Der Schul„Elternabend
Verfasst: So 13. Okt 2013, 14:39
ich stehe vor der Schule. Der 70er-Jahre Moloch grüßt mit einigen erleuchteten Fenstern zum Parkplatz hin. Im Halbdunkel sind sogar die grellen Fassadenschmierereien erkennbar. "Wie früher", denke ich, "es hat sich nichts verändert!"
Ich beschleunige meine Schritte; denn es ist schon zehn vor acht — und ich möchte pünktlich sein. Wenn man die Versammlungsführung etwas strafft — und ich bin mir sicher, etwas dazu beitragen zu können, dann bin ich zur zweiten Halbzeit des Champions-League —Finales "HSV gegen Arsenal London" sicher wieder zu Hause.
Ich stehe in der Eingangshalle. Kaugummiflecken auf dem Teppichboden. Ich denke: "der gleiche Boden wie vor zig Jahren — und wie kann man nur einen Teppichboden für eine Schuleingangshalle nehmen?!
Ich krame die Einladung hervor. "Zimmer 218 — 20 Uhr" steht ganz oben. "Unsere Klasse ist gleich neben der Treppe", hat mein Enkel mir mit auf den Weg gegeben. Die Stufen sind flach; ich nehme zwei auf einmal, nehme dabei aber in Kauf, dass ich etwas "verpustet" oben ankomme und erst einmal verschnaufen muss. Meine schwarze Strumpfhose liefert raschelnde Geräusche, indem sie sich mit dem Futter meines Rockes reibt.
Ein dunkler Flur — dann ein Lichtfleck aus einer halb geöffneten Tür. Stimmengewirr. Ich klopfe leicht auf das dunkelrote Holz und trete ein, ohne auf ein "Herein" zu warten. Ungefähr 15 Leute sitzen im Klassenzimmer; der Elternabend ist gut besucht.
Ein Stuhlkreis ist aufgebaut. Ich setze mich neben eine junge Frau, die mich freundlich anlächelt. Sie kommt mir bekannt vor. Ich habe sie bestimmt bei der Einschulungsfeier gesehen. Stimmengewirr draußen — es kommen noch ein paar Leute. Eine ist die Lehrerin, die mich auf der Feier mit einem Singspiel begeisterte. Alle nicken freundlich, sagen "N'abend" und setzen sich. Die Lehrerin greift in ihre Handtasche und holt ein großes Wollknäul heraus. "Mist", denke ich, "wenn wir erst zu basteln anfangen, wird der Abend bestimmt nicht kurz und ich verpasse den Rest vom Fußballspiel.
"Guten Abend noch einmal und herzlich willkommen", sagt die Lehrerin, "ich begrüße euch zum ersten Elternabend. Da eure Kinder neu hier auf der Schule sind, ist es wichtig, dass wir uns alle vorstellen. Ich bin so frei und fange an. Sie knetet dabei das Wollknäul und sagt: "ich bin Frederike, 26 Jahre alt und die Klassenlehrerin. Ich unterrichte Deutsch, Mathe und halte natürlich die wöchentliche Klassenstunde ab. Das ist fächerübergreifender Unterricht, in dem auch Zeit ist, auf die besonderen Belange der Kinder einzugehen".
Sie überlegt einen Moment, bevor si e fortfährt: "und Dich möchte ich gerne kennenlernen". In diesem Moment hat sie das Wollknäul zu einem jungen Mann geworfen, der neben einem anderen jungen Mann sitzt. "Bestimmt Nachbarn", denke ich; denn bevor der Elternabend richtig anfing, haben sie sich angeregt unterhalten.
Die Lehrerin hat das Ende des Wollknäuels in der Hand behalten, knotet nun eine kleine Öse und hakt ihren Zeigefinger ein. Der Wollfaden zieht sich quer durch den Stuhlkreis bis zu dem jungen Mann. Der scheint das Spiel aber nicht begriffen zu haben, reicht es seinem Stuhlnachbarn, sodass beide anfassen und sagt: "wir sind das Ehepaar Marx; ich bin Timo und das ist mein Mann Richard". "Wir sind die Eltern von Melanie", sagt Richard, hakt sich den Wollfaden über den Zeigefinger und wirft das Wollknäuel quer durch den Stuhlkreis. Ein Mann im Blaumann hat Mühe, es aufzufangen. Das "Mann" das mir gedanklich so rausgerutscht ist, muss ich gleich wieder streichen, als ich höre: "ich bin Monika, Vater von Dennis" — und fügt dann hinzu: "ich komme gerade von der Arbeit". Dann guckt Monika die Lehrerin unsicher an: "reicht das?" "ja" sie nickt aufmunternd. Monika ist sichtbar froh, den Ball, der ein Wollknäuel ist, weiterreichen zu können. Ich werde anvisiert und kann gerade noch denken "hoffentlich fange ich den Ball", da halte ich ihn schon in meinen Händen. Inzwischen zieht sich schon ein sehr grobmaschiges Woll-Netz-Muster durch die Klasse. "Ich bin Anne-Mette", sage ich, "und bin in Vertretung für meine Kinder, die Eltern von Max hier, die heute leider nicht kommen konnten". Die Lehrerin lächelt mich freundlich an.
Ich wähle eine andere Variante und gebe den Ball einfach weiter an meine Nachbarin drei Plätze weiter zur Linken, die etwas gelangweilt aussieht. Sie ist fast erschrocken, als ich ihr den Ball gebe, rappelt sich dann aber doch auf und sagt: "ich bin Herr Kurt Schaffhausen". "Wieder verschätzt", denke ich gerade, höre sie aber noch sagen: "ich bin für Florian hier, meine Frau konnte leider nicht mitkommen, da Florian krank ist und nicht alleine bleiben wollte".
"Alles Gute für Florian" ruft die Lehrerin und lächelt. "ja, alles Gute" murmeln alle, "gute Besserung!"
Der Ball fliegt weiter und wir erleben weitere Beispiele für das "neue Namensrecht". Es sind sehr wenige dabei, bei denen es "Herr" oder "Frau" heißt, aber die werden natürlich genau so freundlich aufgenommen wie die anderen "bunten Menschen".
Als alle fertig sind, hängt die Lehrerin die Schlaufe über die Ecke ihrer Stuhl-Lehne. Das Spiel scheint sie schon öfter gemacht haben — oder sie ist gut vorbereitet. Sie stellt eine kleine Kamera auf einen Tisch. Diese scheint auf den Stuhlkreis ausgerichtet zu sein. Sie betätigt den Selbstauslöser und setzt sich schnell wieder hin. Die Kamera gibt irgendwelche Geräusche von sich, die man ihr einprogrammiert hat, damit man merkt, dass sie lebt.
Die Lehrerin bedankt sich bei uns, weil wir alle mitgemacht haben. Sie bittet uns, das Knäuel wieder aufzuwickeln. Als wir ihrer Bitte nachkommen, gibt es leichte Unruhe in der Klasse. Anschließend schaltet sie einen Beamer an und zeigt uns ein ähnliches Bild wie das, das vermutlich heute entstanden ist. Lauter Kinder sind zu sehen mit ihrem "Spinnen-Netz". Sie machen einen fröhlichen Eindruck. "Alle Kinder haben sich gut an der neuen Schule eingelebt, teilt uns die Lehrerin mit — und dann nimmt sie kurz Bezug darauf, wer mit wem schon Freundschaft geschlossen hat.
"Vernetzung ist wichtig", meint die Lehrerin, "auch ihr habt heute einen ersten Ansatz zur Vernetzung gebildet. Ich hoffe, es wird sich auch eine gute Gemeinschaft bei den Eltern bilden!"
Nun kommt der ernste Teil des Abends; aber die Lehrerin zieht alles zügig durch. Wir müssen einiges für den Schul-Alltag anschaffen. Ich schreibe alles mit, obwohl die Liste später auf der Schul-Homepage erscheinen soll. Aber ich will meinen guten Willen zeigen.
Gegen halb 10 flackert das Licht. "Es tut mir leid", meint die Lehrerin, "wir müssen den Elternabend beenden. Der Hausmeister wird in wenigen Minuten auf "Notbeleuchtung" umschalten". Mir ist es recht.
Das Ehepaar Marx, Timo und Richard, schlägt vor, einen Elternstammtisch einzurichten und sie erklären sich bereit, die Klasse zu sich einzuladen. Einen Termin wollen wir per Email verabreden. Kein Problem; das geht mich nichts mehr an.
Viertel vor 10 sitze ich im Auto. Das Radio meldet: "der HSV führt zur Halbzeit 4:0".
Ich staune — die Zeiten haben sich gewandelt — so und so
Gruß
Anne-Mette
Ich beschleunige meine Schritte; denn es ist schon zehn vor acht — und ich möchte pünktlich sein. Wenn man die Versammlungsführung etwas strafft — und ich bin mir sicher, etwas dazu beitragen zu können, dann bin ich zur zweiten Halbzeit des Champions-League —Finales "HSV gegen Arsenal London" sicher wieder zu Hause.
Ich stehe in der Eingangshalle. Kaugummiflecken auf dem Teppichboden. Ich denke: "der gleiche Boden wie vor zig Jahren — und wie kann man nur einen Teppichboden für eine Schuleingangshalle nehmen?!
Ich krame die Einladung hervor. "Zimmer 218 — 20 Uhr" steht ganz oben. "Unsere Klasse ist gleich neben der Treppe", hat mein Enkel mir mit auf den Weg gegeben. Die Stufen sind flach; ich nehme zwei auf einmal, nehme dabei aber in Kauf, dass ich etwas "verpustet" oben ankomme und erst einmal verschnaufen muss. Meine schwarze Strumpfhose liefert raschelnde Geräusche, indem sie sich mit dem Futter meines Rockes reibt.
Ein dunkler Flur — dann ein Lichtfleck aus einer halb geöffneten Tür. Stimmengewirr. Ich klopfe leicht auf das dunkelrote Holz und trete ein, ohne auf ein "Herein" zu warten. Ungefähr 15 Leute sitzen im Klassenzimmer; der Elternabend ist gut besucht.
Ein Stuhlkreis ist aufgebaut. Ich setze mich neben eine junge Frau, die mich freundlich anlächelt. Sie kommt mir bekannt vor. Ich habe sie bestimmt bei der Einschulungsfeier gesehen. Stimmengewirr draußen — es kommen noch ein paar Leute. Eine ist die Lehrerin, die mich auf der Feier mit einem Singspiel begeisterte. Alle nicken freundlich, sagen "N'abend" und setzen sich. Die Lehrerin greift in ihre Handtasche und holt ein großes Wollknäul heraus. "Mist", denke ich, "wenn wir erst zu basteln anfangen, wird der Abend bestimmt nicht kurz und ich verpasse den Rest vom Fußballspiel.
"Guten Abend noch einmal und herzlich willkommen", sagt die Lehrerin, "ich begrüße euch zum ersten Elternabend. Da eure Kinder neu hier auf der Schule sind, ist es wichtig, dass wir uns alle vorstellen. Ich bin so frei und fange an. Sie knetet dabei das Wollknäul und sagt: "ich bin Frederike, 26 Jahre alt und die Klassenlehrerin. Ich unterrichte Deutsch, Mathe und halte natürlich die wöchentliche Klassenstunde ab. Das ist fächerübergreifender Unterricht, in dem auch Zeit ist, auf die besonderen Belange der Kinder einzugehen".
Sie überlegt einen Moment, bevor si e fortfährt: "und Dich möchte ich gerne kennenlernen". In diesem Moment hat sie das Wollknäul zu einem jungen Mann geworfen, der neben einem anderen jungen Mann sitzt. "Bestimmt Nachbarn", denke ich; denn bevor der Elternabend richtig anfing, haben sie sich angeregt unterhalten.
Die Lehrerin hat das Ende des Wollknäuels in der Hand behalten, knotet nun eine kleine Öse und hakt ihren Zeigefinger ein. Der Wollfaden zieht sich quer durch den Stuhlkreis bis zu dem jungen Mann. Der scheint das Spiel aber nicht begriffen zu haben, reicht es seinem Stuhlnachbarn, sodass beide anfassen und sagt: "wir sind das Ehepaar Marx; ich bin Timo und das ist mein Mann Richard". "Wir sind die Eltern von Melanie", sagt Richard, hakt sich den Wollfaden über den Zeigefinger und wirft das Wollknäuel quer durch den Stuhlkreis. Ein Mann im Blaumann hat Mühe, es aufzufangen. Das "Mann" das mir gedanklich so rausgerutscht ist, muss ich gleich wieder streichen, als ich höre: "ich bin Monika, Vater von Dennis" — und fügt dann hinzu: "ich komme gerade von der Arbeit". Dann guckt Monika die Lehrerin unsicher an: "reicht das?" "ja" sie nickt aufmunternd. Monika ist sichtbar froh, den Ball, der ein Wollknäuel ist, weiterreichen zu können. Ich werde anvisiert und kann gerade noch denken "hoffentlich fange ich den Ball", da halte ich ihn schon in meinen Händen. Inzwischen zieht sich schon ein sehr grobmaschiges Woll-Netz-Muster durch die Klasse. "Ich bin Anne-Mette", sage ich, "und bin in Vertretung für meine Kinder, die Eltern von Max hier, die heute leider nicht kommen konnten". Die Lehrerin lächelt mich freundlich an.
Ich wähle eine andere Variante und gebe den Ball einfach weiter an meine Nachbarin drei Plätze weiter zur Linken, die etwas gelangweilt aussieht. Sie ist fast erschrocken, als ich ihr den Ball gebe, rappelt sich dann aber doch auf und sagt: "ich bin Herr Kurt Schaffhausen". "Wieder verschätzt", denke ich gerade, höre sie aber noch sagen: "ich bin für Florian hier, meine Frau konnte leider nicht mitkommen, da Florian krank ist und nicht alleine bleiben wollte".
"Alles Gute für Florian" ruft die Lehrerin und lächelt. "ja, alles Gute" murmeln alle, "gute Besserung!"
Der Ball fliegt weiter und wir erleben weitere Beispiele für das "neue Namensrecht". Es sind sehr wenige dabei, bei denen es "Herr" oder "Frau" heißt, aber die werden natürlich genau so freundlich aufgenommen wie die anderen "bunten Menschen".
Als alle fertig sind, hängt die Lehrerin die Schlaufe über die Ecke ihrer Stuhl-Lehne. Das Spiel scheint sie schon öfter gemacht haben — oder sie ist gut vorbereitet. Sie stellt eine kleine Kamera auf einen Tisch. Diese scheint auf den Stuhlkreis ausgerichtet zu sein. Sie betätigt den Selbstauslöser und setzt sich schnell wieder hin. Die Kamera gibt irgendwelche Geräusche von sich, die man ihr einprogrammiert hat, damit man merkt, dass sie lebt.
Die Lehrerin bedankt sich bei uns, weil wir alle mitgemacht haben. Sie bittet uns, das Knäuel wieder aufzuwickeln. Als wir ihrer Bitte nachkommen, gibt es leichte Unruhe in der Klasse. Anschließend schaltet sie einen Beamer an und zeigt uns ein ähnliches Bild wie das, das vermutlich heute entstanden ist. Lauter Kinder sind zu sehen mit ihrem "Spinnen-Netz". Sie machen einen fröhlichen Eindruck. "Alle Kinder haben sich gut an der neuen Schule eingelebt, teilt uns die Lehrerin mit — und dann nimmt sie kurz Bezug darauf, wer mit wem schon Freundschaft geschlossen hat.
"Vernetzung ist wichtig", meint die Lehrerin, "auch ihr habt heute einen ersten Ansatz zur Vernetzung gebildet. Ich hoffe, es wird sich auch eine gute Gemeinschaft bei den Eltern bilden!"
Nun kommt der ernste Teil des Abends; aber die Lehrerin zieht alles zügig durch. Wir müssen einiges für den Schul-Alltag anschaffen. Ich schreibe alles mit, obwohl die Liste später auf der Schul-Homepage erscheinen soll. Aber ich will meinen guten Willen zeigen.
Gegen halb 10 flackert das Licht. "Es tut mir leid", meint die Lehrerin, "wir müssen den Elternabend beenden. Der Hausmeister wird in wenigen Minuten auf "Notbeleuchtung" umschalten". Mir ist es recht.
Das Ehepaar Marx, Timo und Richard, schlägt vor, einen Elternstammtisch einzurichten und sie erklären sich bereit, die Klasse zu sich einzuladen. Einen Termin wollen wir per Email verabreden. Kein Problem; das geht mich nichts mehr an.
Viertel vor 10 sitze ich im Auto. Das Radio meldet: "der HSV führt zur Halbzeit 4:0".
Ich staune — die Zeiten haben sich gewandelt — so und so
Gruß
Anne-Mette