Hallo Marie... und andere, die vor diese Entscheidung stehen...
Zuallererst: Keine Angst!
Vor allem nicht vor/bei einem Therapeuten. Vor einem Besuch bei einem Psychiater sollte man das schon haben, wobei Angst da auch nicht richtig gesagt ist, sagen wir mal eher Respekt, denn Psychiater ist schon eine Nummer härter als ein Psychotherapeut.
Therapeuten, gerade in unserem Fall, sind allenfalls Helfer für uns. Sie können uns nichts bestätigen oder verneinen und sie können uns auch nicht durch eine wie auch immer geartete Therapie davon abbringen. Ein guter Therapeut wird auch weder das eine noch das andere jemals versuchen.
Ein Therapeut hilft uns, uns selbst zu erkennen und mit dieser Erkenntnis umzugehen. Erkennen müssen wir uns aber nach wie vor selbst. Fast jegliche Form von Trans* ist eine Selbstdiagnose und Transsexualität ist definitiv eine solche. Ein Therapeut kann nur durch mehr oder weniger gezieltes Fragen und Hinterfragen unsere eigenen Denkprozesse unterstützen. Aus den Antworten kann er vielleicht, das hängt von den Antworten ab, eine sog. Differentialdiagnostik machen und andere mögliche Ursachen des Wunsches ausschließen. Bleibt am Ende immernoch Transsexualität übrig und deckt sich dies mit der Selbstdiagnose, dann ist damit die Diagnose gesichert. Mehr kann er dafür nicht tun. Es gibt keine schlüssigen Tests oder Fangfragen und auch die Liste der Ausschlusskriterien ist in den letzten Jahren deutlich kürzer geworden. Wo früher z.B. noch jede Art eines erotischen Empfindens sofort zum Ausschluss von Transsexualität führte, sind viele heute deutlich offener und hinterfragen dies viel stärker. Wie alles sind auch diese Kriterien im Wandel. Und das ist auch gut so. Viele Betroffene haben sich in der Vergangenheit vor ihrem Therapeuten verbogen und gelogen, um die bekannten Ausschlusskriterien bewusst zu vermeiden. Das kann aber nicht im Sinne eines Vertrauensverhältnisses zwischen Therapeut und Klient sein und beeinflusst damit negativ die Hilfsmöglichkeiten.
Man sollte den Therapeuten also nicht als so eine Art Tor-Wächter verstehen, den man von etwas überzeugen müsse, um an den heiligen Gral von Maßnahmen (Hormone, OP etc.) zu kommen. Es kann nicht das Ziel sein, den Therapeuten von etwas überzeugen zu wollen. Schlussendlich belügt man sich dabei vielleicht sogar selbst und endet einige Monate später vor dem Scherbenhaufen der eigenen Existenz.
Das Problem mit den Therapeuten ist, dass nur wenige Trans* Erfahrung und Expertise besitzen. Und selbst von denen sind dann auch noch einige schlicht unfähig, uns gut genug zu hinterfragen, um die richtigen Denk- und Erkenntnisprozesse anzustoßen. Meiner war z.B. so einer und ihn könnte ich nicht empfehlen, wenn man sich selbst noch nicht sicher ist und Hilfe dabei bräuchte, sich selbst zu hinterfragen. Glücklicherweise hatte ich sehr bald meine eigene Erleuchtung, die ich ihm offenbar hinreichend klar genug schildern konnte, sodass er mir einige Zeit später schriftlich die Diagnose bestätigte. Dafür wiederum war er mir dann gut genug, denn diese schriftliche Diganose öffnete dann andere Türen, z.B. bei der Krankenkasse und Ärzten.
Ich würde noch den klaren Rat geben, dem Therapeuten direkt von Anfang an so klar wie möglich mitzuteilen, was man selbst vermutet, also die Selbstdiagnose, und, ganz wichtig, was man nun von ihm erwartet. Die Ziele der Gespräche, denn nichts anderes passiert in diesen Sitzungen, sollte man selbst klar vorgeben. Macht man das nicht, dann ist es gemütliches Kaffee-Trinken (wenn man welchen bekommt

und man verbringt beliebig viel Zeit bei dem. Möchte man das? Wir haben doch wirklich Besseres zu tun, oder? Erstes Ziel könnte dann bspw. sein, die Selbstdiagnose gemeinsam zu sichern. Zweites Ziel könnte sein, eine formelle schirftliche Diganosebestätigung zu bekommen. Danach vielleicht, je nach Anforderung bspw. der Kasse, eine Indikation für Hormone oder was man sonst so gerne hätte.
Macht man sich dann auf den TS-Weg, dann ist es auch hier wieder wichtig, die eigenen Ziele zu formulieren. Es gibt keinen eindeutig vorgezeichneten Weg, heute schon gar nicht mehr. Was man selbst für sein eigenes Glück braucht und nicht braucht, ist einem selbst überlassen. Was man braucht und was nicht, könnte z.B. Gegenstand der Gespräche sein und dies herauszufinden eines der Ziele werden. Hinzu kommen dann vielleicht auch Ziele wie die Bewältigung von Problemen, die im Rahmen des Weges auftreten - Akzeptanzschwierigkeiten, Umgang und Vorgehen mit Outings in den verschiedenen Gruppen in denen man sich bewegt, Hilfe bei Erklärungen für Familie, Partner_in, Kinder etc. Hierfür gibt es auch keinen festen Plan - das passiert dann eben, je nachdem, was gerade akut ist. Ist nichts akut, kann die Begleitung auch sehr lose erfolgen, kurze Besuche einmal im Monat reichen völlig.
Strebt man auch eine große GaOp an, so wird der begleitende Therapeut recht sicher von der (gesetzlichen) Krankenkasse um eine Stellungnahme gebeten werden, ob man stabil ist, ob der Verlauf in den letzten Monaten der Begleitung stabil war, ob die neue Rolle gelebt wurde und auch lebbar für die Person ist etc. (Bei privaten Kassen sieht das etwas anders aus.) Insofern ist es auch gut und ratsam, diese niederfrequenten Besuche aufrecht zu erhalten. Im Zweifelsfall, wenn alles glatt läuft, ist das ein lockeres Gespräch und nach ca. zwei Jahren Stabilität kann, wenn gewünscht, die GaOp erfolgen. Ist das nicht gewünscht und alles läuft glatt und man kommt mit dem neuen Alltag gut zurecht, gibt es keinen Grund, weiter einen Therapeuten zu besuchen (für mich war bspw. die gesicherte Diagnose ausreichend und nachdem ich den Brief hatte, war auch Schluss für mich bei ihm).
Wichtig bei der Wahl des Therapeuten ist noch, dass die "Chemie" stimmen sollte. Wenn der_die Therapeut_in einem nicht sympathisch ist, wird kein gutes Vetrauensverhältnis entstehen und damit kann dann auch nichts Gutes dabei herauskommen. Auch muss man sich von ihm_ihr nichts gefallen lassen. Anzüglichkeiten oder freche Bemerkungen sind klare Fehler, genau wie irgendwelche, wie auch immer gearteten, körperlichen Untersuchungen. Ein Psychotherapeut, als Daumenregel, darf nicht anfassen. Passiert soetwas doch, würde ich sofort aufstehen und gehen. Leider gibt es immer wieder Berichte, gerade von den Gutachtern, die für die Vornamens- und/oder Personenstandänderung ins Gespräch kommen, dass diese übergriffig werden. Sie meinen sich das leisten zu können, weil die Betroffenen in einem Abhängigkeitsverhältnis stehen, sie also eine Machtposition inne hätten. Sie entscheiden, ob man "gut genug" ist, ob man von ihnen den Segen zur VÄ/PÄ bekommt. Leider ist das auch nicht ganz falsch, denn zeigt man sich unkooperativ, können sie ein negatives Gutachten ausstellen und man verliert viel wertvolle Zeit.
Abschließend möchte ich nocheinmal explizit darauf hinweisen, dass Transsexualität keine Krankheit, nichteinmal eine Störung ist - wenngleich es nach ICD-10 so eingestuft wird. Wir sind weder krank noch gestört und brauchen auch deshalb keine Therapie. Wir sind ersteinmal per-se völlig gesund und intakt. Daher ist es auch eigentlich keine Therapie[1], denn therapierbar ist das nicht. Was man mit diesen Therapeuten macht, ist eine psychologische Beratung und Begleitung, mehr nicht. Wenn ich immer wieder höre, dass Betroffene keinen "Therapieplatz" bekommen, läuft es mir jedesmal kalt den Rücken hinunter. Etwas anderes ist es natürlich, sollte man wegen der Transidentität tatsächlich psychische Probleme bekommen - Depressionen oder depressive Verstimmungen sind z.B. recht verbreitet. Dann kann auch eine Therapie dieser Komorbiditäten hinzu kommen.
Liebe Grüße
nicole
[1] Therapie, Wikipedia
http://de.wikipedia.org/wiki/Therapie