Hallo Andrea!
So ketzerisch ist der Vorschlag doch gar nicht?
Das TSG mehr oder weniger abzuschaffen ist eigentlich das Anliegen Vieler. Ich erinnere an die Gesetzesänderungen in Dänemark, die Pläne auf Malta und zuguterletzt natürlich den Vorreiter Argentinien. Die Argumentationslinien dafür sind fast immer gleich und TGEU verfolgt recht genau diese, um dafür Lobby Arbeit in der EU zu machen. Entweder schaffen wir das aus Deutschland heraus oder das Problem wird sich früher oder später über die EU lösen. Persönlich würde ich es lieber _auch_ innerhalb Deutschlands zumindest mit anpacken wollen.
Doch das alleine löst doch nicht alle unsere Probleme? Das TSG ist eines von vielen. Als weitere große Herausforderung sähe ich die kontinuierliche qualifizierte Überarbeitung der Behandlungsrichtlinien. Praktisch jedes Jahr ergeben sich neue Erkenntnisse, die es immer wieder nicht in diese Richtlinien schaffen. Noch heute müssen die meisten Betroffenen auf ihrem Weg durch Reifen springen, die für viele Fachleute als überholt gelten. Und überhaupt diese Fachleute, das Spannungsfeld zwischen Sexualwissenschaften und Psychologie legt uns immer wieder Minen in den Weg.
Ich kenne hier auch keinen goldenen Mittelweg, denn an einigen Stellen hat fast jede Fachrichtungen durchaus nachvollziehbare Argumente. Doch manchmal kommt mir das so vor wie die ewigen Warnrufe der Polizei, man solle sein zu Hause in eine mehrfach verriegelte Festung verwandeln, wohl wissend, dass direkt neben dem Hochsicherheitsschließzyinder und dem extra großen Titan-Schließblech eine nur wenige Millimeter Dicke Glasscheibe im Fenster sitzt, die einem einfachen Stein mit wenig Mühe nachgibt. Wir werden in diesem Gebiet vermutlich nie eine endgültige Sicherheit in der Diagnose und Behandlung gewährleisten können, da es keine verlässlichen diagnostischen Verfahren gibt. Wäre es dann nicht vielleicht einfach angebracht, die Betroffenen in Eigenverantwortung handeln zu lassen und lediglich beratend dabei zu sein?
Ob das funktionieren würde oder nicht wird man nur nie erfahren, solange eine Clique von Fachleuten praktisch alleinig über die Richtlinien entscheidet, die uns dann betreffen. Dummerweise auch noch eine Gruppe, die damit gutes Geld verdient und sich damit zudem die eigene Existenzberechtigung sichert. Jetzt endlich sind mit Annette, Marie und Christian zumindest einige Betroffene in dieser KommÃssion dabei. Doch mehr als eine beratende Funktion haben sie dort auch nicht - bis auf Annette vielleicht, da sie als praktizierende Psychologin eine Doppelrolle inne hat (oder haben könnte, ich weiß gerade nicht genau, in welcher Funktion sie dort dabei ist, sondern nur, dass sie sich ihren Platz darin hart erstreiten musste - man wollte sie zunächst explizit nicht dabei haben, weil sie selbst betroffen ist).
Doch bei TSG- und Richtilinien-Reform alleine sollte es nicht bleiben. Wie wir immer wieder bei anderen sehen, z.B. den Homosexuellen, ist kontinuierliche Aufklärung und Förderung nötig, um die Akzeptanz und das Verständnis von Trans* und Inter* Menschen zu fördern. Der Anpassungsdruck unter dem viele stehen, kann zu einer enormen Belastung werden. Immer wieder Gefahr zu laufen, sich rechtfertigen zu müssen, die Blicke, die mögliche Diskriminierung, auch trotz VÄ/PÄ und aller Maßnahmen nach Richtlinien, ist zermürbend oder kann es zumindest werden. Einige haben Glück und werden "stealth". Einige können sich soweit anpassen, dass sie es fast sind. Andere bleiben aber für den Rest ihres Lebens mehr als deutlich erkennbar "anders".
Selbst wenn wir es heute schaffen sollten, durch große Kraftanstrengungen eine breite Akzeptanz durch Aufklärung zu erreichen, so zeigen uns leider andere Beispiele, wie dünn eine solche Decke ist. Praktisch über Nacht können Jahre der Aufklärungsarbeit wieder fast vollständig zunichte gemacht werden. Die Homosexuellen-Szene in Russland war bspw. bereits auf einem sehr guten Weg, bis ein dümmliches Gesetz Jahre der Arbeit mit dem "Gesäß" wieder einriss. Und sofort trat die hässliche Fratze der Xenophobie[1] ans Tageslicht. Denn machen wir uns nichts vor, um Homosexualität geht es den meisten Hetzern dabei gar nicht. Es geht gegen alle, die anders sind. Nur sind jetzt die Homosexuellen die ersten, die in Russland für den Niedergang von Kultur und Gesellschaft hingestellt werden - kommt das nur mir bekannt vor? Ich hoffe nicht. Wenn doch, könnte die Geschichte von Magnus Hirschfeld[2] erhellend wirken. Im Kielwasser der russischen Anti-Propaganda Gesetze bekommen dort jetzt auch die Trans* Aktivisten und Gruppen Probleme. Als offen lebender Trans-Mensch würde ich aktuell _nicht_ nach Russland reisen wollen.
Ich erwähne Russland hier nicht nur, weil diese Entwicklung per-se schlimm ist, sondern weil man daran hervorragend ablesen kann, wie dünn eben jene Aufklärungsdecke war, die über Jahre mühsam gewachsen ist. Innerhalb von nichteinmal einem Jahr brach alles wieder heraus, was man eingedämmt hoffte. Offene Homophobie, Diskriminierung, Gewalttaten. Aber noch schlimmer ist, dass es nicht an Russlands Grenzen halt macht. Es ist nicht das Gesetz, dass Homophobie verursacht, es ist nur das Werkzeug, dass die dünne Decke gesprengt hat. Der dadurch verursachte Riss zieht Spalten weit durch Ost-Europa und die ersten Risse sind auch schon wieder in Deutschland zu sehen. Jahre der Aufklärung sind gefährdet, wenn bereits in Schulen offen Aufklärungsprojekte als "Schwule Propaganda" von Schülern in Frage gestellt werden. Die Diskussionen in Baden-Württemberg gehen in eine ähnliche Richtung.
Die Zivilisationsdecke ist dünn. Nur weil Andersein nicht offen diskriminiert wird bedeutet das nicht, das wir damit kein Problem mehr hätten. Es fehlt nur der Auslöser und alles geht wieder los.
Wie wäre es wohl, wenn das Outing Trans zu sein nicht mehr als nur ein müdes Achselzucken und vielleicht noch ein "Na und?" verursachen würde? Das wäre zumindest mein persönliches großes Ziel in ganz ferner Zukunft. Das wird nicht über Nacht passieren und es wird ganz sicher nicht per Dekret passieren können. Es ist ein langsamer Prozess, in dem es Generation zu Generation "normaler" wird. Ich werde das Ziel vermutlich leider nicht mehr erleben, aber dafür einsetzen kann man sich ja dennoch? Und über eines bin ich mir dabei völlig sicher. Es wird nicht und niemals passieren, wenn wir, die Betroffenen, nicht endlich anfangen gemeinsam an diesem Ziel zu arbeiten und dafür einzutreten. Es ist genauso unwahrscheinlich, dass es andere für uns tun werden, wie es unwahrscheinlich ist, dass es von alleine geschieht.
Und genau hierfür brauchen wir einen Verband oder noch besser gesagt, einen Verbund. Ein Bündnis aller Aktivist_innen und eine gemeinsame Anstrengungen für das Große Ganze, statt eines endlosen individuellen Klein Klein. Dieser Verbund müsste auf Dauer und Beständigkeit angelegt sein, denn mit nur einer Aktion und einem Ziel wird keine nachhaltige Veränderung stattfinden. Es muss ein kontinuierlicher Prozess sein, über viele Jahre und vermutlich nie endend.
Liebe Grüße
nicole
[1] Xenophobie / Fremdenfeindlichkeit
https://de.wikipedia.org/wiki/Fremdenfeindlichkeit
[2] Magnus Hirschfeld
https://de.wikipedia.org/wiki/Magnus_Hirschfeld