Hallo, Guten Tag zusammen,
hast ja Recht Lara; aber immerhin diskutieren wir

Auch wenn es keinen direkten Einfluss auf Bildungspläne u.ä. hat, es wird uns trotzdem schon weiterbringen. Und sei es nur bei der eigenen Meinungsbildung.
Silvia: Das du annimmst, ich (wir) machte es mir zu einfach, mag daran liegen, dass relativ kurze Forenbeiträge kein ganzes Bild von einer Person und ihren Ansichten hergeben. Im Grund glaube ich nämlich, dass unsere ursprünglichen Standpunkte gar nicht weit von einander entfernt sind. Die von dir erwähnten Irritationen kenne ich aus eigener Anschauung, sowohl von fremden Menschen als auch von Personen aus meinem nahen Umfeld. Das sie weit überwiegend, sogar nahezu ausschliesslich, nicht physisch aggressiv sind stimmt. Sie sind aber zu oft geeignet, um Menschen stark einzuschränken oder gar leiden zu lassen. Um das zu sehen muss man nur ein wenig in diesem Forum lesen. Es gibt Irritationen, diese sind nachvollziehbar, richten aber auch Schaden an. Können wir insoweit einen Konsens erzielen?
Wenn 'Ja', was wäre dann zu tun, um den Schaden so zu beseitigen, dass niemand anderem daraus ein Schaden entsteht? Meiner Ansicht und Erfahrung nach braucht es oft nur ein paar Worte, ein paar Informationen um diese Irritationen aufzulösen. Und so geht es beispielsweise auch aus diesem wunderbaren Artikel von Vivians Kollegen hervor. Er musste 'nur' mit ihr reden, um eine (so habe ich es aus dem Artikel gelesen) respektvolle Sicht auf ihre Person zu entwickeln.
Wir treffen meistens auf Menschen, die wenig bis nichts über uns wissen. Das führt dann nachvollziehbar zu Fragezeichen im Kopf, zu Irritationen, zu Unverständnis, weil wir uns 'normabweichend' verhalten. Darin unterscheidet sich der 'jugendlich pubertierende Rotzlöffel' erstmal kein bischen von dem 'weltoffen gebildeten Journalisten'. Ein Unterschied entsteht aber aus der Reaktion dieser Menschen auf uns. Sind sie, z.B. aufgrund einer näheren Beziehung zu der jeweiligen Person (wie Vivians Kollege), interessiert und offen genug um selbst Fragen zu stellen? Das ist der Ideal-Zustand, den man erhoffen, aber nicht erwarten darf. Sind sie einfach passiv desinteressiert, weil sie keinerlei Berührungspunkte zu der Person sehen? Auch gut, leben und leben lassen. Oder, und sage niemand das gäbe es nicht, sind sie aktiv ablehnend? Dann muss man doch selbst die Frage stellen, warum sie uns ablehnen: Weil sie nicht an einer liberalen, pluralen, offenen Gesellschaft interessiert sind bzw. eben diese ablehnen? Oder nur weil wir ihnen fremd sind?
Letzteres lässt sich, völlig unabhängig vom Bildungsstand, vermutlich weitgehend durch Information beheben. Das war und ist meiner Ansicht nach das vernünftige Ziel des Arbeitspapiers zum Bildungsplan. Und zwar gar nicht nur, um über die Lebensentwürfe und -weisen einiger 'merkwürdiger' Erwachsener zu informieren, sondern insbesondere um Schüler_innen für sich selbst und ihre Klassenkamerad_innen zu sensibilisieren, die sich nicht in der 'Norm' wiederfinden können, weil sie schwul oder lesbisch sind oder sich mit der ihnen zugeschriebenen Geschlechtlichkeit nicht identifizieren können. Wie das den Schüler_innen einen Schaden zufügen soll, ist für mich nicht ersichtlich. An dem Ansatz, entsprechende Informationen in die Schule zu tragen, kann ich deshalb nichts schlechtes erkennen. Auch dann nicht, wenn ich mich versuchsweise auf den Standpunkt eines erzkonservativen Elternteils stelle, der aber wenigstens einen Rest von einem demokratischen, gleichberechtigten Gesellschaftsmodell im Kopf hat und der sich sicher ist, seinen Kindern eine stabile Persönlichkeit vermittelt zu haben.
Wenn wir unseren Kindern wirklich nicht zutrauen, sich angesichts der Information das es trans*-Menschen und homosexuelle Menschen gibt und das diese 'ungefährlich' und eben auch gleichberechtigte Menschen sind, für sich selbst für eine eindeutig 'weibliche' oder 'männliche' Identifikation und für eine heterosexuelle Ausrichtung zu entscheiden, dann müssten wir mal grundlegend über die elterlichen Fähigkeiten zur Persönlichkeitsbildung ihrer Kinder diskutieren. Und dann wäre die Debatte um den Bildungsplaninhalt wirklich akademisch.
noch etwas persönliches:
Ich sehe die Debatte als notwendige Form der Meinungsbildung in einer demokratischen Gesellschaft. Es gibt einen Vorschlag, der muss diskutiert, abgewogen und geändert werden, damit am Ende eine konsensfähige Lösung herauskommt. Ich bin aber auch der Überzeugung, dass es in dieser Debatte Leute gibt, die gar nicht an einem Konsens interessiert sind. Anders kann ich mir manche Einlassung, u.a. die von Fleischhauer auf Spon und die von Schmoll bei FAZ-Online und auch einzelne hier im Forum, nicht erklären. Meine Befürchtung ist, dass es manchen eigentlich gar nicht primär um das Thema selbst geht, sondern darum, ihre Vorstellungen eines neokonservativen Gesellschaftsmodells einzubringen. Und das macht mir genügend grosse Sorgen, um mich in der Debatte viel weiter von der Mitte entfernt zu platzieren, als ich es eigentlich möchte.
Dazu könnte man sagen:
'Das tun 'die anderen' auch und genau daraus entstehen die Agressivitäten in der Diskussion.' Stimmt, genau so ist das leider. Diesbetreffend nehme ich für mich, auch hinsichtlich der Diskussionen hier im Forum, aber in Anspruch immer wieder nach Erläuterungen gefragt zu haben, um Standpunkte zu verstehen. Antworten darauf sind bisher leider meist ausgeblieben; die Mit-Diskutant_innen zogen sich lieber zurück, als an Verständnis und Konsens zu arbeiten.
Man kann mich vielleicht paranoid nennen, von mir aus, aber angesichts dessen was auf der Strasse, in manchen Vereinen und Parteien und in Internetforen an kruden Ideen und Ansichten über gesellschaftliches Zusammenleben zunehmend lautstark verbreitet wird, bin ich lieber etwas paranoid, als zu spät festzustellen, dass die wenigen die es jetzt sind die breite Mitte für sich vereinnahmt haben. Ich mache es mir nicht nur einfach, ich versuche im Rahmen meiner Möglichkeiten die 'Mitte' für uns zu vereinnahmen. Dort wird nämlich entschieden, ob wir weiterhin in Ruhe shoppen gehen können oder nicht.
habt es gut, macht es besser
Marielle