Seite 1 von 2
Andrea macht Urlaub
Verfasst: Do 17. Mai 2012, 09:07
von Andrea aus Sachsen
Vorbereitungen
Meine Tochter unternimmt zur Zeit mit ihrer Klasse eine Englandreise. Darauf hatten wir beide uns schon lange sehr gefreut, meine Tochter auf die Reise und ich auf die einmalige Gelegenheit fürs Crossdressing. Ursprünglich hatte ich für diese Zeit mein erstes professionelles Schminken mit anschließendem Gang in die Öffentlichkeit geplant. Doch wer meine bisherigen Berichte gelesen hat, weiß, dass mich die Wirklichkeit längst überholt hat. Nach draußen gehe ich inzwischen ohne Probleme und die Frage, was ich unternehmen könnte, war schnell geklärt.
Wie ich an anderer Stelle schon schrieb, habe ich neben dem Crossdressing noch eine Leidenschaft für Opernmusik. Und das Beste daran ist, dass sich beides wunderbar miteinander verbinden lässt: Sich mal ein festliches Abendkleid anziehen, dazu die herrliche Musik und überhaupt die ganze Atmosphäre — allein der Gedanke daran lässt mich nicht mehr zur Ruhe kommen.
Weit wollte ich nicht reisen, also schaute ich mich in der näheren Umgebung um. Ich besorgte mir schließlich Karten für Aufführungen in drei verschiedenen Orten. Nachdem ich über 15 Jahre kein Opernhaus von innen gesehen hatte, da meine Exfrau dafür kein Interesse zeigte, nun also gleich drei Vorstellungen innerhalb von 5 Tagen. Wennschon, dennschon! In zwei Orten hatte ich noch eine Hotelübernachtung gebucht, damit am Folgetag noch Zeit bleibt, andere Sehenswürdigkeiten zu besichtigen.
Ein kleines Problem trat plötzlich auf, als sich kurzfristig Besuch (2 Bio-Frauen, Bekannte meiner Mutter) ankündigte, was sich mit meinem Vorhaben teilweise überschneiden sollte. Jetzt hatte ich folgende Wahl: Mein Vorhaben teilweise absagen oder mir eine Ausrede einfallen lassen, um mich zu "verstecken" oder mich outen.
Ich hatte mich für die letztgenannte Variante entschieden. Meine Offenbarung wurde im Großen und Ganzen positiv aufgenommen. Eine Begegnung mit Andrea wollten die Bekannten aber auf den nächsten Besuch verschieben. Na wenigstens wollen sie trotz des kleinen Schocks wiederkommen!
Zuletzt habe ich mir noch einen Einkaufstag als Andrea gegönnt. Vier Stunden lang in den Damenabteilungen mehrerer Chemnitzer Kaufhäuser stöbern, früher für mich eher eine Qual, heute eine meiner Lieblingsbeschäftigungen! Gekauft habe ich nicht viel, nur ein Bolerojäckchen, ein Paar Sandaletten und einen Armreifen, aber das wichtigste ist doch das Erlebnis.
Diesmal ist mir aufgefallen, dass doch hin und wieder mal eine(r) mir nachschaute. Sollte eventuell mein wadenlanger margentafarbener (wie Telecom-Logo) Stufenrock zu auffällig gewesen sein? Macht euch selbst ein Bild davon! Ich werde mal ein Foto dazu in meine Galerie stellen.
Zurzeit bin ich gerade beim Kofferpacken. Wegen zwei Tagen muss ich zwar nicht allzu viel mitnehmen, zumal es diesmal nur Damensachen sind, aber die Frage, ob ich auch nichts vergessen habe, schwirrt mir andauernd im Kopf herum.
Ich werde, wie es inzwischen hier üblich ist, ein Tagebuch über meinen Urlaub verfassen. Ich hoffe auf zahlreiche Rückmeldungen, wie euch meine Berichte gefallen.
Re: Andrea macht Urlaub
Verfasst: Do 17. Mai 2012, 09:44
von Chris
Hallo Andrea,
ich wünsche Dir ganz viel Spaß und Freude für Deinen en Femme Urlaub
Liebe Grüße
Christiane
Re: Andrea macht Urlaub
Verfasst: Fr 18. Mai 2012, 08:35
von exuser-23-11-2013
Hallo Andrea,
Ich wünsche Dir einen schönen Kurzurlaub in England. Ich hoffe natürlich das wir viele Bilder von Dir zu sehen bekommen. Also viel Spass mit deiner Tochter und Freundin.
LG
Anouk
Re: Andrea macht Urlaub
Verfasst: Fr 18. Mai 2012, 23:37
von Andrea aus Sachsen
17.5.2012
Nachdem der Koffer gepackt war, ging"™s ans Schminken. Im Vorfeld hatte ich mir dazu einen starken Hohlspiegel besorgt, und das war genau das, was ich brauchte. Jetzt konnte ich auch ohne Brille mir scharf in die Augen sehen, was beim Schminken derselben eine große Hilde darstellt. Ich glaube, das war mein bisher bester Versuch.
Als erstes Reiseziel hatte ich mir Freiberg, eine vor allem durch den historischen Bergbau bekannte Kleinstadt zwischen Chemnitz und Dresden ausgesucht. Auf der Hinfahrt trug ich meinen erst kürzlich gekauften kniefreien schwarz-weiß gepunkteten Rock, dazu meine weinrote Satinbluse, schwarze Strumpfhosen und Pumps.
Die Fahrt wurde unerwartet zu einem kleinen Abenteuer, da der Chemnitzer Hauptbahnhof wegen Bombenalarm für mehrere Stunden gesperrt werden musste. Allein darüber könnte ich einen Bericht schreiben, aber ich erspare mir Einzelheiten, die für einen Leser ohne Ortskenntnis schwer nachvollziehbar wären.
Früher hätte ich mich geärgert, wenn durch so eine Sache viel Zeit verloren ging, die ich gern sinnvoller genutzt hätte. Heute war es aber nur halb so schlimm, denn das Erlebnis, wieder als Andrea unterwegs zu sein, konnte mir niemand nehmen. Ein herrliches Gefühl war es immer dann, wenn der Wind mir unter den Rock blies, zum Glück ohne ihn ganz anzuheben. Ach und ehe ich es vergesse: Wenige Tage vorher hatte ich mir Silikonbrüste zugelegt. Das Tragegefühl war so noch ein ganzes Stück attraktiver.
Das Einchecken im Hotel verlief ohne Probleme. Ich hatte ja als Andrea gebucht und als die bin ich auch akzeptiert worden. Da ich mit etwa zwei Stunden Verspätung ankam, musste ich mein Programm etwas umstellen. Für das Stadt- und Bergbaumuseum reichte die Zeit nicht mehr, aber nur wenige Schritte vom Hotel entfernt steht das höchste Gebäude Freibergs, die Petrikirche. Die habe ich mir natürlich auch von innen angesehen, da mich die Architektur dieser alten Gebäude fasziniert.
Es wurden auch Führungen auf den Kirchturm angeboten, und ich war als einzige dabei. Ein älteres Ehepaar hatte zwar auch mit einem Aufstieg geliebäugelt, es aber dann doch gelassen. Die alten Stufen (230 sollen es sein) waren mit Absatzschuhen durchaus eine Herausforderung, zumal ich stellenweise gebückt gehen musste. Mit entsprechender Konzentration ging aber alles gut. Da ich mit dem Turmführer allein oben war, gab es genügend Gelegenheiten für Bemerkungen und Fragen zu meiner Person, aber nichts dergleichen kam. Das gleiche Bild beim anschließenden Besuch in einem kleinen Cafe, als wäre es das selbstverständlichste auf der Welt.
Für den kulturellen Höhepunkt des Tages, eine Aufführung des Zigeunerbarons von Johann Strauß im Mittelsächsischen Theater, hatte ich mich im Hotel noch einmal umgezogen und nachgeschminkt. Ich trug einen weinroten, matt glänzenden knöchellangen Rock, dazu eine dunkelblaue, an den Ärmeln transparente Bluse, hautfarbene Strumpfhosen und schwarze Sandaletten. Eigentlich wollte ich mir erstmalig die Fingernägel lackieren, aber ich hatte mich in der Zeit etwas verplant.
Zum Theater waren es etwa nur 5 Minuten zu Fuß. Wie ich es noch von früher kannte, war es auch diesmal wieder fast eine reine Seniorenveranstaltung. Nur ganz vereinzelt sah ich mittlere Jahrgänge. So sind wenigstens meine unlackierten Fingernägel nicht aufgefallen, denn die älteren Damen legten darauf offensichtlich keinen Wert. Im Rang entdeckte ich noch zwei junge Damen (etwa Mitte 20). In der Pause sah ich, dass sie Jeans und T-Shirts trugen. Bei 3 bis 4 Männern sagte ich mir auch: So wäre ich nie ins Theater gegangen. Aber das soll nur eine Feststellung sein und kein Aufruf zu einer Diskussion über Theatergarderobe.
Alle anderen Besucher trugen für meine Begriffe dem Anlass entsprechende Kleidung. Zwei Frauen sah ich mit ebenso langen Röcken wie ich. An meinem war besonders das Rascheln bei jedem Schritt faszinierend.
Die Musik von Johann Strauß, einem meiner Lieblingskomponisten, ist natürlich eine Klasse für sich. Auch die Inszenierung fand ich sehenswert. Meine Hochachtung vor den Machern dieses kleinen Theaters, was sie mit ihren beschränkten Mitteln zustande gebracht haben! Wer sich für das Stück näher interessiert, kann hier nachlesen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Zigeunerbaron
Das war also wieder ein erlebnisreicher Tag als Andrea. Auf eure Anmerkungen und Fragen werde ich in einem separaten Beitrag innerhalb dieses Treads eingehen.
Re: Andrea macht Urlaub
Verfasst: Sa 19. Mai 2012, 21:26
von Andrea aus Sachsen
18.5.2012
Um 7 Uhr bin ich im Hotel aufgestanden und habe mich geschminkt und angezogen. Das Ganze hat etwa zwei Stunden gedauert. Ich hatte noch einmal das gleiche Outfit wie am Vortag gewählt. Das Frühstück im Hotel war nicht anders als ich es aus der Vergangenheit als Mann kenne, nur mit dem Unterschied, dass ich als einzige einen Rock anhatte. Anschließend packe ich meine Sachen wieder in den Koffer, deponierte letzteren an der Rezeption und bezahlte meine Rechnung (natürlich steht für Frau Andrea ... drauf).
Eine Sehenswürdigkeit in der Freiberger Innenstadt ist das Glockenspiel aus Meißner Porzellan am Rathaus. Täglich um 11.15 und 16.15 Uhr erklingt dort das Steigerlied (altes Bergmannslied aus dem Erzgebirge). Das wollte ich gern mal hören, hatte aber noch etwas Zeit. So bin ich in den umliegenden Geschäften noch etwas stöbern gegangen. Ich hatte Ausschau nach einem schönen Sommerkleid gehalten, bin aber nicht fündig geworden. Dafür konnte ich bei einem schwarz-weiß gestreiften kniefreien Faltenrock nicht widerstehen. Das Glockenspiel schließlich war durchaus hörenswert, musikalisch allerdings absolut kein Vergleich zu der Aufführung am Vorabend.
In Gegensatz zu meinem letzten Einkaufstag in Chemnitz hat sich diesmal wieder kaum jemand nach mir umgedreht. Dabei hätte ich es mir hier eher erklären können, denn für meine Begriffe war ich viel zu schick angezogen. Gut, werktags in einer Kleinstadt erwarte ich nicht unbedingt etwas besonders elegantes, aber ein wenig mehr Modebewusstsein hätte ich den Freibergerinnen eigentlich zugetraut (Bitte nicht persönlich nehmen, falls eine davon das hier liest!). Ich glaube, ich hätte die Frauen, die außer mir Rock oder Kleid trugen, an einer Hand abzählen können.
Bei meinem Bummel durch die Geschäfte, entdeckte ich auf einer Postkarte ein kleines Haus, idyllisch an einem Teich gelegen. Es war eine Ausflugsgaststätte, nicht weit vom Stadtzentrum entfernt, und da fast Mittagszeit war, machte ich mich gleich auf den Weg. Das Haus machte nicht nur optische einen ausgezeichneten Eindruck, auch das Essen schmeckte, war auch noch preiswert und dass es wegen meiner Besonderheit dort keine Probleme gab, hatte ich auch nicht anders erwartet.
Nachmittags habe ich mir noch das Stadt- und Bergbaumuseum angeschaut, was ich eigentlich schon am Vortag machen wollte. Für heute hatte ich mir ursprünglich eins der Besucherbergwerke hier in der Gegend ausgesucht. Aber im Nachhinein betrachtet wäre das aus Crossdressersicht gar nicht so attraktiv gewesen, da man die schöne Kleidung dort in Schutzanzügen verstecken muss.
Wenn es an diesem Tag etwas weniger angenehmes gab, dann waren es meine Füße, die mir inzwischen wehtaten. So tat es mir nicht leid, dass es Zeit wurde, meinen Koffer im Hotel abzuholen und die Heimreise anzutreten. Diesmal ging alles planmäßig.
Vom Bahnhof meiner Heimatstadt habe ich normalerweise noch einmal einen 15-minütigen Fußweg bis nach Hause. Gelegentlich fahren aber auch Busse. Ich war froh, dass ich, als ich ankam, diese Gelegenheit hatte, eben wegen meiner Füße. Dadurch kam es noch zu einer Episode, die als versöhnlicher Abschuss vom Tage bestens passte. Außer mir warteten noch zwei (männliche) Jugendliche auf den Bus, und es kam zu folgendem Gespräch: "Junge Frau, wissen Sie, wann der Bus fährt?" — "In 5 Minuten." — "Danke!"
So waren die Jugendlichen zufrieden und ich hatte einmal mehr die Bestätigung, als Frau wahrgenommen worden zu sein.
Re: Andrea macht Urlaub
Verfasst: So 20. Mai 2012, 09:05
von Andrea aus Sachsen
19.5.2012
Der heutige Tag war gewissermaßen eine Pause vom Urlaub als Frau. Am Vormittag hatte ich einige Besorgungen als Mann getätigt. Das hat mich nicht sonderlich gestört. Es ist eben so, wenn man Urlaub zu Hause macht, kommt man von einigen Alltagsdingen einfach nicht los.
Am Nachmittag habe ich mich dann wieder in Andrea verwandelt und dabei gleich meinen am Vortag gekauften Faltenrock eingeweiht. Dazu trug ich meine blau-grün-weiß gemusterte Bluse, hautfarbene Strumpfhosen und die Sandaletten von meiner letzten Chemnitzer Einkaufstour. Ich blieb an diesem Tag zu Hause, habe mich aber trotzdem komplett geschminkt, denn, wie ich an anderer Stelle schon schrieb, mag ich keine "halben Sachen" mehr. Meine Lieblingsmusik habe ich dabei auch gehört (aber nur von der Doppel-CD), diesmal "I Lombardi" (Die Lombarden) von Guiseppe Verdi. Bei dieser Gelegenheit möchte ich gleich mal auf eure Anmerkungen und Fragen eingehen.
Chris hat geschrieben:ich wünsche Dir ganz viel Spaß und Freude für Deinen en Femme Urlaub
Denise-Patricia hat geschrieben:auch ich wünsche Dir viel Spaß ...
Danke, habe ich bisher schon reichlich gehabt.
Anja hat geschrieben:das klingt ja alles schon sehr routiniert bei dir, wenn du en femme unterwegs bist.
Die Planung und Vorbereitung meiner Aktivitäten ist alles andere als Routine. Da bin ich noch mächtig aufgeregt, besonders, wenn etwas für mich noch neu ist. Sobald ich aber draußen bin und das Gefühl habe, authentisch zu wirken, sind alle Ängste und Zweifel plötzlich verschwunden.
Anouk hat geschrieben:Ich wünsche Dir einen schönen Kurzurlaub in England. Ich hoffe natürlich das wir viele Bilder von Dir zu sehen bekommen.
Hier liegt wohl ein Missverständnis vor. In England ist nur meine Tochter mit ihrer Schulklasse. Ich selbst mache Urlaub als Frau allein in meiner näheren Umgebung.
Eben da ich allein bin, ist das mit Fotos ein kleines Problem. Für meinen Auftritt im Abendkleid habe ich diesbezüglich etwas organisiert. Die anderen Outfits, die ich getragen habe, werde ich nachträglich noch einmal fotografisch festhalten.
Re: Andrea macht Urlaub
Verfasst: So 20. Mai 2012, 20:41
von Kerstin
Mensch Andrea ...
ich wäre ja schon glücklich, wenn ich überhaupt einmal aus dem Haus trauen würde. Und du machst einfach so Urlaub.
Liebe Grüße
Kerstin
Re: Andrea macht Urlaub
Verfasst: So 20. Mai 2012, 21:26
von exuser-08-07-2013
liebe andrea,
ich lese deine berichte immer mit begeisterung und verfolge deinen weg mit zunehmendem interesse.
und in vielem erkenne ich mich und meine entwicklung wieder.
auch wenn wir - trotz etwa gleichem alters - doch sehr unterschiedliche interessen haben - was ich nicht als schlimm erachte.
wir sind halt beide spätberufene.
unsere ansätze sind aber doch die gleichen, wir wollen raus und draußen auch als frau wahrgenommen werden.
und dafür betreiben wir beide einen enormen aufwand und werden damit "belohnt" auch einigermaßen authentisch rüber zu kommen.
zumindest bei einem großteil der bevölkerung fallen wir nicht großartig auf.
und mit jedem ausflug werden wir beide mutiger, trauen uns mehr zu und denken weniger drüber nach was passieren könnte.
irgendwann ist es dann zur normalität und selbstverständlichkeit geworden.
andere personen werden dann zur nebensache und spielen gar keine rolle mehr.
und was mich bei dir - ebenso wie bei mir - doch überrascht, ist die geschwindigkeit, in der dies alles erfolgte.
ist es doch nicht mal ein halbes jahr her seit ich mich das erste mal richtig in der öffentlichkeit bewegt habe.
einen bemerkung von dir hat mir aber besonders gefallen, nämlich die von der verlorenen zeit und dass diese dich - anders als im männlichen leben - überhaupt nicht geärgert hat.
denn da muss ich dir auch beipflichten:
egal wie ich die zeit verbringe, hauptsache ich kann es als lucy tun.
und kleinigkeiten, die in meinem männlichen leben keine bedeutung hätten, spielen bei lucy eine große rolle.
ich wünsche dir für deine zukünftigen ausflüge viel spass und genieße weiterhin jede minute.
bitte schreib weiter deine berichte. vielen dank dafür.
ganz liebe grüße
lucy f
Re: Andrea macht Urlaub
Verfasst: Mo 21. Mai 2012, 08:36
von Andrea aus Sachsen
20.5.2012
Der heutige Tag sollte wieder kulturellen Hochgenuss bringen. Im Chemnitzer Opernhaus wurde L"™elisir d"™amore (Der Liebestrank) von Gaetano Donizetti aufgeführt. Dazu hatte ich mir im Vorfeld eine Karte besorgt. Da es eine Nachmittagsvorstellung war und ich ja aus der Umgebung von Chemnitz komme, brauchte ich diesmal keine Hotelübernachtung.
Ich wollte das gleiche wie in Freiberg anziehen, wäre damit aber in meiner Heimatstadt doch etwas aufgefallen. So habe ich zu Hause zunächst einen alltagstauglichen Rock und entsprechende Schuhe angezogen und die Theatersachen in einen Beutel gesteckt. Im Opernhaus habe ich dann auf der (Damen-) Toilette Rock und Schuhe gewechselt und den Beutel (jetzt mit Alltagssachen) an der Garderobe abgegeben. So hatten die Garderobenfrauen wenigstens etwas zu tun, denn bei 25-°C Außentemperatur hatte niemand eine Jacke abzugeben.
Die Vorstellung war etwa nur zur Hälfte ausgebucht, wahrscheinlich hatten viele am Sonntagnachmittag wichtigeres zu tun. Wie nicht anders zu erwarten, lag der Altersdurchschnitt der Besucher wieder jenseits der 60. Kleidungsmäßige Ausrutscher konnte ich diesmal keine finden, aber dafür viele weibliche Crossdresser. Einen so geringen Anteil (ca. 30%) der klassischen Damenbekleidung hätte ich nicht erwartet. Lange Röcke, wie ich sie trug, waren überhaupt keine zu sehen, naja, mit guten Willen vielleicht zwei. Aber bei einem fehlten einige Zentimeter und der andere sah für mich eher wie ein unförmiger Sack aus.
Ein ganz anderes Bild bot sich auf der Bühne. Das Stück spielte in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts, als die Damenmode noch ganz anders aussah. Ich glaube, daran hätten sich auch viele von euch erfreuen können, zumindest optisch. Dass die Musik auch Spitze ist, wusste ich ja schon von meiner CD-Sammlung. Für alle, die mehr über das Stück wissen wollen, hier der Link:
http://de.wikipedia.org/wiki/L%E2%80%99 ... 80%99amore
Ein Glück, dass die Vorstellung schon nachmittags stattfand. So konnte ich noch in Ruhe meinen Koffer packen, denn morgen geht es wieder weiter weg.
Re: Andrea macht Urlaub
Verfasst: Di 22. Mai 2012, 04:48
von Chris
Hallo Andrea,
bei Deinen Berichten merkt man Dir die Freude an, die Du dabei empfindest.
Viel Spaß weiterhin
Liebe Grüße
Christiane
Re: Andrea macht Urlaub
Verfasst: Mi 23. Mai 2012, 07:09
von Andrea aus Sachsen
21.5.2012
Für meine letzten beiden Urlaubstage hatte ich, wie schon im Februar dieses Jahres, den Begleitservice des Atelier Changeable in Dresden gebucht. Eigentlich wäre das gar nicht nötig gewesen, denn wie gerade die letzten Tage zeigten, konnte ich mich als Andrea schon so sicher in der Öffentlichkeit bewegen, dass ich auch allein klarkäme. Ich hatte dieses Angebot aber als erstes gebucht und dann so weit reduziert, wie es möglich oder sinnvoll war.
Etwas Sorge bereitete mir mein rechter Fuß, dessen große Zehe mir seit dem Freiberger Ausflug immer noch wehtat. Zum Glück bemerkte ich noch vor dem Anziehen den Grund. Unter dem Zehennagel hatte sich eine Blase gebildet. Nachdem diese geplatzt war, ließ der Schmerz langsam nach. Unabhängig davon werde ich mich demnächst mal einer Operation wegen Schiefstellung der Zehe unterziehen müssen, denn so würde ich in fast allen Schuhen (z.Z. am meisten mit Pumps) Probleme bekommen.
Zum Glück ist heute das Wetter so, dass ich Sandaletten anziehen kann. Ansonsten habe ich mich heute für meinen roséfarbenen engen Rock mit Lochstickerei und die blau-grün-weiß gemusterte Bluse entschieden. Beim Schminken und Einpacken der letzten Kleinigkeiten zeigte sich, dass ich mich zeitlich wieder einmal verplant hatte. Nachdem ich meine Abreise so um eine Stunde verschieben musste, wurden auch gleich zwei daraus, weil der Bus, mit dem ich zum Bahnhof fahren wollte, an einer Baustelle "steckenblieb". Ärgern brauchte ich mich deswegen nicht (siehe gleiches Problem am 17.5.2012).
Die Fahrt nach Dresden in nur mäßig besetzten Zügen war angenehm. Der kürzeste Weg zum Hotel führte mich durch die Prager Straße, Dresdens größter Fußgängerzone. Beim Blick in die Schaufenster der zahlreichen Damenmodegeschäfte wäre ich am liebsten gleich mal abgebogen. Aber leider fehlte es sowohl an Zeit, als auch am Budget.
Das Einchecken im Hotel verlief, wie nicht anders zu erwarten, ohne Probleme. Vor dem Treffen mit meiner Betreuerin vom Atelier Changeable ging ich noch schnell in ein benachbartes Cafe. Dort wurde mir meine Bestellung mit den Worten "Für die Dame einen Kaffee" gebracht. Ich habe noch Mohntorte dazu gegessen, hat vorzüglich geschmeckt.
Ich traf mich mit meiner Betreuerin im Hotel. Dort wurde ich für den Höhepunkt des Tages, nein des Urlaubs, noch einmal professionell geschminkt. Doch was sollte das bisher erlebte noch übertreffen? Genau, ein Besuch in der Semperoper! Hier konnte ich endlich mein rotes Abendkleid einweihen.
Das Erlebnis begann schon auf dem Weg vom Hotel zur Oper (ca. 10 Minuten zu Fuß), wo es schon den einen oder anderen bewundernden Blick gab. Neben der Aufführung hatte ich eine Führung durch das Opernhaus gebucht, was eine hervorragende Einstimmung auf das Kommende war.
Rein musikalisch unterscheiden sich Aufführungen hier von denen kleinerer Häuser kaum. Zumindest habe ich keine so guten Ohren, um da Qualitätsunterschiede herauszuhören. Was den Reiz dieses berühmten Opernhauses ausmacht, ist die besondere, durch das historische Ambiente geprägte Atmosphäre und die damit verbundene Exklusivität. Im Vergleich zu den von mir besuchten kleineren Häusern war hier ein sehr gemischtes Publikum anzutreffen, sowohl von der Altersstruktur, als auch bezüglich der Bekleidung. Ein langes Abendkleid, wie ich es trug, habe ich in einer vergleichbaren Form nur noch ein zweites Mal gesehen. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, damit zwischen den anderen Besuchern durch das Haus zu schlendern.
Das Stück spielte, wie in der Chemnitzer Inszenierung, auch in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts, sodass alle Liebhaber der damaligen Damenmode voll auf ihre Kosten gekommen sind. Kurioserweise gab es sogar einen Beitrag zum Crossdressing. Der männliche Hauptdarsteller stand in einer Szene plötzlich im Kleid auf der Bühne, legte es aber kurz danach wieder ab. Mir blieb es allerdings ein Rätsel, was der Regisseur damit bezwecken wollte.
Gespielt wurde übrigens L"™elisir d"™amore, genau wie am Vortag in Chemnitz. Langweilig war diese Wiederholung keinesfalls, denn diese herrliche Musik könnte ich immer wieder hören und interessant war der unmittelbare Vergleich verschiedener Inszenierungen allemal. Das Gesamterlebnis dieses Abends war für mich derart überwältigend, dass ich es gar nicht in Worte zu fassen vermag.
Es war eine angenehm warme (Früh-)Sommernacht, als mich meine Betreuerin noch bis zum Hotel zurück brachte. Wieder allein, überkam mich die Lust, noch einmal nach draußen zu gehen. In dem Abendkleid wäre es mir aber zu auffällig gewesen. Also zog ich meinen kniefreien Faltenrock zur weinroten Bluse an und drehte noch eine Runde durch das nächtliche Dresden. Es wehte ein leichter warmer Wind, der meinen Rock hin und wieder dezent anhob. Ich kam an einer Eisdiele vorbei, die noch offen hatte und ließ mit eine Kugel Vanilleeis schmecken. Es war der Abschluss meines bisher schönsten Tages als Andrea.
Re: Andrea macht Urlaub
Verfasst: Mi 23. Mai 2012, 07:49
von Bianca D.
Moin Andrea,
Mit Interesse habe ich deine Urlaubsberichte verfolgt.Freut mich für Dich,daß du Spaß und Freude bei deinen Konzertbesuchen hattest.Was mir allerdings auffiel,du schriebst in mehreren deiner
Berichte,daß du häufig eine der Wenigen warst,die in schicken Kleidern oder Röcken unterwegs war.Gibt dir das nicht zu denken?Hast du mal daran gedacht,daß die "freundlichen Blicke" evtl.
auch einen weniger schönen Hintergedanken haben können?Klar,für die Masse der Crossdresser ist Rock und/oder Kleid das Aushängeschild um die Weiblichkeit zu betonen,aber häufig ist es so,
daß du als Frau schon overdressed bist,wenn du mit Rock und Kleid auftauchst.Wenn du versuchst,mit deinem Kleidungsstil mehr in der Masse unterzugehen,wird es auch noch einfacher für dich,
in deinem direkten Umfeld als Andrea loszuziehen.Wünsch dir auf jeden Fall weiterhin viel Spaß auf deinen Touren.
Gruß Bianca
Re: Andrea macht Urlaub
Verfasst: Mi 23. Mai 2012, 10:12
von Anni
Hallo Bianca
auch wenn wir in vielen Dingen gleicher Meinung sind - hier muß ich Dir mal widersprechen
Ich denke , Du hast Andrea mißverstanden .
Ich registriere auch mit Bedauern den " Sittenverfall " und den Verfall der " Etikette " bei der letzten " Hochburg " des edlen Tuches .
Als meine Frau und ich vor 2 Jahren in Hamburg das Musical " König der Löwen " besucht haben , waren wir auch entsetzt , welcher
" Dress-Code " da herrschte
Kulturelle Ereignisse , wie Oper , Operette , Musical, etc. sind ( außer Taufen , Jugendweihen , Konfirmation , Hochzeit .... ) leider die restlich - verbliebenen Anlässe , sich mal richtig chic an zu ziehen , ohne gleich als Overdressed zu gelten .
Wenn ich die ganze Woche über arbeits-technisch im Schlabberlook verbringen muß , hab ich zumindest in meiner Freizeit das Bedürfnis , mich ein bischen
heraus zu putzen
LG Anni ( zu selten in GALA

)
Re: Andrea macht Urlaub
Verfasst: Mi 23. Mai 2012, 14:01
von Chris
Hallo Andrea,
sehr schön, Deine Urlaubsberichte.
Insbesondere da ich gerade in Freiberg meine ersten öffentlichen Crossdresser — Erfahrungen gesammelt habe.
Wie meistens, nach irgendwelchen dienstlichen Obliegenheiten, hier in der Bergakademie bin ich anschließend das erste Mal ganz en Femme vom Untermarkt zum Obermarkt gegangen.
Es war für mich ein ganz besonderes Erlebnis, halt das erste Mal.
Ähnliche Erinnerungen wurden geweckt durch die Beschreibung von Dresden, Prager Straße
Also vielen Dank für die ausführlichen Berichte.
Liebe Grüße
Christiane
Re: Andrea macht Urlaub
Verfasst: Mi 23. Mai 2012, 19:15
von Bianca D.
Anni hat geschrieben: ..auch wenn wir in vielen Dingen gleicher Meinung sind - hier muß ich Dir mal widersprechen
Moin Anni,
Kein Problem,ich denke eher,daß ich nicht ganz richtig rüber gekommen bin.Das man sich für Theater und Oper etwas schicker kleidet,als im Alltag ist schon klar,nur habe ich so den Eindruck
gehabt,daß die Garderobe für diesen Anlaß in abgeschwächter Form auch auf der Straße beim Bummeln getragen wurde.Mein Fehler liegt aber wohl da,daß ich die unterschiedlichen Beweggründe
sich zu kleiden nicht berücksichtigt habe.Aber lassen wir das hier,möchte hier keine Diskussion in Andrea's Urlaubsthread lostreten.
LG Bianca