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Der Wunsch TS zu verstehen

Verfasst: Mi 27. Nov 2013, 22:37
von nickimicki
Hallo Vollzeit- Teilzeit- Stuben und Outdoor Mädels.
Ich möchte einfach mal neugierig sein und ein neues Thema eröffnen.
Durch das Forum bekommt man eine Menge mit, was Menschen so bewegt und
welche Sorgen, Nöte und Bedürfnisse es gibt.
Neulich unterhielt ich mich mit meinem Schatz über dies und das und da kamen auf einmal
Fragen auf, auf die wir einfach keine Antwort finden konnten, die uns aber sehr beschäftigten.

Bevor jemand diesen Thread falsch versteht, möchte ich klarstellen,
dass ich niemanden beurteilen, kritisieren oder sonstwie zu nahe treten möchte.
Da müsste ich mir ja selbst an die Nase fassen.
Es geht einfach nur um Neugierde.

Also erst mal zu mir, um darzustellen, wo ich stehe.

Ich sehe mich als Crossdresser.
Eine sexuelle Komponente ist hierbei nur gegenwärtig,
wenn das Crossdressing als Teil des Sexrituals stattfindet,
also wenn es vorher so beabsichtigt war.

Ansonsten sehe ich Crossdressing als sinnliches Abenteuer.
Das sich verwandeln und der Versuch es so gut es geht hinzubekommen,
ist hierbei ein besonderer Reiz.
Und man kann sich dann einfach ganz anders geben, als man sonst ist.
Eine andere Seite von sich heraus lassen. Das ist Stressabbau total.

Ich würde nicht das Tragen von Strumpfhosen damit begründen,
dass sie warm und praktisch sind, weil das in der Regel einfach nicht so ist.
Sie sind feiner, es gibt viele Farben, Muster und Stärken usw. Es ist der Reiz des Besonderen.
Ja und wenn man due Muße hat in sich zu gehen, fühlen sie sich auch klasse an.

Mein Bedürfnis mich zu verwandeln zwar oft latent vorhanden, doch aus praktischen, bequemen und Zeitgründen,
verzichte ich darauf, ohne es zu bedauern.
Also zum Feierabend lieber in Shorts oder Jogger auf der Couch als sich erst so zurecht zu machen,
als würde man ausgehen wollen.
Für mich bedeutet en femme sein, nicht, in etwas bequemes zu schlüpfen.
Aber genau dieses unbequeme, hat dann beim en femme sein auch seinen Reiz,
denn dann ist die Kleidung allgegenwärtig, weil sie Haltung, Bewegung ständig verändert.

So und nun auf den Punkt:

Wenn ich versuche mich in jemanden zu versetzen, der TS ist, interessiert mich einfach mal,
wie genau festgelegt wird, das jemand TS ist und nicht einfach nur einen nennen wir es mal Tick hat.
Also worin er sich wirklich von so jemandem wie mir unterscheidet, ausser dem Leidensdruck der dahinter steckt.

Also da ist jemand, der von sich sagt, daß er in einem falschen Körper lebt.
Er wurde geboren als körperlich kerngesunder Mensch, mit definiertem Geschlecht,
sowohl anatomisch, als auch im Chromosomensatz. Biologisch ist alles perfekt,
doch emotional oder in der Selbstwahrnehmung ist etwas anders.
TS findet also augenscheinlich im Kopf statt.

Wenn jemand magersüchtig ist, dann leidet er auch an einer Störung der Selbstwahrnehmung.
Er findet sich zu dick, egal was Logik, Verstand und der Spiegel, sowie die Mitmenschen behaupten.
Und er steht ebenfalls unter einem gewaltigen Leidensdruck.

Doch einem Magersüchtigen versucht man zu helfen, nicht indem man seine Einstellung fördert,
sondern indem man versucht diese Störung zu therapieren und letztlich zu beheben.

Ok. Ein Magersüchtiger bringt sich durch sein Fehlverhalten in Lebensgefahr, und dagegen muss man etwas tun.
Ein TS schadet seinem Leben und seiner Gesundheit in der Regel nicht.

Aber ist dies der einzige Grund, warum man versucht einen Magersüchtigen von seiner Störung abzubringen
und einen TS in seiner Wahrnehmung zu stärken und am Ende sogar eine sehr schwierige, risikoreiche
und entgültige Op zu bewilligen und sogar auch durchzuführen?
Wenn man bedenkt, dass in den Genitalien sehr viele und empfindliche Nerven verlaufen,
wäre es doch eine Katastrophe, da etwas zu verletzen.

Es gibt hier viele, die TS sind und sich auf eine solche OP vorbereiten,
also den Weg bis zum Ende gehen. Davor habe ich großen Respekt,
doch wirf es bei mir eben auch viele Fragen auf.

Gibt es auch TS, bei denen es nicht funktioniert hat?
Bei denen die OP sogar schief gegangen ist?
Die nach der OP irgendwann festgestellt haben, daß sich die Erwartungen nicht erfüllt haben?
Die nach der OP sogar ihre Entscheidung bereut haben und lieber wieder zurück wollen würden.

Man liest und hört immer nur die positiven Dinge.
Ist es wirklich so, oder werden die "Bad News" einfach nie kommuniziert?

Ich würde gerne alles verstehen lernen, was an Bandbreite vorhanden ist.
Alle Argumente aufsaugen und darüber nachdenken.
Vielleicht geht es auch anderen so und sie trauen sich nicht zu fragen.


Haut in die Tasten und lasst mich nicht dumm sterben.

Re: Der Wunsch TS zu verstehen

Verfasst: Do 28. Nov 2013, 01:11
von nicole.f
Das ist aber Pandoras Büchse, die Du da aufmachst :)

Naja, ich versuche mich mal an ein paar Deiner Thesen (und werde vermutlich auch direkt dafür geschlagen - hallo Claudia!) - aber das ist nunmal auch sehr individuell.

Zunächst einmal zum TS Gefühl selbst. Das ist eher nicht mit pathologischen anderen Störungen wie Magersucht oder Ähnlichem zu vergleichen. Mittlerweile sind sich alle ärztlichen Fachrichtungen eigentlich fast sicher, dass TS keine plötzlich auftretende Störung eines normalen Zustandes ist. Der Gesamtzustand dieser Personen ist von Geburt an unstimmig - schon alleine der Begriff "Störung" scheint nicht anwendbar, denn es ist im Prinzip alles in Ordnung. Personen die TS sind haben eine gesunde und völlig normale Geschlechtsidentität und einen, meistens, ganz normalen und gesunden Körper. Nur passen beide leider nicht zueinander. Dies ist keine Störung der Selbstwahrnehmung sondern in der Regel eher die korrekte Selbstwahrnehmung, die nur durch den Widerspruch mit dem Körper als störend wahrgenommen wird. Der Begriff der "Geschlechtsidentitätsstörung" rührt nur aus der pathologischen Beschreibung wie dem International Catalog of Deseases (ICD) und der Klassifikation von Krankheitsbildern her - dies ist das berühmte F64.0. Dies wird von Betroffenen oft als diffamierend oder beleidigend empfunden, denn sie sind nicht krank im klassischen Sinne. Aber die Diskrepanz zwischen gefühlter Geschlechtszugehörigkeit und biologischem Körper sorgt für eine ärztliche Behandlungsbedürftigkeit: Psycho-Therapie zur Bewältigung und Unterstützung für den Alltag sowie Maßnahmen wie gegengeschlechtliche Hormone, bei MzF Epilation und schlussendlich, wenn gewünscht, chirurgische Angleichung der Genitalien und/oder bei FzM Amputation der Brüste. Läge die Behandlungsbedürftigkeit nicht vor, dann wären die Krankenkassen auch nicht zur Leistung verpflichtet.

Also nein - sofern es sich wirklich um TS handelt, so ist dies weder krankhaft noch als solches selbst therapierbar. Aktuell geht man davon aus, dass es sich dabei um eine angeborene Veranlagung handelt und entweder durch hormonelle Einflüsse während der Schwangerschaft und / oder durch genetische Varianzen ausgelöst wird. Doch wirklich belegt ist weder das eine noch das andere, weshalb es auch keinen aussagekräftigen Test für TS gibt. Es ist eine Sache der eigenen Empfindung und Selbstwahrnehmung, was dann auch die Sache so schwierig macht.

Und wie Du es schon angedeutet hast, TS ist kein rosa Pony Hof. Viele TS sind schon lange bevor sie sich selbst richtig erkennen tief unglücklich, wissen nur noch nicht warum. Sie haben Probleme im Alltag mit sozialen Kontakten oder in Beziehungen. Kommen sie langsam zu der Erkenntnis, dass Körper und Geist/Seele nicht zusammenpassen, fallen viele in ein riesiges depressives Loch. Das ganze Leben erscheint sinnlos und ein Ausweg ist nicht in Sicht. Nicht wenige werden in dieser Situation patholgisch depressiv oder haben sehr ernsthafte Suizidgedanken. Der erste Schritt zu einer Selbsthilfegruppe oder einen Psychologen ist schwer, vor allem je älter die Betroffenen sind. Über etwas derart intimes und dann auch so scheinbar verrücktes mit einem potentiell fremden zu sprechen, kostet viel Überwindung und Kraft.

Ist es halbwegs sicher, dass es sich um Transsexualität handelt, sind die nächsten Schritte kein Stück leichter. Irgendwann müssen nahestehende Personen eingeweiht werden - die lange Zeit des Outings beginnt. Zunächst vermutlich die Partnerin oder dem Partner. Nur ca. 15% der Beziehungen überleben mittelfristig die Transsexualität eines Partners. Dann vielleicht gegenüber Freunden. Auch hier trennt sich oft und schnell Spreu von Weizen, die echten Freunde von den "nur Bekannten". Nicht alle verkraften soetwas gleich gut, vor allem je nachdem, wielange sie die Person vorher schon kannten. Am Arbeitsplatz kann es auch leicht kritisch werden, je nach Branche und natürlich je nachdem, welche Kollegen man hat. Mobbing ist aber nicht ungewöhnlich und der überwiegende Teil der TS verliert irgendwann, meist noch während der Transition, den alten Arbeitsplatz. Viele haben es danach schwer, wieder einen Arbeitsplatz entsprechend ihrer Qualifikation oder überhaupt einen zu finden.

Für FzM ist dies noch etwas einfacher, für frühe MzF geht es meist auch noch halbwegs gut, da sie gerade ihr Berufsleben erst beginnen. Aber für Typ-2 TS im typischen Alter zwischen 35 und 45 wird es in der Regel hart, vor allem weil MzF in diesem Alter noch lange oder sogar für immer als MzF TS erkennbar bleiben werden. Für FzM ist es etwas einfacher, da sie in der Regel schnell ein gutes Passing erreichen. Und dann sind da noch Eltern und Familie (Geschwister etc.). Viele Familien zerbrechen daran, wenn Eltern oder andere Familienangehörige damit gar nicht klar kommen. Nicht wenige TS verlieren praktisch jeglichen Kontakt zu ihren Eltern oder sogar der ganzen Familie - sehr traurig.

Doch für Betroffene ist dies in der Regel ein Preis, den sie zwar nicht gerne, aber bereit sind zu zahlen - denn ein Leben mit dem Widerspruch zwischen Geschlechtsidentität und der Realität, sei es körperlich als auch gesellschaftlich, ist für sie noch unerträglicher.

Die Körperlichkeit ist dabei so eine Sache und wird auch unterschiedlich empfunden. Für einige muss alles körperlich stimmen. Für andere sind es nur Teilaspekte, die angeglichen werden müssen. Und es gibt auch einige, die dann zwar formal dem anderen Geschlecht angehören, also Vornamen und Personenstand geändert haben, aber keine weiteren Massnahmen wie Hormone oder chirurgische Eingriffe wünschen.

Einige derer, die nur eine Teilangleichung wünschen, geben unter anderem auch an, dass sie sich das zwar prinzipiell vorstellen könnten, ihnen aber das Risiko des Eingriffs zu groß ist. Bei FzM ist es wohl am drastischsten. Die Amputation der Brüste (Mastektomie) ist der noch halbwegs harmlose Teil. Größer und damit risikoreicher ist die Entfernung von Gebährmutter und Eierstöcken. Und noch problematischer ist der Penoid Aufbau, die Schaffung eines Penis. Es gibt eine ganze Reihe von Berichten, wo dies kläglich gescheitert ist und bis zu 40 Operationen nötig waren, um noch etwas zu retten. Schnell geht dabei die sexuelle Empfindsamkeit verloren und damit die Fähigkeit einen Orgasmus zu erleben. Daher verzichten viele FzM auf den Penoid Aufbau.

Für MzF sieht es etwas einfacher aus, ist aber auch keinesfalls risikofrei. Der Aufbau einer Scheide, Klitoris und Vagina ist nicht völlig trivial und auch hier geht oft genug etwas schief, also Probleme bei der Operation, Fehler des Operateurs etc. Hinzu kommen normale Probleme die auftreten können, wie z.B. Probleme beim Stuhlgang bzw. mit dem Enddarm, weil für die Neo-Vagina Teile der Beckenbodenmuskulator durchtrennt werden müssen und damit etwas Halt verloren geht. Andere leiden anschließend an Inkontinenz. Und zuguterletzt ist natürlich nicht garantiert, dass die Empfindsamkeit völlig hergestellt werden kann. Manche bleiben taub oder zumindest soweit unempfindlich, dass sexuelles Empfinden nur eingeschränkt möglich ist oder im schlimmsten Fall völlig ausbleibt, also Verlust der Orgasmusfähigkeit.

Zum Glück gibt es heute nach Transsexuellen Gesetz (TSG) und den richterlichen Entscheidungen keine Verpflichtung mehr, dass zur Änderung des Vornamens und/oder des Personanstandes operative Maßnahmen durchgeführt werden müssen (danke Claudia, die mich darauf hinwies :) Damit können Betroffenen nun frei selbst entscheiden, welche Maßnahmen sie vornehmen lassen wollen, um ihr persönliches Gleichgewicht zwischen Geist und Körper herzustellen.


So, dies war meine Sicht auf diese Dinge und mein aktuelles Verständnis davon. Konstruktive Kritik nehme ich gerne an!

Liebe Grüße
nicole

Re: Der Wunsch TS zu verstehen

Verfasst: Do 28. Nov 2013, 05:53
von Mylee
Hi,
Ich weiß viele fühlen sich vielleicht durch solche Fragen angegriffen.aber muss erlaubt sein.
Also ich fühle mich nicht Magersüchtig in meinem Körper.
Solange ich denken kann fühle ich die Weiblichkeit im mir ,das hat sich auch anderen gezeigt.
Mit 12 fragte beim einkaufen die Verkäuferin," na meine kleine was möchtest du"?
Also ich kann nur von mir sprechen,aber meine hülle hatte sich anders entwickelt als geist.
Jetzt wird korrigiert und es geht mir gut dabei.
Ob ich eine OP mache ist noch offen.

Lg

Re: Der Wunsch TS zu verstehen

Verfasst: Do 28. Nov 2013, 07:37
von ExuserIn-2014-06-30
Nicole, ganz toll geschrieben - Respekt!
Dem ist in diesem Rahmen kaum etwas hinzuzufügen.
Im direkten Gespräch könnte man das natürlich massiv vertiefen.

Re: Der Wunsch TS zu verstehen

Verfasst: Do 28. Nov 2013, 08:21
von Ulrike-Marisa
Bonjour Nicole,

...chapeau; c`etait bon. Dein Text beschreibt die Fragestellung umfassend und verständlich. Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.

Avec regards, Ulrike-Marisa (smili)

Re: Der Wunsch TS zu verstehen

Verfasst: Do 28. Nov 2013, 12:45
von Vincent
Hallo Nicole,
die meisten objektiv zu beantwortenden Fakten hat Nicole, (die andere :wink: ) ja schon aufgeführt.
nickimicki hat geschrieben: Gibt es auch TS, bei denen es nicht funktioniert hat?
Bei denen die OP sogar schief gegangen ist?
Die nach der OP irgendwann festgestellt haben, daß sich die Erwartungen nicht erfüllt haben?
Die nach der OP sogar ihre Entscheidung bereut haben und lieber wieder zurück wollen würden.
Vor ein paar Jahren habe ich einen Mann, von seiner äußerlichen Erscheinung her, kennengelernt, der der festen Überzeugung war MzF transsexuell zu sein. Innerhalb von 3 Jahren vollzog er die komplette Verwandlung optisch, gesellschaftlich und auch körperlich, soweit möglich.
Das einzige was einigermaßen gut verlief war die OP, der Rest ging den Bach hinunter, Job, Beziehung, Familie und Freunde.
Er bzw. sie sah alles zwar realistisch als schlecht an, hatte aber dennoch 2 Jahre lang die erwartungsvolle Hoffnung, dass sich dafür endlich das fehlende gute Lebensgefühl als Frau einstellen würde.

Nichts dergleichen kam, nur irgendwann die Erkenntnis, dass sie vielleicht doch nicht so sehr Frau wäre wie gedacht, und recht kritiklos von allen Gutachtern und Ärzten bescheinigt.
Mit einer tiefen Frustration und Reue bezüglich der angerichteten körperlichen Schäden geht jetzt das Leben weiter, wieder eher Mann — die alten sozialen Kontakte kamen ebenso wenig zurück wie ein Job.
Dafür gingen die mit anderen TS geschlossenen Freundschaften in die Brüche.

Ich selbst habe auch nur losen Kontakt zu ihm, weil es schlicht sehr schwer ist, zu so einem zerrissenen Menschen einen Bezug aufzubauen. TS hin oder her, ist für mich sicher kein Thema.

Natürlich ein Extremfall, aber ich habe einige TS kennengelernt bei denen ich mir nicht sicher war ob TS das eigentliche Problem ist oder ob andere Probleme darauf projiziert werden und manchmal direkt der Wunsch besteht, TS zu sein. Bei manchen hatte ich gar das Gefühl, sie kommen unsicher und fragend zu einer SHG und wenn sie sich dort wohl fühlen wollen sie auch wirklich dazugehören.

Natürlich gilt das alles nur für ein paar - ich bitte, dass sich jetzt niemand persönlich angegriffen fühlen möge.

Re: Der Wunsch TS zu verstehen

Verfasst: Do 28. Nov 2013, 14:48
von ExuserIn-2014-06-30
Vincent hat geschrieben:Hallo Nicole,
...
Er bzw. sie sah alles zwar realistisch als schlecht an, hatte aber dennoch 2 Jahre lang die erwartungsvolle Hoffnung, dass sich dafür endlich das fehlende gute Lebensgefühl als Frau einstellen würde.
...
Und das ist ein großes Problem bei Vielen.
Dieses "gute Lebensgefühl als Frau" sollte VOR allen permanenten Maßnahmen da sein, also vor der Hormotherapie, vor der Namensänderung und vor der OP!
Keine dieser Maßnahmen wird dafür sorgen, dass du deine innere Zufriedenheit findest.
Wenn man noch nicht "angekommen" ist, sollte man noch warten - auch wenn's schwer fällt.

Re: Der Wunsch TS zu verstehen

Verfasst: Do 28. Nov 2013, 18:17
von ReaGirl
Vincent hat geschrieben:
Natürlich ein Extremfall, aber ich habe einige TS kennengelernt bei denen ich mir nicht sicher war ob TS das eigentliche Problem ist oder ob andere Probleme darauf projiziert werden und manchmal direkt der Wunsch besteht, TS zu sein. Bei manchen hatte ich gar das Gefühl, sie kommen unsicher und fragend zu einer SHG und wenn sie sich dort wohl fühlen wollen sie auch wirklich dazugehören.

Natürlich gilt das alles nur für ein paar - ich bitte, dass sich jetzt niemand persönlich angegriffen fühlen möge.
Wer ehrlich zu sich selbst ist, wird sich von deinem Satz nicht angegriffen fühlen. Auch ich frage mich genau diese Dinge nämlich und laufe nicht blind in einen TS Gedanken hinein. Klar überwiegen doch die Gefühle eine Frau sein zu wollen, Parallelen mit anderen TS in Sachen Kindheit, gescheiterten Beziehungen, Deppresion, etc. allerdings weiß ich das es auch genau andere Gründe haben könnte. Ich hoffe ich finde es "bald" heraus, man wird ja nicht jünger ;)

Tiger hat geschrieben:
Und das ist ein großes Problem bei Vielen.
Dieses "gute Lebensgefühl als Frau" sollte VOR allen permanenten Maßnahmen da sein, also vor der Hormotherapie, vor der Namensänderung und vor der OP!
Keine dieser Maßnahmen wird dafür sorgen, dass du deine innere Zufriedenheit findest.
Wenn man noch nicht "angekommen" ist, sollte man noch warten - auch wenn's schwer fällt.
So seh ich das mittlerweile auch, und es fällt wirklich! schwer :) Eile mit Weile, wie auch bei anderen Dingen des Lebens.

Re: Der Wunsch TS zu verstehen

Verfasst: Do 28. Nov 2013, 18:39
von Marielle
Hallo, Guten Tag zusammen,

ich greife mal einen Satz von Vincent auf:

"Bei manchen hatte ich gar das Gefühl, sie kommen unsicher und fragend zu einer SHG und wenn sie sich dort wohl fühlen wollen sie auch wirklich dazugehören."

Meiner Meinung nach ist die angesprochene Unsicherheit ein ganz wichtiger Punkt. Man spürt irgendwann, dass irgendwas nicht 'passt', hat aber erstmal keinen blassen Schimmer, was es wirklich ist. Bei den allermeisten gibt es Anzeichen; die Kleider der Schwester/Mutter, der Wunsch nach asexuellen Kontakten zum anderen Geschlecht (soll heissen: dazugehören zu wollen) usw..

Mit dieser Unsicherheit stolpert man mehr oder weniger lange durch's Leben, fängt vielleicht an sich zu informieren und stösst irgendwann auf den Begriff 'Transsexualität'. Dieser ist, immer noch, weitgehend an das binäre Geschlechtermodell gekoppelt, woraus sich m.E. ein Potential für (Selbst-)Fehleinschätzungen ergibt. Ich jedenfalls habe recht lange an meiner Selbsteinschätzung 'rumgebastelt', weil es dafür kein fertiges Schema gibt oder ich es damals nicht gefunden habe.

Eine Frage, die ich mir bis heute nicht beantworten konnte, möchte ich daher gern als THESE in diese Diskussion einbringen:

Wieviel von der Transsexualität ist "zum anderen Geschlecht gehören (wollen)" und wieviel ist "nicht zum 'eigenen' (biologisch erkennbaren) Geschlecht gehören (wollen)"?

Von der Projektion von Problemen wurde oben schon geschrieben. Ein wenig anders formuliert, könnte man auch schreiben: Die Nicht-Identifikation mit dem eigenen (biologischen/sozialen) Geschlecht wird auf eben dieses projeziert und der Geschlechtswechsel ist die 'natürliche' Lösung, weil es im althergebrachten Modell ja nur zwei Geschlechter-Pole gibt; wer nicht 'Mann' ist, ist 'Frau' und umgekehrt.

Es gibt ja auch Menschen, die von sich sagen, dass sie zwar einen männlichen Körper haben, sich aber absolut, zu hundert Prozent, weiblich fühlen. Das würde zur 'klassischen' Transsexualität passen. Für mich selbst kann ich das aber, bis heute jedenfalls, nicht so klar feststellen. Ich weiss ehrlich gesagt gar nicht, wie man sich '100% weiblich' fühlt. Natürlich sind Emphatiefähigkeit, Hilfsbereitschaft und so weiter wunderbare Eigenschaften, aber sind sie absolut 'weiblich' oder (nur) ein Stereotyp? Eine Handtasche oder eine Strumpfhose machen mit Sicherheit aus einem männlichen Wesen kein Weibliches, die Kleidung ist Fetish oder äusseres Zeichen der Selbstwahrnehmung, aber ganz bestimmt kein 'weibliches fühlen'. Was ist es aber dann, was man 'sich weiblich fühlen' nennt? *

Mal angenommen es gäbe kein explizites, durchgängiges 'sich weiblich fühlen', wäre es dann nicht besser, den Begriff bzw. die Diagnose 'Transsexualität' in allen möglichen Abstufungen auch auf ein Empfinden zwischen den Geschlechterpolen zu beziehen? Vielleicht wäre es für manchen Menschen leichter, wenn es so wäre.


Auf eine ertragreiche Diskussion freut sich

Marielle


PS: Übrigens finde ich, dass dies ein spannender, interessanter Thread ist. Ernsthafte Texte statt banaler Modenschau. So macht Forum Spass :)

*) alle 'richtungsgebundenen' Beispiele (Mann->Frau) sind natürlich auch andersherum gemeint

Re: Der Wunsch TS zu verstehen

Verfasst: Do 28. Nov 2013, 21:20
von nickimicki
Wow!
Da habe ich ja was losgetreten. Hätte nie gedacht, das wirklich so viele konstruktive Äußerungen gemacht werden.
Also erst einmal herzlichen Dank für eure Mühe.
Macht weiter so.
Hat mch echt zumNachdenken gebracht, aber auch nicht alle meine Fragen ( Zweifel ) beantwortet oder gar ausgeräumt.

Für mich kristallisiert sich heraus, dass es eben wirklich nur im Kopf passiert und es bei der ( Behandlung ) um Schadensbegrenzung geht.

Sollte die Medizin wirklich eines Tages feststellen, dass es sich um die genannte Stoffwechsel ( Hormon ) Störung wärend der Schwangerschaft oder
eine genetische Besonderheit handelt, wären für die betroffenen sicher ein großer Teil deren Probleme gelöst.
Es würde das Makel des verrückt zu sein, keinen Boden mehr finden.
Die Argumentation anderen gegenüber wäre sicher einfacher, da man klar belegen könnte, dass man es sich nicht ausgesucht hat
und dass man es sich nicht einbildet.

Auf diese Weise kann man nur wünschen, dass es Fortschritte in der Medizin gibt.

Anders wären dann weiterhin Fortschitte in der Toleranz der Menschen notwendig.

In diesem Sinne,
hoffe ich noch auf rege Teilname an diesem Thread.

Eure Nicki.

Re: Der Wunsch TS zu verstehen

Verfasst: Do 28. Nov 2013, 22:40
von Marielle
Hallo Nicki, Guten Abend zusammen,

Nicki schrieb:
Die Argumentation anderen gegenüber wäre sicher einfacher, da man klar belegen könnte, dass man es sich nicht ausgesucht hat
und dass man es sich nicht einbildet.
Ich bin ziemlich sicher, dass das keinen (nennenswerten) Fortschritt bedeuten würde. Es gibt genug Beispiele für 'Behinderungen', deren genetische Ursache keineswegs zu einem reibungslosen Umgang der Gesellschaft mit den Betroffenen führt. Ausserdem gehe ich ziemlich sicher davon aus, dass diejenigen, die beim heutigen Kenntnisstand noch glauben, dass die Sache 'eingebildet' sei, sich auch von biologisch/genetischen Ursachen nicht beeindrucken lassen würden. Oder wie Opa es gesagt hätte: Dumm bleibt dumm, da helfen keine Pillen.

Gruss zur guten Nacht

Marielle

Re: Der Wunsch TS zu verstehen

Verfasst: Do 28. Nov 2013, 23:12
von nickimicki
Hallo Marielle,

es geht nicht um die intoleranten Menschen die aus Prinzip intolerant sind.
Die was gegen alles habe und bei denen jeder der anders denkt, redet, aussieht, bekloppt ist.

Es geht um die Menschen, die eben genau wie ich, über die Thematik nachdenken um einen Zugang zu der Materie zu finden.
Es geht um Familie, Freunde und Menschen die es wert sind.
Ausnahmen und unbelehrbare Menschen gibt es überall und zu jedem Thema.

Ich spreche für die anderen, für die die für etwas sind, und nach Argumenten suchen.
So ist auch der Thread gemeint.

Also nicht über die doofen diskutieren, das nutzt nämlich nur den doofen.
Sondern übers Thema, damit ein offener Umgang zu mehr Verständnis und Aufgeklärtheit führt.

Re: Der Wunsch TS zu verstehen

Verfasst: Do 28. Nov 2013, 23:37
von Marielle
Hallo Nicki,

ich verstehe deine Reaktion nicht. Ich habe weiter oben geschrieben, dass ich diesen Thread sehr wichtig und gut finde. Daher habe ich auch meine Fragen/Thesen eingebracht.

In deinem Beitrag von 21:20 hast du (indifferent) von die "anderen" gesprochen ("Die Argumentation anderen gegenüber wäre sicher einfacher,....."). Dazu habe ich meine Meinung geäussert; wie ich finde, recht neutral und ganz sicher ohne jeden verbalen Angriff auf dich oder diesen Thread. Ich kann nur hoffen, dass du mir glaubst, dass ich alle mir möglichen Anstrengungen unternehme, um denjenigen die 'es Wert sind' mein/unser Anliegen nahezubringen, aber letztlich gehören auch die "anderen" zu unserer Welt.

noch ein Gruss zur guten Nacht

Marielle

Re: Der Wunsch TS zu verstehen

Verfasst: Fr 29. Nov 2013, 00:24
von Nadja Sarah
was mich dabei beschäftigt ist die Frage, welche Partnerschaft leben Menschen nach einer Geschlechtsumwandlung. Gehe ich von mir aus, die sich nicht als TS versteht, so ziehen mich Frauen sexuell an. Wie ist das bei Menschen, die sich im falschen Geschlecht gefangen fühlen?

Ist ein Mann, der sich zur Frau umwandeln lässt, weil er im falschen Geschlecht lebt, schon davor auf Männer fixiert. Oder ändert sich das mit Geschlechtsumwandlung? Oder bleibt die sexuelle Fixierung dieses Mannes auch nach der Umwandlung auf das weibliche bezogen, wenn es vorher schon so war? Oder lässt sich das generell so gar nicht sagen, weil es bei jedem anders sein kann.

Liebe Grüße Nadja

Re: Der Wunsch TS zu verstehen

Verfasst: Fr 29. Nov 2013, 00:25
von Nadja Sarah
auf mich bezogen stellt sich die Frage, würde ich meine heute auf Frauen bezogene Fixierung auf Männer nach einer Geschlechtsumwandlung verändern. Diese Vorstellung wäre mir aus jetziger Sicht sehr fremd. Aber anderseits wenn meine Fixierung auf Frauen so bliebe, wie viele lesbische Frauen würden sich auf eine solche Partnerschaft einlassen? Was bliebe also, außer dem Alleinsein?

Liebe Grüße Nadja