Hallo Adriana!
Im Großen und Ganzen kann ich mich den anderen Schreiber_innen nur anschließen. Das Thema ist vielschichtig und nicht einfach so mit einem klaren Ja oder Nein zu beantworten.
Von dem was Du schreibst klingt es schon so, dass Du den Entschluss zum völligen Rollenwechsel (aka Transition) bereits gefasst hast. Du beschreibst auch, wie Dich Dein jetziges Leben zunehmend belastet. Die Gedanken beginnen um alles mögliche zu kreisen, nur im Jetzt und Hier und bei der Arbeit sind sie immer öfter nicht. Es ist also ganz klar, dass hier etwas passieren muss. Denn wenn es so weiter ginge und sich verstetigt und womöglich zunimmt, sind Deine Karrierechancen bald Geschichte, denn das wird auch Deinem Chef auffallen.
Es gibt also jetzt nur zwei Möglichkeiten, die abzuwägen sind: Wagst Du den Schritt aus der Deckung und gibst Dich zu erkennen? Oder behältst Du es weiterhin für Dich und lebst weiter ein Doppelleben? Die Antwort hierauf wirst Du Dir vermutlich schnell selbst geben können.
Also ist die Frage recht sicher nicht mehr "ob oder ob nicht", sondern eher "nur" noch wann und wie?
Das Wann ist nicht ganz leicht. Wie Vivian auch schon schrieb, merkt man, wenn es langsam höchste Zeit wird, wenn man nicht mehr anders kann. So weit muss es nicht kommen, das ist keine notwendige Bedingung. Doch wenn es so weit ist, dann sollte man es auf jeden Fall _bald_ in Angriff nehmen, da man sonst Gefahr läuft, seinen Alltag nicht mehr bewältigen zu können. Das Ganze also etwas zeitiger zu planen und in geordneten Bahnen ablaufen zu lassen, ist ganz sicher eine gute Sache. Denn kommt dieser Punkt unvorbereitet, dann kann es sein, dass Du es einfach nicht mehr aushältst und an vielen Stellen dann gezwungen wärst, sozusagen unvorbereitet mit der Tür ins Haus zu fallen.
Ich hatte beispielsweise Vorbereitungen getroffen und einen zeitlichen Plan gemacht, hatte dann aber doch sozusagen eine Frühgeburt, zwei Wochen vor dem eigentlich geplanten D-Day ging es einfach nicht mehr und es musste raus. Da es nur zwei Wochen vor Plan war, waren die wichtigsten Dinge bereits erledigt, also war es nicht ganz so schlimm. Ich schreibe das auch nur um zu bestätigen, dass es passieren kann, dass der Druck auf einmal so groß werden kann, dass es nicht mehr anders geht - gar nicht.
Man kann den Druck etwas kontrollieren und wieder etwas herunterbringen, indem man sich sukzessive seinem Umfeld offenbart - mir ging es zumindest so. Jedesmal wenn ich mich offenbarte, war wieder für ein paar Tage etwas Druck rausgenommen. Es hatte funktioniert, die Zukunft erschien lebbar, Erleichterung. Irgendwann sind dann alle informiert und es kommt der große Tag, der Tag des Wechsels - da wird es dann nocheinmal aufregend
Du fragtest auch speziell nach Firmenkontext, Kunden und Kollegen. Jetzt bin ich bekanntermaßen nicht angestellt, kann das also nur teilweise beurteilen.
Zu allererst kann ich aber wohl sagen, es hängt ganz viel davon ab, wie man selbst damit umgeht, wie man sich bei diesem Wechsel anstellt und wie man sich anschließend gibt. Bleibt man für die Kollegen und den Chef die gleiche Person, mit gleicher Qualifikation, Arbeitsleistung und dem gleichen natürlichen und authentischen Umgang, dann ist das in aller Regel viel unspektakulärer, als man sich das selbst ausmalt. Wer mit Selbstsicherheit und Selbstverständlichkeit seinem Gegenüber freundlich begegnet, kann kaum mit Ablehnung konfrontiert werden. Zudem muss man selbst natürlich auch Empathie den anderen gegenüber aufbringen. Was wir da machen ist keine alltäglich Selbstverständlichkeit. Die meisten werden damit zum ersten mal in ihrem Leben konfrontiert und entsprechend braucht jede_r dafür etwas Zeit. Ein freundliches Wort, ein nettes Gespräch und etwas Humor helfen ganz sicher durch die erste Zeit.
Ich habe bisher die Erfahrung gemacht, dass doch die meisten erstaunlich gut über "uns" Bescheid wussten. Den meisten war sofort klar, dass das kein Scherz ist und vor allem, dass es nichts ist, was ich mir hätte aussuchen können. Das führte dann auch schnell zu Verständnis, Respekt, Empathie und, was mir schon etwas unangenehm war, Mitleidsbekundungen für das angenomme Leid in den vielen "falschen" Jahren. Das war teils schon wirklich rührend. Und es passierte bei Kollegen ebenso wie bei Kunden. Wir haben "nur" zwölf Leute in der Firma und "nur" ein knappes Dutzend aktive Kundenverbindungen, doch bei allen war es eigentlich durch die Bank wie beschrieben. Ich habe noch gut 30 oder 40 weitere Altkunden angeschrieben, mit gleichen Reaktionen. Von manchen kamen schier unglaubliche Reaktionen, lang und ausführlich, voller Empathie, eigener kleiner Geschichten und Unterstützungsangebote.
Also ich kann bis dato, teu teu teu, nur Positives Berichten. Alle Kundenbeziehungen blieben bestehen und es gibt auch bereits neue, die von dieser Vorgeschichte nichts wissen und ebenfalls damit keinerlei Problem zu haben scheinen - denn das musste ich auch recht bald den Kollegen klar machen, ja, ich bin vielleicht etwas "anders", aber das trage ich nicht wie ein Schild vor mir her. Die, die noch den Mann kannten, mussten natürlich über die Veränderung informiert werden. Aber das muss irgendwann aufhören, d.h. neue Kontakte erfahren davon nichts mehr, dort ist es die Frau Faerber und damit hat es sich dann. Auch dies kann ich nun bestätigen, funktioniert. Es zählt der Umgang und natürlich die Qualifikation. Im beruflichen Kontext, gerade in unserem eher kopflastigen IT Umfeld, zählt hauptsächlich die Qualifikation und die ändert sich nicht, egal ob Rock oder Hose.
Auf die Sache mit der Qualifikation müssen wir natürlich auch selbst achten. Der Rollenwechsel bringt uns eine Zeit lang in den Mittelpunkt des Geschehens, wir bekommen viel Aufmerksamkeit und stehen, bis sich alles eingespielt hat, unter dem Brennglas. Über diesen ganzen Wechsel und damit verbundenen Aktivitäten dürfen wir aber nicht vergessen, dass das nicht der Grund ist, weshalb wir an diesem Arbeitsplatz sitzen. Wir sind dort, um einen Job zu erledigen und das müssen wir ganz normal weiterhin tun.
Wie Vivian das auch schon andeutete, ist das aber nicht ganz leicht, denn vieles bei diesem Wechsel kostet Zeit. Unmengen Zeit. Und zu oft nicht gut planbaren Zeitpunkten. Das fängt damit an einen Therapeuten zu finden und dort seine Sitzungen abzuhalten. Das findet dann meist tagsüber statt, wenn man eigentlich im Büro sitzen sollte. Diverse weitere Arzttermine, Organisation der Termine etc. kosten Unmengen Zeit. Je nachdem wie die Krankenkasse drauf ist, kommt noch der Antragswahnsinn hinzu - Kostenerstattungsverfahren, Widersprüche etc. Immer wieder wird einem stundenlang Zeit gestohlen. Das wirkt sich natürlich auch auf die Freizeit aber auch auf die Arbeitszeit aus. Das sollte Dir und dann auch Deinem Chef klar sein. Ganz ohne Einflüsse auf die Arbeit wird es nicht gehen. Doch das sollte sich einvernehmlich gut regeln lassen - dann arbeitet man die ein oder zwei Stunden irgendwann anders eben nach.
Das bringt mich dann auch zu dem Punkt Chef und wie man es im Betrieb wohl angehen könnte. Ja, ich würde auch als erstes mit den Vorgesetzten sprechen, ihnen ankündigen was Du vor hast und sie um eine Einschätzung bitten. Sie sollten definitiv Bescheid wissen, bevor es alle anderen erfahren. Nähere und direkte Kollegen könnte man dann auch langsam in persönlichen Gesprächen, wenn dann klar ist, dass und wann es passieren wird, zuvor einweihen. Mit dem Chef würde ich auch den Zeitplan besprechen. Es gibt bestimmt Termine, die betrieblich ungeschickt wären oder andersherum Termin, die sich für einen solchen Wechsel anbieten könnten. Idealerweise sollte der Chef dann auch die Sache unterstützen und z.B. organisatorisch mithelfen und eine Mitarbeiter Besprechung anberaumen, um es dann dort allen mitzuteilen.
Für die Mitarbeiterbesprechung oder überhaupt das "Outing" gegenüber Mitmenschen, die einen noch in der alten Rolle kennen, gibt es prinzipiell zwei Möglichkeiten - man macht dies noch in der alten Rolle oder bereits in der neue Rolle. Persönlich habe ich gute Erfahrungen damit gemacht, dies noch in der alten Rolle zu machen. Das hat einfach den Vorteil, dass nicht sofort beim ersten Anblick, ohne noch eine Chance auf eine Erklärung gehabt zu haben, die Phantasien ins Kraut schießen. Der erste Eindruck und die ersten Gedanken setzen sich sofort tief und fest und sind später auch mit Engelszungen nur schwer wieder zu revidieren. Als es bei mir nicht mehr ging haben wir die Kollegen zusammengerufen, ich habe es erklärt und auch was also demnächst passieren wird und was damit dann also als nächstes auf sie zu kommt. Der erste Tag in der neue Rolle war dann damit völlig unspektakulär, alle hatten ein paar Tage Zeit sich an den Gedanken zu gewöhnen. Natürlich gab es interessierte Blicke, die Äußerlichkeiten spielen eben doch eine Rolle, aber dann war auch gut. In diesem Sinne würde ich es also auch gerade zu Anfang mit den Äußerlichkeiten auch sehr zurückhaltend angehen lassen - nur sehr dezentes Make-Up, nicht zu hohe Absätze, eher längerer Rock oder sogar Hose, dezenter Schmuck, damit der Bruch zwischen am "alten" Bild und dem Neuen nicht zu groß ist.
Tja, also... zusammenfassend würde ich sagen, wenn man es selbst nicht übertreibt, dann wird das mit größter Wahrscheinlichkeit gut gehen!
Behutsam mit seinem Umfeld umgehen - die brauchen auch Zeit, sich daran zu gewöhnen und sich umzustellen. Mit der Tür ins Haus fallen wird kontraproduktiv.
Es passiert viel weniger Schlimmes, als man vorher annimmt! Aber man muss damit rechnen, dass auch etwas schief gehen kann.
Plane Zeit ein! Du wirst für Vieles Zeit brauchen und die wird auch von der Arbeitszeit ab und zu abgehen - das lässt sich praktisch nicht vermeiden, aber man kann es versuchen zu minimieren.
Die meisten berichten anschließend, dass sich ihre Arbeitsleistung verbessert hat. Das ständige Grübeln fällt dann hoffentlich weg und damit bleiben die Gedanken fokussiert bei der Arbeit. Das wird vielleicht auch den Chef freuen
So, jetzt fällt mir nichts mehr ein - außer Dir alles Gute zu wünschen!
Liebe Grüße
nicole