Das hat alles schon ein G'schmäckle. Aus irgendeinem Grund nennen nur die rechts-aussen Kanäle den Namen: Ute Johanna Bayen. Ein Blick in ihre Veröffentlichungen zeigt, dass sie mit Entwicklungspsychologie bisher offenbar nichts zu tun hatte. Ihr Gebiet sind mathematische und kognitive Psychologie, insbesondere Gedächtnis und/im Alter. Keinerlei Hinweis, dass sie sich jemals mit Geschlechtsidentität, Entwicklung derselben, Psychologie bei Kindern oder irgendeinem verwandten Gebiet beschäftigt hätte.
Ihre ca 70 Veröffentlichungen über 35 akademische Jahre (von ihr auf ihrer Uni-Seite gepflegt) drehen sich um: Quellengedächtnis und multinomiale Modellierung, Prospektives Gedächtnis, Rückschaufehler, Kognitives Altern, Altersstereotype, Gerontopsychologie, Metagedächtnis und Continued Influence Effect.
Einzige Verbindung: Ihre Arbeitsgruppe hieß ursprünglich "Mathematische und Kognitive Psychologie" (so lautet auch die Denomination ihrer W3-Professur von 2007). Inzwischen firmiert sie als "Mathematische, Kognitive und Entwicklungspsychologie", und die Lehrorganisationsseite der AG weist aus, dass BSc-Modul J (Entwicklungspsychologie) bei ihr angesiedelt ist. Beides ist über die HHU-Seiten belegt, wobei ich den genauen Zeitpunkt der Umbenennung nicht ermitteln konnte. Damit ist erklärbar, wie eine Gedächtnisforscherin dazu kommt, eine Entwicklungspsychologie-Vorlesung zu halten, in der Geschlechtsidentitätsentwicklung vorkommt: Das ist Standardstoff jedes entwicklungspsychologischen Lehrbuchs und gehört zum Curriculum, unabhängig davon, woran die lehrende Person selbst forscht.
Aber: Ihre Ankündigung, sie werde erklären, warum "Trans-Ideologie wissenschaftlich nicht haltbar" sei, ist keine Wiedergabe von Lehrbuchstoff, sondern eine starke inhaltliche These über den Forschungsstand eines Feldes. Solche Thesen tragen in der Lehre eine besondere Begründungslast, und die eigene Forschungsleistung, die sonst als Autorität einsteht, steht hier nicht dahinter. Ihre Formulierung gegenüber der Rheinischen Post, sie wolle den Forschungsstand samt Forschungslücken und Kontroversen darstellen, ist der wissenschaftlich saubere Anspruch. Er passt allerdings nicht besonders gut zu der apodiktischen Ankündigungsmail. Für die betroffenen Studierenden macht das einen konkreten Unterschied: Sie sitzen in einer Pflichtveranstaltung, aus der man sich schlecht heraushalten kann, und hören dort eine Aussage über die eigene Existenz, die nicht aus der Forschungsbiografie der Vortragenden erwächst. Dass das anders trifft als ein Streit unter Fachleuten auf einer Tagung, liegt auf der Hand.
Ich habe extra nach Verbindungen von Bayen zu irgendwelchen transfeindlichen Ecken gesucht, aber keine gefunden. Keine Assoziationen, keine Posts. Offenbar nicht mal räumliche Nähe in ihrer Uni-Laufbahn. Die rechte Publicity scheint also erstmal instrumentailierend statt orchestriert: Innerhalb von 24 bis 48 Stunden lief der Fall durch ein erkennbar zusammenhängendes Publikationsfeld: Apollo News, Junge Freiheit, Tichys Einblick, Weltwoche, exxpress, Epoch Times, Die Tagespost, EMMA, mit Welt als reichweitenstarker Brücke in den Mainstream. Das alles geschah vor der Vorlesung. Kein einziger dieser Texte konnte wissen, was sie tatsächlich sagen würde.
Von daher ist es wirklich rätselhaft wie sie plötzlich auf das Thema in dieser Zuspitzung (in ihrer Ankündigungsmail) kommt: Die Formulierung, Trans-Ideologie sei wissenschaftlich nicht haltbar und gefährde die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen, ist keine neutrale Themenankündigung, sondern eine These mit politischer Signalwirkung. Ausserdem ist sie ziemlich schnell als wissenschafltich falsch zu entlarven. Laut EMMA hat Bayen zusätzlich alle Interessierten zum Austausch eingeladen, womit aus einer Modulveranstaltung eine öffentliche wurde. Ob das als Offenheit oder als Suche nach Konfrontation zu lesen ist, lässt sich mit den vorliegenden Quellen nicht entscheiden. Beides ist plausibel.
Disclaimer: Teile wurden mit Claude Opus recherchiert und formuliert, und ich füge mal an, was Claude bezüglich der Suche nach Zusammenhängen erzeugt hat:
Ich finde von ihr keine Social-Media-Präsenz, keinen Blog, keine Interviews, keine Parteizugehörigkeit, keine Vereinsmitgliedschaft, keine öffentliche Äußerung zu irgendeinem politischen Thema vor Juli 2026. Sie hat, soweit erkennbar, nie öffentlich politisch gesprochen und lehnt auch jetzt Presseanfragen ab. Es gibt schlicht nichts Öffentliches, was man auswerten könnte.
Was es gibt, sind Details über ihre Familiensituation, die derzeit auf X von Dritten verbreitet werden, um eine sympathisierende Erzählung zu bauen. Die Quelle dafür ist schwach, die Angaben sind unbestätigt, und ich baue darauf nichts auf. Aus privaten Lebensumständen auf politische Motive zu schließen, ist methodisch wertlos und praktisch genau der Mechanismus, der in solchen Konflikten Menschen beschädigt, egal in welche Richtung er angewendet wird. Bei den protestierenden Studierenden wäre es genauso falsch.
Sie ist öffentliche Person geworden im Hinblick auf das, was sie geschrieben, gesagt und in ihrer Funktion getan hat. Dafür muss sie sich prüfen und kritisieren lassen, und das haben wir in den letzten Antworten ja auch ausführlich getan. Ihr Privatleben gehört nicht dazu.
Was das Negativergebnis bedeutet
Das ist der eigentlich interessante Punkt. Wäre sie in ein organisiertes Netzwerk eingebunden, würde man normalerweise Spuren sehen: Unterschriften, Podiumsauftritte, Verlinkungen, Gastbeiträge, gegenseitige Zitationen, Mitgliederlisten. Solche Netzwerke sind nicht diskret, sie leben von Sichtbarkeit. Bei ihr ist die Spur vollständig leer.
Die sparsamste Erklärung ist deshalb: eine Wissenschaftlerin mit einer individuellen, vermutlich über Jahre privat gewachsenen Überzeugung, die sie zum ersten Mal in einer Lehrveranstaltung vorgetragen hat, ohne organisatorische Anbindung. Das passt zu ihrer Weigerung, mit Medien zu sprechen, und es passt dazu, dass die Verstärkung von außen kam und nicht von ihr.
Das entlastet sie inhaltlich nicht. Eine ohne Netzwerk vertretene These ist nicht deshalb richtig, und die Wirkung auf die betroffenen Studierenden ist dieselbe. Aber es widerlegt die naheliegende Vermutung, sie sei Teil oder Werkzeug einer Kampagne. Nach allem, was öffentlich zugänglich ist, war sie das nicht, sondern ist ziemlich unvermittelt in eine Maschinerie geraten, die auf solche Fälle wartet.