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Malta: Geschlechtsidentität ist jetzt Verfassungsbestandteil

Verfasst: Di 15. Apr 2014, 12:11
von nicole.f
Großartige Nachrichten aus Malta:

http://tgeu.org/Malta_Douze_Points_Firs ... r_identity

Die verfassungsrechtliche Anerkennung einer Geschlechtsidentität, losgelöst vom biologischen Geschlecht, öffnet völlig neue Wege!
Das wird jetzt auf Malta sicherlich etwas spannend, denn damit wird sicherlich noch eine recht weit reichende weitere Rechts-Reform nötig werden, um der Verfassung in allen Bereichen Genüge zu tun.

Ich habe noch mitbekommen, dass, was auch in der Presseerklärung angedeutet wird, das Personenstandrecht auf Malte gerade heftig reformiert werden soll. Schlussendlich läuft es wohl darauf hinaus, dass die gesamte Pathologisierung wegfällt und der Personenstand eine vollkommen individuelle Entscheidung wird. Der großartigste "Kniff" bei der Sache wird sein, dass die NGOs, die mit der Maltesischen Regierung daran arbeiten, versuchen es hin zu bekommen, dass diese Möglichkeit auch für nicht-Malteser bestehen soll. Das heißt, so ähnlich wie man einen gültigen EU Führerschein in Polen machen kann, so könnte man dann nach Malta fahren und dort seinen Personenstand ohne Gutachten etc. ändern lassen. Und das müsste dann, wegen der EU Mitgliedschaft Maltas, auch in allen EU Mitgliedsstaaten anerkannt werden. Wäre das nicht großartig!?
Und es geht noch weiter... im Prinzip wäre es dann auch möglich, über den Verweis auf Malta und die Zugangsmöglichkeit von nicht-Maltesern dazu, die gleichen Rechte und Möglichkeit in Deutschland einzuklagen.

Also wenn das so kommt, dann wird es wirklich spannend. Dann hätten wir über die EU eben auch einen Hebel in Deutschland.

Ich wollte sowieso schonmal Urlaub auf Malta machen - das wäre dann wohl ein guter Zeitpunkt, wenn das dort in Kraft getreten ist. Hoffentlich braucht man dazu dann keinen Wohnsitz dort...

Liebe Grüße
nicole

Re: Malta: Geschlechtsidentität ist jetzt Verfassungsbestand

Verfasst: Di 15. Apr 2014, 12:32
von Anne-Mette
Moin,

danke für die Info.
Mein Sohn arbeitet noch ein paar Monate auf Malta. Ich werde ihn mal fragen, ob er nähere Informationen besorgen kann.

Gruß
Anne-Mette

Re: Malta: Geschlechtsidentität ist jetzt Verfassungsbestand

Verfasst: Di 15. Apr 2014, 13:02
von Lina
Auslöser dazu dürfte wohl der schon lange laufende Prozess vorm Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (gehört zum Europarat und nicht der EU), eingereicht von Frau Cassar.

Die Klage wurde eingereicht lange bevor dem Regierungswechsel. Es ist auch anzunehmen, dass die neue Regierung - Labour Party/Joseph Muscat - die Angelegenheit etwas fortschrittlicher betrachtet. Das Thema wurde auch öfter im führenden Prime Time Talk "Xarabank" behandelt.

Re: Malta: Geschlechtsidentität ist jetzt Verfassungsbestand

Verfasst: Di 15. Apr 2014, 13:14
von ab08
Wenn es so stimmt, freut es mich und ich betrachte es als einen Schritt in die richtige Richtung!
Anerkennung von "Geschlechtsidentität" bedeutet, dass sich alte Erkenntnisse von Harry Benjamin langsam gegen die danach propagierten nun weit verbreiteten Fehlvorstellungen ("Geburtsgeschlecht", also an den Genitalien ablesbar) durchsetzen. Mit "Geschlecht frei wählbar" hat das wirklich nix zu tun. Jeder Mensch hat ein Geschlecht.
Im Normalfall /keine psychische Erkrankung/ kennt der Mensch sein Geschlecht. Nur ist dieses Geschlecht nicht immer von außen, also von anderen erkennbar. Aus logischen Gründen steht es anderen daher nicht zu, das Geschlecht des Menschen quasi festzulegen. Wenn sie sich auf die "Biologie" berufen, machen sie einen inhaltlichen Fehler (vgl. Harry Benjamin u.a.) :wink:

Fehlvorstellungen halten sich andererseits, nachdem Prozesse längst verstanden wurden, lange.
Von manchen wird heute noch die Evolution angezweifelt, manche glauben an Homoheiler ...

Re: Malta: Geschlechtsidentität ist jetzt Verfassungsbestand

Verfasst: Di 15. Apr 2014, 17:52
von nicole.f
Hallo liebe Claudia!
Claudia hat geschrieben:Moin!
nicole.b hat geschrieben:Die verfassungsrechtliche Anerkennung einer Geschlechtsidentität, losgelöst vom biologischen Geschlecht, öffnet völlig neue Wege!
Damit ist die benannte Geschlechtsidentität nichts weiter als Schall und Rauch. Gebunden an nichts, nach Belieben wechselbar, somit ohne jegliche Aussage. Heute "m", morgen "w", in drei Jahren wieder "m". Da muß man dann doch wieder nach dem biologischen Ursprung fragen, was dann aber ein Rückschritt wäre.

LG
Claudia
Den Zusammenhang müsstest Du mir allerdings nochmal erklären - vielleicht ist er ja in der Tat da, aber ich sehe ihn einfach nicht.

Soweit ich die Diskussionen bisher verstanden habe ist doch Idee dahinter, dass die Pathologisierung der Betroffenen aufhört. Stand heute ist man in fast allen Ländern gezwungen, sich eine psychische Störung (F64.0) attestieren zu lassen, um offiziell anerkannt zu bekommen, was das Individuum in der Regel bereits am besten weiß: Seine höchst eigene und persönliche Geschlechtsidentität. In aller Regel hat der Staat damit recht wenig zu tun und Justizia soll bekanntlich blind sein. Also warum braucht der Staat dafür eine pathologisierende Begutachtung? Er sollte sie nicht brauchen und seinen Bürgern vertrauen.

Das "heute M morgen W", ja, das könnte vielleicht passieren. Aber warum um alles in der Welt sollte ein Mensch soetwas auf sich nehmen? Nur aus Spaß? Eher unwahrscheinlich. Auch heute schon könnte man sich Dutzende Gründe ausdenken, warum man ständig seine Adresse ändern wollte. Das wäre dann auch von Amts wegen völlig ohne Probleme möglich. Aber trotzdem macht es kaum jemand. Warum also für ein Problem, dass nachgewiesenermaßen besteht und dessen Missbrauchspotential zwar vorhanden, aber gering ist, dann unnötige Hürden aufbauen, die einzig nur jenen schaden, die man dadurch eigentlich schützen will?

Für das konkrete Beispiel Malta haben die NGOs eine Sperrfrist von sechs Monaten vorgeschlagen - also frühestens nach sechs Monaten darf es nochmal geändert werden. Ein weiterer Vorschlag war, dass beim Dritten Antrag dann doch eine psychologische Beratung verpflichtend wird - denn dann stimmt offenbar etwas mit der Person nicht.

Also ich persönlich halte das alles für sehr vernünftig.
Praktisch überall auf der Welt werden gerade ähnliche Ansätze diskutiert und in einigen Ländern wurden sie bereits umgesetzt. Argentinien und Dänemark sind da wohl vorne mit dabei, Malta nun auch. In Schweden läuft wohl gerade ein Verfahren vor deren Verwaltungsgericht, genau diese Frage zu entscheiden. Argumentiert wird hierbei von Seiten der Trans* NGOs unter anderem mit der "European Declaration of Human Rights". Denn schlussendlich läuft es auf genau diese Frage hinaus - ist es nicht ein Grund- und Menschenrecht, dass jede(r) frei nach ihrem (Geschlechts-)Empfinden leben kann und auch so entsprechend staatlich anerkannt wird? Heute ist es nicht so, denn man muss sich für etwas, was eine immanente Eigenschaft des Individuums ist, testen und für krank erklären lassen. Das ist nicht sehr frei - und dadurch eben potentiell ein Verstoß gegen eben jene Menschenrechte, die mal mindestens jeder EU Staat zu achten und zu schützen hat.

Den einzigen kritischen Punkt dieser Wahlfreiheit könnte man in der Tat darin sehen, dass unter Umständen diese Wahl aus falschen Motiven getroffen wird, nur um sich gewissen Vorteile zu verschaffen. Doch da weiß ich spontan nicht, welche geschlechtsspezifischen gesetzlichen Regelungen es überhaupt noch gibt und welche davon ggf. zum Vor- oder Nachteil werden könnten.

Also was den rechtlichen Teil anbelangt, so bin ich doch zunehmend der Meinung, dass die einzig sinnvolle Lösung dieses Problems eine weitgehende Liberalisierung sein kann. Alles andere löst vielleicht ein Problem, schafft aber dafür viele neue. Und wenn wir schon dabei sind F und M zur Wahl zu stellen, dann sollte gleich noch ein N oder X eingeführt werden für all jene, die zwischen den Stühlen stehen und sich gar nicht in dem rein binären Geschlechtermodell einordnen können - auch solche gibt es anerkanntermaßen.

Liebe Grüße
nicole

Re: Malta: Geschlechtsidentität ist jetzt Verfassungsbestand

Verfasst: Di 15. Apr 2014, 19:06
von Lina
Nicole B,

ich wüsste echt nicht auf welchen Punkten Dänemark "vorn" wäre - oder es kommt doch völlig darauf an, ob der aktuelle Gesetzesentwurf wirklich beschlossen wird. Das wäre ein Fortschritt. In der allgemeinen Debatte darüber hört man aber Sachen, die wirklich wie aus dem Mittelalter sind.

Die gesetzliche Grundlage in Dänemark für die GAOP ist weitestgehend das Kastrationsgesetz aus den 1930ern - ein Gesetz, das ursprünglich den Zweck hatte, Vergewaltiger kastrieren zu dürfen und mitunger auch Homosexuelle zu "kurieren".

Das Geschlecht rein juristisch ändern zu lassen ohne GAOP gibt es beispielsweise schon seit 2004 in Spanien. Die gleichgeschlechtliche Ehe gibt es beispielsweise auch in Spanien seit vielen Jahren - in Dänemark nicht. Dänemark ist nicht fortschittlich. Dänemark hat eine der größten rechtsextremen Wählerschaften in der EU und die vorigen Regierungen haben kaum regieren können ohne ihrer Unterstützung. Das sieht zwar mit der jetztigen Regierung anders aus, aber das Prädikat "fortschrittlich" sehe ich da noch lange nicht als zutreffend.

Re: Malta: Geschlechtsidentität ist jetzt Verfassungsbestand

Verfasst: Di 15. Apr 2014, 19:21
von Anne-Mette
Moin,
Namen sind schon mehr als nur Schall und Rauch, aber da bin ich wohl allein. Wobei mir allerdings auch auffällt, daß die Befürwortung solcher Aktionen immer von einem recht fest definierten Kreis hier kommt und alle anderen nichts sagen. Das kann man m.E. nicht als Zustimmung betrachten, sondern eher als Gleichgültigkeit. Solange kein Gegenwind kommt, ist es auch leicht Fehlerhaftes gut zu finden.
Ja, ich gehöre zu diesem "definierten Kreis".
Ich bin auch der Meinung, dass man nicht unbedingt die selbe Leidensgeschichte haben muss, um so anerkannt zu werden, wie man ist und sein möchte.
Ich habe lange den Fehler gemacht, solchen Forderungen hinterherzulaufen.
Für manche Menschen ist man nur eine "richtige Frau", wenn man einiges an "Frauenleiden" selbst erlebt hat: schmerzhafte Menstruationen, schwierige Geburten, "Frauenkrankheiten"...
Aber es gibt genau so "gute" und "richtige" Frauen, die so etwas nicht erlebt haben oder auch nicht erleben.

Ebenso wenig mag ich mir sagen lassen, ich wäre nicht "richtig", weil ich nicht zum Psycho gehe, keine OP vornehmen lassen möchte...
Ich erlebe immer wieder in Gruppen (von Angesicht zu Angesicht) und in Einzelgesprächen, dass Menschen eingeteilt werden in "gute" und "weniger gute" Trans*/Frauen/Männer. "Wenn Dein Leidensdruck nicht so groß ist, dass Du Dich operieren lässt, dann bist Du auch nicht richtig...
Schnell wird man dann in die vermeintlich passenden Schubladen gesteckt.

Aber worin besteht nun die Königsdisziplin?
... und was ist der Fehler, wenn es darum geht, in erster Linie eine Änderung des Personenstandes und des Namens zu erleichtern?
Es wurde die Gefahr genannt, dass es SpinnerInnen geben könnte, die alle paar Monate/Jahre das eingetragene Geschlecht und den Namen wechseln wollen.
Aber ist die Gefahr wirklich so groß? Allein das Ändern der ganzen Papiere ist mit viel Aufwand verbunden. Ich glaube kaum, dass das jemand "aus Spaß" macht.
Wenn es für diejenigen eine erleichtertes Verahren gibt, die es so haben wollen, macht es den anderen Menschen nichts kaputt.
Dein "Frausein" wird nicht weniger wert, wenn ich mich in einem einfachen Verfahren offiziell als ANNE-METTE eintragen lassen könnte und wenn ich nicht Frau oder Mann eingetragen bekomme, sondern "anders", "Mann&Frau"... oder was auch immer.

Ich verstehe die Ängste nicht so ganz.
Die erscheinen mir so ähnlich wie die Ängste der Rentnerin mit kleiner Rente, die sich fürchtet, wenn "die Linken" die höheren Einkommen höher besteuern wollen, "dann nehmen sie mir mein Geld".

Auch bei Menschen, die eine GAOP hinter sich haben - mit allen Begleiterscheinungen und unter Erfüllung aller Voraussetzungen nach heute gültigen gesetzlichen Regelungen, ist es nicht vollkommen sicher, dass sie sich fest im "Wunschgeschlecht" einleben, sondern noch einmal "wechseln".

Gruß
Anne-Mette

Re: Malta: Geschlechtsidentität ist jetzt Verfassungsbestand

Verfasst: Di 15. Apr 2014, 19:47
von Marielle
Guten Abend zusammen,

"immer von einem recht fest definierten Kreis hier kommt .....

Wenn du mich, als Teil des Kreises, zu dem ich mich selbst freiwillig hinzuzähle, schon ansprichst, will ich gern was dazu schreiben.

Die wesentlichen Fragen in dem ganzen Komplex sind für mich: Wozu braucht man eine Geschlechtszuordnung? Was bringt sie? Wem nutzt sie? Wem schadet sie?

Es wurde vor einiger Zeit hier schon anhand eines Textes aus den Niederlanden diskutiert, ob man die Geschlechtszuweisung und den entsprechenden Eintrag in amtlichen Registern um "N" oder "X" erweitern oder gleich ganz aufgeben kann.

Wenn ich mich richtig an die Debatte erinnere, wurde kein einziges stichhaltiges Argument für den öffentlichen Nutzen einer Geschlechtszuweisung gebracht. Für Behörden aller Art, Vereine und sonstige "registerführende Stellen" ist es vollkommen egal, wer sich welchem Geschlecht zugehörig fühlt oder welches den jeweiligen Personen zugewiesen wurde. Das haben die Niederländer in dem angesprochenen Text auch exakt herausgearbeitet.

Was als Argument nicht abzuweisen ist, ist der Wunsch einer "behördlichen Anerkennung" des "richtigen" Geschlechts von Menschen, die sich in dem ihnen ursprünglich zugewiesenen Geschlecht nicht wiederfanden. Ok. Dem steht aber der Wunsch einer anderen Gruppe gegenüber, die eben keine Kategorisierung in "W" oder "M" als für sich passend ansieht.

Sage niemand, es gäbe solche Leute nicht. Wenn es sie nicht gäbe, hätte niemand diesen Beitrag geschrieben. Obwohl ich die Bestrebungen für das "X" prinzipiell befürworte, finde ich den Ansatz nicht gelungen. Er führt, vielleicht um den oben genannten Wunsch einiger zu bedienen, zur Festschreibung einer, aus gesellschaftlicher Sicht, unnötigen Kategorisierung. Ich möchte für mich jedenfalls kein "X", dass nur zwischen "W" und "M" steht, und daher das eigentliche Problem der Kategorisierung nicht aufhebt, sondern nur um eine "Sortierkiste" erweitert.

Um es mal am Beispiel des IS-Gesetzes festzumachen: Glaubt jemand, dass das jetzt mögliche "X" Eltern und Ärzte davon abhalten wird, eine Zuordnung nach "W" oder "M" nicht doch hartnäckig anzustreben? Ich glaube das nicht. Ich glaube zwar auch nicht, dass der "Operationsdruck" kurzfristig nachlassen würde, aber langfristig würde sich der gänzliche Verzicht auf Geschlechtszuordnungen m.E. günstiger auswirken als das "X".

In Anlehnung an eine andere, hier kürzlich geführte Debatte, könnte man noch eine Frage stellen: Wollen wir es uns wirklich antun, ein behördliches Register zu führen, in dem "X" als Sele.... ok, als Unterscheidungs-merkmal, festgeschrieben wird? Ich kann sehr wohl zwischen Geschlechtsidentität, sexueller Orientierung und Zeugungsfähigkeit unterscheiden, aber man stelle sich bitte mal vor, es käme jemand auf die Idee "Schwul" oder "Impotent" in ein behördliches Register einzutragen ........ (hier kann jede ihre eigene Assoziation eintragen).

Für mich sieht das Ganze in Summe so aus: Kein gesellschaftlicher Nutzen steht zwei gegensätzlichen Individual-Wünschen gegenüber, von denen erstmal keiner überwiegt. Wenn man dann aber anerkennt, dass es eine nennenswerte Zahl von Menschen gibt, denen es ohne eine Zuordnung in Zukunft besser gehen kann als heute oder mit "X" ... dann weg mit "W", "M" und "X".


Die grobe Richtung stimmt jedenfalls schon mal :)

Habt es gut

Marielle

Re: Malta: Geschlechtsidentität ist jetzt Verfassungsbestand

Verfasst: Di 15. Apr 2014, 20:49
von nicole.f
Hallo Lina!
Lina hat geschrieben:Nicole B,

ich wüsste echt nicht auf welchen Punkten Dänemark "vorn" wäre - oder es kommt doch völlig darauf an, ob der aktuelle Gesetzesentwurf wirklich beschlossen wird. Das wäre ein Fortschritt. In der allgemeinen Debatte darüber hört man aber Sachen, die wirklich wie aus dem Mittelalter sind.

Die gesetzliche Grundlage in Dänemark für die GAOP ist weitestgehend das Kastrationsgesetz aus den 1930ern - ein Gesetz, das ursprünglich den Zweck hatte, Vergewaltiger kastrieren zu dürfen und mitunger auch Homosexuelle zu "kurieren".

Das Geschlecht rein juristisch ändern zu lassen ohne GAOP gibt es beispielsweise schon seit 2004 in Spanien. Die gleichgeschlechtliche Ehe gibt es beispielsweise auch in Spanien seit vielen Jahren - in Dänemark nicht. Dänemark ist nicht fortschittlich. Dänemark hat eine der größten rechtsextremen Wählerschaften in der EU und die vorigen Regierungen haben kaum regieren können ohne ihrer Unterstützung. Das sieht zwar mit der jetztigen Regierung anders aus, aber das Prädikat "fortschrittlich" sehe ich da noch lange nicht als zutreffend.
Danke für die Hinweise - wenn man nicht alles selbst nachprüft...
Die Erwähnung Dänemarks habe ich, ich muss es gestehen, nur aus dem Kontext der Presse-Eklärung von TGEU übernommen. Wsa genau in Dänemark kürzlich beschlossen wurde oder gerade in Arbeit ist, weiß ich nicht - noch nicht. Auf Grund Deiner Hinweise werde ich dem aber nun mal nachgehen, danke! Wenn ich da etwas herausfinde, werde ich es hier gerne posten.

Liebe Grüße
nicole

Re: Malta: Geschlechtsidentität ist jetzt Verfassungsbestand

Verfasst: Mi 16. Apr 2014, 12:11
von Lina
Bitte.

Eine Frage die mr gestern einfiel:

Wie heißt das Bullerby-Syndrom wenn es sich auf Dänemark bezieht? Meinetwegen kann es da auch Bullerby-Syndrom heißen, wenn es keinen besseren Vorschlag gibt.

Re: Malta: Geschlechtsidentität ist jetzt Verfassungsbestand

Verfasst: Mi 16. Apr 2014, 12:25
von Vivian Cologne
Tja, die Beschaulichkeit, die die Deutschen mit den nordischen Ländern immer verbinden, hat natürlich ihre Grenzen. Und außerdem ist jedes Land anders gestrickt.

Ich würde Schweden und vor allem Norwegen für viel fortschrittlicher halten als Dänemark, aber ich lasse mich von den Kennerinnen hier im Forum gerne eines Besseren belehren.

Neu war mir auch, dass Dänen und Norweger andere Namen für das schwedische Bullerbyn kennen, nämlich Bulderby und Bakkebygrenda ...

Vivian, die gerade sehnsüchtig an Fjorde und Fjell denkt

Re: Malta: Geschlechtsidentität ist jetzt Verfassungsbestand

Verfasst: Mi 16. Apr 2014, 12:44
von Anne-Mette
Moin,

Vorurteile sind auf beiden Seiten vorhanden - im positiven wie im negativen Sinne.
Auch Deutschland wird von manchen Menschen in unseren Nachbarländern (selbst von einigen, die sich politisch und in der "Trans*-Szene engagieren) als "Vorbild" gesehen, weil es bei uns "ein drittes Geschlecht" gäbe.
Da kann man mal sehen, wie Fehlinterpretationen (ich denke, es ging um die Änderungen im Personenstandsrecht, d.h. dass neugeborene Intersexuelle nicht mehr als männlich oder weiblich eingetragen werden) zu einer ganz anderen Sichtweise werden.

Gerade in Berzug auf Dänemark sollten wir uns von einem "Bullerby-Image" verabschieden.
Dafür gibt's ja Bullerbü-Filme im Internet :mrgreen:
... was haben wir die gerne geguckt früher...

Gruß
Anne-Mette

Re: Malta: Geschlechtsidentität ist jetzt Verfassungsbestand

Verfasst: Mi 16. Apr 2014, 15:28
von ab08
Hallo, eine allgemeine Zwischenbemerkung --> Ich betone ausdrücklich, dass ich hier niemand persönlich ansprechen oder gar kritisieren will!
Vielleicht verlange ich zu viel und mein Wunsch ist unverschämt, dann bitte ich herzlich um Entschuldigung. Aber genau das ist mein Traum:
Diskussionen, wo das entweder - oder ausgiebig zur Sprache kommt, und alle Beteiligten dennoch friedlich & freundschaftlich auseinandergehen, wären doch schön. :oops:

Wohlgemerkt mir persönlich genügt es völlig, Standpunkte zu kennen. Ein Konsens ist mir nicht wichtig, eher überflüssig, denn ich lass mir ohnehin von niemand eine Meinung aufzwingen.
Ich erlaube mir, meine eigene Meinung zu haben, die ich bei Bedarf äußere, oder, wenn es mir sinnvoller erscheint, für mich behalte.
(Bei schwierigen, sehr egozentrischen Menschen reagiere ich lieber freundlich und sag gar nix zum Thema.)

Warum werden also nicht einfach eigene Standpunkte vertreten, ohne dass persönliche Kritik an anderen erfolgt? :roll:
"Diskussionskultur" bedeutet, dass Leserinnen und Leser verschiedene Positionen erfahren, um sich eine eigenständige Meinung bilden zu können.
- Bezüge auf die eigene Person sind dabei sicher sinnvoll und durchaus zu begrüßen.
- Kritische Anmerkungen zu anderen Personen sind aber kontraproduktiv, tragen also wenig bzw. nix zur Sache bei.
Klartext: Persönlich werden, Angriffe und allgemeines Rumstreiten bringt doch inhaltlich gar nix!
Es ist doch wichtig, dass mehrere Positionen klar dargestellt und verglichen werden können.

Nix für ungut und ganz liebe Grüße
ab

Re: Malta: Geschlechtsidentität ist jetzt Verfassungsbestand

Verfasst: Mi 16. Apr 2014, 20:28
von Lina
Da dies aber ein Thread ist, wo der Ausgangspunkt die maltesische Verfassungsänderung ist, möchte ich zurück zum Thema kommen und ein Update zum Joanne Cassar Fall geben.

Ich zitiere in Kurzform ein Artikel aus Times of Malt vom 020413

http://www.timesofmalta.com/articles/vi ... ase.463915

Die maltesische Regierung, die sonst bislang auf ihren Standpunkt festgehalten hatte, wurde vom European Court of Human Rights aufgefordert, eine Einigung mit Joanne Cassar zu finden. Ein "Amtsgericht" (sinngemäß) hatte Frau Cassar das Recht einen Mann zu heiraten zugesprochen. Der Staat ging jedoch in Berufung und das höchste maltesische Gericht kam zu einem gegenteiligen Urteil. Joanne Cassar ging zum ECHR, während der Fall in Arbeit war, trennte sie sich von ihrem Freund und dann letztes Jahr, kurz nach den nationalen Wahlen kam es zu einer Einigung mit der neuen Labour Regierung mit Parteichef, Joseph Muscat an der Spitze.

Das Thema "Transsexualität" ziemlich lebhaft in Talkshows und auch auf den Wahlveranstaltungen diskutiert worden, beispielsweise Ende Februar letztes Jahr in Mellieha, wo ich reingeschupperte - nicht, dass ich überall verstehe, was sie besprechen, denn nicht alles läuft auf English ab - die haben auch ihre eigene Sprache - aber mehr als die Hälfte der maltesischen Sprache besteht aus ursprünglich englischen oder italienischen Wörtern. In etwa worum es geht ist also recht einfach festzustellen.

Scheinbar ist Labour alles andere als anti-LGBT - aber nach meiner Meinung ist ein wesentlicher Motivator der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte gewesen. Dieser gehört unter dem Europarat und ein Urteil seinerseits ist für niemand juristisch bindend. Es haben lediglich die Mitgliedsländer sich freiwillig verpflichtet Urteile vom ECHR zu respektieren. Nichteinhaltung kann theoretisch zum Ausschluss des Mitgliedslandes führen - muss aber nicht, wie wir ja vor kurzem im Fall Ukraine/Timoschenko erlebt haben.

Der ist also keineswegs mit dem Europäischen Gerichtshof, der eine EU Institution ist, zu vergleichen. Urteile vom Europäischen Gerichtshof sind für die Mitgliedsländer der EU juristisch bindend, und bei nicht-Einhaltung können Sanktionen eingeleitet werden, beispielsweise Kürzung von Subwentionen.

Re: Malta: Geschlechtsidentität ist jetzt Verfassungsbestand

Verfasst: Mi 16. Apr 2014, 22:05
von Inga
Hallo, miteinander,

ich gehöre auch zu dem Kreis der "stillen Leute" hier, die sich nicht jedesmal lautstark zu wort meöden, wenn in einem anderem Beiztrag schon geschrieben wurde, wo ich zustimmen kann.

Ich meinerseits sehe mich seelisch zunehmend zwischen den beiden amtlich vorgegebenen Extremen. Das mag sich nicht so sehr an den körperlichen Merkalen abzeichnen. Doch darauf kommt es mir gar nicht an. Ich kann Operationen vornehmen, ich kann Tabletten schlucken und mir die Barthaare weglasern lassen. Eine richtige Frau werde ich biologisch doch nicht. Ich näher mich dem körperlich nur an. Doch dass ich seelisch weibliche Seiten in mir spüre und das Gefühl habe, sie viel zu lange unterdrückt oder versteckt zu haben, ja, das weiß ich. Da fühle ich mich zunehmend ausgeschlossen, wenn ich irgendwo entscheiden soll, ob nun dies oder jenes. Ich mag mich nicht mehr nur für die vorgegebenen Extreme entscheiden. Ichg will einfach mit allem offen leben, was in mir ist. Darum: Lasst das Geschlecht doch einfach weg, wenn man nicht will.

Ja, das ist Freiheit, die ich beanspruche ohne den Umstand, ohne die Leiden, die andere vor mir durchstanden, die den mühsamen Kampf durchstanden, der die Mauern des allgemeinen Unverständnis langsam kleiner werden ließ und werden lässt. Doch lasst uns freuen, dass die Entwicklung weiter geht.

Ich fände es einfach toll, wenn amtlicherseits zunehmend darauf verzichtet werden könnte, das Geschlecht zu registrieren und in den Behördenpapieren aufzuführen.

Erst einmal eingeführt, werden Behördenregister ohne Geschlecht uns bald so selbstverständlich werden, so wie es für uns selbstverständlich ist, dass die Hautfarbe nicht registriert wird.

Ach ja, und sehen wir die angenehemen Seiten: Frauen, die keine eigenen Kinder haben, werden nicht mehr als Verräter des Fortbestands der Gesellschaft hin gestellt. Wäre doch super.

Liebe Grüße
Inga