Jaddy hat geschrieben: So 28. Dez 2025, 22:34
Ich finde diesen Dualismus etwas irritierend. Es geht doch nicht darum, entweder für oder gegen irgendwen zu sein, sondern den Menschen vollständig zu betrachten. Auch seine problematischen Seiten. Das schmälert doch die anderen Verdienste nicht. Dieser Impuls, Menschen entweder in den Himmel zu loben oder komplett zu verdammen, ist doch völlig unterkomplex und überhaupt nicht hilfreich. Im Gegenteil macht doch gerade die vollständige Betrachtung einen Menschen viel verständlicher. Und die Welt ist voll von Leuten, die tolle Sachen gemacht haben und auf der anderen Seite äusserst problematisch waren.
Du magst es als Dualismus empfinden, für mich ist es Pragmatismus. Eine ganzheitliche Betrachtung von Gegebenheiten, die mein Leben aktuell betreffen, entspricht auch mir - da sind wir uns auf alle Fälle einig. Einen Impuls, nur in den Himmel zu loben oder komplett zu verdammen, kann ich gerade nirgends vernehmen, denn der alte Grundsatz lautet primär „de mortuis nil“ - also gar nichts, Klappe halten und in Ruhe lassen; erst sekundär tritt „nisi bene“ hinzu, was nach meinem Verständnis ausdrückt: Wenn du dich schon nicht zurückhalten kannst, dann beschränke dich auf die positiven Seiten. Keine Rede von himmelhoch lobend.
Unterkomplex und nicht hilfreich? Unterkomplex sicher ja, denn es ist einfach (geworden). Manche Dinge brauchen lange Wege, um endlich einfach zu sein. Nicht hilfreich? Ich frage mich, wozu denn hilfreich. Beim Nachtreten? Wenn ich den Impetus habe, in meinem Leben Impulse zu setzen, dann tue ich das doch am besten im Dialog mit Lebenden (wie wir‘s hier tun) und schweige über Verstorbene - es ist allemal sinnvoller, miteinander zu sprechen als übereinander, so meine Erfahrung, und mit Verstorbenen kann man im Allgemeinen nicht sprechen - sie können auch nicht widersprechen.
Wie a.a.O. richtig festgestellt, hat mich BB nicht tangiert. Manch Schlagzeile hier oder dort gesehen und als nicht einschlägig für mich abgehakt. Ich habe kein Bedürfnis, mich intensiver mit BB auseinanderzusetzen; ihr Leben hat sie offenbar zu Überzeugungen gelangen lassen, die vermutlich auf vielen schlechten Erfahrungen mit der Menschheit fußen. Da ist sie gewiss kein Einzelfall, sondern einfach nur ein Promi-Fall unter vielen ähnlich gelagerten. Das ist Realität, obgleich sie nicht erstrebenswert ist. Mag also schon sein, dass sie nationalsozialistischem Gedankengut verfallen war und der Menschheit nicht freundlich gesinnt war. Es gab zu Lebzeiten ausreichend Raum, sich damit auseinanderzusetzen - und das ist wohl auch geschehen. Wann soll‘s denn gut sein mit der Auseinandersetzung, wenn nicht mit dem Tod?! Und was soll eine weitere Auseinandersetzung denn bewirken, zumal sie bei der Ursachenforschung wohl immer an Faktenmangel scheitern wird? Ich würde jedenfalls schwer bezweifeln, dass das tradierte Material geeignet ist, posthum eine vollständige Lebensanalyse mit abschließend konsensfähiger Bewertung herbeizuführen. Cui bono also?
Letztlich ist es aber immer eine persönliche Entscheidung, wie man mit welcher Situation umgehen möchte. Jede*r trifft diese Entscheidung nach eigenen Maßstäben, und wer sich persönlich so betroffen fühlt, dass nach einem Ableben nochmal dies und jenes rausgekramt und gewälzt werden muss, der muss das wohl tun und muss zwangsläufig damit rechnen, dass seinem Beispiel nach seinem eigenen Ableben gefolgt wird - er ist dann nicht mehr in der Lage, auf den Gang der Dinge einzuwirken.
Aber zurück zum Eigentlichen: Eine vollständige Darstellung und Aufarbeitung ist doch nur relevant, wenn daraus wirklicher Nutzen für die Menschen entstünde. Ist es das? Oder wird hier die individuelle intellektuelle Eitelkeit bedient? Gibt es nicht Persönlichkeiten mit erheblich größerem Impact auf die Menschheit, die hier ergiebiger wären als BB und bei denen schon zu Lebzeiten Maximalkontroversen ohne Ergebnis ausgefochten werden?
A.a.O. wird die Reichweite von Promis als Legitimation empfunden, post mortem nachzulegen. Beispiele für Promis mit Pech beim Denken gibt es genügend, und genauso wird es immer unreflektierte Zuhörer geben, die jeglichen Mist nachplappern und damit ihrem eigenen Pech beim Denken zum Opfer fallen. Kann ich denen wirklich Post mortem ihres Idols beim Denken helfen, wenn‘s schon zu Lebzeiten nicht geklappt hat? Am meisten dürfte doch mit Hilfe zur Selbsthilfe gedient sein, aber solange wir den nachkommenden Generationen so wenig Aufmerksamkeit in Erziehung und Bildung zukommen lassen, wird das Pech beim Denken nicht weniger werden. Dass den Promis daraus ein größerer Aufklärungsauftrag erwächst, ist vom falschen Ende gedacht.
@Jaddy: Ich glaube, Deine sehr neutrale und nicht wertende und nicht verurteilende Herangehensweise gut zu verstehen und zu schätzen. Mein persönlicher Umgang mit solchem Thema ist nur anders. Das obige bezieht sich nicht nur auf Deinen Kommentar, sondern der Einfachheit halber auch auf andere Kommentare. Ich muss zugeben, dass ich mit dem multiplen Zitieren unterschiedlicher Quellen rein technisch überfordert bin - es stört aber auch öfters den Gedankenfluss.
Viele Grüße!
Martina