Susi T hat geschrieben: Mi 22. Jul 2026, 10:09
"
zugunsten fadenscheiniger Identitätskonzepte, etwa Inter,"
Inter hat NullKommaNull mit Identität zu tun, sondern bezeichnet körperlich/geschlechtliche Abweichungen von der Norm.
Daran sieht man wie gebildet der Mensch ist.
Wer einen Artikel schreibt und noch nicht mal die grundlegenden Dinge auf die Reihe bekommt, sollte sowas gar nicht erst probieren.
Es könnte auch sein, dass die Dimension seiner Ablehnung sehr viel größer ist; er also durchaus die Hintergründe kennt. Ich verstehe den Artikel so, dass er vor allem die Selbsteinordnung in - aus seiner Sicht - immer feinere Verästelungen von Labels nicht will. Er geht auf die Identität los, nicht auf die Tatsachen. Sprich: Ja, du bist schwul, lesbisch, trans (wenn's denn unbedingt sein muss und durch peinliche Gutachten bestätigt wird) oder auch körperlich anormal (also inter; ich nehme hier seine Perspektive ein), aber das ist kein Grund, deshalb einen eigenen Verein aufzumachen, eine Subkultur zu bilden, safer spaces, eigene Feste und spezielle "for <insert Gruppe>" Dinge zu veranstalten - oder sich mit ihren Spezialbedürfnissen überall einzumischen.
Er möchte - meine Lesart -, dass Menschen ausserhalb von cis-binär-hetero sich möglichst unauffällig in genau jene Norm einfügen und ihre "Abweichungen" nicht dauernd thematisieren. Ganz speziell sollen die trans Leute nicht immer so viel Unordnung in die Sprache, die Bezeichnungen und die Systeme bringen. "Queer" ist für ihn die politisierte, selbst-überhöhende, störende Heraushebung udn andauernde Thematisierung des Andersseins. Verkürzt: Seid nicht so laut und stört nicht so, dann ist alles gut.
Der Zaunfink hat bereits 2017 einen sehr ausfürhlichen Artikel dazu geschrieben, der mMn Feddersens perfekt beschreibt und auch warum das einerseits nützlich war, aber inzwischen ins Gegenteil umschlägt:
„Es gibt keine Emanzipation in Schlumpfhausen" beschreibt, was heute wieder Konjunktur hat: den Drang, alles Andersartige kleinzureden. In Schlumpfhausen sehen alle gleich aus, denken alle gleich, tanzt niemand aus der Reihe (obwohl alle irgendeine Besonderheit haben).
Zaunfink bestreitet ausdrücklich nicht die Erfolge dieser Strategie. Die "Wir sind doch auch Menschen wie ihr" zielte auf die rechtliche Gleichstellung, also das Mitmachen- und Dabeisein-Dürfen. Und das hat geliefert: hunderte angeglichene Gesetze, messbar weniger offene Ablehnung, mehr Sicherheit im Alltag. Ohne die beruhigenden Bilder unaufgeregter, ganz normal wirkender Paare hätte das kaum funktioniert.
Der Preis: Wer Akzeptanz damit erkauft, gar nicht anders zu sein (bzw das zu beteuern), muss ständig beweisen, dass er dazugehört. Nach dem Anschlag auf einen queeren Club in Orlando hieß es vielerorts, es seien „einfach Menschen" angegriffen worden, das Motiv also bitte nicht erwähnen. In der Debatte ums Blutspendeverbot betonten Schwule ihre Monogamie und werteten damit alle ab, die anders leben. Auf jedem CSD dieselbe Forderung, die zu Schrillen mögen sich zurückhalten. Nicht zu viel trans, nicht zu viel nichtbinär, keinen Kink, usw. Wir hatten das Thema hier ja auch schon.
Sprich: Die Apologet*innen und Selbstgleichmacher*innen sehen eigene Bars, Gruppen oder Sportveranstaltungen als „Selbstghettoisierung", während bei anderen Identitäten völlig selbstverständlich von stolzer Selbstbehauptung die Rede ist. Ich möchte mal die Reaktion von feministischer Seite sehen, wenn man ihnen nahelegte, nicht dauernd ihr Frausein zu thematisieren. Zaunfink bringt das Beispiel auch.
Dabei verlangt das Grundgesetz gar keinen Normalitätsbeweis. Artikel 3 sagt schlicht, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind. Gleiche Rechte stehen Menschen also gerade als Verschiedenen zu.
Das Verschweigen und Selbst-Verzwergen bzw -Verschlumpfen löst kein einziges Problem. Wer die tatsächlich erhöhten Raten an Depressionen, Angststörungen und Suizidalität ignoriert, die durch dauerhafte Diskriminierung entstehen, verhindert, dass daran gearbeitet wird. Und das Angebot, über Unterschiede nicht mehr zu reden, nehmen andere gern an: „Für mich ist das kein Thema" heißt oft genug, lass mich damit in Ruhe.
Genau hier liegt das Problem an Texten, die „schwul" gegen „queer" ausspielen und die Identitäten von trans, inter und nichtbinären Menschen als modische Behauptung abtun. Sie berufen sich auf die Emanzipationsgeschichte und wiederholen dabei deren älteste Fehlerquelle: Sie ziehen die Grenze der Anerkennung neu, nur diesmal etwas weiter innen. Sprich: Diejenigen, die sich an die Mehrheitsgesellschaft recht bequem anpassen können, fühlen sich gestört von jenen, die das nicht können - und werfen sie lieber unter den Bus, als sich zu solidarisieren. Spahn ist da auch so ein Beispiel.
Echte Akzeptanz entsteht nicht dort, wo Vielfalt geleugnet wird, sondern dort, wo sie gefeiert wird und selbstverständlich in ihrer Art existieren kann.