Hm, eine Frage, die sich in der Tat nicht mit zwei Sätzen beantworten lässt.
Ich träume sehr selten, bzw. ich erinnere mich nur sehr selten an meine nächtlichen Schlafträume. Jedoch hat sich das, wie es mir scheint, mit Fortschreiten meiner Hormontheraphie etwas verändert. Neuerdings, also in den letzten ein bis zwei Jahren, erinnere ich mich morgens häufiger an meine Träume.
Was träume ich? Ich träume ALLES. Kreuz und quer durch den Garten. Träume in denen das Geschlecht, bzw. geschlechtsbezifische Kleidung eine Rolle spielt gab und gibt es auch, aber das ist eher die Ausnahme.
Bevor ich mich outete und den Weg der Transition einschlug, hatte ich ja schon mein Leben lang das Gefühl eher ein Mädchen / eine Frau zu sein und den Wunsch auch so zu werden, bzw. als solche anerkannt zu werden. Das spiegelte sich natürlich gelegentlich auch in den Träumen wieder.
Auch ohne sich mit Traumdeutung besonders auskennen zu können, ist die Deutung eines Traumes oft genug offensichtlich. Wenn ich mir als Kind nichts sehnlicher Wünsche als ein rotes Fahrrad und dann träume, dass ich ein rotes Fahrrad hätte, ist es kinderlicht zu deuten, dass der Traum den Wunsch ausdrückt. So vermute ich, dass der Traum von Nicoletta ihr schlechtes Gewissen, bzw. die Angst vor negativer Reaktion ihrer Mutter ausdrückt. Vielleicht wartet sie unbewusst mit einem Outing, bis ihre Mutter nicht mehr lebt und der Traum drückt aus, dass sie vielleicht unsicher ist, ob sie damit auch wirklich vermeiden kann, dass ihre Mutter davon Kenntniss erlangt... aber ich schweife ab.
Früher, also vor meinem Outing, träumte ich meist von Sorgen, Nöten, Problemen, Wünschen und Freuden. Das waren mal materielle Dinge, manchmal Ängste, die mich in den Träumen einholten oder auch total wirres undeutbares Zeug. Gelegentlich aber, träumte ich davon z.B. lange Haare zu haben. So richtig lang, 30 oder 40 cm. Wow. Das war ein herrliches Gefühl und ich war sooo stolz darauf. Die 5mm Frisur, die nach dem Auffwachen im Spiegel zu sehen war, fühlte sich dann an, wie eine Tracht Prügel.

- Manchmal gesellte sich dann auch dazu, dass ich neben den langen Haaren auch weibliche Kleidung trug und den Traum, in dem es durchaus auch um etwas anderes gehen konnte, als Frau träumte. Allerdings war es mir im Traum bewusst, dass ich ja sonst als Mann durch die Welt ging und ich genoss es. Es war ein Gefühl von: Wow, endlich, toll, jetzt aber, nun durchstarten, nicht mehr zurück.
Nach meinem Outing, Gang zum Psychiater, Selbsthilfegruppe, VÄ-PÄ, Endokrinologen..... änderte sich zunächst einmal kaum etwas. Ich träumte, wenn ich mich denn überhaupt mal an Träume erinnern konnte, von meiner alltäglichen Situation, Problemen, Nöten, Freuden. Diese allerdings drehten sich inzwischen häufiger um die Transition. Einfach weil das in der Zeit ein wichtiger Bestandteil meines Lebens war. Also das Fortschreiten der Transition.
Ich sorgte mich ein wenig, da ich , obwohl ich inzwischen offiziell als Frau lebte, in den Träumen meist Mann war. Vor allem, wenn es Träume waren, in denen offensichtlich Probleme oder eben unverarbeitete Dinge im Unterbewusstsein behandelt wurden, träumte ich sie als Mann. Und im Traum war das für mich kein Problem, ich kannte es ja so, ich war quasi in der Zeit zurückversetzt. Erst nach dem Aufwachen runzelte ich die Stirn und fragte mich: Bin ich im innern etwa doch ein Mann? - Wie befremdlich!
Da ich aber im wachen Zustand in meinem Leben keine Situationen mehr als Mann erlebe, häufen sich auch die Träume, in denen es ja i.d.R. um Inhalte meines Lebens geht, in denen ich sie als Frau träume.
Inzwischen träume ich gelegentlich von Situationen, die das Geschlecht zum Thema haben, so, wie ich es auch real erlebe. Beispielsweise, wenn ich angerufen werde, von einer Person, die mich nicht real kennt, sich also ein "Bild" von mir macht, einzig durch meine Stimme, dann kommt es häufig vor, dass ich automatisch als "Mann" eingestuft werde. Das stimmt mich dann, nach dem Anruf etwas traurig. Und sowas träume ich dann eben auch mal.
Gestern erst, erlebte ich quasi das Gegenteil. Wegen einer dummen Sehenscheidenentzündung im Bereich des Daumensattelgelenks, sitze ich seit nunmehr 3 Wochen zu Hause rum und trage eine Gibsschiene. Zum Glück kann ich die Gelegentlich abnehmen (ja, mit Erlaubnis des Orthopäden), um zu duschen, oder den Abwasch zu machen, etc...
Auf jeden Fall gammel ich hier ziemlich rum. Trotz erfolgreicher IPL, spriessen bei mir noch farblose Barthaare, dene sich hier und da noch einige schwarze Stoppeln zugesellen. Ich hock also gestern, so wie jetzt, an meinem PC als es an der Tür klingelt. Ich war unrasiert, natürlich ungeschminkt, die Haare eilig zu einem Zopf zusammengebunden, damit die nicht nerven. Ein weisses gammliges Männer-T-Shirt aus alten Tagen, das hässlich, verwaschen aber saubequem ist und eine schwarze Jogginghosen, schwarze Socken. Vor der Tür stand ein älterer Mann, der mir ein Zeitungsabo aufschwatzen wollte. Ob der mich jetzt, wegen meines Aufzuges ( und natürlich wegen der STimme) möglicherweise für einen Mann halten würde, war mich fast egal. Naja, egal nicht gerade, aber deswegen da noch irgendwelche Anstrenungen machen? Nö. - Ich redetet ein paar Minuten mit ihm. Diese Leute sind ja oft hartnäckig. Im Laufe des Gespräches fragte er mich dann, welche Zeitschriften ich denn lesen würde. "Frauenzeitschriften? Fernsehzeitschrift? - Oder liest ihr Mann vielleicht die Kicker oder Computerbild? Haben Sie KInder?"
Nachdem ich den endlich los war, sah ich in den Spiegel und dachte: Hey, ich habe echt ein unzutreffendes Selbstbild, denn ich war fast sicher, dass man mich in diesem Aufzug für einen Kerl halten müsse. Offensichtlich machen lange Haare, Brüste und fehlender Bart eine Menge aus, oder?
Nun, auf jeden Fall sind es inzwischen auch solche Situationen, die ich auch mal träume. Ja, auch im Traum denke ich dann über mein "Passing" nach.
LG
Julia