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Geschichte einer Beziehung auf Distanz

Verfasst: Do 30. Okt 2014, 19:43
von Lukretia
Als Neuling habe ich ein großes Mitteilungsbedürfnis. Man/frau verzeihe mir daher, wenn ich zunächst etwas viel schreibe. Ich werde mich danach zu mäßigen wissen. Aber ich muss die Geschichte meiner Beziehung mit einer Frau los werden. Die ist nicht alltäglich.
Ich lernte sie vor mehr als 25 Jahren durch eine Kontaktanzeige kennen. Ich wollte Sex mit einer Frau, hielt mich für einen entwicklungsverzögerten, neurotischen heterosexuellen Mann. Ich war damals 37, sie 39. Sie gefiel mir nicht besonders, dennoch ging ich eine sexuelle Beziehung mit ihr ein. Nach zwei Jahren kündigte sie mir den Sex auf, die Beziehung aber nicht. Das fand ich merkwürdig, dachte aber, nun gut, wenn sie so will, dann eben ohne Sex. War mir in bestimmter Hinsicht nicht unlieb.
Die Beziehung lief dann so: Besuche meinerseits etwa jeden zweiten Sonntag, gemeinsames Essen, Spazierenfahren und -gehen, Einkehr in ein Café, Kaffeetrinken, nach Hause fahren. An Feiertagen unter der Woche lief das gleiche Ritual. Ein bis zwei Mal sind wir im Jahr, bei getrennten Hotelzimmern, in Urlaub gefahren. So lief das 23 weitere Jahre.
Über unsere Beziehung wurde nicht gesprochen. Ich ging davon aus, dass sie ebenso wie ich kein engeres Verhältnis wollte. Sie war auch emotional mir gegenüber recht abgekühlt, hielt die Beziehung aber all die Jahre aufrecht und begegnete meinen Launen und fixen Idee mit erstaunlicher Geduld, was mich verwunderte.
Auf einmal fing sie sonntags an, mir ungefragt das Mittagessen vorzusetzen, wenn ich sie besuchte. Ich verstand das nicht, hütete mich aber nachzufragen, was das solle, da das unhöflich gewesen wäre. Als absoluter Querschläger kam eines Tages die Frage: "Meine Schwester hat gefragt, warum wir beide eigentlich nicht heiraten?". Ich hielt das für einen Scherz und ging nicht darauf ein, sie ließ das Thema fallen.
Schließlich sah ich mich bemüßigt, mich als schwul zu outen. Zu diesem Zweck hatte ich mich überreichlich mit Silberschmuck beladen. Sie meinte, ich solle aufpassen, das wirke schwul. Ich: Genau das bin ich. Sie fiel aus allen Wolken. Wie Frauen aber immer in einer solchen Situation, sagte sie, das sei eine weitere fixe Idee von mir. Es war aber keine. Langer Rede kurzer Sinn: Im Verlauf der Aussprache merkte sie, dass ich niemals vorgehabt hatte, sie zu heiraten. Da sie aber 25 Jahre genau darauf gewartet und hingearbeitet hatte, sah sie ihre Pläne für ihr Alter (finanzielle Absicherung durch eine Ehe mit mir) zerstört und trennte sich von mir. Sie müsse mich mir selbst überlassen, von mir käme nichts.
Ich begriff erst ein Jahr nach der Trennung, dass es ihr um eine Heirat gegangen war. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen.
Unsere Beziehung war also ein tolles Ding über mehr als 20 Jahre: Sie arbeitete auf eine Heirat hin (durch geduldiges Warten, sie wusste genau, dass ich aufgrund meiner Persönlichkeit keine andere Frau fand), merkte aber nicht, dass ich niemals heiraten wollte. Ich meinte, sie wolle ebenso wie ich nicht heiraten, weil sie nichts sagte und merkte nicht, was sie wirklich wollte.
Was ich daraus lerne: 1. Dass Menschen finanzielle, materielle Interessen haben, die ihr Handeln bestimmen. 2. Das Frauen in unglaublicher Sturheit und Verbissenheit an Heiratsplänen, auch wider alle Vernunft (ich war ersichtlich eheunfähig), festhalten können. 3. Dass man in fürchterlicher Weise an einander vorbei leben kann, wenn man nicht mit einander kommuniziert.
Nebenbei: Wenn wir sonntags zu zweit in ein Café einfielen, dachten die Leute: Da kommt ein älteres Ehepaar. Falsch. Da kamen zwei ältere, sexuell unbefriedigte Damen, die ein gemeinsames Damen-Kaffeekränzchen abhielten. Dass was sie mit mir sonntags machte, hätte sie auch mit einer Freundin (Biofrau) veranstalten können. Das wäre kein großer Unterschied gewesen.

Lukretia