hat, ein paar Dinge in Angriff zu nehmen. Das erste war, dass ich meine Krankenversicherung, eine Private, über ihr "Glück" informiert habe - bisher wussten die noch nichts davon, d.h. die bisher angefallenen Kosten für Ärzte und IPL habe ich selbst bezahlt. Aber das geht jetzt nicht mehr. Jetzt ist es also aktenkundig - das war für mich, weil es eine Private ist, schon eine Hürde und Überwindung, da ich es jetzt praktisch vergessen kann, jemals wieder die Gesellschaft wechseln zu können und auch innerhalb der Gesellschaft ist ein Tarifwechsel jetzt praktisch unmöglich. Daher wollte ich damit warten, bis ich wirklich sicher damit bin.

Die Sache mit dem Talk im Hackspace werde ich so machen - das steht für mich jetzt fest - Termin habe ich auch, 22.5. Ist also noch etwas Zeit. Bis dahin werde ich einen engeren Kreis persönlich informieren. Ein Kollege in der Firma wusste schon von meinen Anfängen und so habe ich ihn dann Sonntag Nacht noch informiert, dass ich mir jetzt sicher sei und weiter gehen wolle und ich gerne ihn und seine Frau für kommenden Samstag zum Essen einladen wollte, um ihnen Nicole vorzustellen. Meine Ängste am Sonntag drehten sich größtenteils um die möglichen ablehnenden Reaktion vor oder nach dem Outing. Ich wollte das also mal im kleinen Kreis mit ihm und seiner Frau probieren, so eine Art Testlauf, wie es dann wohl später mal sein würde. Das war schon etwas aufregend, doch ich wusste ja, dass er schon mit den Andeutungen von damals gut umging, also war die Angst nicht ganz so groß. Nur seine Frau wusste bisher nichts davon, sie war also eine Unbekannte.

Das ganze entwickelte sich aber schnell ganz großartig! Er sicherte mir zu, dass weder er noch sie damit ein Problem hätten - eher im Gegenteil, dass sie zwar beide natürlich etwas überrascht seien, aber dass es jetzt dann ein rundes Bild von mir abgibt. Geahnt, sagten sie, hätte _das_ sicherlich keiner, wer denkt schon an soetwas? Aber sie seien eben bei mir nicht wirklich verwundert darüber, sondern jetzt eher schlicht neugierig :)
Na wie schön ist das denn!
Und ich sterbe am Sonntag fast vor Angst... völliger Blödsinn! Jetzt sind die beiden sicherlich nicht repräsentativ, aber immerhin.

Kommender Samstag (8.2.) wird also ein ganz spannender und sicherlich auch entscheidender Abend. Ich werde ein kleines Menü kochen und dann - naja, schauen wir mal :) Wie es gelaufen ist, werdet Ihr dann sicherlich hier ertragen müssen :)


Mein Talk im Hackspace soll ja unter dem Titel "Hacking Gender" laufen. Darüber stieß ich auf Kristin Paget:
http://www.theregister.co.uk/2013/10/24 ... ss_hacker/

Was eine coole Visitenkarte :) Kristin ist auch TS und von dem, was ich so in ihren Blogs gelesen habe und in welchen Scenen die so unterwegs ist, das könnte ich sein - schon krass. OK - ich bin nicht so gut was das Hacken angeht, aber das ist meine Scene, zu der ich auch gehöre und in der ich mich wohl fühle. Schon witzig, dass man dann dort eine so ähnliche Person "trifft". Leider hat das mit Apple für sie wohl nicht so gut funktioniert und sie ist gerade arbeitslos. Aber die hat ein paar sehr krasse Hacks gemacht die auch recht fett durch die Medien gingen, d.h. die wird ganz sicher ohne Probleme wieder etwas sehr gut bezahltes finden.

Ihr kennt doch sicherlich auch Lynn Conway? Aus den USA? Mir läuft ihr Name ständig über den Weg. Nuja, dass sie bei IBM gearbeitet hat und auch aus dem IT Umfeld kam, wusste ich. Was mir aber völlig unklar war ist, was die alles gemacht und beeinflusst hat! Du meine Güte:
http://de.wikipedia.org/wiki/Lynn_Conway
Das ist ja eine echte Koryphäe! Einiges davon hatte ich im Studium, das sind heute Grundlagen. Echt krass.

Da sieht man mal wieder, TS geht durch alle Bevölkerungsgruppen und Schichten.


Also, Schritt für Schritt frohgemut voran!

Liebe Grüße
nicole
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Lina
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Re: TS „ Outing Strategie?

Post 34 im Thema

Beitrag von Lina »

@Und Kompromisse, wie in der Woche als Mann, am WE als Teilzeitfrau, das geht nach meiner Erfahrung nicht auf Dauer gut. Kompromisse kosten zuviel Energie.


Kann. Muss aber nicht. Das ist im Einzelfall wirklich total unterschiedlicn.
MarieB
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Re: TS „ Outing Strategie?

Post 35 im Thema

Beitrag von MarieB »

Hallo,

also bei mir kommt das Outing so Häppchenweise und wird natürlich so auch multipliziert. Denk ich.

Inzwischen wissen es so ungefähr 6-7 Personen, die nichts mit dem Thema zu tun haben. Ich denke, dass es langsam immer mehr werden. Für mich ist das ok.

Und bis jetzt, schaffe ich es auch beides zu leben. Auch wenn sich das weibliche noch steigern wird. Aber dafür, dass ich eh erst seit einem Jahr offen lebe, bin ich sehr zufrieden.

LG
Marie
Gruß

Marie
nicole.f
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Re: TS „ Outing Strategie?

Post 36 im Thema

Beitrag von nicole.f »

Hallo Marie!
Wenn Du das so leben *kannst* ist das doch alles super pirma! Nur nichts überstürzen oder drängen lassen.

Das mit dem offen leben und Kompromissen hatte ich für mich schon hinreichend probiert. Seit einigen Jahren bin ich zu Hause wie ich eben bin und das Unterdrücken außerhalb fiel von Monat zu Monat schwerer. Offeneres Leben in freier Wildbahn seit einem halben Jahr. Kompromisse habe ich probiert, also etwas mehr Weiblichkeit im Alltag, bspw. mit eher Uni-sex Röcken und dergl. Ich kann vermutlich mit der größten Herren-Rock Sammlung Süd-Westfalens aufwarten :) Aber das fühlte sich eben immernoch falsch an, wie gewollt und nicht gekonnt. Erst ganz und ohne Kompromisse fühlt es sich richtig an.
Daher denke ich, dass es so für mich richtig ist. Ich habe es redlich anders probiert, lange Jahre. Been there, done that ...and failed.
Ob es schlussendlich richtig ist und mein Gefühl mich nicht beschummelt? Wer weiß das schon. Das weiss ich vermutlich erst, wenn ich es wiederum redlich versucht habe.
Wir werden es erleben. *Ich* werde es erleben. Und das wird ganz großartig, bestimmt!

Liebe Grüße
nicole
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Re: TS „ Outing Strategie?

Post 37 im Thema

Beitrag von Anni »

Hallo Nicole - hallo Marie )))(:


" Senf " von frecher Anni dazu ???? :roll:

Meine Erfahrungen der letzten Jahre dazu : " Frau " muß sich Zeit lassen , in diese " Rolle " hinein zu wachsen .

Den Weg vom weiblichen Baby über niedliches Mädchen via Girly und Teenager zur reifen Frau müssen wir uns im " Schnelldurchlauf " erarbeiten - nicht leicht , oft grotesk und manchmal auch schmerzlich .

Wenn wir aber in unserem Innersten bei " Frau " angekommen sind , ist das Outing wesentlich leichter zu händeln , da die nötige Authentizität dahinter
steht , was unsere Mitmenschen dann auch spüren . Somit ist die Gefahr , sich lächerlich zu machen ( wohl eine der größten Sorgen ) , schon fast beseitigt .

Stimmt die Optik , Gestik und die Art zu Kommunizieren , dann noch mit der allgemeinen Erwartung für eine " Frau " überein , ist auch das nicht mehr entscheidend .

Den größten Fehler , den die bisher verborgene Frau meiner Meinung nach machen kann , ist , vordergründig zu sein und optisch sowie vom Habitus her
heraus zu schreien - seht her - ich bin eine Frau ! :((a

Aber da mach ich mir bei Euch beiden keinerlei Sorgen (yes)

Kompromisse ? - Ja - solange sie nötig sind - es werden weniger werden :wink: Gebt den Mitmenschen Zeit , Euch als Frau zu erkennen und versteckt sie nicht - dann seid Ihr auf dem besten Weg .

Den wünscht Euch die

freche Anni
Der einzige Mensch, der sich vernünftig benimmt, ist mein Schneider. Er nimmt jedesmal neu Maß, wenn er mich trifft, während alle anderen immer die alten Maßstäbe anlegen in der Meinung, sie paßten auch heute noch. George Bernard Shaw
nicole.f
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Re: TS „ Outing Strategie?

Post 38 im Thema

Beitrag von nicole.f »

Nun, Ihr Lieben, ich hatte versprochen zu Berichten, wie der gestrige (Samstag) Abend mit der Essenseinladung meines Geschäftspartners und Freundes mit seiner Frau, verlaufen ist.

Die Reste sind weggeräumt, die Taschentücher getrocknet und etwas Zeit vergangen, um zu resümieren. Um den Rahmen zu geben, werde ich ein paar Details wiederholen, die ich hier und dort zuvor bereits erwähnt hatte, die aber an diesem Abend wieder Bedeutung gewannen.

Das etwas mit mir nicht stimmte, wusste ich schon seit gut 30 Jahren. Seit gut 20 Jahren weiss ich, dass mein biologisches Geschlecht nicht zu meinem gefühlten und vor allem jenem passt, mit dem ich mich identifiziere. Vor gut 10 Jahren lernte ich meine Frau kennen und sie befreite mich von einem Teil der Scham und Schande gegenüber meiner Identität, indem ich mich ihr anvertrauen konnte. Der erste große Schritt in Richtung eines befreiteren Lebens, doch noch nicht ahnend, wo uns dies einmal hinführen würde. Vor etwa fünf Jahren zogen wir in unser eigenes Haus. Befreit von unvorhergesehenen Begegnungen im Treppenhaus oder unangekündigten Besuchern, konnte ich mich in den eigenen vier Wänden leben und erleben. Vor zwei Jahren begann der Druck zu steigen - so stark, dass ich nun aktiv begann nach Lösungen zu suchen. Ende letzten Jahres ging es nicht mehr. Es wurde unerträglich, das Verstecken und Verleugnen. Und ich begann endlich Veränderungen zuzulassen und damit auch offener umzugehen. Der gestrige Abend war nicht nur ein Essen und ein Gespräch, es war der Anfang meines neuen Lebens. Doch ich greife vor...

Ende letzten Jahres siegte der Druck soweit, dass mir die Veränderungen, vor denen ich 30 Jahre lang panische Angst und vor denen ich mich so gut geht es ging gedrückt hatte, auf einmal als kleineres Übel erschienen, als weiterhin falsch zu leben. Ich wusste, dass etwas passieren musste, doch was, wusste ich noch nicht. Ich wusste aber auch, dass ich, um dies zu ergründen, Zeit und mehr Freiheit brauchte. Also bat ich im November besagten Freund und Partner im Geschäft, mir die Geschäftsführung abzunehmen. Wir kannten uns schon lange und so konnte ich darauf vertrauen, dass er dies verantwortungsvoll leisten kann. Er hat mich seit dem auch nicht enttäuscht. In diesem Gespräch sagte ich auch, das es zwei Gründe seien, die mich dazu bewogen. Der eine war gesundheitlich, denn ich merkte auch, immer schlechter mit der Verantwortung und den ständig wechselnden Themen zurecht zu kommen. Als Geschäftsführer muss man eben über alles in seinem Betrieb informiert sein, dafür gerade stehen und, in einem kleinen Geschäft wie dem unseren, eben zudem auch noch eigene Projekte bewältigen.

Als ich ihm dies, auch bei einem Essen, erzählt hatte, fragte er dann anschliessend, was denn wohl der persönliche Grund sei und mir schlug das Herz bis zum Hals. Wie fange ich es wohl am besten an? Noch war es mir ja selbst etwas unklar, vor allem wo es hinführen würde, also lavierte ich ein wenig herum, bis ich endlich damit herauskam, dass ich mir über meine Geschlechtsidentität unsicher sei. Es kam für ihn anscheinend nicht völlig überraschend, denn wer mich im Alltag gesehen hatte, der wusste, dass ich in den letzten Jahren allerlei Versuche unternommen hatte, meine ungewöhnliche Neigung mit meiner männliche Rolle überein zu bringen. Wir hatten an dem Abend noch ein bisschen darüber gesprochen, nicht sehr intensiv, aber ich hatte das versichernde Gefühl, dass dies in keiner Art einen Bruch zwischen uns oder in seinem Bild von mir ausgelöst hat. Ich bat ihn allerdings noch Stillschweigen darüber zu bewahren - auch seiner Frau gegenüber.

Jetzt wo es sich klar abzeichnet, wohin dies alles führen wird, sollte er also auch der erste sein, der es erfährt und der mein wahres Ich kennenlernen sollte. Und ich wollte auch, damit er nicht in unangenehme Situationen kommt, dass es nun auch seine Frau erfährt. Denn jetzt bin ich mir sicher und jetzt sollen es alle erfahren, denn das was kommen wird, ist unvermeidlich.

So kam es also zu dieser Einladung und diesem denkwürdigen Abend.

Meine Frau und ich hatten am Freitag bereits begonnen, das Essen vorzubereiten. Wir wollten dem Anlass entsprechend etwas Besonderes bieten, also bereiteten wir ein drei Gänge Menü, mit kleiner Vorspeise, vor, deckten den Tisch fein und waren den Samstag mit diesen Vorbereitungen beschäftigt. Eingeladen war für 19:00Uhr. Als ich letztlich begann mich fertig zu machen, wurde die Zeit langsam knapp. Was vielleicht auch ganz gut war, denn damit kam ich nicht zum nachdenken, was und wie es wohl passieren würde. Ich war praktisch gerade fertig, die letzten Handgriffe am Tisch getan, als sie vor der Tür standen. Erstaunlicherweise war meine Nervosität den zweien nun als Nicole zu begegnen vergleichsweise gering. Vielleicht war es ein Stück Fatalismus, denn ich wusste, es war eigentlich unvermeidlich.

Also da war er nun, einer dieser Augenblicke, vor denen ich 30 Jahre lang weggelaufen bin. Und es war völlig unspektakulär! Natürlich waren die ersten paar Minuten für alle etwas gewöhnungsbedürftig, aber nur insofern, als das es eine leicht ungewohnte Situation war. Wir kannten uns eben schon seit bald 15 Jahren anders. Doch mit einer sehr gesunden Portion Humor kam keine Peinlichkeit oder betretenes Schweigen auf, ganz im Gegenteil! Vom ersten Augenblick an große Offenheit und große spürbare Akzeptanz. Der erste Stein fiel vom Herzen - es war geschafft, die Klippe überwunden und wie ich feststellen musste, es war eigentlich hauptsächlich meine eigene Klippe.

Bei etwas Sekko und Gebäck unterhielten wir uns ein wenig, ich bekam ein paar Komplimente, die ich selbstredend sehr gerne annahm und mich bedankte. Das nächste Thema wurde nun schon schwieriger - wie sollten sie mich nun ansprechen? Ich hatte es an anderer Stelle schon ein paar mal erwähnt, dass ich wohl im Gegensatz zu einigen anderen, bisher auf diese Namensgeschichte keinen so großen Wert legte. Aber ich lerne zunehmend, dass es doch wichtig ist, da es ein Identifikationsmerkmal ist. Name und Personalpronomen gehören untrennbar zur Identität. Sich als Frau darzustellen aber noch mit "er" und dem männlichen Namen angesprochen zu werden, führt zu Missverständnissen und Rissen im Bild der Person. Also einigten wir uns auf "sie" und Nicole - und konnten uns alle dabei ein Schmunzeln nicht verkneifen. Im Laufe des Abends schliff sich dies aber immer mehr ein und ich merkte, wie gut es mir tat, dies zu hören.

Wir sprachen immer mal wieder über ein paar allgemeine Umstände meiner Transition, meiner Vorgeschichte aber auch immer mal wieder über anderes.

Ich weiss nicht mehr wann es war, also ob vor oder dem Nachtisch, ich glaube danach, dass wir nocheinmal etwas intensiver auf mich kamen und den Augenblick, als ich meinem Partner im November das persönliche Gespräch ankündigte. Natürlich hatte er vor unserem Treffen mit seiner Frau darüber gesprochen und sie haben sich gefragt, was ich denn da wohl ansprechen wolle, also was denn wohl dieser persönliche Grund sei? Was dann allerdings kam, hat mich fast umgehauen. Denn unter nur einer Hand voll Dingen, die ihnen da einfielen, war bereits eben das eine, nämlich das ich mit meinem Geschlecht hadern könnte. Wie konnten sie bloß darauf kommen? Womit habe ich ihnen wohl diese Zeichen gegeben? Ich muss gestrahlt haben wie ein Honigkuchenpferd, als sie mir dies am Samstag erzählten - ich konnte es kaum glauben, doch sie versicherten es mehrfach, dass es sich genau so zugetragen habe.

Doch das war noch nicht der Höhepunkt.
Endgültig aus der Spur warf mich, was sie mir anschließend praktisch unisono sagten - es machte auf einmal alles Sinn. Ich machte Sinn, das Bild meiner Person wird rund und es wird soviel verständlicher, warum ich in den letzten Jahren manchmal so ein regelrechter Arsch war - unnahbar, kalt, teils abweisend. Weil es eben eine mühsam zusammengehaltene Fassade war.
Das war der Moment, an dem ich in Tränen ausbrach und auch jetzt wieder, wo ich dies schreibe und es wieder präsent wird, ich mit mir ringen muss, nicht laut heulend zu versinken. Es sind Tränen der unermesslichen Freude! Da haben sie etwas in mir gesehen, was ich selbst vor mir 30 Jahre lang zu verbergen versuchte. Tränen der Trauer, warum ich, wo es doch wohl so offensichtlich war, nicht viel früher diesen Schritt getan habe und so 30 Jahre meines Lebens nur halb gelebt habe. Und es sind Tränen der unendlichen Erleichterung! 30 Jahre quälte ich mich selbst mit Vorwürfen und Scham, wegen dieser abnormen und gefühlt perversen Gedanken. Ich habe mich 30 Jahre lang versteckt und verleugnet! Und dies, um nun festzustellen, dass doch alles richtig war. Ich war nicht kaputt!

Eine Last, die ich 30 Jahre mit mir geschleppt habe, die verhinderte, dass ich *ich* sein konnte, fiel mit einem Mal ab. Und 30 Jahre sind eine verdammt lange Zeit!

Bis vor einem halben Jahr konnte ich nicht weinen. Es ging nicht. So sehr ich den Druck in mir spürte, es ging nicht, es sei denn, es wurde sehr arg, zum Beispiel auf Beerdigungen. Was sich geändert hat, weiss ich nicht. Doch seitdem ich mich selbst zulasse, passiert es. Ich kann endlich jede Art von Emotionen fühlen und vor allem auch zulassen. Als die beiden dies also sagten, fiel ich in mir zusammen und die nächsten Minuten ging ersteinmal nichts mehr. Es dauerte eine Weile, bis ich wieder in der Lage war ihnen zu erklären, dass sie mich keinesfalls verletzt hatten, mit dem was sie gesagt hatten. Sondern ganz im Gegenteil, was sie so locker ausgesprochen hatten war das, wovon ich mir selbst zu träumen 30 Jahre lang verboten hatte. Und da kommen zwei daher und sprechen es einfach aus! Sie hätten mir kaum ein schöneres Geschenk machen können. Ich kann nicht anders, es überkommt mich gerade schon wieder, die Tränen kullern, die Nase läuft - es ist so wunderbar!

Spätestens jetzt war uns allen vieren klar, was als nächstes passieren muss. Ich muss damit allgemein raus, ich darf mich nicht mehr verstecken, daran besteht nun kein Zweifel mehr. Ich hatte daran, wenn überhaupt, nur noch welche, die auf Angst vor der Zukunft begründet waren. Und ich glaube, auch meine Frau begriff jetzt erst richtig, was dies alles für mich bedeutet.

Wir haben anschließend noch bis weit nach fünf Uhr in der Früh geredet, gelacht und ein paar Flaschen guten Rotweins geleert.

Also, wie sollte ich diesen Abend beschreiben?
Großartig!
Wenn ich Stichworte nennen sollte, wären es wohl unendliche Erleichterung, große Freude und unglaubliche Befreiung. Ich kann es nur schwer in Worte fassen und hoffe daher, dass meine eher langatmige Beschreibung vielleicht ein wenig davon transportieren konnte.


Was kommt nun?
Ich denke jetzt sind wirklich endgültig alle noch verbliebenen Blockaden gefallen. Ich kann jetzt klar meine Ziele formulieren, ohne dieses etwas schlechte Gewissen im Hinterkopf zu haben. Was also nun kommen wird, sind Outings, Outings, Outings. Recht bald auch bei meinen Eltern. Sie dürfen es auf gar keinen Fall hintenherum durch Dritte erfahren und je mehr es hier wissen, desto größer wird diese Gefahr, auch wenn sie weit weg wohnen. Am liebsten würde ich sie morgen schon besuchen fahren, doch ich bremse mich bewusst ein wenig, um nichts zu überstürzen. Dann natürlich Freunde, Kollegen und dann der Vortrag im Mai. Das wird ganz sicherlich eine sehr kraftraubende, aber auch ganz wundervolle Zeit. Endlich bin ich ganz und kann mich auch als Ganzes zeigen. Es wird einige Beziehungen zum Guten korrigieren, da bin ich mir sicher. Den Bruch in der Person, den die beiden bei mir schon länger spürten, müssen auch andere gespürt haben. Es wird unendlich spannend zu erfahren, was sie da gesehen haben und was sich nun daraus entwickeln wird.

Wenn ich es richtig einschätze, dann sollte ich zur Mitte des Jahres komplett frei sein und werde von da an 24/7 ich sein können - 30 Jahre zu spät, aber hoffentlich noch 40 vor mir, die ich in vollen Zügen leben und genießen will! Und anderen dabei helfen, diese Freiheit auch gewinnen zu können.

Ich bin geneigt mit der Bitte zu schließen, mir die Daumen zu drücken. Doch Daumen drücken hat etwas von Hoffen auf Glück im Sinne von positivem Zufall. Ich glaube das brauche ich nicht mehr. Ich habe mein Glück gefunden, in mir und meiner Frau, die zu mir hält. Ich habe mich gefunden. Welches Glück bräuchte ich jetzt noch?


An dieser Stelle möchte ich aber auch Euch allen ganz herzlich danken! Und natürlich speziell Anne-Mette, die dieses Forum gegründet hat und am Leben erhält. Ohne dieses Forum hätte ich vieles nicht erfahren. Hätte nicht erfahren, dass ich nicht alleine bin - oder zumindest sehr viel schwerer, denn dieses Forum ist doch deutlich offener und entspannter, als viele andere TG Foren. Ich hätte Andrea66 nicht kennengelernt, deren Organisation dieses Dresden Urlaubs im Oktober 2013 den Lauf meiner Dinge ganz sicher entscheidend verändert hat - vielen lieben Dank Andrea! Wir sehen uns ja "bald" wieder persönlich und dann wirst Du meinen Dank zu spüren bekommen :) Und nicht zuletzt möchte ich auch allen Leserinnen, Lesern, Schreiberinnen und Schreibern hier im Forum ganz herzlich danken! Das Schreiben meiner teilweise schon fast übertrieben langen und teils sicherlich fast akademisch dozierenden Texte (vielleicht sollte ich mir einen Alias "Frau Dr. B." dafür zulegen :) war und ist ein gutes Stück Schreibtherapie. Es hilft mir ungemein, meine Gedanken zu sortieren und mir selbst über die Dinge über die ich schrieb und schreibe klar zu werden. Um so toller ist es dann, wenn man Menschen findet, die auch noch bereit sind, diesen ganzen Käse wohlwollend zu lesen und ihre Gedanken dazu auszutauschen.

VIELEN vielen Dank!

Nun, der Kurs ist festgelegt, die Route steht und das Schiff hat abgelegt. Die Reise beginnt!
Da dies nun klar ist, habe ich auch gleich mal den Profileintrag für das Geschlecht korrigiert - es wurde Zeit.

Liebe Grüße
nicole


(Änderung - nur ein paar Tippfehlerkorrekturen)
Zuletzt geändert von nicole.f am Mo 10. Feb 2014, 13:02, insgesamt 2-mal geändert.
Ich bin trans* - und das ist gut so!
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ChristinaF
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Re: TS „ Outing Strategie?

Post 39 im Thema

Beitrag von ChristinaF »

Mensch Nicole ich freue mich ja so für dich, dass jetzt alles raus ist. Der erste große Schritt ist getan und die, die noch folgen müssen, sind im Vergleich dazu klitzeklein.
Ich wünsche dir von Herzen alles Gute auf deinen neuen Weg. Dass er richtig und schon lange überfällig war hast du ja beschrieben. Aber jetzt wirst du neue Gefühle kennen und lieben lernen. Und die sind unbeschreiblich.
Alles Liebe
Chrissie
ab08
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Re: TS „ Outing Strategie?

Post 40 im Thema

Beitrag von ab08 »

Liebe Nicole,

Gratulation (gitli) und alles alles Gute besonders für die nächste Zeit, wenn es mal nicht so glatt läuft!
Bei Bedarf schreib ne PN ==> Jedenfalls drück ich Dir ganz fest die Daumen und freu mich für Dich!

Ganz liebe Grüße
ab

P.S. Deine ausführlichen, in meinen Augen sehr kompetenten, Stellungnahmen faszinierten mich übrigens von Anfang an und ich lese Deine Beiträge sehr gern :oops:
FÜR: Respekt, Menschenrechte und eine gelebte, demokratische Zivilgesellschaft, die Minderheiten schützt
ERGO: Umfassende Bildung für alle, effektive Regeln in Alltag und Netz, eine gut ausgestattete Polizei/Justiz
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Re: TS „ Outing Strategie?

Post 41 im Thema

Beitrag von Saskia.shewulf »

Hallo Nicole )))(:


Freut mich das Du das gut überstanden hast das Dein Geschäftspartner so toll reagiert hat kommt mir
irgendwie bekannt vor!Nach Daniela und den Kindern waren meine Freunde und Geschäftspartner auch
die ersten die es von mir erfuhren.
Es wird Dir in Zukunft immer leichter fallen Dich zu Outen.
Irgendwann wird es zur Routine^^.
Ich wünsche Dir weiterhin alles gute und die nötige Kraft für deinen Weg Nicole

Wir sehen uns bald wieder!

LG Saskia (flo)
Wer keinen Mut zum träumen hat
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nicole.f
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Re: TS „ Outing Strategie?

Post 42 im Thema

Beitrag von nicole.f »

Hallo Ihr Lieben!
Zunächst möchte ich noch etwas zu dem Abendessen nachtragen. Ein paar Tage später bekam ich von seiner Frau noch eine Mail und unter anderem schrieb sie darin folgendes:
"
Dein Outfit passte mehr zu der Person, die uns gegenüberstand als je zuvor.
... Deine Gestik, deine Mimik, deine Bewegungen und über den Abend hinweg auch deine Sprache und deine Aussagen, passten so zu dir, dass ich einfach nur staunen konnte.
"
Da kann man sich nur noch freuen! Und ich möchte noch hinzufügen, dass ich an diesem Abend ganz sicher nicht versucht habe, bewusst etwas zu spielen oder zu verstärken. Ich war völlig natürlich ich. ganz und gar.

Davon beflügelt, schrieb es dann meine Frau auch noch einer Freundin von ihr in den USA, die wir letzten Sommer besucht hatten. Meine Frau drugste etwas herum, weil sie nicht wusste wie sie es anfangen sollte und auch, weil sie etwas Angst hatte - Amerikaner sind ja alleweil etwas konservativer... also machte Sie zunächst nur ein paar Andeutungen und das Folgende ist ein Auszug aus dem Chat mit ihr, ich habe das mal auf Deutsch übersetzt:

...
(23:32:16) Freundin: ist alles OK?
(23:32:28) Frau: ja und nein
(23:32:45) Frau: sagen wir mal so, er ist "anders"
(23:33:08) Frau: und ich wusste das seit dem wir zusammen sind
(23:34:01) Freundin: seit ihr beide OK?
(23:34:13) Frau: ja
(23:34:24) Freundin: denkt er darüber nach etwas zu ändern?
(23:34:29) Frau: ja
(23:34:39) Freundin: ich habe eine Idee
(23:34:40) Freundin: aber das könnte ganz schön abwegig sein
(23:34:47) Frau: macht nichts, raus damit
(23:35:00) Freundin: probleme mit dem geschlecht?
...
(23:56:12) Frendin: er machte schon einen feminineren Eindruck auf mich
(23:56:34) Frendin: als wir uns getroffen hatten
...

Sie wusste vorher nichts davon - keine Andeutung oder sowas. Und dennoch kam sie praktisch sofort darauf - schon irre. Und glücklicherweise auch keine Probleme damit! Ich habe ihr dann noch eine längere eMail mit ein paar Erklärungen und meiner "Motivation" dazu geschickt.

Gestern Nachmittag / Abend war ich dann in Köln einen Geschäftspartner treffen, gegenüber dem ich auch schon seit ca. zwei Wochen out bin, bisher aber nur per eMail. Gestern haben wir uns dann mal persönlich getroffen. Er schrieb zuvor, so richtig kann er das erst verinnerlichen, wenn wir uns träfen. Nun denn, das war dann also gestern. Ein Bild wie ich dort hin bin ist in meiner Galerie:
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(das ist auch in etwa das, was ich zu dem Essen an dem Samstag an hatte)

Das Treffen war völlig unspektuklär :) Mitten in Köln in großem Trubel waren wir zunächst in einem modernen Lokal in dem gleichen Gebäude, wo auch der Cine-Dome drin ist - da ist auch der Media-Park, für die, die es kennen. Am Anfang hat er sich dann noch ein oder zwei mal verplappert, kein Problem sagte ich ihm, doch nach kurzer Zeit sagte er dann auch, dass das für ihn mit Nicole nun Fakt sei, gar kein Problem. Wir unterhielten uns lange, viel über technische Dinge zu seinem Projekt und ab und zu auch mal über uns und mich. Das spielte aber eigentlich eine wirklich untergeordnete Rolle. Später gingen wir noch zu einem Thai etwas essen und danach in eine schicke Cafe/Bar einen Kaffee trinken und unterhielten uns dabei viel über seine kommende längere Amerika Reise.
Gegen neun oder so verabschiedeten wir uns herzlich - wir bleiben in Verbindung (davon abgesehen, dass er mich jetzt schon als technische Berater_in_ in das Projekt eingeplant und Lieferanten vorgestellt hat - wie cool ist das denn :)


Was ich immer mehr feststelle ist, dass die meisten Leute, denen ich mich oute, zu dem wieso und warum und meinen Beweggründen praktisch keine Fragen haben. Was irgendwie ein wenig frustrierend ist. Denn da hat man sich jahrelang versucht es sich selbst irgendwie zu erklären und plausibel zu machen und jetzt interessiert es, bis auf wenige Ausnahmen, eigentlich keine Sau? "Schlimmer" noch, ist die Hauptreaktion eigentlich nur etwas in der Art "Ach, ne echt? Na ja, passt schon irgendwie zu Dir.". Oh man... :) Und da macht man sich noch Sorgen?

Ich denke als nächstes sind dann wohl mal meine Eltern dran... da habe ich ja doch ein etwas flaues Gefühl...

Liebe Grüße
nicole
Zuletzt geändert von nicole.f am So 16. Feb 2014, 23:58, insgesamt 1-mal geändert.
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Anne-Mette
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Re: TS „ Outing Strategie?

Post 43 im Thema

Beitrag von Anne-Mette »

Guten Abend,
denen ich mich oute, zu dem wieso und warum und meinen Beweggründen praktisch keine Fragen haben. Was irgendwie ein wenig frustrierend ist.
Ja, da fehlt einem selbst vielleicht ein wenig Zustimmung - eine Zustimmung, die die eigene vielleicht noch vorhandene Unsicherheit ausgleicht oder noch ein wenig mehr Gewicht in die eine Waagschale legt (?)

Es gibt sicherlich mehrere Möglichkeiten, warum wir keine Fragen hören, keine "besondere Zustimmung" erfahren.
Für einige Menschen ist es sicherlich "ganz normal" - eben so normal, dass keine (besonderen) Fragen entstehen. Diese Fragen werden auch nicht kommen, wenn Du sie vielleicht brauchst, dieses "in den Arm nehmen" durch Interesse zeigen, durch Fragen...
Die Fragen werden irgendwann mal kommen, vielleicht beiläufig. Es ist für unsere Gegenüber oftmals nicht zu erkennen, dass wir auch Fragen und Entgegnungen zum Werden und Wachsen ganz gut gebrauchen können )))(:

Ja, und dann gibt es sicherlich einige, die sich denken: "ich sage lieber erst einmal nichts, dann verstricke ich mich nicht in irgendwelche Zusammenhänge, die ich nicht erklären kann.

Gruß
Anne-Mette
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Re: TS „ Outing Strategie?

Post 44 im Thema

Beitrag von nicole.f »

Anne-Mette hat geschrieben:Guten Abend,
denen ich mich oute, zu dem wieso und warum und meinen Beweggründen praktisch keine Fragen haben. Was irgendwie ein wenig frustrierend ist.
Ja, da fehlt einem selbst vielleicht ein wenig Zustimmung - eine Zustimmung, die die eigene vielleicht noch vorhandene Unsicherheit ausgleicht oder noch ein wenig mehr Gewicht in die eine Waagschale legt (?)
Da ist sicherlich etwas Wahres dran, ja. "Zustimmung" und "Unsicherheit" finde ich den Zusammenhang schon etwas harte Begriffe, aber mir fällt auch nichts besseres ein. Es ist ja nur so eine kleine latente Frustration, zumindest bei mir, mit einem mächtigen Augenzwinkern. Denn die Zustimmung, die ich bisher glücklicherweise erhalten durfte, war schier überwältigend! Damit hätte ich nie im Leben gerechnet, von daher will ich das keinesfalls als Kritik an den anderen verstanden wissen!

Vielleicht ist der Frust auch eher, dass meine sein ganzen schön zurecht gelegten Antworten nicht loswerden durfte :)
Anne-Mette hat geschrieben: Es gibt sicherlich mehrere Möglichkeiten, warum wir keine Fragen hören, keine "besondere Zustimmung" erfahren.
Für einige Menschen ist es sicherlich "ganz normal" - eben so normal, dass keine (besonderen) Fragen entstehen. Diese Fragen werden auch nicht kommen, wenn Du sie vielleicht brauchst, dieses "in den Arm nehmen" durch Interesse zeigen, durch Fragen...
Die Fragen werden irgendwann mal kommen, vielleicht beiläufig. Es ist für unsere Gegenüber oftmals nicht zu erkennen, dass wir auch Fragen und Entgegnungen zum Werden und Wachsen ganz gut gebrauchen können )))(:
Das ist ein GANZ großartiger Satz: "...dass wir auch Fragen und Entgegnungen zum Werden und Wachsen ganz gut gebrauchen können"

Das trifft es ganz außerordentlich gut.
Anne-Mette hat geschrieben: Ja, und dann gibt es sicherlich einige, die sich denken: "ich sage lieber erst einmal nichts, dann verstricke ich mich nicht in irgendwelche Zusammenhänge, die ich nicht erklären kann.

Gruß
Anne-Mette
Also das mit dem Verstricken etc. habe ich allen direkt zu Anfang gesagt - sie können mich wirklich _alles_fragen, keine falsche Scham und keine Sorge um meine Gefühle - eine Frage ist eine Frage, die tut in der Regel noch nicht weh oder wenn, dann ist da etwas, was geklärt werden muss.
Trotzdem kam, sagen wir mal, nicht viel.

Eigentlich bin ich natürlich ganz froh darum! Vor allem, dass eben die Durchschnittsreaktion etwas der Art "ja, passt zu Dir" war. Mehr kann und will ich gar nicht erwarten.

Liebe Grüße
nicole
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Re: TS „ Outing Strategie?

Post 45 im Thema

Beitrag von nicole.f »

Hallo Ihr Lieben!
Nach längerer Pause dachte ich mir, ich berichte mal wie es nach diesem denkwürdigen Essen weiter ging....
Im Nachhinein bin ich unendlich froh, dass ich das mit dem Essen und ausgerechnet auch mit den beiden so gemacht habe. In den Tagen danach wuchs dadurch mein Selbstbewusstsein enorm. Ich möchte mir gar nicht ausmalen, wie die folgende Zeit wohl verlaufen wäre, wenn dieser Abend ein Reinfall geworden wäre!? Nein nein, also ganz super und so soll es auch bleiben.

Davon also beflügelt habe ich die nächsten Outings geplant. Die nächsten waren dann ein weiteres eher lose befreundetes Paar, die ich von der Arbeit in einer anderen Gruppe kannte (eher politische Gruppe, hat nichts mit Trans* zu tun). Aus dieser Gruppe war ich letzten November eher sang- und klanglos verschwunden, als ich eben merkte, dass es so nicht mehr weiter gehen kann. Eigentlich wollte ich nur ein wenig kürzer treten, um mehr Zeit für mich zu haben. Doch daraus wurde dann eher ungewollt eine totale Sendpause. Das Sendungsrogramm hatte sich geändert, um im Bild zu bleiben, und landete dann eher hier, als in dieser Gruppe.

Nun, da ich nun weiß wohin mich mein Weg führen wird, wollte ich also auch die mir wichtigen Personen dieser Gruppe zu meinem Vortrag am 22.5. einladen, damit sie endlich erfahren, warum ich denn auf einmal verschwand. Die Einladung begann mit einer großen Entschuldigung meinerseits für mein Verschwinden.

Erschreckenderweise bekam ich auf diese Einladung bis heute nur exakt eine Antwort - eben von jenem besagten Paar. Ihre Antwort begann direkt mit einer für mich positiven Überraschung. Denn obwohl wir uns nicht sehr gut kannten, war das erste was sie mir schrieben, dass sie sich auch gewundert hätten, aber so wie sie mich kannten war ihnen klar, dass meine Gründe vernünftig und sehr wichtig gewesen sein müssen. Das freute mich schonmal! Es zeigt großes Vertrauen. Also wollte ich das auch erwidern und habe es ihnen erklärt - alles.

Ihre Reaktion war völlig großartig! Sehr verständnisvoll und mit größtmöglicher Akzeptanz. Anfang April sehen wir uns dann zum Kaffee persönlich und dann werden sie Nicole mal kennenlernen.
Ich muss offen gestehen, mit dieser Reaktion hatte ich nicht gerechnet. Aber gerade deshalb freut es mich um so mehr! Ich lerne jetzt viele Menschen von einer ganz neuen und sehr persönlichen Seite kennen. Das ist ganz schön toll! Ich bin sehr gespannt, ob diese persönliche Ebene auch anhalten wird oder ob dies jetzt nur ein kurzfristiges Phänomen ist, solange man noch etwas sehr persönliches zu erzählen hat? Ich fände es sehr schön wenn es anhielte, denn irgendwie merke ich auch, wie mir dies schon lange gefehlt hat.

Vor knapp drei Wochen waren wir dann bei einem weiteren befreundeten Paar zum Essen eingeladen, von deren einer Tochter wir auch Pateneltern sind. Ich ging dort schon recht uneindeutig hin, langer schwarzer Rock, blickdichte schwarze FSH, flache Damenschuhe und weiße leicht decolletierte Bluse. Also für einen Mann war das schon ganz schön "androgyn". Aber sie kannten mich bereits mit etwas "besonderen" Outfits sowie Herren-Röcken, daher war das nicht sooo ungewöhnlich. Seine erste Reaktion war, kurz nachdem wir dort waren, er käme sich underdressed vor, ich sei so schick - danke :) Aber kein kritisches Wort, obwohl er schonmal gerne mit seinem etwas losen Mundwerk ausrutscht. Das war auch der Grund, warum ich etwas Bammel vor dem Abend hatte, dass ihm ein blöder Kommentar (die ihm auch hinterher leid tun) rausrutschen könnte.

Es dauerte eine Weile, bis die Kinder im Bett waren etc., bis wir dann endlich zum Punkt kamen. Sie waren ersteinmal etwas perplex, aber nur ein paar Minuten und dann war das Thema eigentlich erledigt :) Natürlich haben wir uns noch eine ganze Weile darüber unterhalten, wie denn nun meine weiteren Pläne sind etc. Aber keinerlei in Frage Stellung, sondern eigentlich von der ersten Minute an völlige Akzeptanz - und ganz von alleine entschuldigten sie sich schon vorsorglich, dass es nicht böse gemeint sei, wenn ihnen noch ein "er" rausrutsche. Es hat offenbar bei beiden einige Tage gedauert, bis das wirklich in ihrem Verstand ankam. Sie sagte später, dass sie im Nachhinein hauptsächlich erstaunt darüber war, wie wenig erstaunt sie darüber ist :) Er sagte mir später, dass er das etwas bedauere - sein männlicher Freundeskreis sei damit noch weiter geschrumpft. Was wieder zu einer interessanten Frage führt - was zeichnet denn die Mitgliedschaft in diesen Freundeskreisen aus? Was macht einen in diesem Sinne zum Mann oder zur Frau? Und er bedauerte es, dass er mich nun nicht mehr seinen Töchtern als lebendes Beispiel für Männer in Röcken nennen könne :) Das letzte was er noch sagte ließ dann wieder mein Herz etwas hüpfen - er hätte sich schon etwas zusammen nehmen müssen, um nicht gleich meine alte eMail Adresse auf den neuen Namen umzustellen - welch großartige Akzeptanz, einfach toll.

Etwas weniger toll war das Wochenende zwei Wochen später bei meinen Eltern. ich möchte da gar nicht groß auf Details eingehen, nur so viel - volle Toleranz, aber eher keine Akzeptanz. Ihre größte Sorge schien zu sein, wie sie das nun beträfe und wie sie denn nun damit zurecht kommen könnten. Wie ich mich 30 Jahre lang damit gefühlt habe, spielte eher keine Rolle, sondern eher welche Veränderungen sie denn nun in nächster Zeit von mir zu erwarten hätten - und bei ihren Fragen konnte man deutlich spüren wie sie sich fragten, wie sie damit zurecht kommen sollten und nur, wenn überhaupt, sekundär wie ich damit werde leben können oder was mir das alles bedeutet.

Das hat mich ganz schön mitgenommen. Auf einmal waren sie wieder da, diese Zweifel, ob das denn wirklich alles sein müsse. Was tue ich den beiden nur damit an?
Ich habe gut eine Woche gebraucht, um aus diesem Loch wieder raus zu kommen.

Meine Eltern machen demnächst Urlaub mit meinem Onkel und meiner Tante. Meine Mutter fragte mich noch, ob ich etwas dagegen hätte, wenn sie es ihnen erzählen würde. Leichtsinnig, und an dem Abend wohl auch etwas Rotwein betäubt, sagte ich nein, natürlich könne sie das, wenn sie wolle. Erst später ging mir auf, dass das vielleicht keine gute Idee sein könnte, wenn sie, die sie so wenig Verständnis dafür zeigten, es Dritten erzählen oder gar erklären sollten.

Also bin ich Anfang der Woche pro aktiv geworden und habe Onkel und Tante angedeutet, dass da eine etwas sonderbare Neuigkeit auf sie zu käme. Dienstag Abend schickte ich ihnen dann eine lange erklärende eMail - ich mache die Erfahrung, dass es besser ist, wenn Menschen, die sich für einen interessieren, besser damit klar kommen, wenn sie das zuersteinmal in Ruhe für sich lesen und verarbeiten können, als die Neuigkeit direkt persönlich gesagt zu bekommen. Die Zeit nach dem Absenden der eMail bis zu ihrem Anruf schien ewig und ich machte mir schon etwas Sorgen. Würden sie vielleicht auch wie meine Eltern reagieren?

Das krasse Gegenteil war der Fall! Zuerst rief meine Tante an und drückte ihren allergrößten Respekt vor meinem Mut zu dieser Entscheidung aus. Es klang schon fast bewundernd, dass ich nun etwas in die Realität umsetze, was ich so lange verschwiegen und unterdrückt habe. Und sie sicherte mir ihrer beider vollste Unterstützung zu - immer und bei allem. Ich war ehrlich gerührt. Meine Tante sagte, dass mein Onkel noch nicht mit mir reden wollte - ich machte mir etwas Sorgen. Sie meinte aber, es sei alles OK. Gut eine halbe Stunde nachdem wir aufgelegt hatten rief er nochmal an. Es dauerte bei ihm einfach länger, weil er die Mail nocheinmal in Ruhe von vorne lesen musste :) Wir unterhielten uns dann bestimmt noch gut eine Stunde und es war wunderschön! So viel Verständnis und ehrliches Interesse, ganz ernst gemeinte und gute Fragen und immer wieder der Ausdruck völliger Akzeptanz. Ich war völlig gerührt.


Ja, so sieht das nun aus, das ist der aktuelle Stand der Dinge.

Bei meiner Krankenkasse ist, obwohl noch keinerlei Gutachten oder Ähnliches vorliegt, Vorname und Anrede bereits geändert. Bei meinem Hausarzt und dem IPL Studio ebenso. So langsam fängt es an, etwas verwirrend zu werden, wo man denn wer und wie ist? Und die Bekannten, die bereits Nicole kennengelernt haben sagen mir, dass sie sie vermissten. Es wird Zeit, dass der Mai zu Ende geht und damit die letzten Schranken fallen. Andererseits habe ich auch etwas Respekt davor - was für eine Alltags-Frau werde ich dann sein? Bisher sind es ja eher kurze Episoden - tolle Episoden, aber eben nicht Alltag. Wie wird das dann sein? Wie werde ich dann sein? Was mache ich dann, aus dieser großen endlich gewonnenen Freiheit? Das wird noch richtig spannend!

Am 22.5. ist ja dann der Vortrag, der sozusagen dem Rest meiner Freunde und Bekannten vermitteln soll, was mit mir los ist und was nun passieren wird. Der Titel wird sein, ich erwähnte es bereits, "Hacking Gender". Als noch halbwegs unverfänglichen Abstract habe ich mir mal folgendes ausgedacht:
"
Es gibt kaum ein Thema, über das ähnlich lange und so erbittert, und
teilweise sogar verbittert, gestritten wird. Schlagworte wie "Gender
Mainstreaming", "Gender Studies" oder sogar als Verb "gendern" sind weit
verbreitet. Meist wird damit in dessen Rahmen die geschlechtliche
Gleichberechtigung diskutiert, die sicherlich zuweilen noch
verbesserungswürdig ist. Sie lässt jedoch einen wichtigen Aspekt meist
außer Acht - was ist dieses "Gender" oder zu Deutsch Geschlecht überhaupt?

Der Vortrag möchte eine etwas andere Sichtweise auf dieses sicherlich
schwierige Thema anbieten, die damit dann vielleicht auch Aspekte der
Gender Debatte in einem etwas anderen Licht erscheinen lassen könnte.
"

Das wird auch nochmal spannend.

Der Abend des Vortrags, also 22.5.2014, ist dann voraussichtlich auch mein letzter Tag als Mann - schon irgendwie völlig verrückt, wenn man so darüber nachdenkt: "Mein letzter Tag als Mann". Werde ich ihn vermissen? Wird mir dann etwas fehlen? Wird anderen etwas an mir fehlen?
Genau genommen ist mir das eigentlich eben erst, als ich den Satz schrieb, richtig bewusst geworden. Wo ich gerade darüber nachdenke, bekomme ich Schmetterlinge im Bauch und feuchte Augen. Ist das Angst oder Freude? Oder beides?


Ich habe lange darüber nachgedacht, ob es denn unbedingt nur dieses Entweder/Oder geben kann, also nur Mann und nur Frau. Ich könnte mir soviel Last und Ärger ersparen, mich eben nur dort wo es "einfach" ist auszuleben und Frau zu sein. Doch je mehr ich den Weg gehe, desto mehr stelle ich eben fest, es ist schlicht nicht praktikabel. Es fängt damit an, so gerne wir alle dies auch hätten, dass Dritte damit völlig überfordert sind. Familie, Freunde und Bekannte sind völlig verwirrt, wenn man mal so und mal so auftaucht. Und ich merke es ja nun auch schon selbst, obwohl ich noch nur wenig "außerhalb" als Nicole bekannt bin, dass ich aufpassen muss, wer in welcher Situation welche "Rolle" von mir erwartet. Und das alles würde ja noch viel extremer werden, je mehr ich "out" bin. Aber es ist natürlich nicht nur das. Je mehr ich out bin, desto weniger groß ist die Notwendigkeit, nochmal im alten Ego aufzutreten. Es überlebt sich sozusagen von selbst. Und je weiter ich komme, desto mehr komme ich zu der Einsicht, dass das auch ganz gut so ist.

Bis dahin muss ich aber noch ein paar mir etwas wichtigere Freunde und vor allem die Partner in der Firma einweihen.

Noch viel zu tun, für nur noch knapp 7 Wochen!

PS: Und wer Nicole mal in ihrem "natürlichen Habitat" erleben möchte - am 26.4. ist der nächste freiROOM - im andersROOM in Siegen!

Liebe Grüße
nicole
Ich bin trans* - und das ist gut so!
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