Seite 1 von 1

UN„Ausschuss kritisiert Genital„OPs an Inters*x„Kindern

Verfasst: Di 3. Feb 2015, 08:39
von Anne-Mette
P R E S S E M I T T E I L U N G

presse@zwischengeschlecht.info
+41 (0)76 398 06 50

Die 68. CRC Sitzung war eine kleine Sensation: Zum allerersten Mal überhaupt behandelte der UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes die Themen Inters*x und IGM-Praktiken. In einem bahnbrechenden Vorstoß stellte die Vorsitzende der Schweiz kritische Fragen — und kritisierte nicht-eingewilligte Inters*x-OPs an Kindern als "eine Frage der körperlichen Unversehrtheit", als "eine Art von Gewalt an Kindern", und als "schädliche Praxis".

Dieses Novum ist das Ergebnis langer und harter Arbeit von Inters*x-NGOs und ihren Verbündeten, die sich am CRC-Menschenrechts-Mechanismus beteiligten und nicht weniger als 4 NGO-Berichte zu Kinderrechten in der Schweiz einreichten, die alle IGM-Praktiken explizit kritisierten. Gefolgt von einer Einladung des Komitees für ein Briefing zum Thema "Inters*x-Genitalverstümmelungen auf der globalen Ebene" unmittelbar vor der Staatenprüfung der Schweiz.

Seit 22 Jahren kämpfen Betroffene gegen chirurgische "Genitalkorrekturen" an Kindern mit Varianten der Geschlechtsanatomie, die sie als Inters*x-Genitalverstümmelungen (IGM) kritisieren. Seit 16 Jahren berufen sie sich dabei auf die UN-Kinderrechtskonvention. Seit 2008 wenden sich Überlebende an die Vereinten Nationen, und seit 2012 an den Ausschuss für Kinderrechte.

Bereits kritisieren nun 13 UN-Gremien sowie der Europarat uneingewillige Genitaloperationen und weitere medizinisch nicht notwendige Eingriffe an Inters*x-Kindern (CEDAW, CAT, SRH, SRT, WHO, OHCHR, UNICEF, UN Women, UNAIDS, UNDP, UNFPA, CRPD, CRC, COE). Bis heute ist Kolumbien weltweit das einzige Land, das IGM-Praktiken zumindest teilweise untersagt.

2012 wurde die Stellungnahme der Nationalen Ethikkommission im Bereich der Humanmedizin (NEK-CNE) der Schweiz weltweit gelobt — doch bis heute weigert sich der Bundesrat, die Empfehlungen auch umzusetzen.

Die Antworten der Schweiz auf die Fragen der CRC-Vorsitzenden in Genf waren klar unbefriedigend, was auch die Vorsitzende in einer abschließenden Bemerkung selbst festhielt (>>> Transkript).

Unbeirrt stellte eine Sprecherin des Bundesamtes für Justiz "psychologische Risiken [...] zum Beispiel bei Problemen beim Schuleintritt" als angeblich "zwingende medizinische Notwendigkeit" für kosmetische Genitaloperationen an Inters*x-Kindern dar — entgegen den Empfehlungen der Nationalen Ethikkommission, die "psychosoziale Indikationen" für unnötige Genitaloperationen explizit und klar kritisiert (!!!). Ebenso unbeirrt stellte die Schweiz "Personenstand", "Geschlechtseintrag", "Geschlechtszuweisung", "empfundenes Geschlecht" usw. ins Zentrum — bei gleichzeitiger Missachtung der von der Vorsitzenden hervorgehobenen körperlichen Unversehrtheit — gipfelnd in der ewiggestrigen Behauptung, IGM-Praktiken seien nur bei zusätzlicher "falscher Geschlechtszuweisung" wirklich schlimm.

Zwar stellte die Schweizer Vertretung in einer überraschenden Kehrtwende Bestrebungen für Datenerfassung zu Inters*x-OPs in Aussicht — doch offensichtlich einmal mehr ohne Konsultation der Betroffenen, die in Genf zum ersten Mal von diesen Plänen erfuhren.

Betroffene rund um den Globus und ihre Organisationen hoffen deshalb, der UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes werde morgen Mittwoch deutliche schriftliche Empfehlungen an die Schweiz richten, und eine ganzheitliche Politik zur Eliminierung aller IGM-Praktiken weltweit vorantreiben.

>>> 2014 CRC NGO Report "Intersex Genital Mutilations" (PDF 3.65 MB): http://intersex.shadowreport.org/public ... IGM_v2.pdf
>>> 2015 CRC Briefing "Intersex Genital Mutilations on a Global Scale" (PDF 3.14 MB): http://intersex.shadowreport.org/public ... GM_web.pdf
>>> Transkript 68. Sitzung CRC: Fragen und Antworten zu Intersex, Genf 2015: http://blog.zwischengeschlecht.info/pos ... -Genf-2015

Die internationale Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org fordert ein Verbot von kosmetischen Genitaloperationen an Kindern und Jugendlichen mit "atypischen" körperlichen Geschlechtsmerkmalen sowie "Menschenrechte auch für Zwitter!".

Betroffene sollen später selber darüber entscheiden, ob sie Operationen wollen oder nicht, und wenn ja, welche.

Re: UN„Ausschuss kritisiert Genital„OPs an Inters*x„Kindern

Verfasst: Di 3. Feb 2015, 09:02
von Ulrike-Marisa
Moin,

...wie so oft in der Politik entscheiden Menschen, die selbst nicht betroffen sind von der zu entscheidenden Fragestellung. Welcher Mist dabei rauskommt sehen wir ja täglich in den Ergebnissen der Politik unseres Landes - so ja auch in fast allen medizinischen Fragen, wo ich sage es mal bewusst provokannt, priviligierte Menschen über Leistungen für Kassenpatienten entscheiden - was dabei wohl rauskommt - sehen wir ja: Zweiklassenmedizin.
Die Betroffenen selbst werden ja in den seltensden Fällen befragt oder gehört. Warum sollte das bei so einem brisanten Therma wie hier anders sein. So weit ist das Bewusstsein der Politiker nun doch noch nicht, dass sie sachgerecht nd nicht machtorientiert entscheiden.
Hoffen wir also weiter darauf, dass sich etwas ändert - aber vermutlich nur mit unserem eigenen Zutun.

Gruß; Ulrike-Marisa

Re: UN„Ausschuss kritisiert Genital„OPs an Inters*x„Kindern

Verfasst: Di 3. Feb 2015, 11:37
von ab08
Anne-Mette hat geschrieben:Unbeirrt stellte eine Sprecherin des Bundesamtes für Justiz...
Hallo,

und täglich grüßt das Murmeltier. Weiter sind (finanzielle ?) Interessen offenbar wichtiger als elementare Menschenrechte.

Aber wir lassen nicht locker und bestehen darauf:
"Betroffene sollen später selber darüber entscheiden, ob sie Operationen wollen oder nicht, und wenn ja, welche."

In diesem Sinne,
Andrea(ab)

--> Am 26.2. 2015 findet in Nürnberg der 2. Zwitterprozess statt. Mal sehen, ob Michaela Raab endlich Recht bekommt...
http://www.crossdresser-forum.de/phpBB3 ... 08#p111929

--> Übrigens zu den "Problemen beim Schuleintritt", die oft als "Begründung" herangezogen werden. Das geht höchstens noch als Laienmeinung durch, denn bei gut ausgebildeten Pädagogen ist das nicht der Fall. Ich verweise auf die Lehrerakademie in Dillingen http://gendersensibel-unterrichten.alp.dillingen.de/ :wink:

Re: UN„Ausschuss kritisiert Genital„OPs an Inters*x„Kindern

Verfasst: Di 3. Feb 2015, 11:42
von Anne-Mette
Moin,
und täglich grüßt das Murmeltier.
Na, da sollten sie aber vorsichtig sein:


Übellauniges Murmeltier beißt Bürgermeister ins Ohr


http://www.spiegel.de/panorama/murmelti ... 16389.html

:mrgreen:

Gruß
Anne-Mette

Re: UN„Ausschuss kritisiert Genital„OPs an Inters*x„Kindern

Verfasst: Mi 4. Feb 2015, 18:04
von Anne-Mette
Zwischengeschlecht.org begrüsst aufs herzlichste die heute Nachmittag veröffentlichten "Abschliessenden Bemerkungen" des UN-Kinderrechtsausschusses an die Schweiz (DOC, englisch, paras 42-43).

Diese verurteilen medizinisch nicht notwendige Genitaloperationen und weitere irreversible Eingriffe an Intersex-Kindern explizit als "Gewalt an Kindern" und als "schädliche Praxis". Und fordern unter Berufung auf die Empfehlungen der Nationalen Ethikkomission (NEK-CNE) die Schweiz unmissverständlich auf, das Menschenrecht auf "körperliche Unversehrtheit, Autonomie und Selbstbestimmung" endlich auch für Intersex-Kinder durchzusetzen, sowie Familien mit Intersex-Kindern "Zugang zu angemessener Beratung und Unterstützung" zu gewährleisten. (Mehr zur UNO-Kinderrechte-Session siehe gestrige Pressemitteilung.)

Daniela Truffer, Gründungsmitglied von Zwischengeschlecht.org, und selbst mehrfach Betroffene von IGM-Praktiken:

"Heute ist ein guter Tag für Intersex-Kinder überall! Zum ersten Mal überhaupt hat der UN-Kinderrechtsausschuss offiziell Stellung bezogen. Damit fordern nun schon 13 UN-Gremien sowie der Europarat gesetzgeberische Massnahmen gegen die barbarischen Praktiken in unseren Kinderkliniken, wo immer noch täglich Neugeborene mit Varianten der Geschlechtsanatomie irreversibel verstümmelt werden.

Die Empfehlungen der Nationalen Ethikkommission von 2012 sind von Intersex-Organisationen weltweit als Durchbruch gefeiert worden. Nur weigert sich die Schweiz bis heute, sie auch umzusetzen. Letzte Woche behauptete die Staatendelegation in Genf gar unbeirrt, menschenrechtswidrige Genitalverstümmelungen an Intersex-Kindern seien aus psychosozialen Gründen schon in Ordnung. Würde den veantwortlichen Politikern zur Abwechslung mal an den eigenen Genitalien uneingewilligt etwas herumgeschnipselt, hätten es Zwitterkinder in der Schweiz bestimmt längst besser."


Die internationale Menschenrechtsgruppe Zwischengeschlecht.org fordert ein Verbot von kosmetischen Genitaloperationen an Kindern und Jugendlichen mit "atypischen" körperlichen Geschlechtsmerkmalen sowie "Menschenrechte auch für Zwitter!".

Betroffene sollen später selber darüber entscheiden, ob sie Operationen wollen oder nicht, und wenn ja, welche.