Hallo Anja,
ich bin erstaunt, wie viele Parallelen unsere Lebensläufe doch haben. Im Prinzip kann ich den fast so übernehmen. Das was anders ist kann ich ja ergänzen.
Es fing bei mir, wie auch bei ab, schon im Kindergarten an. Ich beneidetet die Mädchen um ihre Kleidung und wollte lieber mit den Mädchen spielen. Gleichzeitig traute ich mich aber nicht, das auch nur zu versuchen, da ich Angst hatte, verspottet zu werden. Ich habe immer nur heimlich mal mit Mädchen gespielt, heimlich habe ich mir von ihnen die Glanzbilder zeigen lassen, aber wagte nicht, selber welche zu sammeln.
Wäre in der Pubertät nicht auch die von dir so gut beschriebenen Sexuelle Komponente hinzugekommen, wäre ich vielleicht schon relativ früh auf den Gedanken gekommen, transsexuell zu sein. Aber wegen der vorhandenen sexuellen Erregung schloss ich das lange aus. Ich erkundigte mich sofort nach Erscheinen des Internets über solche Themen und es waren auch quasi von Anfang an entsprechende Foren zu finden. Schon in den 90ern las ich im Transgender Forum von Österreich.
Ich bewundere deinen Mut und Aufrichtigkeit deine Freundinnen immer einzuweihen. Ich habe das damals nie gewagt. Es war mein ganz privates Geheimnis. Niemand wusste darüber bescheid. Niemand. Jedoch wurde ich auffällig. DAs fing vor allem im Alter von ca. 20 Jahren an und steigerte sich. Bei Feiern sass ich gackernd bei den Frauen und trank Sekt und schwärmte über Filme wie "Schlaflos in Seatle" oder "Jenseits von Afrika". Die Männer hatten sich oft abgetrennt, sassen biertrinkend nebenan und spielten Karten oder standen draussen um ein Auto herum und diskutierten mit einer Bierflasche auf dem Oberschenkel über neue Auspüffe und "dicke Titten". Nix für mich. Das fiel mit der Zeit auf.
Bei meine Recherchen stellte ich natürlich dann fest, so Ende der 90er, dass ich dadurch sehr wohl deutliche Gemeinsamkeiten mit Transsexuellen hatte. Aber das konnte doch nicht sein. Ich hatte doch eine Freundin und ich spürte doch Erregung? Andererseits gab es auch Parallelen in Berichten von Transvestitischen Fetischisten. Ich war hin- und hergerissen und beschloss es für mich zu behalten und irgendwie damit zu leben.
1999 , ich war 34 Jahre alt, zog ich vom Ruhrgebiet nach Kiel. Die Beziehung in Kiel scheiterte nach gut einem Jahr und ich lebte dann alleine in einer Hochhauswohnung, weit ab von der Famillie. Ich konnte so also rellativ sicher nachts mal meine weibliche Seite ausleben. Und im Internet (Yahoo - Messenger, Chatrooms, etc, später auch Second Life) pflegte ich stets weibliche Identitäten anzunehmen.
Dadurch, dass ich alleine war, also single, dass ich nur 3 bis 4 mal in der Woche für ein paar Stunden arbeiten ging, aber sehr viel im Internet war, lebte ich mehr und mehr als Frau. Wie erkläre ich das? Ich trug zu Hause meistens Frauenkleidung. Ich war sehr viel im Internet, mit weiblicher Identität. Gelegentlich wagte ich sogar Chats mit laufender Webcam. Ihc dämpfte das Licht und liess die haare ins GEsicht fallen und flog nicht auf.
Der sexuelle Aspekt trat in den Hintergrund und ich merkte auch, dass ich das eigentlich immer wollte. Ich brauchte mich nicht verstellen, ich konnte sein wie ich wollte. Ihc konnte frei Schnauze plappern (schreiben) im Chat, im Messenger, später in Second Life. Nie, aber auch niemals kam jemand auf die Idee, ich könnte ein Kerl sein. Ich betone das, weil ich mitbekam, dass andere, die sich als Frau ausgaben oft aufflogen, einfach wegen ihrer Art. Sowas passierte mir nie.
Ich vergass einfach, dass ich eigentlich ja gar keine Frau war. Deshalb traf es mich manchmal wie ein hammer ins Gesicht, wenn ich eines Morgens aufstand udn wusste, ich muss mich für die Arbeit fertig machen. Oh Weh, wie habe ich das gehasst, ich fühlte mich als Mann verkleidet. Die sexuelle Erregung beim Tragen von Frauenkleidung war nahezu verschwunden, nahezu, gelegentlich flammt es mal auf. Ich konnte es kaum erwarten Feierabend zu bekommen um wieder in "meine Welt" zu flüchten, die leider im Internet stattfand, weil ich mich dort leicht als Frau ausgeben konnte.
Second Life war ein Segen. Himmel, war das schön. Man konnte sich einen tollen Avatar machen. Die Jennifer8 Jie (Es gibt Fotos von ihr als Sklavin hier in der Galerie) war eine hübsche und erfolgreiche Geschäftsfrau.
Ich kaufte Ländereien schon 2007 im Second Life. Ich errichtete GEschäftsgebäude und vermitete ganze Einkaufszentren. Ich fing an etwas Geld zu verdienen. Und dann.. dann kam Voice. Also nicht mehr alles was man mitteilt, tippen, sondern, vergleichbar wie Teamspeak: Sprache. In einer Qualität die unsere Telefongespräche über das Festnetz in den Schatten stellt.
Ein Trost für mich war, dass plötzlich etliche absolut GEGEN die Einführung von Voice im Second Life waren, und ich wusste warum
In den jahren so ab 2003/2004 begann ich , wenn ich in eine Beziehung ging, meine Freundin vorsichtig einzuweihen. Auch im Internet fand ich natürlich in den Messengern wie z.B. yahoo gelegentlich Leute, die mich auch real kannte. Bei einigen guten FReundinnen (oder eben Ex-FReundinnen von mir) outete ich mich. Eine Katastrophe passierte nie, dass eine meiner Freundinnen mal die Beziehung deswegen beendetet oder sonstwie gross wirble gemacht hätte. NEin, es folgten meist ein bis 2 durchgequatschte Nächte, wo ich alles erzählen und erklären musste und das wars dann auch schon. Jedoch glaube ich heute rückwirkend, dass die Beziehungen dann zum Scheitern verurteilt waren. Irgendwie schien ein grosser Anteil an Männlichkeit an mir, den sie bei mir sahen, verschwunden zu sein. Deshalb wurde ich nicht verlassen, aber wenn es dann eines Tages mal zur Kriese in der Beziehung kam, dann fehlte die Motivation für die Beziehung zu kämpfen, so würde ich das mal nennen.
Ich begann Frauen auf der STrasse zu beneident. Ich versuchte, mir die Haare wachsen zu lassen. ERfolglos. Ich konnte keinen Schritt mehr in der Öffentlichkeit machen ohne alle Frauen um ihre Weiblichkeit zu beneiden.
Ich begann dann im Second Life (mit männlichem Avatar "Ulrich Rang") bei der Volkshochschule zu unterrichten. Wegen Voice ging das natürlich nur mit männlichem Avatar. Ich habe es so gehasst. Alles war ganz "schicki" aber wie schön wäre es doch, wenn ich es als Frau machen könnte. Aber mit Männerstimme? No Chance.
Im Second Life gibt es eine Community, die GOR Rolenspiele spielt. Und bei den Roleplay ist es üblich zu schreiben. Alles geht über Chat, da man Emotes nicht sprechen kann. In 2011 ging ich in die GOR-Szene als Jennifer8 Jie. Ich war die Sklavin Johari. Das machte sehr viel Spass. Ich merkte, dass mir das RP lag. Ich wurde bliebt und spielte dort viel und verlor mich richtig in diese Welt. Meine Arbeitszeiten, die ich auf ca. 2 Schichten pro Woche runterschraubte udn auch mein haushalt, sprich mein ganzes reales Leben begann darunter zu leiden. Aber ich genoss es doch so sehr. Dabei war das Roleplay an sich gar nicht das Wichtigste, sondern, dass ich MICH SELBST spielen konnte. Eine Frau, was sonst. Ich war wieder da.
Ich glaube, ich bin klug genug, noch rechtzeitig zu merken, wenn etwas aus dem Ruder läuft. Nach ca. 10 Monaten intensieven GOR- Roleplays wusste ich, dass etwas passieren musste.
Ich habe mich den GOR-Mitspielern geoutet. Ich sagte, dass ich eigentlich ein Mann wäre. Sowas ist gar nicht aml so ungewöhnlich. Regelmässig finden sich dort Sklavinnen ein, die sich nach einigen Tagen als Männer entpuppen. Sie verplappern sich, oder man merkt es einfach an der ARt und Weise. Besonders wenn man 10 bis 15 Stunden täglich mit denen eng kommuniziert. Bei mir war das anders. Mir wurde es nicht geglaubt.
Ich hatte mit einigen echt Freundschaft geschlossen. So sehr, dass man sich auch mal über Dinge aus dem realen Leben unterhiet. Ich fühlte mich schlecht, wie jemand der betrügt. Auch daher mein Outing. Aber dann die Überraschung:
"Johari, erzähl kein Mist. Wenn du nen Kerl wärst hätte ich das längst gemerkt"
"Johari, du bist die letzte, die ich für nen Kerl halten würde. Ich hab schon einige entlarft"
"Haha, sehr witzig, da bist du manchmal viel zu zickig für"
Tja, ich musste echt Fotos zeigen und was sprechen, damit man mir endlich glaubte. Ich sagte auch warum ich mich outete, weil mein Gewissen mich plagte.
Wie wurde es aufgenommen? Es wurde zur Kenntnis genommen und gleich wieder ignoriert: " du bist für mich die Johari, und ne Frau, egal ob du das was zwischen den Beinen hast." - "Nee, Mann, passt ja mal gar nicht" ...
Das machte mich nachdenklich.
Es war dann so etwa März 2012 als ich mich Entschloss einen Weg einzuschlagen aus dem ich auch im RL als Frau herauskommen würde. In den nächsten Wochen outete ich mich überall, begann sofort die IPL, ging zur Hausärztin, zur Psychologin, Antrag auf PÄ/VÄ und so weiter uns so fort..
Nun lebe ich seit über einem Jahr als Frau und es ging mir noch nie besser.
Ja, es scheint wohl so zu sein: Es gibt Transsexuelle, die auch den sexuellen Reiz beim Tragen von Frauenkleidung verspürt hatten. Im Gespräch mit Psychologen kam aber kein Zweifel an meiner Transidentität auf, es bleibt nur die Frage:
Ist es eine Parallele zu meiner ohnehin vorhandenen Transidentität, oder hat sich die Transidentität aus der Neigung heraus entwickelt?
LG
Julia
P.S.: Huch, ich glaube, das ist jetzt doch recht lang geworden, ich hab mich in Rage geschrieben, hoffe, mir wird das nicht übel genommen. Aber Anjas Bericht fand ich so klasse geschrieben, da flog es mir quasi aus den Fingern....