Ich entschuldige mich schon mal im vorraus, wieder den advocatus diaboli zu spielen und auf Krawall gebürstet zu sein.
Saskia.shewulf hat geschrieben:Sind wir den immer noch im Mittelalter .Wird uns irgendwann der hexenprozess gemacht oder was?
Hexenprozesse waren kein Phänomen des Mittelalters sondern der frühen Neuzeit - und wurden nicht von geistlichen sondern von weltlichen Kräften durchgeführt. Soviel zum Thema Mittelalter.
Es mag für euch unglaubwürdig klingen, aber diejenigen, die diese Änderungen im Bildungsplan fordern sind keine Nazis oder religiöse Spinner, sondern normale Leute. Wisst ihr was? Die überwiegende Mehrheit ist durchaus tolerant und auch bereit vieles zu akzeptieren. Aber was diese Menschen überhaupt nicht toll finden, dass immer mehr gefordert und kaum Respekt gezollt wird. Durch dieses immer mehr fordern werden nur diejenigen vergrault, die eigentlich tolerant wären.
Dazu möchte ich einen guten Freund von mir zitieren. Ich hatte mich vor ein paar Wochen bei ihm geoutet und er reagierte auf eine Weise, die ich nicht für möglich gehalten hatte: Er hatte mich sofort akzeptiert - und mich sogar mit meinem neuen Namen angesprochen. Es ist ein sehr toleranter und offener Mensch. Als wir uns über die Außenwahrnehmung der "Szene" unterhielten sagte ar folgendes:
Die, die wirklich einfach als Frau (respektive Mann) leben wollen, müssen das doch garnicht so übertrieben öffentlich zelebrieren und zur Schau stellen. DAS erzeugt in vielen "Normalos" nämlich die Antipathie, die es gibt. Aber das erstreckt sich auch auf LGB, politisch-ideologische- und extrem-religiöse Gruppen... Wenn ich einen Nachbarn hätte, der mir bei jeder Begegnung nur unter die Nase reibt, was er doch für ein tolles Auto fährt, wäre ich auch schnell genervt.
Darum geht es. Ich bin auch gegen diese Änderungen im Bildungsplan - nicht weil ich mit dem Wachturm an der Straßenecke stehen oder mit der Reichsflagge rumgröhlen würde, sondern weil es absolut nichts bringt. Weil es nicht nötig ist. Weil diese Forderung von einer Minderheit durchgedrückt wird, die die Gesellschaft auf eine Weise verändern will, die die normalen Menschen nicht wollen. Es besteht ein klaffender Unterschied zwischen soll und ist.
Und noch was: Es wird nicht besser wenn man die Protestierenden ständig in die rechte Ecke drängt. Denn die allermeisten sind keine Nazis. Aber durch das konsequente Ignorieren dieser Menschen steigt nur deren Unmut. Man kann Deutsche mit der Naziklatsche gut still halten - zunächst. Aber dieses Verdrängen wird katastrophal zurückschlagen. Habe ich nicht neulich gelesen, dass die Rechten in Europa immer mehr Zulauf haben? Das liegt nicht daran, dass die Wähler braue Gesinnungen haben - sondern weil ihnen niemand sonst zuhören will.
Die Proteste in Frankreich zum Beispiel zeigen, dass das nicht gewollt ist. Und es ist eben keine Minderheit, wie unsere gleichgeschalteten Medien gerne verlauten lassen.
Zuletzt ein Kommentar über die Rolle der Medien: In dieser Frage queer.de als Quelle zu benutzen ist genauso unvoreingenommen, wie die NPD zu Intergrationsthemen zurate zu ziehen. Das Foto mit der jungen Frau samt Schild soll als Beweis dienen. Also bitte, liebe Leute! Ein einziges Foto aus einer grßen Menschenmenge soll ein Beweis sein, dass alle über die unterstellte Geisteshaltung verfügen?
Seit diesen offenkundigen Lügen, die über die Ukraine-Krise verbreitet werden, bezweifele ich Medien, die sich auf "offizieller" Linie befinden sowieso. Insbesondere diese Gebetsmühlenartigen Beteuerungen, die AfD wäre irgendwo zwischen Republikanern und NPD anzusiedeln. Völlig aus der Luft gegriffen, wenn man die Faktenlage betrachtet. Die AfD ist übrigens mit sehr klugen Sloagans in den Wahlkampf gezogen: "Wenn aller einer Meinung sind, muss es eine zweite geben" oder "Für eine schweigende Mehrheit anstatt einer lauten Minderheit" (oder so ähnlich).
Ihr beschwert euch über Diskriminierung und mangelnde Toleranz. Ja, es gibt Defizite. Aber das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Homosexuelle über so viele Freiheiten wie noch nie zuvor in der Geschichte der Menschheit verfügen. Inwiefern wird deren freiheit beschnitten? Werden sie verfolgt, geschlagen, ermordet? Bitte behauptet nicht, wir hätten afrikanische Verhältnisse bei uns. Es gibt Defizite, aber den kann nur durch eine Idee entgegengewirkt werden. Nicht in dem man eine Minderheit überrepresentiert oder dieses Thema auswalzt und Menschen zwingt sich damit auseinanderzusetzen, die nicht damit zutun haben wollen.
Nur ein Gedanke hilft, und der findet sich im Grundgesetz ganz vorne: "Die Würde des Menschen ist unantastbar" (und bevor ihr fragt, natürlich ünterstütze ich nicht diese behauptung der jungen Dame vom Foto - als ob wir wissen was Gott gut findet oder nicht)
Das muss man den Kindern beibringen. Nicht dass homosexuelle Beziehungen identisch mit heterosexuellen sind - denn das sind sie nicht. Toleranz entsteht nur durch Respekt - und zwar gegenseitigen Respekt. Auch Respekt und vor allem Demut vor der Mehrheit.
Zuletzt möchte ich euch erzählen wie bei mir auf dem Gymnasium das Thema behandelt wurde. Es war im - ganz recht - katholischen Religionsunterricht. Nur eine Seite im - jawohl - katholischen Religionsbuch. Aber von Kritik oder Abwertung keine Spur (auch schwer vorstellbar bei unserem Schulsystem) und der Pfarrer hat die "Situation" auch gut bewältigt. Trotzdem haben (besonders die Jungs) sich darüber ausgelassen, und ich fand es (ganz ehrlich gesprochen) abstoßend. Ich bin überzeugt davon, dass homophobie tief im Menschen verankert ist. Es wird einem nicht "beigebracht". Deshalb ist es sinnlos, die "Dosis" zu erhöhen: Das führt nur zu noch mehr ablehnung. Das liegt vor allem an dem Alter in dem das Thema behandelt wird, in der Zeit sind Jugendlich besonders empfindlich in dem Punkt. Früher - zu früh, sie würden es nicht verstehen und welche Eltern würden das ihren Kinden zumuten wollen? Später - zu spät, Meinungen können dann schon gefestigt sein, oder man hat sie durch Nachdenken schon revidiert.
Werden denn nur homosexuelle Jugendliche ausgegrenzt? Alle, die anders sind werden ausgegrenzt: Die Streber, die Dicken, die Metaller, die Goths, die Emos, die Liste ließe sich beliebig lang fortsetzen. Das sozusagen universelle Mittel ist, den Kindern eben Art. 1 GG einzutrichtern. Nicht auf eine einzelne Minderheit bezogen, sondern allgemein. Aber das braucht Zeit.