Im Angesicht des Todes
Verfasst: Do 4. Dez 2014, 20:19
Hallo in die Runde,
mein Problem könnt Ihr nicht lösen, aber vielleicht können mir Eure Rückmeldungen helfen. Mein Problem ist, dass meine Mutter (90) im Sterben liegt. Sie ist inzwischen (alles nach Aussagen meiner Schwester, die sie betreut) bettlägerig, schläft die meiste Zeit, hat die Augen sogar beim Sprechen geschlossen, isst fast nicht, trinkt kaum, ihr wird übel, wenn sie mehr essen soll. Zudem ist sie fast blind infolge von Diabetes. Ich habe sie seit Muttertag 2014 nicht mehr gesehen, da war sie noch relativ gut drauf. Sie lehnt mich total ab, empfindet mich als "Graus", teilt mir mit, dass man "so etwas" wie mich früher "vergast hätte", meiner Frau sagte sie, dass sie bedaure, mich nicht abgetrieben zu haben, mir sagte sie auch am Telefon, sie habe mich "schon abgeschrieben". Allerdings weiß ich von ihr, dass sie mich hat abtreiben wollen (erst nach dem Tode meines Vaters schob sie dann ihm die ganze Schuld in Schuhe, er habe gesagt, "mach's weg"). Als sie mir zuerst davon erzählte, meinte sie, ich müsse dafür Verständnis haben. Sie hätten schon Kinder gewollt, aber zu dem Zeitpunkt (1948), als sie gerade anfingen, sich eine Existenz aufzubauen, passte es nicht. Die Mitteilung, dass meine Mutter mich abtreiben wollte, hat mich damals schwer getroffen (ist Jahre her); während ich das noch irgendwie nachvollziehen konnte, konnte ich gar nicht begreifen, warum sie mir das unbedingt mitteilen musste. Vielleicht lastete es auf ihrer Seele. Ich habe ihr jedenfalls längst verziehen, allerdings irritiert mich die jüngste Äußerung über das Bedauern, es nicht getan zu haben (nach früheren Bekundungen hat sie durchaus Anstrengungen unternommen, es habe halt nur nicht geklappt).
Jetzt habe ich das doch geschrieben, was zeigt, dass es mich immer noch verletzt. Eigentlich ist die Frage der Abtreibung gar nicht entscheidend. Es geht eigentlich darum, dass meine Mutter mich unbedingt noch einmal sehen möchte, üblicher und verständlicher Wunsch von Sterbenden, aber -- jetzt kommt der Hammer -- nicht so, wie ich bin (da spielt viel Phantasie mit, in "Röckchen" und "Blüschen", mit einem "Vorhang" statt Haaren (die nur als Fassonschnitt toleriert werden) usw. Sie will mich "sehen" (obwohl sie seit längerem gar nicht mehr sehen kann, am Fernseher nur Farbflecken sah und die Schauspieler nur nach der Stimme unterschied), "aber als der Mann, der Du bist" mit Männerhosen, Hemd, Kravatte, Männerschuhen, ohne Schmuck, Nagellack usw. Ich habe das rundweg abgelehnt unter Hinweis auch darauf, dass sie immer größten Wert auf Ehrlichkeit gelegt hat. Diese Forderung aber wäre pure Lüge, wobei alle Beteiligten wüssten, dass es Lüge ist. Sie würde es ja nicht einmal wahrnehmen, wenn ich anders als gewünscht gekleidet erschiene, nehme ich an.
Dazu kommt als zweites Problem, dass ich schlecht höre. Seit Jahren habe ich meine Mutter bei persönlichem Kontakt praktisch nicht verstehen können, nur am Telefon, wenn ich die Lautstärke entsprechend einstellen konnte. Meine Mutter kann aber nicht mehr ans Telefon gehen (drahtloses Telefon hat sie nicht). Dazu kommt, dass sie im gleichen Haus wie meine Schwester wohnt, die in ihrer Beurteilung meiner "Abartigkeit" in nichts zurücksteht. Manchmal denke ich sogar, dass sie der eigentliche Motor ist. Sie fürchtet, dass, wenn ich dort normal als Frau gekleidet auftauchte, nicht etwa Nachbarn, zu denen sie keinerlei Beziehung hat, sondern Pfleger und Ärzte mich sehen könnten, und da schämt sie sich meiner. Sie hat ja auch bei Krankenhausaufenthalten meiner Mutter immer angegeben, dass sie die einzige Angehörige sei, meine Mutter habe sonst niemanden. Jetzt aber solle ich kommen, um "mich zu verabschieden" und vor allem "mir ihr ins Reine zu kommen". Ich fürchte, darunter versteht sie (traue ich meiner Mutter zu), dass ich ihr auf dem Sterbebett versprechen soll, dass ich den "Unsinn" lasse, wieder "normal" werde usw. Sie hat auch schon früher mich nötigen wollen zu Versprechen, dass ich bei ihrer Beerdigung als Mann erscheine, auch, dass ich mich um meine Schwester kümmere (als Mann gewandet). Ich will solche Versprechungen nicht abgeben. Hielte ich sie ein, würde ich mich vor aller Welt lächerlich machen, mich verbiegen und letztlich mich vor mir selber schämen, hielte ich sie nicht ein, hätte ich ein einer Sterbenden gegebenes Versprechen nicht gehalten, was in unserer Gesellschaft doch immer noch sehr schlecht angesehen ist. Ich lebe seit fast zwei Jahren ausschließlich als Frau, ich habe seit Juni 2013 kein männliches Kleidungsstück mehr getragen, ich habe meine Homepage auf meinen weiblichen Namen umgestellt, ich habe als Frau in Berlin und Köln Vorträge gehalten, habe Bücher und Aufsätze unter meinem weiblichen Namen publiziert, alle Nachbarn im Hause und im Viertel und darüber hinaus kennen und akzeptieren mich als Frau (sind freundlicher sogar mir gegenüber als früher mir als Mann gegenüber, kann aber auch daran liegen, dass ich zufriedener bin und eine freundlichere Ausstrahlung habe); wollte ich jetzt auf einmal wieder als Mann auftauchen (unmöglich, das zu verbergen, ich bin noch nie auch nur zur Bushaltestelle gekommen, ohne Menschen zu begegnen, die mich als Frau kennen), würden und müssten die mich doch für verrückt erklären. Als Mann gesehen zu werden (ganz abgesehen von meinen Gefühlen dazu) würde mich unvergleichlich mehr kompromittieren als es bei meiner Schwester möglich wäre, wenn ihre wenigen Bekannten, von denen keiner mich kennt, mich als Frau sähen.
Das ist meine Lage. Alle Freunde und meine Frau raten mir, über meinen Schatten zu springen und die sterbende Mutter zu ihren Bedingungen zu besuchen. Niemand von denen kennt freilich unsere Problematik. Was würdet Ihr empfinden, wie würdet Ihr handeln?
Eine etwas ratlose Nicoletta
mein Problem könnt Ihr nicht lösen, aber vielleicht können mir Eure Rückmeldungen helfen. Mein Problem ist, dass meine Mutter (90) im Sterben liegt. Sie ist inzwischen (alles nach Aussagen meiner Schwester, die sie betreut) bettlägerig, schläft die meiste Zeit, hat die Augen sogar beim Sprechen geschlossen, isst fast nicht, trinkt kaum, ihr wird übel, wenn sie mehr essen soll. Zudem ist sie fast blind infolge von Diabetes. Ich habe sie seit Muttertag 2014 nicht mehr gesehen, da war sie noch relativ gut drauf. Sie lehnt mich total ab, empfindet mich als "Graus", teilt mir mit, dass man "so etwas" wie mich früher "vergast hätte", meiner Frau sagte sie, dass sie bedaure, mich nicht abgetrieben zu haben, mir sagte sie auch am Telefon, sie habe mich "schon abgeschrieben". Allerdings weiß ich von ihr, dass sie mich hat abtreiben wollen (erst nach dem Tode meines Vaters schob sie dann ihm die ganze Schuld in Schuhe, er habe gesagt, "mach's weg"). Als sie mir zuerst davon erzählte, meinte sie, ich müsse dafür Verständnis haben. Sie hätten schon Kinder gewollt, aber zu dem Zeitpunkt (1948), als sie gerade anfingen, sich eine Existenz aufzubauen, passte es nicht. Die Mitteilung, dass meine Mutter mich abtreiben wollte, hat mich damals schwer getroffen (ist Jahre her); während ich das noch irgendwie nachvollziehen konnte, konnte ich gar nicht begreifen, warum sie mir das unbedingt mitteilen musste. Vielleicht lastete es auf ihrer Seele. Ich habe ihr jedenfalls längst verziehen, allerdings irritiert mich die jüngste Äußerung über das Bedauern, es nicht getan zu haben (nach früheren Bekundungen hat sie durchaus Anstrengungen unternommen, es habe halt nur nicht geklappt).
Jetzt habe ich das doch geschrieben, was zeigt, dass es mich immer noch verletzt. Eigentlich ist die Frage der Abtreibung gar nicht entscheidend. Es geht eigentlich darum, dass meine Mutter mich unbedingt noch einmal sehen möchte, üblicher und verständlicher Wunsch von Sterbenden, aber -- jetzt kommt der Hammer -- nicht so, wie ich bin (da spielt viel Phantasie mit, in "Röckchen" und "Blüschen", mit einem "Vorhang" statt Haaren (die nur als Fassonschnitt toleriert werden) usw. Sie will mich "sehen" (obwohl sie seit längerem gar nicht mehr sehen kann, am Fernseher nur Farbflecken sah und die Schauspieler nur nach der Stimme unterschied), "aber als der Mann, der Du bist" mit Männerhosen, Hemd, Kravatte, Männerschuhen, ohne Schmuck, Nagellack usw. Ich habe das rundweg abgelehnt unter Hinweis auch darauf, dass sie immer größten Wert auf Ehrlichkeit gelegt hat. Diese Forderung aber wäre pure Lüge, wobei alle Beteiligten wüssten, dass es Lüge ist. Sie würde es ja nicht einmal wahrnehmen, wenn ich anders als gewünscht gekleidet erschiene, nehme ich an.
Dazu kommt als zweites Problem, dass ich schlecht höre. Seit Jahren habe ich meine Mutter bei persönlichem Kontakt praktisch nicht verstehen können, nur am Telefon, wenn ich die Lautstärke entsprechend einstellen konnte. Meine Mutter kann aber nicht mehr ans Telefon gehen (drahtloses Telefon hat sie nicht). Dazu kommt, dass sie im gleichen Haus wie meine Schwester wohnt, die in ihrer Beurteilung meiner "Abartigkeit" in nichts zurücksteht. Manchmal denke ich sogar, dass sie der eigentliche Motor ist. Sie fürchtet, dass, wenn ich dort normal als Frau gekleidet auftauchte, nicht etwa Nachbarn, zu denen sie keinerlei Beziehung hat, sondern Pfleger und Ärzte mich sehen könnten, und da schämt sie sich meiner. Sie hat ja auch bei Krankenhausaufenthalten meiner Mutter immer angegeben, dass sie die einzige Angehörige sei, meine Mutter habe sonst niemanden. Jetzt aber solle ich kommen, um "mich zu verabschieden" und vor allem "mir ihr ins Reine zu kommen". Ich fürchte, darunter versteht sie (traue ich meiner Mutter zu), dass ich ihr auf dem Sterbebett versprechen soll, dass ich den "Unsinn" lasse, wieder "normal" werde usw. Sie hat auch schon früher mich nötigen wollen zu Versprechen, dass ich bei ihrer Beerdigung als Mann erscheine, auch, dass ich mich um meine Schwester kümmere (als Mann gewandet). Ich will solche Versprechungen nicht abgeben. Hielte ich sie ein, würde ich mich vor aller Welt lächerlich machen, mich verbiegen und letztlich mich vor mir selber schämen, hielte ich sie nicht ein, hätte ich ein einer Sterbenden gegebenes Versprechen nicht gehalten, was in unserer Gesellschaft doch immer noch sehr schlecht angesehen ist. Ich lebe seit fast zwei Jahren ausschließlich als Frau, ich habe seit Juni 2013 kein männliches Kleidungsstück mehr getragen, ich habe meine Homepage auf meinen weiblichen Namen umgestellt, ich habe als Frau in Berlin und Köln Vorträge gehalten, habe Bücher und Aufsätze unter meinem weiblichen Namen publiziert, alle Nachbarn im Hause und im Viertel und darüber hinaus kennen und akzeptieren mich als Frau (sind freundlicher sogar mir gegenüber als früher mir als Mann gegenüber, kann aber auch daran liegen, dass ich zufriedener bin und eine freundlichere Ausstrahlung habe); wollte ich jetzt auf einmal wieder als Mann auftauchen (unmöglich, das zu verbergen, ich bin noch nie auch nur zur Bushaltestelle gekommen, ohne Menschen zu begegnen, die mich als Frau kennen), würden und müssten die mich doch für verrückt erklären. Als Mann gesehen zu werden (ganz abgesehen von meinen Gefühlen dazu) würde mich unvergleichlich mehr kompromittieren als es bei meiner Schwester möglich wäre, wenn ihre wenigen Bekannten, von denen keiner mich kennt, mich als Frau sähen.
Das ist meine Lage. Alle Freunde und meine Frau raten mir, über meinen Schatten zu springen und die sterbende Mutter zu ihren Bedingungen zu besuchen. Niemand von denen kennt freilich unsere Problematik. Was würdet Ihr empfinden, wie würdet Ihr handeln?
Eine etwas ratlose Nicoletta