Hallo Lea Michele,
auch ich kann mich gut in deine Gefühle hineinversetzen, da es bei mir ähnlich ist.
Wie Ulrike-Marisa bin ich schon ein älteres Semester, fühle mich aber mindestens zehn Jahre jünger,
und bin seit 3 Jahren zu Hause. Die Kinder waren endlich aus dem Haus und auch ich hatte nun Zeit
über mich nachzudenken. Obwohl ich mich auf die Ruhe ohne Arbeit gefreut hatte und ich mir noch dazu
einen lang ersehnten Wunsch erfüllt hatte, nämlich mir einen Hund zuzulegen, mit dem ich nun auf
Fotosafari ging, machte sich in mir eine Unruhe bemerkbar.
Ich war plötzlich unzufrieden mit mir. Meine Suche nach dem Grund führte mich erst einmal in die Irre
und löste eine schwere Ehekrise aus. Erst vor ungefähr einem Jahr wurde mir allmählich klar, was die
wirkliche Ursache war. Sie lag tief in mir verborgen und über Jahrzehnte verdrängt, kam nun mit aller Macht
an die Oberfläche meines Bewusstseins und verlangte gehört zu werden.
Es war meine starke, weibliche Seite, die nach außen drängte und die Erkenntnis es schon immer
irgendwie gewusst, aber nicht zugelassen zu haben, dass ich mich auch seit meiner Kindheit nicht
als richtiger Junge bzw. Mann gefühlt zu haben, d.h. ich konnte mich nie mit dem männlichen Geschlecht
identifizieren, obwohl ich als einer sozialisiert bin und versucht habe meine Rolle so gut wie möglich
zu spielen und die darin gestellten Aufgaben erfüllen. Manches ist mir gut gelungen in anderen habe ich wohl
keine so gute Figur abgegeben.
Die letzten Monate waren gefühlsmäßig eine Achterbahnfahrt. Meine weibliche Seite, habe ich nun festgestellt,
dominiert und hat das sagen, lässt sich auch nicht mehr unterdrücken.
Seitdem meine Frau von meiner seelischen Entwicklung weiß, hat sie sich damit auseinander gesetzt,
und nimmt mich so an wie ich bin. Sie unterstützt mich auch in meiner Entwicklung, worüber ich
sehr glücklich bin, sonst würde ich jetzt unsäglich leiden müssen.
Ich habe auch zur Zeit starke Gefühle, die mich oft in einen euphorischen Zustand versetzen, als würde ich
unter Drogen stehen, aber es gibt auch plötzliche sehr traurige Momente, wenn ich z.B. an die Vergangenheit denke,
in der so viel in mir unter Verschluss war.
Nun auch die Gegenwart ist nicht ohne Probleme. Es ist schön, dass ich nun zu Hause, auch wenn meine Frau da ist,
das Äußerliche meinem Gemütszustand anpassen und Frauenkleidung tragen kann. Irgendwann möchte ich
auch einmal en femme nach draußen gehen, wofür ich dann leider eine Perücke brauche und meine Oberweite
müsste wohl auch etwas Unterstützung haben.
Ich fühle mich zur Zeit sehr als Frau und mir fällt es zusehends schwerer mich als Mann zu präsentieren.
Ich würde es gern so richtig in die Welt hinausposaunen, wie es um mich gestellt ist.
Den Weg einer operativen Geschlechtsangleichung habe ich nicht geplant, weil ich das auf Grund meines Alters,
mit Mitte 60, zu schwierig erscheint, aber auch aus Rücksicht auf meine Frau.
Wir werden aber gemeinsam einen Weg suchen, auf dem ich meine so lang unterdrückte Seite leben kann,
damit wir beide glücklich dabei sein können.
Dir möchte ich raten deine Angst zu überwinden und über alles versuchen zu reden.
Nur Mut!
Liebe Grüße und alles Gute
Dita
