Geschlechtswechsel. Vier Teilnehmer der Selbsthilfegruppe "Leben im falschen Geschlecht" erzählen, wie es sich anführt im falschen Körper gefangen zu sein. Sie wollen das Geschlecht tauschen. Der fünfte Teilnehmer ist Cross-Dresser.

FLENSBURG. - In meinem Herzen fühle ich, dass ich eine Frau bin. Wir haben uns früher verkleidet und wie Schauspieler gelebt".

Bericht Flensborg Avis

Lisa-Marie ist 34 und als Mann geboren, aber schon mehr als die Hälfte ihres Lebens weiss sie, dass sie in einen Frauenkörper gehört. Menschen die im falschen Körper gefangen sind. In der Selbsthilfegruppe "Leben im falschen Geschlecht" sind ausser Lisa-Marie noch drei weitere die ebenfalls das Geschlecht wechseln wollen, und ein fünfter, Claus-Peter, ein 55-jähriger verheirateter Mann nennt sich Cross-Dresser. Weil er gern Frauenkleidung trägt.
Die Fünf halten zusammen, sie helfen sich und reden miteinander.
- Es sind Gespräche über Themen wie Angst, Depression, Mobbing, Familie und Beruf, sagt Lisa-Marie.
Neben ihr sitzt Kilijan. Kilijan ist 24 Jahre alt, und er ist am Mittwoch im Gericht, um seinen Namen Kilijan auch offiziell zu bekommen. Vielleicht werden ihn dann auch irgendwann seine Eltern so ansprechen. Seit er 13 ist weiss er, dass er in einen Männerkörper gehört, aber seine Gefühle hielt er lange versteckt.
- meine Grosseltern können damit gar nicht umgehen, während sich meine Eltern nicht gross einmischen. Sie akzeptieren es, auch wenn es schwer ist. Aber es ist mein leben, und meine Freunde unterstützen mich, sagt Kilijan.
Er geht in Kleidung, die seine Brüste versteckt halten. Sein Körper geniert ihn.
- Ich würde nie in eine Schwimmhalle gehen, auch wenn ich eigentlich eine Wasserratte bin, sagt Kilijan.
Seit drei Monaten hat er eine Freundin, und die Freundin weiss, dass er eine Operation wünscht, um sich ganz als Mann zu fühlen.
- Sie ist lesbisch, aber wir gehen das Risiko ein. Davor habe ich riesigen Respekt. Ich weiss nämlich nicht, ob ich das könnte, wenn es sie wäre. Sie versucht damit umzugehen, erzählt Kilijan.
Auch Freddy, mit 22 Jahrend er jüngste in der Gruppe, kann nicht damit leben, als Frau geboren zu sein.
- Ich habe im Alter von 15 Jahren davon erzählt, wusste es aber schon viel länger. Heuite habe ich eine Verlobte. Sie liebt mich als Mensch, und nicht wegen dem Geschlecht, sagt Freddy.
Anastasia hat hochhackige Schuhe an, einen dicken schwarzen Frauengürtel, sie ist geschminkt. Ihre Stimme ist männlich, aber die männlichen Details ertrinken in der weiblichen Betonung. Es ist noch nicht lange her, als Anastasia ihren näherstehenden die Wahrheit erzählte.
Mein Vater war geschockt, während meine Mutter hat nicht gross reagiert hat. Die Grosseltern und meine Geschwister wissen es noch nicht, erzählt Anastasia.
Sie spricht über Mobbing am Arbeitsplatz, als sie mit längeren Haaren am Arbeitsplatz erschien, ausserdem haben sie Freunde im Stich gelassen als sie sich geoutet hat. Andere wiederum lobten ihren Mut.
Ihr schräg gegenüber sitzt Lisa-Marie, die sich ebenfalls mit einer Therapie und folgender Hormonbehandlung den Weg für ein glücklicheres Leben bahnen will. Aber leicht ist es nicht. Und Lisa-Marie ist auch noch nicht bereit für ein Foto.
Es geht auch darum die Familie zu schützen. Ich habe mich geoutet, weil ein enormer Druck auf mir lag, der fast nicht mehr auszuhalten ist. Deswegen habe ich auch diese Selbsthilfegruppe gegründet, erklärt Lisa-Marie.

Die Vier sind keine Transvestiten, darauf legen sie ganz grossen Wert. Menschen, die im falschen Geschlecht leben, werden auch Transidentität genannt, da die Geschlechtsidentität nicht mit dem Geschlecht übereinstimmen, in dem sie geboren sind. Menschen, die im falschen Geschlecht leben, wollen soziale Anerkennung im anderen Geschlecht, d.h. dass sie sich mit Kleidung und Auftreten dem anderen Geschlecht anpassen. Viele davon wünschen eine operative Anpassung - Kilijan, Freddy, Lisa-Marie und Anastasia auch.
Claus-Peter dagegen nicht. Der 55-jährige ist ein besonderer "Fall" in der Gruppe. Als Cross-Dresser mag er es, in Frauenkleidung zu sein.
- Ich lege grossen Wert auf Toleranz. Es ist am wichtigsten, eine Person als Menschen zu sehen, und die Beurteilung nicht davion abhängig zu machen, ob er nun Hose oder Kleid trägt, sagt Claus-Peter.
Doch auch für ihn war es kein einfacher Schritt, seine Frau mit seinen Gefühlen zu konfrontieren.
Sie akzeptiert es, sagt Claus-Peter, der vor 1,5 Jahren die ganze Wahrheit sagte.
Und wie hat er es gemerkt?
- In meinem Beruf als Pädagoge hatte ich viel mit Frauen zu tun. Frauenthemen haben mich schon immer mehr interessiert, auch wenn ich natürlich das ein oder andere am Auto reparieren kann. Ich habe aber lieber Frauen um mich, erklärt Claus-Peter.
Er hat es auch seinen Kindern erzählt.
Alle Fünf sind sie sich einig, dass es doch ein stückweit schwerer für Männer ist, die eigentlich Frauen sein sollten.
- Wenn ein Mann nämlich in Frauenkleidung herumgeht, wird er doch sofort in die perverse Ecke gerückt, sagt Freddy.
Mit Therapie, Namensänderung und psychologischen Gutachten ist es ein weiter Weg zur gewünschten Operation. Nimmt man die Jahre davor noch dazu, ist es ein äuserst langer Zeitraum bis zum passenden Körper. Eine Zeit, die man nicht allein bewerkstelligen sollte.
- Es ist wichtig, dass man nicht allein ist. Dass man weiss, dass es auch andere gibt die so fühlen. Flensburg ist ja auch nicht gleich Hamburg, sagt Lisa-Marie.
In der Selbsthilfegruppe kennt man sich, man unterstützt einander. Vielleicht entstehen sogar Freundschaften.
- Es ist ganz wichtig, dass man sich nicht versteckt, ergänzt Claus-Peter.
Ansonsten kann es schiefgehen.
- Viele gehen denselben Weg wie wir - andere aber nehmen sich das Leben, sagt Lisa-Marie.

Bericht: FLENSBORG AVIS Marc Reese

Fotos: Povl Klavsen