Der Stein rollt
Verfasst: Do 4. Dez 2014, 19:18
Hallo ihr Lieben,
als ich mich vor einigen Monaten hier im Forum angemeldet habe, da wusste ich nicht, wohin mich mein Weg führen wird. Seitdem ist viel passiert und wenn es auch noch viele Fragen gibt, ist mir mein Weg im Grundsatz klar. Ich werde endlich so leben, wie es mir entspricht, als Frau.
Dazu habe ich jetzt die ersten Schritte gemacht und damit den Stein ins Rollen gebracht:
- DGTI-Ausweis beantragt und erhalten.
- Vornamen beim Girokonto geändert (Postbank).
- Vornamen bei den Kreditkarten geändert (Airplus).
- Therapeutin gefunden.
- Termin mit der Sprachtrainerin vereinbart.
Die formalen Dinge gingen viel leichter, als ich das erwartet habe. Sowohl bei der Postbank, als auch bei Airplus hatte ich den Eindruck, dass es sich um einen Routinevorfall handelt. Sowohl im direkten Gespräch (Postbank), als auch am Telefon (Airplus) wurde ich freundlich und höflich behandelt und sofort mit Frau angesprochen.
Die Sprachtrainerin habe ich bereits vor einer Weile gefunden. Wie es der Zufall will hat sie ihre Schulungsräume in einem Nachbarort. Sie hat mir beispielhafte Videoaufnahmen von jeweils vor und nach dem Training gezeigt. So eindeutig vorher Männerstimmen zu hören waren, so eindeutig waren es hinterher Frauenstimmen, und zwar richtig gutklingende. Ich freue mich schon sehr auf den ersten Termin.
Auch die Suche nach therapeutischer Begleitung konnte ich schnell abschließen. Sie ist sowohl Ärztin, als auch Psychotherapeutin und ich fühle, dass ich ihr vertrauen kann. Außerdem hat sie ihre Praxis im Nachbarort. Jetzt wird gerade der Antrag an die Krankenkasse geschrieben und dann kann es losgehen.
Mit ihrer Hilfe werde ich über die nächsten Schritte entscheiden. Dass ich meinen Bart loswerden will bedarf keiner Diskussion mehr. Ich habe es bereits mit Laser versucht. Aber er ist schon ganz weiß, so dass die Methode nicht funktioniert. Also Nadelepilation, dazu brauche ich natürlich die Kostenübernahme durch die Kasse.
Die nächsten Entscheidungen die anstehen drehen sich um die HET, die VÄ/PÄ und darum, was ich bezüglich meiner Haare mache. Für letzteres habe ich mich heute einmal bzgl. Haartransplantation beraten lassen. Die gute Nachricht ist, dass es bei mir machbar ist. Die schlechte sind die damit verbundenen Kosten. Als mir der Preis genannt wurde, hat mein Geldbeutel sofort losgeheult und laut "Aua" geschrien. Also mal ordentlich überlegen und nachrechnen. Richtig gute Perücken gehen vermutlich auch ganz schön ins Geld.
Beim Thema HET bin ich mir mittlerweile fast sicher. Trotzdem will ich es mit meiner Therapeutin einmal gründlich durchsprechen, um für mich die letzte Sicherheit zu bekommen. Aber wenn ich mein Herz und mein Gefühl befrage, dann kann ich eigentlich nicht mehr abwarten damit anzufangen.
Bei der VÄ/PÄ bin ich derzeit hin- und hergerissen. Mich ärgert das Geld, dass ich hier in die Hand nehmen muss und dass ich mich irgendwelchen Gutachtern offenbaren soll. Alles in mir schreit Verweigerung und die Hoffnung, dass das Gesetz bald geändert wird. Aber die Mühlen der Gesetzgebung mahlen langsam. Auf der anderen Seite wird mein Arbeitgeber den Vornamen erst dann ändern, wenn ich ein amtliches Formular vorlegen kann. Bei aller Unterstützung, die die Firma anbietet, hier ist sie ganz genau. Da spüre ich noch den Staatsbetrieb. Vielleicht schaffe ich es nach dem Outing ein paar Kollegen dazu zu überreden, mir eine E-Mai-Adresse mit meinem neuen Vornamen einzurichten.
Damit bin ich bei meinem nächsten Stichwort, das Outing in der Firma. Ich arbeite bei einem großen Konzern, der noch zu großen Teilen dem Bund gehört. Es gibt eine Mitarbeitergruppierung mit dem Namen Queerbeet, die sich um Homo- Inter- und Transsexuelle kümmert. Hier hatte ich schon ein Treffen mit einer anderen Transsexuellen, die seit vielen Jahren geoutet ist. Sie wurde dabei sehr nachhaltig unterstützt und hat von allen Seiten sehr viel Hilfe und Unterstützung erfahren. Für das Outing wurde ein Meeting mit Kollegen, Vorgesetzen, Personalabteilung und dem betriebsärztlichen Dienst organisiert. Im Vorfeld gab es Gespräche mit und Schulungen für die Vorgesetzen. Die Kollegin hat mir eine Kopie sämtlicher Unterlagen, wie Präsentationen und Mails zur Verfügung gestellt, die ich für mein eigenes Outing nutzen kann. Bei allen Nachteilen die es hat in einem großen Konzern zu arbeiten, hier spüre ich endlich einmal die Vorteile. Wenn ich es jetzt noch schaffe die Ansprechpartnerin vom betriebsärztlichen Dienst zu erreichen, dann kann es auch hier losgehen.
Ansonsten lebe ich bereits die meiste Zeit sichtbar als Frau. Die anfängliche Angst als Frau gekleidet unterwegs zu sein, ist völlig verschwunden. Statt dessen hat sich ein Gefühl von Normalität eingestellt. Was noch vor Monaten für mich undenkbar schien ist jetzt selbstverständlich und ich kann mir überhaupt nicht mehr vorstellen anders zu leben. Sicher wird es noch aufregende Momente geben, in denen ich mich erst einmal unsicher fühlen werde: das erste Mal als Frau in der Firma oder der für Februar geplante Auftritt mit meiner Band, bei dem ich zum ersten Mal als Frau auf der Bühne stehen werde. Aber die bisherige Entwicklung gibt mir die Zuversicht, dass ich auch diese Situationen gut bewältigen werde.
Ihr seht, der Stein rollt wirklich. Dass es überhaupt und auch in dieser Geschwindigkeit dazu gekommen ist, hat auch viel mit diesem Forum zu tun. Hier habe ich viel gelernt, viele Denkanstöße bekommen und auch viel Zuspruch erfahren.
Dafür möchte ich einmal ganz herzlich bei allen bedanken, die hier schreiben, die ich im Chat getroffen und mit denen ich private Nachrichten getauscht habe. Ich hoffe, dass ich einen Teil von dem was ich hier Gutes bekommen habe, weiter- und zurückgeben kann.
Ich habe mir vorgenommen in diesem Thread über meinen weiteren Weg, meine weiteren Schritte zu berichten. Natürlich freue ich mich auf eure Kommentare, Kritik, Gedanken und Anmerkungen.
Liebe Grüße
Anke
als ich mich vor einigen Monaten hier im Forum angemeldet habe, da wusste ich nicht, wohin mich mein Weg führen wird. Seitdem ist viel passiert und wenn es auch noch viele Fragen gibt, ist mir mein Weg im Grundsatz klar. Ich werde endlich so leben, wie es mir entspricht, als Frau.
Dazu habe ich jetzt die ersten Schritte gemacht und damit den Stein ins Rollen gebracht:
- DGTI-Ausweis beantragt und erhalten.
- Vornamen beim Girokonto geändert (Postbank).
- Vornamen bei den Kreditkarten geändert (Airplus).
- Therapeutin gefunden.
- Termin mit der Sprachtrainerin vereinbart.
Die formalen Dinge gingen viel leichter, als ich das erwartet habe. Sowohl bei der Postbank, als auch bei Airplus hatte ich den Eindruck, dass es sich um einen Routinevorfall handelt. Sowohl im direkten Gespräch (Postbank), als auch am Telefon (Airplus) wurde ich freundlich und höflich behandelt und sofort mit Frau angesprochen.
Die Sprachtrainerin habe ich bereits vor einer Weile gefunden. Wie es der Zufall will hat sie ihre Schulungsräume in einem Nachbarort. Sie hat mir beispielhafte Videoaufnahmen von jeweils vor und nach dem Training gezeigt. So eindeutig vorher Männerstimmen zu hören waren, so eindeutig waren es hinterher Frauenstimmen, und zwar richtig gutklingende. Ich freue mich schon sehr auf den ersten Termin.
Auch die Suche nach therapeutischer Begleitung konnte ich schnell abschließen. Sie ist sowohl Ärztin, als auch Psychotherapeutin und ich fühle, dass ich ihr vertrauen kann. Außerdem hat sie ihre Praxis im Nachbarort. Jetzt wird gerade der Antrag an die Krankenkasse geschrieben und dann kann es losgehen.
Mit ihrer Hilfe werde ich über die nächsten Schritte entscheiden. Dass ich meinen Bart loswerden will bedarf keiner Diskussion mehr. Ich habe es bereits mit Laser versucht. Aber er ist schon ganz weiß, so dass die Methode nicht funktioniert. Also Nadelepilation, dazu brauche ich natürlich die Kostenübernahme durch die Kasse.
Die nächsten Entscheidungen die anstehen drehen sich um die HET, die VÄ/PÄ und darum, was ich bezüglich meiner Haare mache. Für letzteres habe ich mich heute einmal bzgl. Haartransplantation beraten lassen. Die gute Nachricht ist, dass es bei mir machbar ist. Die schlechte sind die damit verbundenen Kosten. Als mir der Preis genannt wurde, hat mein Geldbeutel sofort losgeheult und laut "Aua" geschrien. Also mal ordentlich überlegen und nachrechnen. Richtig gute Perücken gehen vermutlich auch ganz schön ins Geld.
Beim Thema HET bin ich mir mittlerweile fast sicher. Trotzdem will ich es mit meiner Therapeutin einmal gründlich durchsprechen, um für mich die letzte Sicherheit zu bekommen. Aber wenn ich mein Herz und mein Gefühl befrage, dann kann ich eigentlich nicht mehr abwarten damit anzufangen.
Bei der VÄ/PÄ bin ich derzeit hin- und hergerissen. Mich ärgert das Geld, dass ich hier in die Hand nehmen muss und dass ich mich irgendwelchen Gutachtern offenbaren soll. Alles in mir schreit Verweigerung und die Hoffnung, dass das Gesetz bald geändert wird. Aber die Mühlen der Gesetzgebung mahlen langsam. Auf der anderen Seite wird mein Arbeitgeber den Vornamen erst dann ändern, wenn ich ein amtliches Formular vorlegen kann. Bei aller Unterstützung, die die Firma anbietet, hier ist sie ganz genau. Da spüre ich noch den Staatsbetrieb. Vielleicht schaffe ich es nach dem Outing ein paar Kollegen dazu zu überreden, mir eine E-Mai-Adresse mit meinem neuen Vornamen einzurichten.
Damit bin ich bei meinem nächsten Stichwort, das Outing in der Firma. Ich arbeite bei einem großen Konzern, der noch zu großen Teilen dem Bund gehört. Es gibt eine Mitarbeitergruppierung mit dem Namen Queerbeet, die sich um Homo- Inter- und Transsexuelle kümmert. Hier hatte ich schon ein Treffen mit einer anderen Transsexuellen, die seit vielen Jahren geoutet ist. Sie wurde dabei sehr nachhaltig unterstützt und hat von allen Seiten sehr viel Hilfe und Unterstützung erfahren. Für das Outing wurde ein Meeting mit Kollegen, Vorgesetzen, Personalabteilung und dem betriebsärztlichen Dienst organisiert. Im Vorfeld gab es Gespräche mit und Schulungen für die Vorgesetzen. Die Kollegin hat mir eine Kopie sämtlicher Unterlagen, wie Präsentationen und Mails zur Verfügung gestellt, die ich für mein eigenes Outing nutzen kann. Bei allen Nachteilen die es hat in einem großen Konzern zu arbeiten, hier spüre ich endlich einmal die Vorteile. Wenn ich es jetzt noch schaffe die Ansprechpartnerin vom betriebsärztlichen Dienst zu erreichen, dann kann es auch hier losgehen.
Ansonsten lebe ich bereits die meiste Zeit sichtbar als Frau. Die anfängliche Angst als Frau gekleidet unterwegs zu sein, ist völlig verschwunden. Statt dessen hat sich ein Gefühl von Normalität eingestellt. Was noch vor Monaten für mich undenkbar schien ist jetzt selbstverständlich und ich kann mir überhaupt nicht mehr vorstellen anders zu leben. Sicher wird es noch aufregende Momente geben, in denen ich mich erst einmal unsicher fühlen werde: das erste Mal als Frau in der Firma oder der für Februar geplante Auftritt mit meiner Band, bei dem ich zum ersten Mal als Frau auf der Bühne stehen werde. Aber die bisherige Entwicklung gibt mir die Zuversicht, dass ich auch diese Situationen gut bewältigen werde.
Ihr seht, der Stein rollt wirklich. Dass es überhaupt und auch in dieser Geschwindigkeit dazu gekommen ist, hat auch viel mit diesem Forum zu tun. Hier habe ich viel gelernt, viele Denkanstöße bekommen und auch viel Zuspruch erfahren.
Dafür möchte ich einmal ganz herzlich bei allen bedanken, die hier schreiben, die ich im Chat getroffen und mit denen ich private Nachrichten getauscht habe. Ich hoffe, dass ich einen Teil von dem was ich hier Gutes bekommen habe, weiter- und zurückgeben kann.
Ich habe mir vorgenommen in diesem Thread über meinen weiteren Weg, meine weiteren Schritte zu berichten. Natürlich freue ich mich auf eure Kommentare, Kritik, Gedanken und Anmerkungen.
Liebe Grüße
Anke