Die liebe Familie
Verfasst: Di 14. Mai 2013, 15:32
Hallo in die Runde,
seit langem graute mir vor dem Muttertag, zu dem es unausweichlich sein würde, meine Mutter und meine Schwester (sie wohnen im gleichen Haus) zu besuchen, die ich seit über einem Jahr nicht gesehen hatte. Beide lehnen meine weibliche Seite völlig ab, ich werde immer als "abartig" bezeichnet, ich solle mich schämen, "so etwas" hätte man früher vergast, und gegenüber meiner Frau äußerte meine Mutter einmal, sie bedaure, mich nicht abgetrieben zu haben. Dennoch drängt sie seit langem darauf, mich mal wieder zu sehen, "aber als Mann, der Du bist", nicht als "Flittchen", "Schlampe" u.dgl.m. Man erwartete von mir, dass ich als Sohn erscheine, entsprechend gekleidet und mit "anständigem Façon-Haarschnitt", nicht von irgendwelchen Türken oder Albanern, sondern von einem "deutschen Friseur". Sonst würde ich nicht in die Wohnung gelassen.
Auch das letzte Mal, als ich meine Mutter gesehen hatte, hatte ich schon nur noch Damenwäsche getragen, was man nicht unbedingt sah, hatte aber auch Ohrringe und lange Haare und bekam deshalb immer wieder im Laufe des Nachmittags zu hören, wie schrecklich ich aussehe. Ich war nun auch dieses Mal nicht gewillt, mir meine schulterlangen Haare für den anstehenden Besuch abzuschneiden und sagte das auch vorher, ansonsten würde ich sehen, was sich machen ließe. Protest meiner Mutter: "Nein, nicht, was sich machen lässt, sondern richtig als der Mann, der Du bist." Das konnte und wollte ich nicht akzeptieren. Ich ging schließlich so, wie ich auch zum Dienst gehe, nicht auffällig, aber auch nichts Männliches an mir: von Damenwäsche über lackierte Fußnägel (rot) und Fingernägel (blass rosa), mit Ohrsteckern und Ring farblich abgestimmt mit der Jeansbluse, Damenjeans mit Strasssteinchen am Po und Wedges mit nicht mehr als 3 cm Absatz, Blazer und Handtasche.
Ich sagte noch zu meiner Frau, die nicht mitkam, weil sie gerade Herpes hatte, und meine Mutter einen Heidenangst vor Viren hat, dass ich vielleicht gleich zurückkäme, weil ich nicht eingelassen werden würde, aber: ich durfte eintreten. Statt Begrüßung gab es ein "Du siehst schrecklich aus, diese Haare!!!" Dann war erst einmal Ruhe. Dann wurde die Bluse kritisiert (die ist ja viel zu eng [stimmt nicht], so ein Fuddel [Männerhemden sind natürlich gröber], hat Dir die Deine Frau gegeben? [nein, selbst gekauft]. Und gegen Ende des Besuchs fiel noch ein tadelnder Blick auf meine Füße in Strumpfhose und mit lackierten Fußnägeln: "Rote Fußnägel, und das als Mann!!!" Dazu gab es noch Ursachenforschung, wobei eine Heilerin, zu der ich zur Zeit meines Outings aus ganz anderen Gründen ging, als Schuldige ausgemacht wurde, sie sei eine Hexe, die hätte mich hypnotisiert, man müsse sie anzeigen, und ich müsse mich behandeln lassen von einem kompetenten Arzt, der etwas von Hypnose verstehe.
Fazit: Sie sind unbelehrbar und legen größten Wert auf ihre Scheuklappen und ihre Vorurteile, aber sie haben mich nichtsdestoweniger empfangen. Vielleicht hilft diese Erfahrung auch anderen hier im Forum, die auch Ablehnung erfahren, und zwar gerade im engsten Familienkreis. Ich bin froh, dass ich nicht nachgegeben habe. So war ich mit mir selbst in Harmonie und vielleicht ein angenehmerer Besuch, als wenn ich als unglücklicher, verkleideter Wurm dort gesessen hätte. Wir haben keinen Grund, uns dafür zu schämen, dass wir sind, wie wir sind, also warum sollten wir kuschen.
Liebe Grüße,
Nicoletta
seit langem graute mir vor dem Muttertag, zu dem es unausweichlich sein würde, meine Mutter und meine Schwester (sie wohnen im gleichen Haus) zu besuchen, die ich seit über einem Jahr nicht gesehen hatte. Beide lehnen meine weibliche Seite völlig ab, ich werde immer als "abartig" bezeichnet, ich solle mich schämen, "so etwas" hätte man früher vergast, und gegenüber meiner Frau äußerte meine Mutter einmal, sie bedaure, mich nicht abgetrieben zu haben. Dennoch drängt sie seit langem darauf, mich mal wieder zu sehen, "aber als Mann, der Du bist", nicht als "Flittchen", "Schlampe" u.dgl.m. Man erwartete von mir, dass ich als Sohn erscheine, entsprechend gekleidet und mit "anständigem Façon-Haarschnitt", nicht von irgendwelchen Türken oder Albanern, sondern von einem "deutschen Friseur". Sonst würde ich nicht in die Wohnung gelassen.
Auch das letzte Mal, als ich meine Mutter gesehen hatte, hatte ich schon nur noch Damenwäsche getragen, was man nicht unbedingt sah, hatte aber auch Ohrringe und lange Haare und bekam deshalb immer wieder im Laufe des Nachmittags zu hören, wie schrecklich ich aussehe. Ich war nun auch dieses Mal nicht gewillt, mir meine schulterlangen Haare für den anstehenden Besuch abzuschneiden und sagte das auch vorher, ansonsten würde ich sehen, was sich machen ließe. Protest meiner Mutter: "Nein, nicht, was sich machen lässt, sondern richtig als der Mann, der Du bist." Das konnte und wollte ich nicht akzeptieren. Ich ging schließlich so, wie ich auch zum Dienst gehe, nicht auffällig, aber auch nichts Männliches an mir: von Damenwäsche über lackierte Fußnägel (rot) und Fingernägel (blass rosa), mit Ohrsteckern und Ring farblich abgestimmt mit der Jeansbluse, Damenjeans mit Strasssteinchen am Po und Wedges mit nicht mehr als 3 cm Absatz, Blazer und Handtasche.
Ich sagte noch zu meiner Frau, die nicht mitkam, weil sie gerade Herpes hatte, und meine Mutter einen Heidenangst vor Viren hat, dass ich vielleicht gleich zurückkäme, weil ich nicht eingelassen werden würde, aber: ich durfte eintreten. Statt Begrüßung gab es ein "Du siehst schrecklich aus, diese Haare!!!" Dann war erst einmal Ruhe. Dann wurde die Bluse kritisiert (die ist ja viel zu eng [stimmt nicht], so ein Fuddel [Männerhemden sind natürlich gröber], hat Dir die Deine Frau gegeben? [nein, selbst gekauft]. Und gegen Ende des Besuchs fiel noch ein tadelnder Blick auf meine Füße in Strumpfhose und mit lackierten Fußnägeln: "Rote Fußnägel, und das als Mann!!!" Dazu gab es noch Ursachenforschung, wobei eine Heilerin, zu der ich zur Zeit meines Outings aus ganz anderen Gründen ging, als Schuldige ausgemacht wurde, sie sei eine Hexe, die hätte mich hypnotisiert, man müsse sie anzeigen, und ich müsse mich behandeln lassen von einem kompetenten Arzt, der etwas von Hypnose verstehe.
Fazit: Sie sind unbelehrbar und legen größten Wert auf ihre Scheuklappen und ihre Vorurteile, aber sie haben mich nichtsdestoweniger empfangen. Vielleicht hilft diese Erfahrung auch anderen hier im Forum, die auch Ablehnung erfahren, und zwar gerade im engsten Familienkreis. Ich bin froh, dass ich nicht nachgegeben habe. So war ich mit mir selbst in Harmonie und vielleicht ein angenehmerer Besuch, als wenn ich als unglücklicher, verkleideter Wurm dort gesessen hätte. Wir haben keinen Grund, uns dafür zu schämen, dass wir sind, wie wir sind, also warum sollten wir kuschen.
Liebe Grüße,
Nicoletta