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Re: Transidentität und Selbstkategorisierung

Verfasst: Mo 7. Jul 2014, 16:47
von Anne-Mette
Moin,

ich heiße zwar nicht Marielle (smili) und ich bedaure, wenn ich mich in ein geplantes Zwiegespräch einmische, aber
"Transidentität und Selbstkategorisierung" beinhaltet schon in der Überschrift, um was es geht:

SELBST

Ich glaube kaum, dass die Welt einen erneuten Deutungsversuch für die Allgemeinheit benötigt; aber ich lasse mich gern eines Besseren belehren (smili)

Gruß
Anne-Mette

Re: Transidentität und Selbstkategorisierung

Verfasst: Mo 7. Jul 2014, 17:22
von Anne-Mette
Moin,
ob er etwas lernen, sich mit Themen vertieft auseinandersetzen oder lieber dumm sterben möchte.
Das beinhaltet für mich eine Art "Schulmeisterei", die ich nun wirklich nicht mag. Da müssen dann wohl nur die "richtigen" Leute kommen, die mir alles erklären?

"Selbstkategorisierung, aber richtig", so hört sich das für mich an.
Andere mögen das anders beurteilen.

Gruß
Anne-Mette

Re: Transidentität und Selbstkategorisierung

Verfasst: Mo 7. Jul 2014, 18:25
von ab08
(ap) Danke, liebe Anne-Mette, )):m offenbar habe nicht nur ich allein "mit dem Tonfall" Schwierigkeiten. -- Mein persönlicher Freiraum ist mir wichtig, daher sehe ich es ähnlich.

Re: Transidentität und Selbstkategorisierung

Verfasst: Mo 7. Jul 2014, 19:16
von Sunny
Anne-Mette hat geschrieben:Moin,
ob er etwas lernen, sich mit Themen vertieft auseinandersetzen oder lieber dumm sterben möchte.
Das beinhaltet für mich eine Art "Schulmeisterei", die ich nun wirklich nicht mag. Da müssen dann wohl nur die "richtigen" Leute kommen, die mir alles erklären?

"Selbstkategorisierung, aber richtig", so hört sich das für mich an.
Andere mögen das anders beurteilen.

Gruß
Anne-Mette
Das hast du meiner Ansicht nach noch sehr nett formuliert. Anders sehe ich das höchstens in dem Sinne, dass mir statt Schulmeisterei als erstes der Begriff Arroganz durch den Kopf schoss.

Liebe Lara, wie wäre es, wenn du deine intellektuellen Fähigkeiten zunächst darauf konzentrieren würdest, dein eigenes Verhalten zu reflektieren? Könnte aus meiner Sicht dein Konfliktpotential hier durchaus senken, denn mit dem Tonfall vergraulst du auch Menschen, mit denen du durchaus interessante Gespräche führen könntest oder provozierst negative Reaktionen durch deine Geringschätzung, denke ich.
Du hast recht, wenn du sagst, dass man Threads, die einen nicht interessieren, nicht zwingend mit dieser Aussage füllen muss. Schweigenden Respekt gegenüber solchen Themen sollte man jedoch auch von dir erwarten können, wenn du denselben für deine eigenene Anliegen erwartest. Andere indirekt als dumm und für sie interessante Themen als blöd zu bezeichnen, scheint mir jedenfalls nicht gerade der ideale Weg für angeregte und produktive Unterhaltungen zu sein.

Aber das ist natürlich nur meine ganz persönliche Meinung.

Um nicht ganz offtopic zu sein: Ich denke, dass die Zusammenhänge, die zu einer Selbsteinschätzung als Transsexuelle/r führen so individuell sind, wie die Transsexuellen selbst. Modelle und Theorien mag es da noch so viele geben, es wird sich immer jemand finden, der nicht hineinpasst und somit als personifizierter Gegenbeweis ins Feld geführt werden könnte.

Geht es nicht viel mehr darum, zu akzeptieren, dass es eben keine allgemeingültigen Erklärungen gibt und jeden mit seiner eigenen Einschätzung zu respektieren?

Liebe Grüße
Sunny

Re: Transidentität und Selbstkategorisierung

Verfasst: Mo 7. Jul 2014, 20:24
von Exuserin-2015-09-09
Lara hat hier in diesem Forum nur ihre Meinung, ihre Gedanken, ihre Vorstellungen geäussert. Wen es interessiert, darf es lesen und sich an einer weiterführenden Gesprächsrunde inspirierend beteiligen.

Das es hier Leserinnen gibt, die vielleicht gedanklich weiter, woanders oder reifer sind, ja und? Respektiert bitte jeden positiven Beitrag, davon lebt das Forum.

Herumgehacke und Intoleranz erlebe ich fast täglich, das muss doch hier unter uns nicht auch noch sein. Kopfschüttelnd....

Re: Transidentität und Selbstkategorisierung

Verfasst: Di 8. Jul 2014, 01:16
von Marielle
Hallo zusammen,

ich finde es ehrlich unglücklich, dass es nicht in dem anderen Thread weitergeht. Dort hat jemand noch einen Beitrag eingestellt, der zum Thema gehört. Da ich glaube, dass eine 'ordentliche' Diskussion zu Ende geführt werden muss, schreibe ich jetzt unfreiwillig in zwei Threads. :(


Dein Modell, Lara, unterscheidet sich wesentlich von meinem. Überall dort, wo mein 'Modell' die aktuelle Existenz objektiver, für alle Individuen gültiger, Geschlechtermerkmale jenseits der Fortpflanzung bestreitet, lässt deines sie als wirkmächtige Gegebenheiten stehen. Das ist psychologie-theoretisch sicher richtig, führt aufgrund der normativen Wirkung der ewig wiederholten Deskription eines (vermeintlichen) Ist-Zustandes aber nicht weiter. Sei mir nicht böse, aber für mich klingt es ein wenig nach der elterlichen Antwort " Das ist halt so." auf die kindliche Frage "Warum?" Jenseits der unbestrittenen Normativität, im psychologischen Sinn, ist es imho eben nicht so, dass es faktische Unterscheidungsmerkmale gibt. Es wirkt, als wäre es, es ist aber nicht. :wink:

Ich glaube durchaus, dass wir auf der gleichen Baustelle arbeiten, aber vermutlich an ganz verschiedenen Ecken des Gebäudes. Vielleicht lässt es sich so beschreiben: Du versuchst aus der Sicht der Psychologie das Phänomen zu ergründen und zu beschreiben, ich versuche, mit ein paar Bezügen zur Psychologie, die Auswirkungen des Phänomens zu beschreiben und das Phänomen als solches in Frage zu stellen. Damit mich niemand missversteht: Mit 'das Phänomen' meine ich nicht die Menschen, die sich nicht in das vorherrschende Modell 'Mann/Frau' einordnen, sondern den Umstand, dass es das Modell überhaupt gibt.


Habt eine gute Nacht und seht es mir nach, wenn ich in den nächsten Tagen nicht gleich oder nur kurz antworte, es gibt allerhand zu erledigen. Unter anderem muss 'Kurt', ein aus dem Nest gefallener Spatz, alle Nase lang gefüttert werden. Sein Behelfsheim steht auf dem Fensterbrett, was der Arbeitsproduktivität im 'Homeoffice' nicht grade zuträglich ist :wink:

Liebe Grüsse

Marielle

Re: Transidentität und Selbstkategorisierung

Verfasst: Di 8. Jul 2014, 09:09
von Inga
Hallo, miteinander,

ich halte die Beiträge von LaraC überhaupt nicht für vorwurfsvoll, sondern eher anregend, über die Idendität zu reflektieren und nachzudenken, wieso die Sehnsucht besteht, sich irgendwie einzusortieren, gerade dann wenn die Schublade "Mann/Frau" versagt.

Auf Marielles Hinweis, in zwei Threads dasselbe zu diskutieren, hole ich mal meinen Beitrag von gestern hier herüber:

Hallo, miteinander,

ein Begriff der mich bei Marielles "Modell" fasziniert hat, ist Selbstkategorisierung. Das Geschlecht als ein Meerkmal, sich selbst irgendwo zuordnen zu wollen, sich selbst irgendwie einordnen zu wollen. Das mag subjektiv aus dem Bedürfnis, sich irgendwo sicher zuordnen zu können und einordnen zu können und dadurch einen Halt im eigenen Leben zu finden, nötig sein. Man mag sogar die intensive Suche nach der eigenen Geschlechteridendität als Bestandeil der Suche nach einem Teil der eigenen Idendität verstehen. Doch ist es wichtig sich eindeutig zuzuordnen? (viele hier werden aus Erfahrung und Selbsterkenntnis sagen, nö, muss nicht mehr eindeutig sein)

Vorhin am Rande eines Radiobeitrags zum Tode des Historikers Hans-Ulrich Wehler habe ich den Begriff Co-Idendität gehört. Er bezog es mehr geographisch, ob ein Mensch seine Idendität eher als Rheinländer, Deutscher oder Europäer sieht. Sozusagen je nach Verwaltungsebene verschiedene Idenditätsmöglichkeien, obwohl der Mensch am selben Ort lebt. Die subjektiv empfundene Idendität lässt sich gar nicht so eindeutig zuordnen.
Spannend wird es bei Menschen, die ihre Idendität als Rheinländer verstehen und die jetzt in einer anderen Region wie ewa Berlin leben oder arbeiten, oder Menschen die mehrere Staatsangehörigkeiten haben. Da ist ein Begriff der mehreren nebeneinander her bestehenden Idenditäten des Menschen naheliegend. Der Begriff von Co-Idenditäten trifft es ganz gut, mehrere Idenditäten, die in dem Menschen nebeneinander her existieren.

Meine Schlussfolgerung: Auch bei der Geschlechtsidendität trifft das Phänomen der Co-Idenditäten ganz gut und sollte als selbstverständlich in das gesellschaftliche Denken eingehen.


Ob nun "Trans" oder "Inter" oder "Multi"? "Trans" ist für mich die Verbindung oder Übertragung von einem Ort zu einem anderen. "Inter" ist das was irgendwie zwischen zwei Orten oder darüber ist. "Multi" ist die Ansammlung von mehreren geichrangigen Merkmalen. Über wir doch mal "Trans-Gender", "Inter-Gender", "Multi-Gender". Was klingt denn am besten? Was trift es am besten?


Liebe Grüße
Inga

Re: Transidentität und Selbstkategorisierung

Verfasst: Di 8. Jul 2014, 10:53
von Frida
Hallo zusammen,

für mich ist diese Diskussion interessant und sehr bereichernd. (ap)
Ich verfolge sie gerne, wenn ich mich noch nicht daran beteilige, weil ich nicht
diese theoretischen Kenntnisse besitze, aber trotzdem ist dieses Thema auch für mich
sehr aktuell, eher auf der pragmatischen Seite.
Ich habe für mich die Erkenntnis gefunden, dass ich anders bin. Diese Anderssein drückt sich so aus, dass ich
mich als Frau identifiziere, so wie ich Frau eben wahrnehme. Also könnte ich sagen , ich bin transident.
Körperlich bin ich ein Mensch, der ein männliches Sexualorgan hat und auch andere durch das männliche Hormon
geprägte Merkmale. Diese Hormone belasten mich nicht sehr, weil sie für mich relativ schwach daherkommen.
Deshalb habe ich nicht das Gefühl sie bekämpfen zu müssen, weder hormonell, noch operativ, obwohl
ich mir gerne Busen wünsche und auch mit einer Vagina gut klar käme. Hab das ja schon immer geliebt.

Ich fühle mich in der Kleidung einer Frau sehr wohl, schmücke und schminke mich gerne. Ich mache das zu Hause
im privaten Bereich. Eine Verkleidung und Verstellung, so dass man mich nicht mehr erkennt, fällt mir schwer
und würde ich nur aus taktischen Gründen machen, z.B. weil ich mich nicht getraue, nämlich als ICH, so wie ich bin,
rauszugehen. Ich habe noch Angst vor den Reaktionen des sozialen Umfeldes.
Ich hoffe, dass ich irgendwann so mutig sein werde diesen Schritt zu wagen, vielleicht wird es dann auch ein Kompromiss
sein müssen.
Natürlich spielen da auch Gründe von Rücksicht und Verantwortung eine Rolle.

Nach all den Definitionen, die ich bisher gelesen habe, bin ich wohl transident, aber nicht transsexuell,
sondern irgendwie dazwischen, darf aber nicht "inter" sein, weil das andere sein wollen.
Was bin ich denn? Ein Mensch natürlich, aber das reicht manchmal wohl nicht.
Klar habe auch ich das Bedürfnis, mich einzuordnen, wenn ich schon anders bin, schon um mich
auch nach außen hin meinen Mitmenschen erklären zu können.

Übrigens finde ich es ganz normal, wenn eine Diskussion auch mal etwas hitzig ist.
Missverständnisse können dazu führen, aber man sollte sich doch respektvoll begegnen (hs)
und wenn man Fehler begangen hat sollte man so frauhaft sein, nicht den Schwanz einzuziehen,
sondern diese wieder aus dem Weg räumen, um weiterzumachen. Das muss doch
zu schaffen sein. Ich hoffe, dass es weitergeht und bin auf jeden Fall gespannt drauf.

Liebe Grüße, Dita (moin) ---)))

Re: Transidentität und Selbstkategorisierung

Verfasst: Di 8. Jul 2014, 11:26
von Anne-Mette
Moin,

Die Überschrift SELBSTKATEGORISIERUNG finde ich gut. Es sollte dann auch bei dem SELBST bleiben.
Natürlich können und werden sich Gruppen von Menschen bilden mit einer ähnlichen oder sogar einer gleichen Eigeneinschätzung;
insofern ist ein Austausch sicherlich als vorteilhaft zu bewerten.

FÜR andere Menschen und über deren Köpfe hinweg wird man eine Kategorisierung nicht vornehmen können und sollen; also bleiben wir beim SELBST.
Ja, leben darf, kann und soll jeder SELBST in dem Lebensumfeld, das er für sich gestalten kann.
Und da gibt es für mich gemeinsame Aufgaben, um persönliche Lebensumfelder durch gesellschaftlich- politische Rahmenbedingungen gestaltungsfähig zu machen.
Dazu gehören Änderungen diverser Gesetze, die z.B. die Gleichberechtigung aller Geschlechter verhindern und immer noch dafür sorgen, dass es vorteilhaft (oder nachteilig) ist, einem bestimmten — oder überhaupt einem definierten Geschlecht anzugehören.
... und natürlich mein Leiblingsthema (smili)
"Tätige Öffentlichkeitsarbeit": anderen Menschen zeigen, das es Vielfalt gibt - auch wenn es manchmal schwierig und unbequem ist und Zeit kostet.
Verstehen werden viele Menschen nur durch eigene Anschauung, durch Gespräche und breitgefächerte Informationen, dass es nicht nur FRAU und MANN gibt.

Gruß
Anne-Mette

Re: Transidentität und Selbstkategorisierung

Verfasst: Di 8. Jul 2014, 11:35
von Ulrike-Marisa
Moin,

...in kurzen Worten - Lara hat finde ich ganz anschaulich anfangs beschrieben, wie es vielen Betroffenen im Leben ergangen ist, bis sie zu Einschätzungen und Einsichten gekommen sind, die ihr weiteres Leben bestimmen; mal ganz ohne Haarspalterei. Verschiedenen Meinungen sind gut; jede/r sollte hier seine Meinung frei äußern können. Es kann ja darüber gesprochen nud diskutiert werden - wie geschehen. Vielfalt leben ist meine ich angesagt. (moin)

Gruß, Ulrike-Marisa

Re: Transidentität und Selbstkategorisierung

Verfasst: Di 8. Jul 2014, 11:46
von Anne-Mette
Moin,

wie schwer es mit Definitionen ist, geht u.a. auch aus dem Buch von Udo Rauschfleisch "Transsexualität — Transidentität
Begutachtung, Begleitung, Therapie" hervor.
Schon im Umschlagtext heißt es:
Udo Rauchfleisch kommt aufgrund seiner jahrzehntelangen Beschäftigung mit Menschen, die sich dem Gegengeschlecht zugehörig fühlen, zu dem Schluss, dass Transsexualität keine psychischen Krankheit ist, sondern das ganze Spektrum von psychischer Gesundheit bis Krankheit umfasst. Er verwendet deshalb den Begriff "Transidentität".

Im gleichen Buch schreibt Annette Güldenring (ab Seite 131) in einem Aufsatz: "Eine andere Sicht des Transsexuellen"*
"¦ und in der Fußnote:
Ich habe mich entschieden, hier hauptsächlich den Begriff Transsexualität zu verwenden, da er in der psychomedizinischen Fachsprache noch dominiert. Das soll nicht implizieren, dass ich Bezeichnungen wie Transidentität, Transgeschlechtlichkeit, Transgenderismus, Transsensualismus etc. nicht wertschätze. Um den Begriff Transsexualität zu problematisieren, habe ich ihn durchgängig kursiv gesetzt.

Interessant auch das Vorwort zum Aufsatz:
"Was wir sonst in der Wissenschaft über die Entstehung der Geschlechtlichkeit finden, ist so wenig, dass man dieses Problem einem Dunkel vergleichen kann, in welches auch nicht der Lichtstrahl eines Hypothese gedrungen ist" (Siegmund Freud, 1917-1920, S. 62)

Gruß
Anne-Mette

Re: Transidentität und Selbstkategorisierung

Verfasst: Fr 11. Jul 2014, 01:45
von Marielle
Guten Abend zusammen,

entschuldigt, dass es ein wenig gedauert hat.

Aus meiner Sicht sind wir uns also wirklich einig: das heteronormative Modell ist überall, es führt zu großen individuellen Problemen, also muss es weg.

Ok, Lara, dann ist das klarer geworden. Das Ziel ist zwar ein bischen ambitioniert, aber im Prinzip ein gemeinsames. Der von dir anschliessend beschriebene Umstand, dass in der Community (und nicht nur hier im Forum) relativ häufig ein sehr 'exaktes', stereotypenorientiertes Bild als anzustrebendes Ideal herangezogen wird, war auch einer der Auslöser für meine diversen Beiträge, die sich um die verschiedenen Selbstverständnisse drehten.

Abgesehen von der Abschaffung der Kategorien 'Mann' und 'Frau' für alles, dass nichts mit funktionellen Unterschieden bei der Arterhaltung zu tun hat, habe ich noch ein anderes, etwas 'niedriger' angesiedeltes Anliegen. Ich würde mir wünschen, weil ich es für sinnvoll halte, dass die 'Stereotypen-Ideale' stärker hinterfragt werden, um zu einer möglichst guten, passenden Selbstkategorisierung zu gelangen. Es geht, wie der Name schon sagt, darum, wie ein Mensch sich selbst in das Sozialgefüge mit all seinen Aspekten 'einordnet'. Ich will und werde keine Kategorien definieren, schon weil es die m.E., in universell nutzbarer Form, gar nicht geben kann. Allenfalls versuche ich, bestehende Kategorien kaputt zu machen, um zu verdeutlichen, dass jede Selbstkategorisierung ihrerseits unter dem Einfluss von Sozialisation, Bildung von Peer-Groups usw. steht.

In so weit ist es gut und richtig, wenn du, Lara, die 'Mechanismen' und 'Umstände', nach bzw. unter denen die Selbstkategorisierung vor sich geht, benennst. Ich halte es nur für wichtig, deutlich darauf hinzuweisen, dass es sich dabei eben nicht um eine 'natürliche Ordnung' handelt, sondern das es um künstliche Gebilde geht, die jede_r für sich einer kritischen Prüfung unterziehen sollte, anstatt sie unreflektiert zu übernehmen. Was dann am Ende dieser Prüfung rauskommt ... entzieht sich jeder Kategorisierung durch Dritte.


Geht es nicht viel mehr darum, zu akzeptieren, dass es eben keine allgemeingültigen Erklärungen gibt und jeden mit seiner eigenen Einschätzung zu respektieren?

Ja, absolut. Es geht darum, jede_n mit der eigenen Einschätzung zu respektieren; wobei die Betonung eben auch auf 'eigenen' liegt. Das ganze Thema dreht sich um nichts anderes als die 'Forderung', den Wunsch, nach einer eigenen Einschätzung. Einer Einschätzung, die jede_r bewusst und reflektiert selbst vornimmt, anstatt sich eine scheinbar passende Einschätzung zu 'borgen' und sie dann für die eigene auszugeben, oder, viel schlimmer, zu glauben es sei die eigene. Warum jemand sowas tun sollte? Zum Beispiel, um den Kategorien einer Gruppe zu entsprechen, der er/sie gerne angehören würde.


Ich hatte mich in den ursprünglichen Thread von Lara eingemischt, weil ich über den 'Selbstversuch Marielle' und die sich daraus ergebenden Begegnungen mit recht vielen Menschen zu der Annahme gelangt bin, dass es vielleicht nicht immer eine 'eigene Einschätzung' im obigen Sinn ist, die zur Selbstkategorisierung eines Menschen führt. Das mag arrogant klingen, kann sein, aber es ist meine Wahrnehmung dessen, was ich gesehen, erlebt und gehört habe.


Deswegen finde ich auch die Idee der "Co-Identität" nicht so ganz überzeugend. Es ist natürlich nicht wichtig 'eindeutig' zu sein, im Sinne von 'Frau' oder 'Mann', ich denke aber schon, dass es wichtig ist 'eindeutig' im Sinne von 'bei sich selbst zu sein' zu sein. Die 'Co-Identität' nach Region, Nationalstaat oder ähnlichem basiert auf der Existenz von eben Regionen, Staaten usw.. Ohne diese gäbe es dann keine 'Identität'? Das finde ich nicht besonders attraktiv. Man nehme mir das Beispiel bitte nicht übel, es liegt halt nahe: Haben 1989 zwanzig Millionen Bürger der DDR ihre Identität verloren? Ich glaube, dass es viel weniger waren, nämlich nur die, die ihre Identität vom (in diesem Fall) Staat 'geborgt' hatten. Diejenigen mit einer 'eigenen Einschätzung', einer eigenen Identität, mögen vieles verloren haben, aber nicht ihre Identität.

Auf das Thema dieses Threads übertragen: Nach meiner ganz persönlichen Meinung hat der Mensch keine selbständig eigene (Geschlechts-)Identität, der sich durch das, auch nur angedachte, Verschwinden der sozialen Kategorien 'Frau'/'Mann' in seiner Selbstkategorisierung bedroht sieht.


"Was wir sonst in der Wissenschaft über die Entstehung der Geschlechtlichkeit finden, ist so wenig, dass man dieses Problem einem Dunkel vergleichen kann, in welches auch nicht der Lichtstrahl eines Hypothese gedrungen ist"

Ein Stück weit befürchte ich, dass sich das seit Freuds Zeiten nicht wirklich geändert hat. Höchste Zeit also, dass jede_r sich eine Lampe nimmt, um für sich selbst ein bischen Licht in das Dunkel zu bringen.


Nun habt eine gute Nacht und morgen, und an allen danach, einen guten Tag

Marielle

Re: Transidentität und Selbstkategorisierung

Verfasst: Fr 11. Jul 2014, 04:26
von Natascha
Das Startpost dieses Threads fand ich sehr gut geschrieben. Es trifft die Dinge eben sehr gut soweit ich es überflogen habe.
Ich bin in den Neuzigern aufgewachsen, in einem erzkonservativen Umfeld und unter sozusagen Machos. Ich habe versucht mich anzupassen, einfach weil ich keine Alternatie sah. Es hat auch oberflächlich funktioniert. Aber eben nur oberflächlich. Ich gab mich immer noch männlicher als die Männer. Ich denke meine Performance war echt gut. Wenn man es nur lang genug macht, wird es einem fast zur Natur, ab da klappt es. Ich habe mein ich gewissermaßen beiseitegeschoben und ging ganz in dieser Männerrolle auf (mal abgesehen vom sexuellen, das hab ich nie hinbekommen). - Aber tief drin war immer ich, und egal wie sehr ich damals danach trachtete das zu ignorieren oder auszumerzen. Man kann seinem wahren Ich nicht aus.
Es hat mich fast umgebracht schlußendlich. Hätte ich nicht den Mut gefunden mich zu outen wäre ich wahrscheinlich verrückt geworden oder hätte mich irgendwann umgebracht. Jeder Mensch der mir irgendwas von Conversion therapy (wie sie z.B. in den USA betrieben wird) erzählt, der kann mich mal. Im Ernst. Das funktioniert nicht. Man kann nicht sein was man nicht ist. Geschlechtsidentität und Sexualität sind Dinge, die man sich nicht aussuchen kann. Sie sind gegeben. Ende. Was man lernen muß ist sich selbst so zu lieben wie man eben ist, was auch immer man ist, und das Beste daraus zu machen. Dann wird alles gut irgendwie irgendwann. :)


LG,

Tasha

Re: Transidentität und Selbstkategorisierung

Verfasst: Fr 11. Jul 2014, 09:41
von Anne-Mette
Moin,

Auch wenn eine Selbstkategorisierung (möglichst) in einem "multidimensionalen" Geschlechtskunstrukt möglich sein sollte und wir Geschlechtsstereotype hinterfragen sollten, wie auch Du, Marielle schreibst,
weil ich es für sinnvoll halte, dass die 'Stereotypen-Ideale' stärker hinterfragt werden, um zu einer möglichst guten, passenden Selbstkategorisierung zu gelangen.
werden wir nicht ohne sie auskommen.
"¦ so wie der Kapitän des Butterdampfers, der beim Anlegen immer den Pfahl (der dafür nicht unbedingt vorgesehen ist) zu Hilfe nimmt, um dann richtig einzudrehen.
Eine Selbstkategorisierung sollte Raum für alle Menschen lassen und auch nicht diejenigen verprellen, die für ihren Bereich Emanzipations- und Öffentlichkeitsarbeit geleistet haben.
Selbstkategorisierung fängt, wie auch schon gesagt wurde, mit SELBST an und bei einem SELBST
Eine theoretische Begleitung ist sicherlich wichtig — aber wir werden mit theoretischen Diskussionen die Öffentlichkeit kaum so beeinflussen, dass sie "uns" gegenüber offener und toleranter wird.

Gruß
Anne-Mette

Re: Transidentität und Selbstkategorisierung

Verfasst: Fr 11. Jul 2014, 20:06
von Exuserin-2015-09-09
So wie wir die 24 Stunden in nur Tag und Nacht einteilen, so machen wir es eben zwecks Vereinfachung auch mit Menschen und Tieren. Das ist auch in Ordnung so.
Differenziert betrachtet gibt es eben hier auch viele Zwischentöne. Spät in der Nacht, früh am Morgen, um die Mittagszeit, ich finde es ähnlich den Facetten, in die wir uns eben einteilen. Kategorien brauchen wir und das es mehr wie zwei Schubladen gibt, wissen wir ja auch. Und wenn ich eben für meine Mitmenschen in keine der nur zwei vorhandenen passe, dann wird es spannend.
Ich denke, ich sehe mich grundsätzlich anders als mich die Menschen wahrnehmen. Die sehen ja nur die Äusserungen. Meine Innerung kann nur ich einsortieren.
Generell verstehe ich diese ganze Aufregung nicht. Seele, Körper, Orientierung und soziale Rolle können eben voneinander abweichen. Seit Schwulen und Lesben ist das doch jedem denkenden und aufgeklärtem Menschen klar.